Goldrausch im Himalaya

Der Ort

Auf dieser wunderbaren Wanderung in Osttibet hatte jeder Tag seine eigenen Herausforderungen. An einem Tag hatte sich der Nebel auf knapp 4000 Metern zu Niederschlag verdichtet. Die Umgebung war schroff, felsig, ohne erkennbare Gemütlichkeit und wunderschön. Der Wind biss einem die Graupel direkt ins Gesicht. Die bunten Flechten wurden allmählich weiß. Aus unbekannten Gründen kriege ich in solchen Situation häufig extrem gute Laune, lache dem Graupel ins von vornherein formlose Gesicht und finde alles großartig. Als wäre mir die Natur umso freundlicher gesonnen, je feindseliger sie sich aufführt.

Es war gewissermaßen ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagt. Und Hunde begegneten uns auch tatsächlich nicht. Aber schräg unter uns, wo noch ein paar Büsche am Hang wuchsen, wuselte es von Menschen. In einer nahezu unbewohnten Gegend bei zwiderwurzigem Wetter. Alle gebückt, augenscheinlich am Suchen. Es musste sich also lohnen. Während der nächsten Rast bei einer tibetischen Familie wurden wir aufgeklärt.

Das Wesen

Sie suchen Yartsa Gunbu, das Wunderwesen Sommergras-Winterwurm. Bei den Chinesen heißt es andersrum, aber genauso rätselhaft Dongchong Xiacao, also  Winterwurm-Sommergras. Die Bezeichnung ist allerdings inhaltlich so oder so falsch, auch wenn man beachtet, dass Gras in diesem Zusammenhang ein sehr weitgefasster Begriff ist. Denn es handelt sich um keine Pflanze, sondern einen Pilz. Auf Deutsch heißt das Wesen dann auch ganz korrekt Raupenpilz. Mittlerweile hat man sich nämlich darauf geeinigt, dass Pilze keine Pflanzen sind. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass Pilze keine Photosynthese betreiben, sondern zwecks Energiegewinn organisches Material verstoffwechseln. Wie wir. Wie die Schnecke im Garten und der Panda im Zoo.

(Ganz nebenbei frage ich mich nun, ob manche Vegetarier aus Überzeugung keine Pilze essen.) (Und wo ich nun schon bei den Einschüben bin: Es gibt eine Schnecke -Elysia chlorotica- die kann auch Photosynthese, ist aber trotzdem ein Tier.  Eine Grenze ist eben doch weniger präzise als angenommen. Weil es so schön ist, möchte ich noch hinzufügen, dass dieses hermaphroditische Pflanzentier zu den Schlundsackschnecken gehört.)

Der Preis

Die tibetische Familie zeigte uns also eine kürzlich gesammelte Tier-Pilz-Hybride und wir erfuhren, dass sie dafür die stolze Somme von 80 Yuan (knapp 10 €) erwarten. Und dass sie in der Stadt dann vielleicht für 800 Yuan in einer hübschen Geschenkverpackung an den Endverbraucher geht.

Der Raupenpilz ist schon sehr lange ein wichtiger und nicht ganz billiger Bestandteil der traditionellen tibetischen und chinesischen Medizin, der nur im Himalaya auf Höhen zwischen 3000-5000 Metern vorkommt. Dort wird er aber mittlerweile in rauhen Mengen gesammelt. Es kursieren Zahlen wie 200 Tonnen (grob geschätzt 600 Mio Pilze) im Jahr, was 2007 bereits einem Wert von etwa 700 Mio € entsprochen haben soll. Es heißt, der Preis steigt pro Jahr um etwa 20%. Dann hätte sich der Umsatz bis heute mehr als verdoppelt. Da lohnt es sich kaum noch, ein Vieh auf die Weide zu stellen und das ist auch ganz gut, denn die Berge sind hoffnungslos überweidet. Für die Bergbewohner stellt der Raupenpilz mittlerweile die mit Abstand größte Quelle für Bargeld dar. Und davon können sie sich dann Fernseher, Motorrad, Schule und Krankenhausaufenthalt leisten. Abgesehen von teilweise blutigen Revierkämpfen um die Sammelgebiete, hat das Sammeln also einen Haufen Vorteile.

Der Nutzen

Die Vorteilen des Sammelns resultieren aus den Vorteilen des Raupenpilzes. Denn der ist ganz allgemein ein Tonikum, spendet Lebenskraft und wirkt dem Alterungsprozess entgegen. Natürlich und insbesondere soll er auch die Potenz stärken. Chinesische Sportler rühmen ihn außerdem schon seit den Neunzigern als erlaubtes Doping. Darüberhinaus soll er einen gewissen Nutzen in Aids- und Krebs-Therapie entfalten. Es gibt also viele Gründe, ihn als Arzneimittel zu schätzen. Sehr chinesisch ist die Sitte, so etwas nobel verpackt als Prestiggeschenk zu verwenden. Ich stelle mir gerade vor, wie hierzulande einem Geschäftsfreund bei einem Empfang ein extrem teures Aids-Medikament in Schmuckbox überreicht wird. Oder wie ich jemandem das segensreiche Pilzprodukt Penicillin oder das Allheilmittel Knoblauch in einer gülden ausgeschlagenen Schachtel zum Geburtstag schenke. Gesundheit ist schließlich ein hohes Gut.

Die Raupe

Wer ist aber dieser geheimnisvolle und prestigeträchtige Raupenpilz? Auf Latein heißt er Ophiocordyceps und hat eine ganz miese Nummer drauf. Er befällt eine im Hochland endemische Gespenstermottenlarve. Diese Raupen (Familie der Wurzelbohrer) leben unterirdisch und bohren dort familientypisch Wurzeln. Nun kommt manch angebohrter Wurzel, beispielsweise einer Windröschenwurzel, ein Pilz zur Hilfe und befällt unsere Raupe, die davon zunächst nichts merkt. Behaupte ich jetzt mal. Sonst wird es zu unangenehm. Plötzlich benimmt sich unsere Raupe jedoch frembestimmt, als hätte ihr jemand (ein Außerirdischer? Die CIA? Die NSA?) einen Chip implantiert. Und während ihre unbefallenen Artgenossen sich im Herbst auf den Weg in tiefere Tiefen machen, um dort den Himalayawinter zu überstehen, wird unsere Raupe ferngesteuert und nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche zum Stehen gebracht. Wie der Pilz (die Außerirdischen? Die CIA? Die NSA?) das anstellen, ist noch unerforscht. Gefährlich nah an der Oberfläche ist sie nun, unsere Raupe, nah an Eis- und Schnee- und Gefriergefahr. Aber keine Sorge. Sie wird nicht erfrieren.

Der Pilz

Denn vorher bringt der Pilz sie um. Sobald der Pilz unsere Raupe in die Pole-Position gebracht hat, macht er ihr den Garaus. Und verstoffwechselt alles außer ihrem Exoskelett und breitet sich selbst darin aus. Damit ist die Phase Sommerwurm beendet und die Larve der Gespenstermotte zu einer Gespensterraupe geworden. Eine untote Raupe, gefangen in der Zwischenwelt.

Im Frühjahr wächst dieser mit Mycelgespinst gefüllten Gespensterraupe ein brauner Stengel aus dem Kopf. Es ist der Fruchtkörper unseres Pilzes. (Ich wechsel jetzt mal die Partei, denn es ist doch irgendwie angenehmer auf der Seite der Überlebenden zu sein.) Dieser Fruchtkörper wächst und wächst, bis er durch den Erdboden ans Sonnenlicht stößt. Er blinzelt ein wenig, reckt und streckt sich, sieht sich um, singt “Hallelujah” und macht sich bereit seine -den Gespenstermottenlarven todbringenden- Sporen in die Welt zu streuen.

Interruptus

Bisher haben das Weidenröschen (dem der Pilz letztlich doch nicht geholfen hat) und die Raupe Schmach, Pein und/oder Tod erleiden müssen, um es unserem Pilz zu ermöglichen, seine Gene übers Hochplateau zu pusten. Doch jetzt kommt der Mensch ins Spiel, denn das ganze Gebilde ist mehr wert, wenn es noch schön fest ist, also bevor der Pilz sein ganzes Pulver verschossen hat. Er wird samt Raupe ausgegraben und endet nach einem Zwischenstopp in einer Geschenkverpackung vielleicht in einer Schnapsflasche oder als Hühnchenfüllung.

Die feindliche Raupenübernahme findet nun schon seit Tausenden von Jahren statt und hat der Population der Gespenstermotte nicht wesentlich geschadet. Wie allerdings die massive Jagd auf den Raupenpilz sich auf diesen auswirkt, bleibt abzuwarten. Währenddessen entstehen in den tibetischen Tälern zum Teil pompöse Neubauten, die erst noch wie eine Gespensterraupe mit Leben gefüllt werden müssen.

Und die bucklige Verwandtschaft

Natürlich ist der Raupenpilz nicht der einzig parasitierende Pilz. Alle seine Brüder und Schwester, Onkeln und Tanten, Kinder, Neffen und Nichten, Cousinen fünften Grades und Großväter bis ins siebte Glied namens Cordyceps suchen sich einen Wirt, den sie sich selbst als Gulasch zubereiten lassen.

Mahlzeit.

P.S: Wer sich dafür interessiert, was Kakerlaken für Blüten treiben können, sei dieser Link empfohlen.

Shangrila

Letztens kam ich in Osttibet zweimal im Paradies vorbei. Das Paradies meint in diesem Fall Shangrila und Osttibet meint in diesem Fall tibetische Gebiete, die östlich von der “autonomen Region Tibet” liegen und verwaltungsrechtlich zu den Provinzen Yunnan und Sichuan gehören. Tiefe, unzugängliche Täler, die früher jeweils von eigenen Fürsten regiert wurden und sich weder für China, noch den Dalai Lama auf seinem Hochplateau sonderlich interessiert hatten. Eine Wanderung (hier ein paar wenige Fotoeindrücke) durch dieses Gelände, die quasi die Hochebene mit der Tiefebene verbindet,  gestaltet sich entsprechend: es geht sehr lange bergauf, dann geht es wieder sehr lange bergab und dann wieder sehr lange bergauf. Undsoweiter undsofort. Nur wenige Leute sind unterwegs und man muss schon eine Weile laufen, bis man einen ebenen Platz findet, auf dem man sein Zelt aufschlagen kann.

Trotz der Nähe zu gleich mehreren Paradiesen hatten wir ein paar Kommunikationsprobleme, obwohl gegenseitiges Verständnis doch ein paradiesisches Wesensmerkmal ist. Wir waren drei Deutsche, nämlich H, B und ich, eine chinesische Touristin M und  ein Ehepaar der Pumi-Minderheit als Menschen- und Maultierführer. Eigentlich waren wir (im Sinne “wir Deutschen”) sprachlich ganz gut aufgestellt. H spricht fließend Chinesisch, ich immerhin stockend und auch B konnte sich verständigen. Doch das half nichts, denn der Pumi redete nunmal nicht gern. Gar nicht. Zuhören fand er auch eher anstrengend und Fragen beantwortete er nur im Notfall. Und zwar so unergiebig, dass wir das Fragen fragen einstellten. So dass wir nicht einmal seinen Namen wissen. Die Pumi-Führerin wiederum wirkte wesentlich kommunikativer, sprach aber dummerweise kein Chinesisch. Und wie es der Teufel will, konnte von uns vier Touristen niemand die Sprache einer Minderheit, die etwa 40.000 Personen umfasst. So blieb uns in sprachlicher Hinsicht nicht viel mehr, als zu lachen, wenn sie uns hin und wieder mit den gleichen Worten wie ihre Maulesel antrieb.

Der Chinesin waren sowohl das sprachliche Unvermögen von der Pumi, als auch die Unergiebigkeit von dem Pumi völlig gleichgültig. Unverdrossen quasselte sie auf sie ein und bombardierte ihn mit Fragen nach dem Weg und nach dem Wetter. Er antwortete so was wie, “ja, morgen müssen wir wieder laufen” und “wie das Wetter wird, werden wir sehen”. Oder gar nicht. Auch sonst hatte sie eine Neigung zu schwer zu beantwortenden Fragen. Zum Beispiel: “Isst man in Deutschland auch Aubergine?” “Ja.” “Und wie wird sie zubereitet?” Niemand antwortet. “Kocht ihr denn selber?” Wir nicken. “Also wie wird sie zubereitet?” Auch hier blieb M wieder ohne konkrete Antwort. Schließlich kann man Aubergine kochen, braten, backen, einlegen, grillen etc. Niemand brachte es über sich, the one and only Zubereitungsart für Auberginen zu postulieren. Vermutlich wird M die Reise als die Reise der unbeantworteten Fragen in Erinnerung bleiben.

Das klingt jetzt natürlich alles ganz schrecklich, aber auf eher vegetativer Ebene haben wir uns sehr gut verstanden. Alle hielten durch. Niemand wurde höhenkrank. Es gab praktisch kein Gequengel. Zwar hatten alle außer der Pumi mal ihre komischen fünf Minuten, aber das war´s dann auch schon. Tagsüber fehlte wegen der Höhe und der Anstrengung meist die Puste zum Gespräch und abends war es in der Regel zu kalt für längeren Austausch. So war alles tatsächlich harmonisch. Wenn wir alle sechs zusammen einen Strandurlaub gemacht hätten, wäre das vielleicht anders gewesen, aber so war alles wunderbar. In der Nähe der Paradiese eben.

Denn in dieser weltabgeschiedenen Gegend wurde also Shangrila vermutet. Beziehungsweise mittlerweile nicht mehr vermutet, sondern auch gefunden. Gleich zweimal. Jetzt muss man wissen, dass Shangrila die Erfindung eines britischen Romanautors ist. In seinem Roman “Irgendwo in Tibet” von 1933 beschreibt er Shangrila, einen utopischen, geheimen, paradiesischen Ort, an dem Weise aus aller Welt sich mehr oder weniger freiwillig versammeln. Vermutlich hat sich Hilton vom verborgenen Königreich Shambala der Buddhisten inspirieren lassen. Wieso jetzt das von einem Engländer im 20. Jahrhundert erfundene Paradies gefunden wurde und zur Namensgebung zweier Orte in China geführt hat, ist bizarr. Aber egal ob Shambala oder Shangrila oder Shanderosa, beziehungsweise Xianggelila, wie die Chinesen Shangrila phonetisch umsetzen, ist doch der entscheidende Punkt, dass die Orte im Verborgenen liegen. Es sind utopische Orte und Utopie heißt “Nicht-Ort”.

Der eine Nichtort liegt nunmehr in der Provinz Sichuan und besteht praktisch nur aus Neubauten in einem tibetoesken Stil. Er liegt am Eingang eines kostenpflichtigen Naturschutzgebietes. Ein Tal für das man Eintritt zahlt, in dem man auf einer Privatstraße zig Kilometer dorthin gefahren wird, wo man dann in schönster Landschaft herumlaufen kann. Oder eben wie wir am Ende einer längeren Wanderung dort herauskommt. Wir haben in Shangrila gut gegessen, ein bequemes Bett gehabt und nach über einer Woche Extremwandern mal wieder geduscht. Vielleicht ist das das Paradies?

Wir fuhren weiter ins Shangrila in der Provinz Yunnan. Auf den Tickets im Umsteigeort Daocheng gab nur der Preis Aufschluss, ob man in das eine, oder das andere Paradies fahren wollte. Denn beide Orte erheben den Anspruch der wahre und einzige Nichtort zu sein. Ich finde das dem Nichtort Shangrila durchaus angemessen. Das Shangrila in Yunnan hieß früher Zhongdian und war sicher noch etwas sehenswerter, bevor diesen Winter ein Drittel der Altstadt abbrannte. Vermutlich handelte es sich um einen warmen Abriss, denn es soll wundersamerweise niemand verletzt worden sein. Das ist in diesem wenig paradiesischen Drama immerhin eine gute Nachricht.

Vielleicht ist das Paradies ein Hotpotessen mit Freunden?

Konsequent gedacht, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten. Überall ist Shangrila. Das ist jetzt natürlich eine Binsenweisheit. Aber vielleicht sollte man den philosophischen Gedanken darin aufnehmen und alle Orte, egal wie verbaut, verrottet, zerrüttet, verbrannt, gentrifiziert und gebeutelt sie auch sein mögen, Shangrila nennen. “Ich fahr nächste Woche nach Shangrila, kommst du mit?” “Oh, ich kann leider nicht. Ich habe einen Termin in Shangrila.” Das würde Geograsthenikern wie mir, die ohnehin nie wissen wo welcher Ort ist, sehr entgegenkommen und die nonverbale Kommunikation würde erheblich an Bedeutung gewinnen. Wie auf unserer Wanderung. Man müsste hinspüren, welches Shangrila der andere wohl meint. Tel Aviv-Shangrila, Düsseldorf-Shangrila oder Zwieselemotte-Shangrila.

Kopflos

Es war einmal ein wunderschöner Garten, der so groß war, dass er kaum zu durchschreiten war. Sprich: größer als das Tempelhofer Feld. Geschwungene Wege verbanden Pavillone, Prunk- und Amüsiergebäude. Er war gesprenkelt mit Seen und durchzogen von Wasserläufen.

Niemand wollte ihn durchschreiten, denn die Wege führten zu immer neuen Ausblicken, Boote fuhren durch Teiche voller Lotos zu entrückten Inseln. Ein Ort um sich zu verlieren, nicht um ihn zu durchschreiten.

Victor Hugo beschrieb ihn ungesehen so: “Erbauen Sie einen Traum aus Marmor, aus Jade und Bronze, aus Porzellan, geben Sie ihm Balken aus Zedernholz, bedecken Sie ihn mit Edelsteinen, verkleiden Sie ihn mit Seide, richten Sie hier eine heilige Stätte ein, dort einen Harem, dort eine Zitadelle, setzen hier Götter hin, dort Ungeheuer, lackieren, emaillieren, vergolden, dekorieren Sie ihn, lassen Sie von Architekten, die Dichter sein sollten, die tausendundeinen Traum aus Tausendundeinernacht errichten, fügen Sie Gärten hinzu, Wasserbecken, Fontänen von Wasser und Gischt, Schwäne, Ibisse, Pfaue (…)”

Für die meisten war es eh verboten ihn zu durchschreiten, denn es war der Yuanmingyuan, der alte Sommerpalast der Qing-Kaiser. Er war außerhalb von Beijing gelegen und wurde seit 1709 über Jahrzehnte hinweg angelegt. Der Kaiser, seine Familie, sein Hofstaat kamen hinein, auch ein paar Künstler und Handwerker, wobei letzteren kaum gestattet war, sich in den Gefilden zu ergehen.

In diesem Garten gab es auch ein europäischen Bereich, der gewissermaßen die Chinoiserien Europas spiegelte. Inmitten des aneuropäisierten Gebäudeensembles stand eine Wasseruhr. Sie bestand aus zwölf Figuren mit Menschenkörpern und den Tierköpfen aus dem chinesischen Tierkreis. Diese Köpfe spieen zu den Uhrzeiten, die den jeweiligen Tieren zugeordnet waren Wasser. Jeder zwei Stunden lang. Denn eine chinesische Stunde war zwei Stunden lang.

Seit ich im Zuge meiner Übersetzung eines Romans, der sehr viel im Yuanmingyuan spielt, auf sie gestoßen bin, verfolgen mich diese Köpfe. Denn aus irgendeinem Grund hängt sich ein gewisser chinesischer Patriotismus ausgerechnet an diesen bronzenen Tierköpfen auf.

Es geht dabei um Traumabewältigung, weil die Westmächte 1860 im Zuge des zweiten Opiumkrieges fanden, dass China eins auf den Deckel brauchte. China hatte sich gegen eine Kolonialisierung durch zwangsweise Öffnung von Handelshäfen und Überschwemmung des Landes mit Opium gesperrt. Das gehörte bestraft. Und zwar gründlich. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder Hinz, Kunz und Li auf seiner Souveränität bestünde und die Annahme von drogen verweigerte! Frankreich und England setzten zum Todesstoß an: der Sommerpalast, gewissermaßen das Herz der Macht Chinas wurde aufgebrochen, geplündert und gebrandschatzt. Auch die Tierköpfe wurden im Zuge dessen gestohlen und in der Welt verstreut.

(Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass in der kurzen Periode europäischer Zerstörung und Plünderung nur ein sehr kleiner Teil der Anlage daran glauben musste. Den Rest erledigten über die Jahrzehnte chinesische Plünderer, bzw benachbarte Bauern. Das ändert zwar nichts grundsätzlich an der Schandtat, aber man sollte Propaganda entgegentreten, wo sie auch auftaucht.)

Natürlich ist Beute- und Raubkunst oder sonst mal irgendwann ausgeführte Kunst ein schwieriges Thema. Das kennen wir hierzulande nun wirklich in alle Richtungen. Nofretete sitzt auf ihrem Sockel, Gurlitt und die Staatsanwaltschaft auf einem Bilderschatz, so manch freundlicher Bürger unter französischen Gobelins unklarer Herkunft und benutzt dabei Silber, das irgendwann so unverschämt billig war. Der Volksmund vermutet im gesprengten Privatbunker von Ribbentrop noch immer unbeschreibliche Reichtümer. Der Schatz des Priamos wanderte von der Türkei nach Deutschland nach Russland. Beim Bernsteinzimmer wurde der Satz “geschenkt ist geschenkt und wiederholen ist gestohlen” nicht beachtet und nun ist es verschollen. Dem Verschellen zum Trotz wurde es wieder aufgebaut. Ist es dadurch eigentlich wieder da? Ist reines Alter, ist reines Originalsein der entscheidende Wert? Und worin besteht jetzt der Unterschied?

Sicher ist, dass es sich bei der Mitnahme der Tierköpfe nicht um das Ergebnis einer archäologischen Ausgrabung handelte, sie nicht gekauft wurden und es auch sonst keine Rechtfertigung dafür gab, sie einfach einzustecken. Das gilt auch für alles andere, das aus dem Sommerpalast verschwand. Die Rückforderung ist also nicht gänzlich neben der Sache. Bizarr ist allerdings, dass sich ausgerechnet an diesen Köpfen ein glühender Nationalstolz entzündet.

Die Köpfe stammen aus der Qing-Dynastie, die nicht nur die jüngste aller chinesischen Dynastien ist, sondern auch kulturell eher durchwachsen war. Eine Art China-Barock, Opulenz und Fülle, mehr desselben und noch eins drauf. Außerdem waren die Herrscher keine Han-Chinesen, sondern Mandschu. Aber gut, auch der Mandschure darf Chinese sein. Die Tierköpfe wurden im 18. Jahrhundert von dem Italiener Giuseppe Castiglione entworfen und die Pneumatik vom Franzosen Michel Benoist konstruiert. Wieso wird ausgerechnet eine multikulturelle Spielerei zum Nationalsymbol? Die Köpfe erzielen pro Schnauze Millionen auf Auktionen. Als Vehikel für die Nation? Als könnte diese nur ganz sein, wenn alle 12 Köpfe wieder im Land sind.

Es sind sicher interessante Bronzearbeiten. Insbesondere in kulturhistorischer Hinsicht. So sieht der Tiger beispielsweise wie ein Bär aus. Vermutlich war dieser für die Herren Europäer das wildeste und gefährlichste aller Tiere, das sie kannten. Dann muss ein Tiger ja so ähnlich aussehen.

Im Jahr 2000 wurden der Affe (15-17:00 Uhr) und der Ochse (1-3:00 Uhr) von einem Museum in Beijing ersteigert. Schließlich kam der Tiger dazu. Und ein Casinofürst aus Macao erwarb Schwein und Pferd, um sie ganz patriotisch nach Beijing zu spenden. Als 2009 mit dem Nachlass von Yves St-Laurent die Ratte und der Hase auftauchten und bei Christie´s versteigert werden sollten, protestierte die chinesische Regierung scharf und verlangte, dass die beiden Viecher zurückgegeben werden. Doch Christie´s scherte sich nicht darum. Ein zunächst anonymer Bieter bekam schließlich für 18Mio $/Kopf den Zuschlag. Der Bieter entpuppte sich ebenfalls als chinesischer Patriot und weigerte sich, zu zahlen. Damit war die Versteigerung gescheitert.

Schließlich schenkten die Pinaults, denen Christie´s gehört, die zwei Köpfe China. Und dürfen dafür dort Auktionshäuser betreiben. Nationalstolz als Opium fürs Volk und Öffnung von Handelshäusern. Die Länder haben sich angenähert.

Fünf Köpfe, nämlich der Drache (wird in Taiwan vermutet), die Schlange, die Ziege, der Hahn und der Hund bleiben verschollen. Doch wurden sie in letzter Zeit auf sehr verschiedene Art aus der Versenkung geholt. So hat Jackie Chan, der ohnehin nicht für subtiles Arthouse-Kino bekannt ist, eine extrem dämliche Action-Komödie über die Tierköpfe und sein Ego gedreht. Wenig überraschend ist er der Held, der schließlich unter Einsatz seines Lebens alle fehlenden Köpfe nach China bringt. Im Showdown geht es dann um den Drachenkopf. Eh klar.

Auch Ai Weiwei hat die Köpfe nachgebaut und übergroß in NY und normalgroß, aber goldüberzogen in Berlin ausgestellt. Allerdings eher mit der Intention über echt und falsch und über Nationalstolz nachzudenken.

Wie die fünf fehlenden Köpfe genau aussehen, ist nicht bekannt. Sowohl die von Jackie Chan, als auch die von Ai Weiwei sind vermutlich auf der Grundlage von zeitgenössischen Radierungen angefertigt worden, auf denen ganz winzig die Tierköpfe gerade noch zu erkennen sind. Bei Fiktion und Kunst ist das natürlich erlaubt. Für mich sehen diese nachgebildeten Tierköpfe heutig aus. Es ist vielleicht nicht möglich, sich in die Welt eines nach China emigrierten Italieners um 1800 zu versetzen. Wie der sich einen Drachen vorstellte. Oder noch viel mehr (denn von Drachenabbildungen war er ja überall im Palast umgeben) so vertraute Tiere wie eine Ziege, einen Hund oder einen Hahn.

Sehr amüsant sind in diesem Zusammenhang die angeblich originalen Nachbildungen (weder Fiktion noch Kunst), die im Internet und in Museumsshops so vertrieben werden. Keine gleicht der anderen. Und seit der Hasenkopf wiederaufgetaucht ist, kann man gut sehen, dass das Wort “original” hier ganz speziell ausgelegt wurde.

Himmlische Ereignisse

 

Wie es aussieht, stecken wir gerade mal wieder in einer eher pubertären Politikphase. Das verheißt nichts Gutes. So wie der testosterongesteuerte Jungmann auf der Warschauer Brücke in Berlin gerne anlasslos zum Messer greift, nähert sich der offenbar ähnlich hormonell gebeutelte Politplatzhirsch irgendwelchen roten Knöpfen.

Auch im Kleineren lässt sich das beobachten. Es fängt gerne ganz harmlos an. So hat China  letztes Jahr das Raumschiff Chang´e ins All geschossen. Damit wollten sie nach der Sowjetunion und den USA als dritte Nation auf dem Mond landen. Diese -vermutlich nicht ganz billige- Aktion, hat keinerlei wissenschaftlichen oder sonstigen Nutzen. Aber dass ich das so schreibe, deutet letztlich nur auf einen Testosteronmangel meinerseits hin. Denn der Sinn besteht natürlich darin, “I was here” in die Ecke zu pinkeln.

Schön, wenn das erledigt ist.

Eulen nach Athen tragen

Diese doch etwas plumpe Mission wurde auf sehr chinesische Art kulturell ummantelt. Denn das Raumschiff Chang´e wurde mit dem Jadehasen bestückt, der den Mond bewandern soll. Dazu muss man wissen, dass Chang´e die Mondgöttin ist und auch der Jadehase schon seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden auf dem Mond lebt. Dort mörsert er unermüdlich das Kraut der Unsterblichkeit, was man in Vollmondnächten gut sehen kann. Schon immer sozusagen. Das Kraut der Unsterblichkeit verträgt lange Zeiträume. Und vermutlich haben sowohl der Jadehase als auch die Mondgöttin schon millionenfach “I was here” in alle nur erdenklichen Ecken gepinkelt.

Nun haben die Chinesen die Mondgöttin noch mal hochgeschossen, um den Jadehasen dort erneut auszusetzen. Das ist Zen. Oder Chan, wie es ursprünglich und auf Chinesisch heißt. Du bist der Pfeil, das Ziel, der Bogen und ohnehin eigentlich schon im Schwarzen. Das kann nicht schiefgehen, weil es bereits wahr ist. Und nun kann sich der Jadehase als zentnerschwerer, mit rotem, gelbbesterntem Fähnchen geschmückter Edelschrotthaufen in alle Mondecken, -trichter und -krater erleichtern. Weil er es kann. Das ist nicht hoch genug einzuschätzen.

Russen immer ganz weit vorne

Doch nicht nur auf dem Mond tobt dieser herrliche, dieser unendlich olympionikisch zu nennende Wettbewerb edler Jünglinge, die mit nacktem Oberkörper auf Bären und Hirschen reiten und der da lautet: Wer hat den Längeren?

Aus den zahlreichen hervorragenden Beispielen, die in die Kriegsgeschichte und Kriminalstatistik eingegangen sind, möchte ich auf ein ganz und gar sublimes, quasi vergeistigtes Ereignis eingehen. Denn ausgerechnet an chinesisch Neujahr haben zwei Russen ungesichert die Baustelle des höchsten Wolkenkratzers in Shanghai, den Shanghai-Tower (zweithöchstes Gebäude nach dem Burj Kalifa) bestiegen und sich dabei gefilmt. Auf 650 Meter Höhe stellten sie sich ohne Seil und doppelten Boden an und über Abgrundkanten, Abgrundstreben und Abgrundabgründe. Der Aufstieg soll etwa zwei Stunden gedauert haben. Dann blieben sie noch circa 18 Stunden oben, um auf besseres Wetter zu warten. Für die Fotos und Filme, die ein wirkliches Duftmarkenereignis erst generieren.

Der Zeitpunkt war gut gewählt, da sich in China an chinesisch Neujahr praktisch alle ins Private zurückziehen. Vergleichbar dem hiesigen heiligen Abend. Abgesehen von den Selfies und Filmen aus Höhen, die als schwindelerregend nur völlig unzureichend beschrieben sind, haben sie vermutlich ihre Pissmarken in die Shanghaier Luft gesetzt. Das schmeckt einem Chinesen der für derlei Gegockel empfänglich ist natürlich nicht.

Chinesen hinterher!

Die Antwort folgte prompt. Also mittelprompt. Nur wenige Wochen danach zogen zwei Chinesen nach.

Ich frage mich jetzt, ob als nächstes zwei US-Amerikaner versuchen, diese Baustelle zu besteigen. Aber letztlich bezweifle ich es, denn damit würden sie ganz offen vom Mondlandungsplatz 2 auf Wolkenkratzerbesteigungsplatz 3 rutschen. Das können sie nicht wollen. Außerdem frage ich mich, ob die Sicherheitsfirmen, die diese Baustelle eigentlich bewachen sollen, wegen wiederholter Nachlässigkeit entlassen, oder wegen Patriotismus eine Gehaltserhöhung bekommen.

Mal ganz abgesehen davon, dass ich als Höhenängstliche nicht im geringsten versucht bin es ihnen gleich zu tun, bleibt doch die Frage: was bitte schön ist das Besondere daran? Denn eins muss man wissen: auch das zweithöchste Gebäude der Welt baut sich nicht von allein. Und nicht Jadehasenroboter bauen diese Häuser, sondern Menschen. Jeden Tag besteigen Arbeiter dieses Monstrum von Gebäude und schrauben daran herum. Oder bleiben gleich die ganze Arbeitswoche oben. Würde man einem dieser Arbeiter eine Kamera in die Hand drücken, würde auch er spektakuläre Bilder damit machen. Und selbst wenn unwahrscheinlicherweise Vietnamesen, Russen oder gar Japaner darunter wären, würde es niemanden jucken. Nicht einmal wenn sie in den Shanghaier Himmel pinkeln.

Dass die beiden Chinesen nicht die ersten unbefugten Hausbesteiger waren, rechtfertigten sie damit, dass China eine Nachahmerkultur sei. Sie haben also quasi gewartet, dass ihnen jemand zuvor kommt, um ein noch chinesischeres Ereignis daraus zu machen. Glückwunsch für so viel Geduld!

Immerhin haben sie zehn Minuten weniger für den Aufstieg gebraucht, als die Russen. Und zehn Minuten länger für die Besteigung eines windumtosten Krans oben auf der babylonischen Baustelle. Oder doch nur 5 Minuten länger? Hat der Jadehase diese Daten vom Mond aus gesammelt? Und wer pinkelt am schnellsten? Oder am weitesten? Chinesen? Russen? Amerikaner? Deutsche? Nigerianer? Laoten? Tschetschenen? Inder? Portugiesen? Peruaner? Usbeken? Zefixhalleluja, bin ich müde.

Gepflegte Unterhaltung

Die Einladung

Ende Januar bekam ich eine sehr vage formulierte Email von der Taipeh-Vertretung in der BRD. Darin hieß es, dass die Frau Botschafterin sich beehrt, mich als ehemalige Taiwan-Stipendiatin zum Neujahrsbuffet einzuladen. Namentlich gab sich kein Absender zu erkennen, aber um Antwort wurde gebeten.

Wenn die Botschaft qua Repräsentant einlädt, tut sie das normalerweise auf Büttenpapier per Schneckenpost zu einem Handschüttelereignis. Das hier war also anders. Auch fragte ich mich, wie viele Exstipendiaten denn bitte gerade in Berlin sein mögen? Sonderbar war auch die Adresse in Grunewald (Stadtrand), denn schließlich befindet sich die Taipeh-Vertretung am Gendarmenmarkt (Mitte). Was um alles in der Welt sollte das für eine Veranstaltung werden?

Natürlich sagte ich zu.

Neugierig wackelte ich Sonntag Mittag zur angegebenen Adresse. Doch die Realität ist brüchig, wenn man sie mit niemandem teilt. War ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Hatte es die Einladung überhaupt gegeben? Vor der herrschaftlichen Villa zögerte ich kurz, denn nichts ließ auf eine öffentliche oder semiöffentliche Veranstaltung schließen. Ich wollte nur ungern sonntagmittags bei mir völlig unbekannten Leuten klingeln und nach einem Buffet fragen. Nachher meinen die Leute noch, sie müssten mich zum Sonntagsbraten einladen. Glücklicherweise fegte jemand die Treppe. Durch´s schmiedeeiserne Tor fragte ich also nach der Taipeh-Vertretung und bekam ein eifriges Nicken zur Antwort. Mir wurde aufgetan.

Die Gesellschaft

Im Flur nahmen mich etwa vier taiwanische Herren im Anzug in Empfang und überschlugen sich, mir die Garderobe zu zeigen, den Weg in die gute Stube zu ebnen und einen Stuhl zu besorgen. Mir zu sagen, wo ich ein Getränk bekomme, einen anderen Stuhl zu besorgen, diesen Platz ebenfalls wieder für unangebracht zu halten und mir schließlich einen weiteren Platz zuzuweisen. Herr Gu, den ich schon vor Jahren kennengelernt hatte, war auch dabei. Ein bekanntes Gesicht. Wir freuten uns.

Schließlich begrüßte mich Frau Chen Huayu (oder auch Chen Hwa-Yue), die seit Sommer letzten Jahres neue Botschafterin Taiwans in Berlin. Für die deutsche Anrede hatte sie sich vor vielen Jahren für den schönen Namen Agnes entschieden und ich fragte mich, ob sie sich selbst Angnes oder Agnes ausspricht. Langsam verstand ich, auf was für einer Art Veranstaltung ich gelandet war. Die Botschafterin Agnes Chen hatte gar nicht pro forma eingeladen, sondern tatsächlich. Zu sich nach Hause. Die Einladung war ganz wörtlich zu verstehen gewesen. Damit rechnet man doch nicht.

Und so saß ein Sammelsurium unterschiedlichster Leute um ihren Wohnzimmertisch herum. Außer mir noch zwei andere Regierungsstipendiat_innen, ein paar taiwanische Student_innen, ein Taiwandeutscher in zweiter Generation, Leute von der Botschaft, zwei von der Stadt Berlin, Ehemann und Tochter der Botschafterin, eine Frau mit taiwanischer Mutter und deutschem Vater.

Frau Chen stellte sich, ihre Familie, ihre letzten und ihre geplanten Aktivitäten vor und ermunterte dann ihre Gäste, es ihr gleichzutun. Das ging natürlich nicht ohne Scherze und viele Neujahrsglückwünsche ab. Auch das Bonmot: “das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde” wurde bemüht. Frau Chen ist sozial und persönlich fraglos eine immense Verbesserung gegenüber ihrem Vorgänger. Das ist zwar keine Kunst, aber sie macht eine daraus. Voller Ideen und Kontaktfreude.

Apfel und Birne

Frau Chen wurde von der seit 2008 wieder regierenden Guomindang entsandt. Diese Regierung hat den unbestreitbaren Vorteil, dass das Säbelgerassel zwischen China und Taiwan leiser geworden ist.

Die Volksrepublik China vertritt die Auffassung, dass es sich bei Taiwan um eine abtrünnige Provinz handelt. Die Guomindang, also die Nationalpartei auf Taiwan spiegelt das. Sie sagen, dass auf Taiwan die Republik China regiert, die ihren eigentlichen Sitz in Nanjing (auf dem Festland) hat und dort unrechtmäßig von den Kommunisten 1949 vertrieben wurde. Es handelt sich also um eine Art Exilregierung, die international ab den 1970er Jahren desto weniger anerkannt wurde, als die VR China an wirtschaftlicher und im Zuge dessen politischer Bedeutung gewann. Einigkeit besteht bei beiden Regierungen also über den Umfang Chinas, egal ob als Volksrepublik oder als Republik. Diese rein äußerliche Übereinstimmung scheint mittlerweile für Friede-Freude-Eierkuchen auszureichen. Ob die einen sagen: “es ist eine Birne!”, und die anderen: “es ist ein Apfel!” spielt keine Rolle.

Die Fortschrittspartei, die von 2000-2008 regierte, fand allerdings, dass die Republik nicht auf, sondern in Taiwan unabhängig geworden war. Dass es einen Apfel und eine Birne, mithin zwei Obste gibt. Wobei das zweite Obst keinerlei Ansprüche auf das erste erhebt. Nach der Wiederwahl der Fortschrittspartei wurden die Rufe nach der Erklärung eines Zweitobstes lauter. Umgehend zeigte die VR nicht nur die Zähne, sondern entsicherte auch die Waffen. Sprich, im Jahre 2005 verabschiedete die VR China das Anti-Abspaltungsgesetz, das militärische Schritte gegen Taiwan vorsah, sobald sich dieses formell für unabhängig erklärte. “Apfel oder Birne” heißt also Frieden. “Apfel und Birne” Krieg. Auch eine sehr brüchige Realität und keine wirklich gute Voraussetzung für eine freie Entscheidung.

Die Spielregeln

Die Fortschrittspartei sah sich also zur Politik der fünf Neins gezwungen. (Man beachte diese bizarre chinesische Begeisterung für Bezifferungen.) Das war der Deal. Die VR China bedroht Taiwan nicht akut militärisch und dafür hält sich Taiwan an die fünf Spielregeln:
Taiwan…

  • erklärt sich nicht für unabhängig
  • ändert nicht den Staatsnamen (zB in Republik Taiwan)
  • schreibt nichts in die Verfassung, was die Beziehungen zur Volksrepublik als „zwischenstaatlich“ bezeichnet
  • hält kein Referendum über die Änderung des Status quo ab
  • ändert nicht die Richtlinie der Wiedervereinigung.

Bei uns merkt man das dann an so Sonderbarkeiten, dass Taiwan an den Olympiaden als “Chinesisch Taipeh” antritt. Übrigens seit 1984 sogar regelmäßig bei den Winterspielen. Diesmal mit drei Athleten. Allerdings medaillenlos.

Was nun?

Nun ist die Vermeidung von Krieg grundsätzlich und bei so ungleichen Voraussetzungen insbesondere, unbedingt wünschenswert. Aber bitte was soll der Unsinn? Seit 1949 gehen beide Länder getrennte Wege. Die Generation, die auf dem Festland geboren wurde, stellte immer nur einen Anteil der Bevölkerung und stirbt langsam aber sicher aus. Warum sollen es nicht de jure zwei Länder sein, was sie de facto schon so lange sind? (Eine Frage, die ich mir und anderen vor über 25 Jahren auch häufig bezüglich DDR und BRD stellte. Das macht mich jetzt natürlich unsicher.)

Also kein Krieg. Aber Schmusekurs? Die ganz praktische Befürchtung ist, dass die VR China durch diese Schulterklopfpolitik die Gelegenheit bekommt, in Taiwan ungebremst ihre Interessen durchzusetzen. Das ist die Kehrseite dieser großen Entspannung und der immer stärkeren wirtschaftlichen Verflechtung der beiden Länder. Und die Größenverhältnisse sprechen eine deutliche Sprache: 1,3 Mrd gegenüber 23 Mio Menschen. Also im Apfel leben mehr als 50 Mal so viele Menschen und er ist auch 260 Mal so groß, wie die Birne. Ein Manga-Superapfel gegen eine Bonsaibirne.

Das größte Problem ist natürlich, dass nur ganze 22 Staaten noch diplomatische Beziehungen zu Taiwan als Republik China unterhalten. Zum Beispiel Swasiland und Tuvalu. Denn das bedeutet, keine diplomatischen Beziehungen mit der Volksrepublik zu unterhalten. Wir versuchen das auf sehr bescheidene Art wett zu machen und genießen das Buffet der Frau Botschafterin, die apfel-birnen-technisch eigentlich Repräsentantin der Taipeh-Vertretung heißt.

Kulinarisch und Kultur

Am Buffet gab es zwar weder Äpfel noch Birnen, aber jede Menge andere Köstlichkeiten. Unter anderem Jiaozi, diesen Teigtaschen, die zu Neujahr unbedingt gegessen werden müssen und Niangao, ein Klebreiskuchen, dessen Name als Klebkuchen oder aber auch sinngemäß als “im neuen Jahr wird´s besser” verstanden werden kann.

Es folgte ein entspanntes Geplauder, in dem ich allerlei erfuhr. Zum Beispiel etwas über die Notfallpläne der Stadt Berlin. Es ist schön, dass sich andere darüber Gedanken machen, was passiert, wenn in der Stadt der Strom ausfällt. Was für ein Glück die alten Wasserpumpen darstellen. (Wo ist eigentlich meine nächste?) Dass das Gas mit genug Druck durch die Pipelines kommt und nicht auf Pumpen angewiesen ist. Aber dass zum Beispiel im ganzen Stadtgebiet nur drei Tankstellen einen Anschluss für ein Notstromaggregat haben.Vom Aggregat selber mal ganz abgesehen.

Schließlich erklingt “Für Elise” vom Flügel im Salon. Ein Mitarbeiter der Taipeh-Vertretung läutet den kulturell gepflegten Teil des Nachmittags ein. Es übernimmt spontan ein taiwanischer Kompositionsstudent der Hanns-Eisler-Hochschule für Musik zusammen mit einer Anwärterin auf ein Gesangsstudium an der UdK. Nach einem Neujahrslied zum Mitsingen folgen Schubertlieder, die der Komponist in spe mal eben so vom Blatt spielt. Schließlich überzeugen wir ihn, noch ein Solo folgen zu lassen. Leider will er keine Eigenkomposition zum Besten geben, sondern entscheidet sich für Liszt.  Es ist alles ganz wunderbar. Und ich fühle mich so neunzehntes Jahrhundert.