Goldrausch im Himalaya

Der Ort

Auf dieser wunderbaren Wanderung in Osttibet hatte jeder Tag seine eigenen Herausforderungen. An einem Tag hatte sich der Nebel auf knapp 4000 Metern zu Niederschlag verdichtet. Die Umgebung war schroff, felsig, ohne erkennbare Gemütlichkeit und wunderschön. Der Wind biss einem die Graupel direkt ins Gesicht. Die bunten Flechten wurden allmählich weiß. Aus unbekannten Gründen kriege ich in solchen Situation häufig extrem gute Laune, lache dem Graupel ins von vornherein formlose Gesicht und finde alles großartig. Als wäre mir die Natur umso freundlicher gesonnen, je feindseliger sie sich aufführt.

Es war gewissermaßen ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagt. Und Hunde begegneten uns auch tatsächlich nicht. Aber schräg unter uns, wo noch ein paar Büsche am Hang wuchsen, wuselte es von Menschen. In einer nahezu unbewohnten Gegend bei zwiderwurzigem Wetter. Alle gebückt, augenscheinlich am Suchen. Es musste sich also lohnen. Während der nächsten Rast bei einer tibetischen Familie wurden wir aufgeklärt.

Das Wesen

Sie suchen Yartsa Gunbu, das Wunderwesen Sommergras-Winterwurm. Bei den Chinesen heißt es andersrum, aber genauso rätselhaft Dongchong Xiacao, also  Winterwurm-Sommergras. Die Bezeichnung ist allerdings inhaltlich so oder so falsch, auch wenn man beachtet, dass Gras in diesem Zusammenhang ein sehr weitgefasster Begriff ist. Denn es handelt sich um keine Pflanze, sondern einen Pilz. Auf Deutsch heißt das Wesen dann auch ganz korrekt Raupenpilz. Mittlerweile hat man sich nämlich darauf geeinigt, dass Pilze keine Pflanzen sind. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass Pilze keine Photosynthese betreiben, sondern zwecks Energiegewinn organisches Material verstoffwechseln. Wie wir. Wie die Schnecke im Garten und der Panda im Zoo.

(Ganz nebenbei frage ich mich nun, ob manche Vegetarier aus Überzeugung keine Pilze essen.) (Und wo ich nun schon bei den Einschüben bin: Es gibt eine Schnecke -Elysia chlorotica- die kann auch Photosynthese, ist aber trotzdem ein Tier.  Eine Grenze ist eben doch weniger präzise als angenommen. Weil es so schön ist, möchte ich noch hinzufügen, dass dieses hermaphroditische Pflanzentier zu den Schlundsackschnecken gehört.)

Der Preis

Die tibetische Familie zeigte uns also eine kürzlich gesammelte Tier-Pilz-Hybride und wir erfuhren, dass sie dafür die stolze Somme von 80 Yuan (knapp 10 €) erwarten. Und dass sie in der Stadt dann vielleicht für 800 Yuan in einer hübschen Geschenkverpackung an den Endverbraucher geht.

Der Raupenpilz ist schon sehr lange ein wichtiger und nicht ganz billiger Bestandteil der traditionellen tibetischen und chinesischen Medizin, der nur im Himalaya auf Höhen zwischen 3000-5000 Metern vorkommt. Dort wird er aber mittlerweile in rauhen Mengen gesammelt. Es kursieren Zahlen wie 200 Tonnen (grob geschätzt 600 Mio Pilze) im Jahr, was 2007 bereits einem Wert von etwa 700 Mio € entsprochen haben soll. Es heißt, der Preis steigt pro Jahr um etwa 20%. Dann hätte sich der Umsatz bis heute mehr als verdoppelt. Da lohnt es sich kaum noch, ein Vieh auf die Weide zu stellen und das ist auch ganz gut, denn die Berge sind hoffnungslos überweidet. Für die Bergbewohner stellt der Raupenpilz mittlerweile die mit Abstand größte Quelle für Bargeld dar. Und davon können sie sich dann Fernseher, Motorrad, Schule und Krankenhausaufenthalt leisten. Abgesehen von teilweise blutigen Revierkämpfen um die Sammelgebiete, hat das Sammeln also einen Haufen Vorteile.

Der Nutzen

Die Vorteilen des Sammelns resultieren aus den Vorteilen des Raupenpilzes. Denn der ist ganz allgemein ein Tonikum, spendet Lebenskraft und wirkt dem Alterungsprozess entgegen. Natürlich und insbesondere soll er auch die Potenz stärken. Chinesische Sportler rühmen ihn außerdem schon seit den Neunzigern als erlaubtes Doping. Darüberhinaus soll er einen gewissen Nutzen in Aids- und Krebs-Therapie entfalten. Es gibt also viele Gründe, ihn als Arzneimittel zu schätzen. Sehr chinesisch ist die Sitte, so etwas nobel verpackt als Prestiggeschenk zu verwenden. Ich stelle mir gerade vor, wie hierzulande einem Geschäftsfreund bei einem Empfang ein extrem teures Aids-Medikament in Schmuckbox überreicht wird. Oder wie ich jemandem das segensreiche Pilzprodukt Penicillin oder das Allheilmittel Knoblauch in einer gülden ausgeschlagenen Schachtel zum Geburtstag schenke. Gesundheit ist schließlich ein hohes Gut.

Die Raupe

Wer ist aber dieser geheimnisvolle und prestigeträchtige Raupenpilz? Auf Latein heißt er Ophiocordyceps und hat eine ganz miese Nummer drauf. Er befällt eine im Hochland endemische Gespenstermottenlarve. Diese Raupen (Familie der Wurzelbohrer) leben unterirdisch und bohren dort familientypisch Wurzeln. Nun kommt manch angebohrter Wurzel, beispielsweise einer Windröschenwurzel, ein Pilz zur Hilfe und befällt unsere Raupe, die davon zunächst nichts merkt. Behaupte ich jetzt mal. Sonst wird es zu unangenehm. Plötzlich benimmt sich unsere Raupe jedoch frembestimmt, als hätte ihr jemand (ein Außerirdischer? Die CIA? Die NSA?) einen Chip implantiert. Und während ihre unbefallenen Artgenossen sich im Herbst auf den Weg in tiefere Tiefen machen, um dort den Himalayawinter zu überstehen, wird unsere Raupe ferngesteuert und nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche zum Stehen gebracht. Wie der Pilz (die Außerirdischen? Die CIA? Die NSA?) das anstellen, ist noch unerforscht. Gefährlich nah an der Oberfläche ist sie nun, unsere Raupe, nah an Eis- und Schnee- und Gefriergefahr. Aber keine Sorge. Sie wird nicht erfrieren.

Der Pilz

Denn vorher bringt der Pilz sie um. Sobald der Pilz unsere Raupe in die Pole-Position gebracht hat, macht er ihr den Garaus. Und verstoffwechselt alles außer ihrem Exoskelett und breitet sich selbst darin aus. Damit ist die Phase Sommerwurm beendet und die Larve der Gespenstermotte zu einer Gespensterraupe geworden. Eine untote Raupe, gefangen in der Zwischenwelt.

Im Frühjahr wächst dieser mit Mycelgespinst gefüllten Gespensterraupe ein brauner Stengel aus dem Kopf. Es ist der Fruchtkörper unseres Pilzes. (Ich wechsel jetzt mal die Partei, denn es ist doch irgendwie angenehmer auf der Seite der Überlebenden zu sein.) Dieser Fruchtkörper wächst und wächst, bis er durch den Erdboden ans Sonnenlicht stößt. Er blinzelt ein wenig, reckt und streckt sich, sieht sich um, singt “Hallelujah” und macht sich bereit seine -den Gespenstermottenlarven todbringenden- Sporen in die Welt zu streuen.

Interruptus

Bisher haben das Weidenröschen (dem der Pilz letztlich doch nicht geholfen hat) und die Raupe Schmach, Pein und/oder Tod erleiden müssen, um es unserem Pilz zu ermöglichen, seine Gene übers Hochplateau zu pusten. Doch jetzt kommt der Mensch ins Spiel, denn das ganze Gebilde ist mehr wert, wenn es noch schön fest ist, also bevor der Pilz sein ganzes Pulver verschossen hat. Er wird samt Raupe ausgegraben und endet nach einem Zwischenstopp in einer Geschenkverpackung vielleicht in einer Schnapsflasche oder als Hühnchenfüllung.

Die feindliche Raupenübernahme findet nun schon seit Tausenden von Jahren statt und hat der Population der Gespenstermotte nicht wesentlich geschadet. Wie allerdings die massive Jagd auf den Raupenpilz sich auf diesen auswirkt, bleibt abzuwarten. Währenddessen entstehen in den tibetischen Tälern zum Teil pompöse Neubauten, die erst noch wie eine Gespensterraupe mit Leben gefüllt werden müssen.

Und die bucklige Verwandtschaft

Natürlich ist der Raupenpilz nicht der einzig parasitierende Pilz. Alle seine Brüder und Schwester, Onkeln und Tanten, Kinder, Neffen und Nichten, Cousinen fünften Grades und Großväter bis ins siebte Glied namens Cordyceps suchen sich einen Wirt, den sie sich selbst als Gulasch zubereiten lassen.

Mahlzeit.

P.S: Wer sich dafür interessiert, was Kakerlaken für Blüten treiben können, sei dieser Link empfohlen.

Shangrila

Letztens kam ich in Osttibet zweimal im Paradies vorbei. Das Paradies meint in diesem Fall Shangrila und Osttibet meint in diesem Fall tibetische Gebiete, die östlich von der “autonomen Region Tibet” liegen und verwaltungsrechtlich zu den Provinzen Yunnan und Sichuan gehören. Tiefe, unzugängliche Täler, die früher jeweils von eigenen Fürsten regiert wurden und sich weder für China, noch den Dalai Lama auf seinem Hochplateau sonderlich interessiert hatten. Eine Wanderung (hier ein paar wenige Fotoeindrücke) durch dieses Gelände, die quasi die Hochebene mit der Tiefebene verbindet,  gestaltet sich entsprechend: es geht sehr lange bergauf, dann geht es wieder sehr lange bergab und dann wieder sehr lange bergauf. Undsoweiter undsofort. Nur wenige Leute sind unterwegs und man muss schon eine Weile laufen, bis man einen ebenen Platz findet, auf dem man sein Zelt aufschlagen kann.

Trotz der Nähe zu gleich mehreren Paradiesen hatten wir ein paar Kommunikationsprobleme, obwohl gegenseitiges Verständnis doch ein paradiesisches Wesensmerkmal ist. Wir waren drei Deutsche, nämlich H, B und ich, eine chinesische Touristin M und  ein Ehepaar der Pumi-Minderheit als Menschen- und Maultierführer. Eigentlich waren wir (im Sinne “wir Deutschen”) sprachlich ganz gut aufgestellt. H spricht fließend Chinesisch, ich immerhin stockend und auch B konnte sich verständigen. Doch das half nichts, denn der Pumi redete nunmal nicht gern. Gar nicht. Zuhören fand er auch eher anstrengend und Fragen beantwortete er nur im Notfall. Und zwar so unergiebig, dass wir das Fragen fragen einstellten. So dass wir nicht einmal seinen Namen wissen. Die Pumi-Führerin wiederum wirkte wesentlich kommunikativer, sprach aber dummerweise kein Chinesisch. Und wie es der Teufel will, konnte von uns vier Touristen niemand die Sprache einer Minderheit, die etwa 40.000 Personen umfasst. So blieb uns in sprachlicher Hinsicht nicht viel mehr, als zu lachen, wenn sie uns hin und wieder mit den gleichen Worten wie ihre Maulesel antrieb.

Der Chinesin waren sowohl das sprachliche Unvermögen von der Pumi, als auch die Unergiebigkeit von dem Pumi völlig gleichgültig. Unverdrossen quasselte sie auf sie ein und bombardierte ihn mit Fragen nach dem Weg und nach dem Wetter. Er antwortete so was wie, “ja, morgen müssen wir wieder laufen” und “wie das Wetter wird, werden wir sehen”. Oder gar nicht. Auch sonst hatte sie eine Neigung zu schwer zu beantwortenden Fragen. Zum Beispiel: “Isst man in Deutschland auch Aubergine?” “Ja.” “Und wie wird sie zubereitet?” Niemand antwortet. “Kocht ihr denn selber?” Wir nicken. “Also wie wird sie zubereitet?” Auch hier blieb M wieder ohne konkrete Antwort. Schließlich kann man Aubergine kochen, braten, backen, einlegen, grillen etc. Niemand brachte es über sich, the one and only Zubereitungsart für Auberginen zu postulieren. Vermutlich wird M die Reise als die Reise der unbeantworteten Fragen in Erinnerung bleiben.

Das klingt jetzt natürlich alles ganz schrecklich, aber auf eher vegetativer Ebene haben wir uns sehr gut verstanden. Alle hielten durch. Niemand wurde höhenkrank. Es gab praktisch kein Gequengel. Zwar hatten alle außer der Pumi mal ihre komischen fünf Minuten, aber das war´s dann auch schon. Tagsüber fehlte wegen der Höhe und der Anstrengung meist die Puste zum Gespräch und abends war es in der Regel zu kalt für längeren Austausch. So war alles tatsächlich harmonisch. Wenn wir alle sechs zusammen einen Strandurlaub gemacht hätten, wäre das vielleicht anders gewesen, aber so war alles wunderbar. In der Nähe der Paradiese eben.

Denn in dieser weltabgeschiedenen Gegend wurde also Shangrila vermutet. Beziehungsweise mittlerweile nicht mehr vermutet, sondern auch gefunden. Gleich zweimal. Jetzt muss man wissen, dass Shangrila die Erfindung eines britischen Romanautors ist. In seinem Roman “Irgendwo in Tibet” von 1933 beschreibt er Shangrila, einen utopischen, geheimen, paradiesischen Ort, an dem Weise aus aller Welt sich mehr oder weniger freiwillig versammeln. Vermutlich hat sich Hilton vom verborgenen Königreich Shambala der Buddhisten inspirieren lassen. Wieso jetzt das von einem Engländer im 20. Jahrhundert erfundene Paradies gefunden wurde und zur Namensgebung zweier Orte in China geführt hat, ist bizarr. Aber egal ob Shambala oder Shangrila oder Shanderosa, beziehungsweise Xianggelila, wie die Chinesen Shangrila phonetisch umsetzen, ist doch der entscheidende Punkt, dass die Orte im Verborgenen liegen. Es sind utopische Orte und Utopie heißt “Nicht-Ort”.

Der eine Nichtort liegt nunmehr in der Provinz Sichuan und besteht praktisch nur aus Neubauten in einem tibetoesken Stil. Er liegt am Eingang eines kostenpflichtigen Naturschutzgebietes. Ein Tal für das man Eintritt zahlt, in dem man auf einer Privatstraße zig Kilometer dorthin gefahren wird, wo man dann in schönster Landschaft herumlaufen kann. Oder eben wie wir am Ende einer längeren Wanderung dort herauskommt. Wir haben in Shangrila gut gegessen, ein bequemes Bett gehabt und nach über einer Woche Extremwandern mal wieder geduscht. Vielleicht ist das das Paradies?

Wir fuhren weiter ins Shangrila in der Provinz Yunnan. Auf den Tickets im Umsteigeort Daocheng gab nur der Preis Aufschluss, ob man in das eine, oder das andere Paradies fahren wollte. Denn beide Orte erheben den Anspruch der wahre und einzige Nichtort zu sein. Ich finde das dem Nichtort Shangrila durchaus angemessen. Das Shangrila in Yunnan hieß früher Zhongdian und war sicher noch etwas sehenswerter, bevor diesen Winter ein Drittel der Altstadt abbrannte. Vermutlich handelte es sich um einen warmen Abriss, denn es soll wundersamerweise niemand verletzt worden sein. Das ist in diesem wenig paradiesischen Drama immerhin eine gute Nachricht.

Vielleicht ist das Paradies ein Hotpotessen mit Freunden?

Konsequent gedacht, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten. Überall ist Shangrila. Das ist jetzt natürlich eine Binsenweisheit. Aber vielleicht sollte man den philosophischen Gedanken darin aufnehmen und alle Orte, egal wie verbaut, verrottet, zerrüttet, verbrannt, gentrifiziert und gebeutelt sie auch sein mögen, Shangrila nennen. “Ich fahr nächste Woche nach Shangrila, kommst du mit?” “Oh, ich kann leider nicht. Ich habe einen Termin in Shangrila.” Das würde Geograsthenikern wie mir, die ohnehin nie wissen wo welcher Ort ist, sehr entgegenkommen und die nonverbale Kommunikation würde erheblich an Bedeutung gewinnen. Wie auf unserer Wanderung. Man müsste hinspüren, welches Shangrila der andere wohl meint. Tel Aviv-Shangrila, Düsseldorf-Shangrila oder Zwieselemotte-Shangrila.

Kopflos

Es war einmal ein wunderschöner Garten, der so groß war, dass er kaum zu durchschreiten war. Sprich: größer als das Tempelhofer Feld. Geschwungene Wege verbanden Pavillone, Prunk- und Amüsiergebäude. Er war gesprenkelt mit Seen und durchzogen von Wasserläufen.

Niemand wollte ihn durchschreiten, denn die Wege führten zu immer neuen Ausblicken, Boote fuhren durch Teiche voller Lotos zu entrückten Inseln. Ein Ort um sich zu verlieren, nicht um ihn zu durchschreiten.

Victor Hugo beschrieb ihn ungesehen so: “Erbauen Sie einen Traum aus Marmor, aus Jade und Bronze, aus Porzellan, geben Sie ihm Balken aus Zedernholz, bedecken Sie ihn mit Edelsteinen, verkleiden Sie ihn mit Seide, richten Sie hier eine heilige Stätte ein, dort einen Harem, dort eine Zitadelle, setzen hier Götter hin, dort Ungeheuer, lackieren, emaillieren, vergolden, dekorieren Sie ihn, lassen Sie von Architekten, die Dichter sein sollten, die tausendundeinen Traum aus Tausendundeinernacht errichten, fügen Sie Gärten hinzu, Wasserbecken, Fontänen von Wasser und Gischt, Schwäne, Ibisse, Pfaue (…)”

Für die meisten war es eh verboten ihn zu durchschreiten, denn es war der Yuanmingyuan, der alte Sommerpalast der Qing-Kaiser. Er war außerhalb von Beijing gelegen und wurde seit 1709 über Jahrzehnte hinweg angelegt. Der Kaiser, seine Familie, sein Hofstaat kamen hinein, auch ein paar Künstler und Handwerker, wobei letzteren kaum gestattet war, sich in den Gefilden zu ergehen.

In diesem Garten gab es auch ein europäischen Bereich, der gewissermaßen die Chinoiserien Europas spiegelte. Inmitten des aneuropäisierten Gebäudeensembles stand eine Wasseruhr. Sie bestand aus zwölf Figuren mit Menschenkörpern und den Tierköpfen aus dem chinesischen Tierkreis. Diese Köpfe spieen zu den Uhrzeiten, die den jeweiligen Tieren zugeordnet waren Wasser. Jeder zwei Stunden lang. Denn eine chinesische Stunde war zwei Stunden lang.

Seit ich im Zuge meiner Übersetzung eines Romans, der sehr viel im Yuanmingyuan spielt, auf sie gestoßen bin, verfolgen mich diese Köpfe. Denn aus irgendeinem Grund hängt sich ein gewisser chinesischer Patriotismus ausgerechnet an diesen bronzenen Tierköpfen auf.

Es geht dabei um Traumabewältigung, weil die Westmächte 1860 im Zuge des zweiten Opiumkrieges fanden, dass China eins auf den Deckel brauchte. China hatte sich gegen eine Kolonialisierung durch zwangsweise Öffnung von Handelshäfen und Überschwemmung des Landes mit Opium gesperrt. Das gehörte bestraft. Und zwar gründlich. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder Hinz, Kunz und Li auf seiner Souveränität bestünde und die Annahme von drogen verweigerte! Frankreich und England setzten zum Todesstoß an: der Sommerpalast, gewissermaßen das Herz der Macht Chinas wurde aufgebrochen, geplündert und gebrandschatzt. Auch die Tierköpfe wurden im Zuge dessen gestohlen und in der Welt verstreut.

(Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass in der kurzen Periode europäischer Zerstörung und Plünderung nur ein sehr kleiner Teil der Anlage daran glauben musste. Den Rest erledigten über die Jahrzehnte chinesische Plünderer, bzw benachbarte Bauern. Das ändert zwar nichts grundsätzlich an der Schandtat, aber man sollte Propaganda entgegentreten, wo sie auch auftaucht.)

Natürlich ist Beute- und Raubkunst oder sonst mal irgendwann ausgeführte Kunst ein schwieriges Thema. Das kennen wir hierzulande nun wirklich in alle Richtungen. Nofretete sitzt auf ihrem Sockel, Gurlitt und die Staatsanwaltschaft auf einem Bilderschatz, so manch freundlicher Bürger unter französischen Gobelins unklarer Herkunft und benutzt dabei Silber, das irgendwann so unverschämt billig war. Der Volksmund vermutet im gesprengten Privatbunker von Ribbentrop noch immer unbeschreibliche Reichtümer. Der Schatz des Priamos wanderte von der Türkei nach Deutschland nach Russland. Beim Bernsteinzimmer wurde der Satz “geschenkt ist geschenkt und wiederholen ist gestohlen” nicht beachtet und nun ist es verschollen. Dem Verschellen zum Trotz wurde es wieder aufgebaut. Ist es dadurch eigentlich wieder da? Ist reines Alter, ist reines Originalsein der entscheidende Wert? Und worin besteht jetzt der Unterschied?

Sicher ist, dass es sich bei der Mitnahme der Tierköpfe nicht um das Ergebnis einer archäologischen Ausgrabung handelte, sie nicht gekauft wurden und es auch sonst keine Rechtfertigung dafür gab, sie einfach einzustecken. Das gilt auch für alles andere, das aus dem Sommerpalast verschwand. Die Rückforderung ist also nicht gänzlich neben der Sache. Bizarr ist allerdings, dass sich ausgerechnet an diesen Köpfen ein glühender Nationalstolz entzündet.

Die Köpfe stammen aus der Qing-Dynastie, die nicht nur die jüngste aller chinesischen Dynastien ist, sondern auch kulturell eher durchwachsen war. Eine Art China-Barock, Opulenz und Fülle, mehr desselben und noch eins drauf. Außerdem waren die Herrscher keine Han-Chinesen, sondern Mandschu. Aber gut, auch der Mandschure darf Chinese sein. Die Tierköpfe wurden im 18. Jahrhundert von dem Italiener Giuseppe Castiglione entworfen und die Pneumatik vom Franzosen Michel Benoist konstruiert. Wieso wird ausgerechnet eine multikulturelle Spielerei zum Nationalsymbol? Die Köpfe erzielen pro Schnauze Millionen auf Auktionen. Als Vehikel für die Nation? Als könnte diese nur ganz sein, wenn alle 12 Köpfe wieder im Land sind.

Es sind sicher interessante Bronzearbeiten. Insbesondere in kulturhistorischer Hinsicht. So sieht der Tiger beispielsweise wie ein Bär aus. Vermutlich war dieser für die Herren Europäer das wildeste und gefährlichste aller Tiere, das sie kannten. Dann muss ein Tiger ja so ähnlich aussehen.

Im Jahr 2000 wurden der Affe (15-17:00 Uhr) und der Ochse (1-3:00 Uhr) von einem Museum in Beijing ersteigert. Schließlich kam der Tiger dazu. Und ein Casinofürst aus Macao erwarb Schwein und Pferd, um sie ganz patriotisch nach Beijing zu spenden. Als 2009 mit dem Nachlass von Yves St-Laurent die Ratte und der Hase auftauchten und bei Christie´s versteigert werden sollten, protestierte die chinesische Regierung scharf und verlangte, dass die beiden Viecher zurückgegeben werden. Doch Christie´s scherte sich nicht darum. Ein zunächst anonymer Bieter bekam schließlich für 18Mio $/Kopf den Zuschlag. Der Bieter entpuppte sich ebenfalls als chinesischer Patriot und weigerte sich, zu zahlen. Damit war die Versteigerung gescheitert.

Schließlich schenkten die Pinaults, denen Christie´s gehört, die zwei Köpfe China. Und dürfen dafür dort Auktionshäuser betreiben. Nationalstolz als Opium fürs Volk und Öffnung von Handelshäusern. Die Länder haben sich angenähert.

Fünf Köpfe, nämlich der Drache (wird in Taiwan vermutet), die Schlange, die Ziege, der Hahn und der Hund bleiben verschollen. Doch wurden sie in letzter Zeit auf sehr verschiedene Art aus der Versenkung geholt. So hat Jackie Chan, der ohnehin nicht für subtiles Arthouse-Kino bekannt ist, eine extrem dämliche Action-Komödie über die Tierköpfe und sein Ego gedreht. Wenig überraschend ist er der Held, der schließlich unter Einsatz seines Lebens alle fehlenden Köpfe nach China bringt. Im Showdown geht es dann um den Drachenkopf. Eh klar.

Auch Ai Weiwei hat die Köpfe nachgebaut und übergroß in NY und normalgroß, aber goldüberzogen in Berlin ausgestellt. Allerdings eher mit der Intention über echt und falsch und über Nationalstolz nachzudenken.

Wie die fünf fehlenden Köpfe genau aussehen, ist nicht bekannt. Sowohl die von Jackie Chan, als auch die von Ai Weiwei sind vermutlich auf der Grundlage von zeitgenössischen Radierungen angefertigt worden, auf denen ganz winzig die Tierköpfe gerade noch zu erkennen sind. Bei Fiktion und Kunst ist das natürlich erlaubt. Für mich sehen diese nachgebildeten Tierköpfe heutig aus. Es ist vielleicht nicht möglich, sich in die Welt eines nach China emigrierten Italieners um 1800 zu versetzen. Wie der sich einen Drachen vorstellte. Oder noch viel mehr (denn von Drachenabbildungen war er ja überall im Palast umgeben) so vertraute Tiere wie eine Ziege, einen Hund oder einen Hahn.

Sehr amüsant sind in diesem Zusammenhang die angeblich originalen Nachbildungen (weder Fiktion noch Kunst), die im Internet und in Museumsshops so vertrieben werden. Keine gleicht der anderen. Und seit der Hasenkopf wiederaufgetaucht ist, kann man gut sehen, dass das Wort “original” hier ganz speziell ausgelegt wurde.

Himmlische Ereignisse

 

Wie es aussieht, stecken wir gerade mal wieder in einer eher pubertären Politikphase. Das verheißt nichts Gutes. So wie der testosterongesteuerte Jungmann auf der Warschauer Brücke in Berlin gerne anlasslos zum Messer greift, nähert sich der offenbar ähnlich hormonell gebeutelte Politplatzhirsch irgendwelchen roten Knöpfen.

Auch im Kleineren lässt sich das beobachten. Es fängt gerne ganz harmlos an. So hat China  letztes Jahr das Raumschiff Chang´e ins All geschossen. Damit wollten sie nach der Sowjetunion und den USA als dritte Nation auf dem Mond landen. Diese -vermutlich nicht ganz billige- Aktion, hat keinerlei wissenschaftlichen oder sonstigen Nutzen. Aber dass ich das so schreibe, deutet letztlich nur auf einen Testosteronmangel meinerseits hin. Denn der Sinn besteht natürlich darin, “I was here” in die Ecke zu pinkeln.

Schön, wenn das erledigt ist.

Eulen nach Athen tragen

Diese doch etwas plumpe Mission wurde auf sehr chinesische Art kulturell ummantelt. Denn das Raumschiff Chang´e wurde mit dem Jadehasen bestückt, der den Mond bewandern soll. Dazu muss man wissen, dass Chang´e die Mondgöttin ist und auch der Jadehase schon seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden auf dem Mond lebt. Dort mörsert er unermüdlich das Kraut der Unsterblichkeit, was man in Vollmondnächten gut sehen kann. Schon immer sozusagen. Das Kraut der Unsterblichkeit verträgt lange Zeiträume. Und vermutlich haben sowohl der Jadehase als auch die Mondgöttin schon millionenfach “I was here” in alle nur erdenklichen Ecken gepinkelt.

Nun haben die Chinesen die Mondgöttin noch mal hochgeschossen, um den Jadehasen dort erneut auszusetzen. Das ist Zen. Oder Chan, wie es ursprünglich und auf Chinesisch heißt. Du bist der Pfeil, das Ziel, der Bogen und ohnehin eigentlich schon im Schwarzen. Das kann nicht schiefgehen, weil es bereits wahr ist. Und nun kann sich der Jadehase als zentnerschwerer, mit rotem, gelbbesterntem Fähnchen geschmückter Edelschrotthaufen in alle Mondecken, -trichter und -krater erleichtern. Weil er es kann. Das ist nicht hoch genug einzuschätzen.

Russen immer ganz weit vorne

Doch nicht nur auf dem Mond tobt dieser herrliche, dieser unendlich olympionikisch zu nennende Wettbewerb edler Jünglinge, die mit nacktem Oberkörper auf Bären und Hirschen reiten und der da lautet: Wer hat den Längeren?

Aus den zahlreichen hervorragenden Beispielen, die in die Kriegsgeschichte und Kriminalstatistik eingegangen sind, möchte ich auf ein ganz und gar sublimes, quasi vergeistigtes Ereignis eingehen. Denn ausgerechnet an chinesisch Neujahr haben zwei Russen ungesichert die Baustelle des höchsten Wolkenkratzers in Shanghai, den Shanghai-Tower (zweithöchstes Gebäude nach dem Burj Kalifa) bestiegen und sich dabei gefilmt. Auf 650 Meter Höhe stellten sie sich ohne Seil und doppelten Boden an und über Abgrundkanten, Abgrundstreben und Abgrundabgründe. Der Aufstieg soll etwa zwei Stunden gedauert haben. Dann blieben sie noch circa 18 Stunden oben, um auf besseres Wetter zu warten. Für die Fotos und Filme, die ein wirkliches Duftmarkenereignis erst generieren.

Der Zeitpunkt war gut gewählt, da sich in China an chinesisch Neujahr praktisch alle ins Private zurückziehen. Vergleichbar dem hiesigen heiligen Abend. Abgesehen von den Selfies und Filmen aus Höhen, die als schwindelerregend nur völlig unzureichend beschrieben sind, haben sie vermutlich ihre Pissmarken in die Shanghaier Luft gesetzt. Das schmeckt einem Chinesen der für derlei Gegockel empfänglich ist natürlich nicht.

Chinesen hinterher!

Die Antwort folgte prompt. Also mittelprompt. Nur wenige Wochen danach zogen zwei Chinesen nach.

Ich frage mich jetzt, ob als nächstes zwei US-Amerikaner versuchen, diese Baustelle zu besteigen. Aber letztlich bezweifle ich es, denn damit würden sie ganz offen vom Mondlandungsplatz 2 auf Wolkenkratzerbesteigungsplatz 3 rutschen. Das können sie nicht wollen. Außerdem frage ich mich, ob die Sicherheitsfirmen, die diese Baustelle eigentlich bewachen sollen, wegen wiederholter Nachlässigkeit entlassen, oder wegen Patriotismus eine Gehaltserhöhung bekommen.

Mal ganz abgesehen davon, dass ich als Höhenängstliche nicht im geringsten versucht bin es ihnen gleich zu tun, bleibt doch die Frage: was bitte schön ist das Besondere daran? Denn eins muss man wissen: auch das zweithöchste Gebäude der Welt baut sich nicht von allein. Und nicht Jadehasenroboter bauen diese Häuser, sondern Menschen. Jeden Tag besteigen Arbeiter dieses Monstrum von Gebäude und schrauben daran herum. Oder bleiben gleich die ganze Arbeitswoche oben. Würde man einem dieser Arbeiter eine Kamera in die Hand drücken, würde auch er spektakuläre Bilder damit machen. Und selbst wenn unwahrscheinlicherweise Vietnamesen, Russen oder gar Japaner darunter wären, würde es niemanden jucken. Nicht einmal wenn sie in den Shanghaier Himmel pinkeln.

Dass die beiden Chinesen nicht die ersten unbefugten Hausbesteiger waren, rechtfertigten sie damit, dass China eine Nachahmerkultur sei. Sie haben also quasi gewartet, dass ihnen jemand zuvor kommt, um ein noch chinesischeres Ereignis daraus zu machen. Glückwunsch für so viel Geduld!

Immerhin haben sie zehn Minuten weniger für den Aufstieg gebraucht, als die Russen. Und zehn Minuten länger für die Besteigung eines windumtosten Krans oben auf der babylonischen Baustelle. Oder doch nur 5 Minuten länger? Hat der Jadehase diese Daten vom Mond aus gesammelt? Und wer pinkelt am schnellsten? Oder am weitesten? Chinesen? Russen? Amerikaner? Deutsche? Nigerianer? Laoten? Tschetschenen? Inder? Portugiesen? Peruaner? Usbeken? Zefixhalleluja, bin ich müde.

Gepflegte Unterhaltung

Die Einladung

Ende Januar bekam ich eine sehr vage formulierte Email von der Taipeh-Vertretung in der BRD. Darin hieß es, dass die Frau Botschafterin sich beehrt, mich als ehemalige Taiwan-Stipendiatin zum Neujahrsbuffet einzuladen. Namentlich gab sich kein Absender zu erkennen, aber um Antwort wurde gebeten.

Wenn die Botschaft qua Repräsentant einlädt, tut sie das normalerweise auf Büttenpapier per Schneckenpost zu einem Handschüttelereignis. Das hier war also anders. Auch fragte ich mich, wie viele Exstipendiaten denn bitte gerade in Berlin sein mögen? Sonderbar war auch die Adresse in Grunewald (Stadtrand), denn schließlich befindet sich die Taipeh-Vertretung am Gendarmenmarkt (Mitte). Was um alles in der Welt sollte das für eine Veranstaltung werden?

Natürlich sagte ich zu.

Neugierig wackelte ich Sonntag Mittag zur angegebenen Adresse. Doch die Realität ist brüchig, wenn man sie mit niemandem teilt. War ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Hatte es die Einladung überhaupt gegeben? Vor der herrschaftlichen Villa zögerte ich kurz, denn nichts ließ auf eine öffentliche oder semiöffentliche Veranstaltung schließen. Ich wollte nur ungern sonntagmittags bei mir völlig unbekannten Leuten klingeln und nach einem Buffet fragen. Nachher meinen die Leute noch, sie müssten mich zum Sonntagsbraten einladen. Glücklicherweise fegte jemand die Treppe. Durch´s schmiedeeiserne Tor fragte ich also nach der Taipeh-Vertretung und bekam ein eifriges Nicken zur Antwort. Mir wurde aufgetan.

Die Gesellschaft

Im Flur nahmen mich etwa vier taiwanische Herren im Anzug in Empfang und überschlugen sich, mir die Garderobe zu zeigen, den Weg in die gute Stube zu ebnen und einen Stuhl zu besorgen. Mir zu sagen, wo ich ein Getränk bekomme, einen anderen Stuhl zu besorgen, diesen Platz ebenfalls wieder für unangebracht zu halten und mir schließlich einen weiteren Platz zuzuweisen. Herr Gu, den ich schon vor Jahren kennengelernt hatte, war auch dabei. Ein bekanntes Gesicht. Wir freuten uns.

Schließlich begrüßte mich Frau Chen Huayu (oder auch Chen Hwa-Yue), die seit Sommer letzten Jahres neue Botschafterin Taiwans in Berlin. Für die deutsche Anrede hatte sie sich vor vielen Jahren für den schönen Namen Agnes entschieden und ich fragte mich, ob sie sich selbst Angnes oder Agnes ausspricht. Langsam verstand ich, auf was für einer Art Veranstaltung ich gelandet war. Die Botschafterin Agnes Chen hatte gar nicht pro forma eingeladen, sondern tatsächlich. Zu sich nach Hause. Die Einladung war ganz wörtlich zu verstehen gewesen. Damit rechnet man doch nicht.

Und so saß ein Sammelsurium unterschiedlichster Leute um ihren Wohnzimmertisch herum. Außer mir noch zwei andere Regierungsstipendiat_innen, ein paar taiwanische Student_innen, ein Taiwandeutscher in zweiter Generation, Leute von der Botschaft, zwei von der Stadt Berlin, Ehemann und Tochter der Botschafterin, eine Frau mit taiwanischer Mutter und deutschem Vater.

Frau Chen stellte sich, ihre Familie, ihre letzten und ihre geplanten Aktivitäten vor und ermunterte dann ihre Gäste, es ihr gleichzutun. Das ging natürlich nicht ohne Scherze und viele Neujahrsglückwünsche ab. Auch das Bonmot: “das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde” wurde bemüht. Frau Chen ist sozial und persönlich fraglos eine immense Verbesserung gegenüber ihrem Vorgänger. Das ist zwar keine Kunst, aber sie macht eine daraus. Voller Ideen und Kontaktfreude.

Apfel und Birne

Frau Chen wurde von der seit 2008 wieder regierenden Guomindang entsandt. Diese Regierung hat den unbestreitbaren Vorteil, dass das Säbelgerassel zwischen China und Taiwan leiser geworden ist.

Die Volksrepublik China vertritt die Auffassung, dass es sich bei Taiwan um eine abtrünnige Provinz handelt. Die Guomindang, also die Nationalpartei auf Taiwan spiegelt das. Sie sagen, dass auf Taiwan die Republik China regiert, die ihren eigentlichen Sitz in Nanjing (auf dem Festland) hat und dort unrechtmäßig von den Kommunisten 1949 vertrieben wurde. Es handelt sich also um eine Art Exilregierung, die international ab den 1970er Jahren desto weniger anerkannt wurde, als die VR China an wirtschaftlicher und im Zuge dessen politischer Bedeutung gewann. Einigkeit besteht bei beiden Regierungen also über den Umfang Chinas, egal ob als Volksrepublik oder als Republik. Diese rein äußerliche Übereinstimmung scheint mittlerweile für Friede-Freude-Eierkuchen auszureichen. Ob die einen sagen: “es ist eine Birne!”, und die anderen: “es ist ein Apfel!” spielt keine Rolle.

Die Fortschrittspartei, die von 2000-2008 regierte, fand allerdings, dass die Republik nicht auf, sondern in Taiwan unabhängig geworden war. Dass es einen Apfel und eine Birne, mithin zwei Obste gibt. Wobei das zweite Obst keinerlei Ansprüche auf das erste erhebt. Nach der Wiederwahl der Fortschrittspartei wurden die Rufe nach der Erklärung eines Zweitobstes lauter. Umgehend zeigte die VR nicht nur die Zähne, sondern entsicherte auch die Waffen. Sprich, im Jahre 2005 verabschiedete die VR China das Anti-Abspaltungsgesetz, das militärische Schritte gegen Taiwan vorsah, sobald sich dieses formell für unabhängig erklärte. “Apfel oder Birne” heißt also Frieden. “Apfel und Birne” Krieg. Auch eine sehr brüchige Realität und keine wirklich gute Voraussetzung für eine freie Entscheidung.

Die Spielregeln

Die Fortschrittspartei sah sich also zur Politik der fünf Neins gezwungen. (Man beachte diese bizarre chinesische Begeisterung für Bezifferungen.) Das war der Deal. Die VR China bedroht Taiwan nicht akut militärisch und dafür hält sich Taiwan an die fünf Spielregeln:
Taiwan…

  • erklärt sich nicht für unabhängig
  • ändert nicht den Staatsnamen (zB in Republik Taiwan)
  • schreibt nichts in die Verfassung, was die Beziehungen zur Volksrepublik als „zwischenstaatlich“ bezeichnet
  • hält kein Referendum über die Änderung des Status quo ab
  • ändert nicht die Richtlinie der Wiedervereinigung.

Bei uns merkt man das dann an so Sonderbarkeiten, dass Taiwan an den Olympiaden als “Chinesisch Taipeh” antritt. Übrigens seit 1984 sogar regelmäßig bei den Winterspielen. Diesmal mit drei Athleten. Allerdings medaillenlos.

Was nun?

Nun ist die Vermeidung von Krieg grundsätzlich und bei so ungleichen Voraussetzungen insbesondere, unbedingt wünschenswert. Aber bitte was soll der Unsinn? Seit 1949 gehen beide Länder getrennte Wege. Die Generation, die auf dem Festland geboren wurde, stellte immer nur einen Anteil der Bevölkerung und stirbt langsam aber sicher aus. Warum sollen es nicht de jure zwei Länder sein, was sie de facto schon so lange sind? (Eine Frage, die ich mir und anderen vor über 25 Jahren auch häufig bezüglich DDR und BRD stellte. Das macht mich jetzt natürlich unsicher.)

Also kein Krieg. Aber Schmusekurs? Die ganz praktische Befürchtung ist, dass die VR China durch diese Schulterklopfpolitik die Gelegenheit bekommt, in Taiwan ungebremst ihre Interessen durchzusetzen. Das ist die Kehrseite dieser großen Entspannung und der immer stärkeren wirtschaftlichen Verflechtung der beiden Länder. Und die Größenverhältnisse sprechen eine deutliche Sprache: 1,3 Mrd gegenüber 23 Mio Menschen. Also im Apfel leben mehr als 50 Mal so viele Menschen und er ist auch 260 Mal so groß, wie die Birne. Ein Manga-Superapfel gegen eine Bonsaibirne.

Das größte Problem ist natürlich, dass nur ganze 22 Staaten noch diplomatische Beziehungen zu Taiwan als Republik China unterhalten. Zum Beispiel Swasiland und Tuvalu. Denn das bedeutet, keine diplomatischen Beziehungen mit der Volksrepublik zu unterhalten. Wir versuchen das auf sehr bescheidene Art wett zu machen und genießen das Buffet der Frau Botschafterin, die apfel-birnen-technisch eigentlich Repräsentantin der Taipeh-Vertretung heißt.

Kulinarisch und Kultur

Am Buffet gab es zwar weder Äpfel noch Birnen, aber jede Menge andere Köstlichkeiten. Unter anderem Jiaozi, diesen Teigtaschen, die zu Neujahr unbedingt gegessen werden müssen und Niangao, ein Klebreiskuchen, dessen Name als Klebkuchen oder aber auch sinngemäß als “im neuen Jahr wird´s besser” verstanden werden kann.

Es folgte ein entspanntes Geplauder, in dem ich allerlei erfuhr. Zum Beispiel etwas über die Notfallpläne der Stadt Berlin. Es ist schön, dass sich andere darüber Gedanken machen, was passiert, wenn in der Stadt der Strom ausfällt. Was für ein Glück die alten Wasserpumpen darstellen. (Wo ist eigentlich meine nächste?) Dass das Gas mit genug Druck durch die Pipelines kommt und nicht auf Pumpen angewiesen ist. Aber dass zum Beispiel im ganzen Stadtgebiet nur drei Tankstellen einen Anschluss für ein Notstromaggregat haben.Vom Aggregat selber mal ganz abgesehen.

Schließlich erklingt “Für Elise” vom Flügel im Salon. Ein Mitarbeiter der Taipeh-Vertretung läutet den kulturell gepflegten Teil des Nachmittags ein. Es übernimmt spontan ein taiwanischer Kompositionsstudent der Hanns-Eisler-Hochschule für Musik zusammen mit einer Anwärterin auf ein Gesangsstudium an der UdK. Nach einem Neujahrslied zum Mitsingen folgen Schubertlieder, die der Komponist in spe mal eben so vom Blatt spielt. Schließlich überzeugen wir ihn, noch ein Solo folgen zu lassen. Leider will er keine Eigenkomposition zum Besten geben, sondern entscheidet sich für Liszt.  Es ist alles ganz wunderbar. Und ich fühle mich so neunzehntes Jahrhundert.

Steckenpferd

Es liegt ja nahe, etwas über den chinesischen Jahreswechsel zu schreiben. Denn das Jahr des Pferdes hat just am 30.1.2014 begonnen. Nun hatte ich mich durch das Netz gekramt und verschiedene Prophezeiungen, Charakterisierungen und Aussichten für das Jahr herausgeschrieben. Anschließend habe ich den Zettel verlegt. Ich habe überall danach gesucht. Auch ein beherztes Ausschütten und Durchwühlen meines Papierkorbes änderte daran nichts. Der Zettel und mit ihm seine ganzen Erkenntnisse sind weg.

Vergallopiert

Das fühlt sich in etwa so an, als sei ich vorwärtsgestürmt, um dann plötzlich nicht mehr zu wissen, wo ich hinwollte und warum eigentlich so eilig. In so einer Situation fängt man dann gerne mal an, sich die Schuhe zu binden, oder in der Tasche zu kramen, damit es keiner merkt. Obwohl es allen anderen fürchterlich egal ist, dass man sich vergalloppiert hat. Vielleicht wird so ja das Pferdejahr. Ich weiß es nicht, denn ich habe ja den Zettel verbaselt und um nochmal von vorne anzufangen fehlt es mir ganz pferdisch an Geduld.

Ich brauche jetzt also im übertragenen Sinne eine Übersprungshandlung, ein Übersprungsthema gewissermaßen. Es wird das Jahr des Holzpferdes, also ein Steckenpferd, ein Schaukelpferd oder ein Danaergeschenk in Form eines trojanischen Pferdes? Wer oder was wird herausspringen?

Schritt für Schritt

Da kommt mir einer der berühmtesten Pferdemaler Chinas, Lang Shimin, gerade recht. Hierzulande ist er besser unter seinem Geburtsnamen Giuseppe Castiglione bekannt. Er war Jesuit, Missionar und Maler am Hof dreier chinesischer Kaiser. Ein Mann mit einer Mission, ein fleischgewordenes trojanisches Pferd. Denn im Gewand des Malers sollte Glauben an den Mann gebracht werden. Die Jesuiten wollten China dadurch missionieren, dass sie der chinesischen Elite wissenschaftliche Errungenschaften des Westens präsentierten und sie so langsam an den katholischen Glauben heranführten. Wäre erst die Elite konvertiert, würde der Rest der Schwarzköpfe schon nachfolgen. Die Idee war nicht dumm und so hielten sich ab etwa 1600 knapp 200 Jahre durchgehend einflussreiche und geschätzte Jesuiten am Hof. Sie assimilierten, sprachen, aßen und kleideten sich Chinesisch. Hin und wieder bekehrten sie auch jemanden.

Hürdensprung

Aber es war ein mühsames Geschäft. Obwohl die Jesuiten es vermieden, mit so Nebensächlichkeiten wie dem Kreuzestod Christi ins Haus zu fallen. Schließlich war die Elite in der Regel stark konfuzianisch orientiert und ein normaler Konfuzianer bekam ja schon beim Gedanken an buddhistische Reliquienknochen grüne Punkte im Gesicht. Tod ist schmutzig, Yin, bäh, vielleicht sogar ansteckend. Außerdem entzieht er sich geistiger Erfassung. Schließlich hatte sich Konfuzius ausdrücklich geweigert, über den Tod zu sprechen. So jemandem konnte man also nicht mal eben eine gefolterte Leiche zum Anbeten an die Wand hängen. Da war mehr Fingerspitzengefühl gefragt.

Pas de deux

Über Nächstenliebe konnte man sich näher kommen, sich durch ethisches und soziales Handeln empfehlen. Durch Gelehrsamkeit und geziemendes Verhalten bestricken. Der eine, gesichtslose Gott war den Chinesen, die ähnlich amorph einen väterlichen Himmel verehrten, immerhin nicht ganz fremd. Alle anderen Götter lassen sich ja zwanglos zu Heiligen umdefinieren. Das Konzept, dass man nur eins, beziehungsweise nur an einen glauben darf, wurde allerdings weniger einleuchtend gefunden.

Um nicht alle Erfolge von vorneherein zu verunmöglichen, vertraten die meisten Jesuiten ganz pragmatisch die Auffassung, dass die Ahnenverehrung und die Verehrung des Konfuzius genau genommen keine Religion darstellten, sondern nur eine diesseitige Ehrung. Das war eine insofern günstige Auslegung, da ein Konvertit sich daher nicht in heftige Konflikte mit dem Clan und der Pietät verstricken musste. Darüber, ob es sich bei der Ahnenverehrung um etwas religiöses oder soziales handelt, kann man sicher geteilter Meinung sein und war es auch. Auf jeden Fall war das Missionieren so ein gutes Stück einfacher.

Das Einfallstor der Katholiken nach China, ihr trojanisches Pferd war also die Wissenschaft, vor allem die Astronomie. Denn mit deren Hilfe konnte endlich wieder der Kalender richtig berechnet werden, was bei einem lunisolaren Konzept nicht ganz einfach ist. Da ging es dann zwar weniger um Ostern und andere christliche Feste, sondern eher um die Frage, wann welche “heidnischen” rituellen Handlungen ausgeführt werden müssen oder auch um die Bestimmung glückverheißender Tage für verschiedene Aktivitäten. Christlicher wurden die Chinesen dadurch nicht, aber die Katholiken hatten immerhin einen Fuß in der Tür. Matteo Ricci, Adam Schall von Bell und wie sie alle hießen. Daneben gab es dann halt auch noch Maler, Mediziner und Uhrmacher.

Wo laufen sie denn hin?

Es gab allerdings eine sehr viel einfachere und -aus Seelensicht betrachtet- nachhaltige Art von Christianisierung. Gerade ärmere Familien konnten sich nicht zu viele Kinder leisten und schon gar keine Töchter, die erst mitaßen, später mit Mitgift versorgt werden mussten und nach der Heirat einer anderen Familie gehörten. Also wurden weibliche Säuglinge häufig ausgesetzt oder in große Leichengruben geworfen. Da nichts leichter in den Himmel kommt, als ein frisch getauftes Kleinkind, gingen die Brüder also nach weggeworfenen Mädchen suchen, um sie zu taufen. Überlebten sie, nahmen sie sie mit, um sie im Waisenhaus großzuziehen. Aber das war mühsam und zeitaufwändig. Wegen Zölibat und Geschlechtertrennung auch nicht so einfach und außerdem auf Dauer nicht ganz billig. Diese Seelenretterkommandos hofften -wie sich aus Briefen in die Heimat unverblümt ergibt- dass die gefundenen Kinder bestenfalls schon halbtot waren, so dass sie direkt nach der Taufe sterben würden. Dann waren sie glücklich, die Brüder. Denn damit war allen gedient. Der Herrgott hatte gerettete Seelchen, die Kindlein hatten es hinter sich, die Priester hatten ein gutes Werk getan und niemand Scherereien mit den Gören.

Und dann doch abgeworfen

Die christliche Mission verlief also schleppend, aber nicht aussichtslos. Kleinere Christenprogrome mussten immer mal überstanden werden, aber man braucht schließlich auch ein paar Märtyrer, wenn man im Glaubensgeschäft ernstgenommen werden will. Den anderen katholischen Orden gelang es bei Weitem nicht, einen den Jesuiten vergleichbaren Einfluss bei Hof zu gewinnen, was vermutlich auch daran lag, dass ihnen die Assimilation oder Akkomodation der Jesuiten nicht recht geheuer war. Vielleicht war ihnen auch die Sünde des Neides nicht fremd. Sie beschwerten sich jedenfalls beim Papst. Der folgende Ritenstreit führte nicht unbedingt zur Verbreitung des christlichen Glaubens in China. (“Da streiten so ein paar hässliche Hanseles darüber, ob wir unsere Ahnen verehren dürfen? Ja wo samma denn?”) Als der Papst schließlich den Konvertiten die Ahnenverehrung verbot, war es ganz aus. Denn was der Papst kann, kann der Kaiser von China schon lange und der verbot dann eben das Christentum. So schießt man sich selbst ins Knie. Mit reiner Lehre, reiner Weste und reinem Gewissen.

Ende des Parcours

Das ganze hat mit dem Jahr des Pferdes natürlich nicht das geringste zu tun. Aber immerhin irgendwie mit Castiglione. Und dessen berühmteste Bildrolle ist nun mal das “Bild der 100 Rösser”, was mir jemand als Powerpointpräsentation zu Neujahr geschickt hat. Bäume sind auch drauf. Pferd und Holz. Geht doch.

Das einzige, an das ich mich -selbstverliebt wie wir Ziegenjahrgeborene nun mal sind-  bezüglich meiner Recherchen noch erinnern kann, sind die Voraussagen des Jahres für die Ziege. Der eine Wahrsager sagte: schlecht. Ein anderer: gut. Und der dritte: so lala. Das sind doch mal gute Nachrichten!

Pandamania

Ich wurde gerügt. Ich wurde gerügt, weil ich in meinem letzten Beitrag die Pandas so stiefmütterlich behandelt hatte. Und das, obwohl ich in Chengdu gewesen war. Nicht jedem mag sich der Zusammenhang sofort erschließen, aber Chengdu ist die Hauptstadt der Pandas. Das liegt einerseits daran, dass Chengdu die Hauptstadt der Provinz Sichuan ist, der in dieser Hinsicht wichtigsten der drei Provinzen, in denen überhaupt Pandas leben. Und andererseits weil es in Chengdu eben auch diese sensationelle, einmalige Pandaaufzuchtstation gibt.

Man kommt auch nicht umhin, die innige Verbindung Chengdus mit den Pandas zu bemerken. Schon am Flughafen begrüßt einen ein großes Schaufenster oder gar Atrium, in dem kniehohe Stoffpandas völlig artfremd Plastikdattelpalmen erklimmen. Steigt man dann draußen in ein Taxi, hat dies unumgänglich eine Werbung für die Aufzuchtstation auf der Motorhaube. Dazu gibt es nach konservativer Schätzung sicher 30 verschiedene Zigarettenschachteln mit Pandamotiven. (Diese extrem öde Beschränkung auf wenige Zigarettenmarken hierzulande, ist designerisch ein echtes Armutszeugnis.) Mein Lieblingszigarettenschachtelmotiv war ein jämmerlich dreinblickender Panda. So wie er aussah, hatte er Vater, Mutter und seinen Bambushain verloren. Die Marke wurde dann ausgerechnet mit “Pride” übertitelt. Das chinesische “Charme” darunter passte nicht viel besser. Obwohl: so sehen sie eben aus, Stolz und Charme des Pandas.

Die Anziehungskraft

In einem älteren Werbetext des WWF heißt es: “Wie wohl kein anderes Wildtier vermag der Grosse Panda (Ailuropoda melanoleuca) die Herzen der Menschen im Handumdrehen zu erobern – und zwar nicht allein die Herzen der Tierfreunde, sondern ebenso von Leuten, die sich sonst wenig für die Natur interessieren. Wo immer Bambusbären, wie die Tiere wegen ihrer bevorzugten Nahrung auch heissen, in Zoos gezeigt werden, sind ihre Gehege von morgens bis abends von einer Menge Schaulustiger umlagert. Wann immer die schwarzweissen Bären in die Schlagzeilen der Zeitschriften geraten, werden die Berichte über sie von unzähligen Lesern förmlich verschlungen. Was ist denn der Grund für diese geradezu magnetische Anziehungskraft, die der Grosse Panda auf die Menschen ausübt?” Ehrlich: ich habe keine Ahnung!

Nicht dass ich gleich missverstanden werde: Ich bin grundsätzlich gegen das Aussterben von Tieren. (Obwohl ich bei Zecken, die so gerne Borrelien in mich speien, fast bereit wäre, eine Ausnahme zu machen.) Ich finde, alle Tiere, Pflanzen und Steine sollten genug Lebensraum und Lebensqualität haben. Bambus den Bambusbären, Trauer den Trauerweiden und Blut den Blutsaugern. Aber dass der WWF ausgerechnet den Panda als Symbol des Erhalts von Tierarten gewählt hat, ist besorgniserregend. Hätten sie nicht ein Tier wählen können, das ähnlich gefährdet, aber ein bisschen hartnäckiger darauf erpicht ist, erhalten zu bleiben? Musste es ausgerechnet der Panda  mit seinen wenig auf Arterhalt angelegten Gewohnheiten sein?

Das Sexualleben

Schon die Fortpflanzung ist ein Problem. In Gefangenschaft wollen sie gar nicht. Das ist auch irgendwie nachzuvollziehbar. Möchte man Kinder in die Gefangenschaft setzen? Pandapornos helfen da auch nur sehr bedingt, Viagra gar nicht, so dass mittlerweile hauptsächlich zur künstlichen Befruchtung übergegangen wurde. In freier Wildbahn kommt es wohl alle paar Jahre mal zum GV. Man muss dazu wissen, dass die Pandainen nur drei Tage im Jahr fruchtbar sind. Nach mehreren Monaten bekommt Mutterpanda im Schnitt zwei Junge in maximal Hamstergröße. Beide aufzuziehen ist ihr dann aber schon wieder zu viel und so sucht sie sich eins davon aus, das sie dann allerdings auch eineinhalb Jahre pampern muss. Das andere hat halt Pech gehabt und stirbt persönlich aus. Mir ham´s ja. Dann zieht das nunmehr auf Bärengröße gewachsene Kind aus, um in vielleicht sechs oder sieben Jahren selber für Nachwuchs zu sorgen. Okay. Das ist im Vergleich zu uns ganz schön schnell und wir haben es ja auch zu einer Überbevölkerung gebracht. Selbst die Chinesen stehen trotz Einkindpolitik noch nicht knapp vor ihrer Ausrottung. Ganz im Gegensatz zum Panda.

Es ist unbestritten, dass die Eingrenzung und Zerstückelung seines Lebensraumes Hauptursache für die Dezimierung ist. Trotzdem fehlt es ihm grundsätzlich an Lebenstüchtigkeit. Ein in Gefangenschaft geborener Panda, der im Jahr 2006 nach drei Jahren Vorbereitung ausgewildert wurde, überlebte kein Jahr. Er fiel vom Baum. Ursache dafür waren womöglich Revierkämpfe. Die Dasbootistvollmentalität ist eben auch den Pandas nicht fremd. Er wurde nur fünf Jahre alt. In Gefangenschaft sieht das natürlich etwas anders aus. Baobao zum Beispiel, den Helmut Schmidt 1980 zum Geschenk erhielt, starb 2012 sicher im Zoo im reifen Alter von 34 Jahren. Allerdings ebenfalls kinderlos.

Die Ernährung

Eine Pandaüberbevölkerung ist auch wegen seiner ungesunden Ernährung kaum zu erwarten. So frisst er fast nur Bambus, obwohl er den praktisch nicht verwerten kann. Er ist ja schließlich ein Bär und keine Ziege. Dafür ist er den ganzen Tag (12-16 Stunden) mit dem Vertilgen der Stengel beschäftigt, bis er die etwa 20 kg geschafft hat, die ihn mit einem Minimum an Energie versorgen. Mit der Spezialisierung auf diese einseitige Ernährungsweise, stellt er sich gleichzeitg noch besonders effektiv ein Bein, da Bambus großflächig alle paar Jahrzehnte hysterisch blüht und dann ebenso großflächig stirbt. Bei dem Futterbedarf und der Trägheit der Tiere kam es sicher auch damals schon zu Hungertoten, als die Bambuswälder weniger zersiedelt und zerstückelt waren.

Der tiefere Sinn

Zunächst habe ich die Information, der Panda sei erst 1869 entdeckt worden, für so einen typisch eurozentristischen Unsinn gehalten. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher. Vielleicht hat sich die Evolution einen kleinen Scherz erlaubt und spaßeshalber erst kürzlich ein putziges, aber wenig überlebensgeeignetes Tier designt und auf den Markt geworfen? Und wartet jetzt amüsiert ab, wie Welt, Panda und Mensch aufeinander reagieren?

Als ich den Pandas in der Aufzuchtstation beim Fressen zusah, fläzten sie auf ihrem Hintern, griffen in einem mechanischen Ablauf nach Futter und schoben sich das systematisch und unbeteiligt ins Maul. Die Reste fielen auf ihren dicken Bauch. Ablauf und Haltung wirkten wie eine Parodie eines HartzIV-Empfängers in dritter Generation beim Chips essen vor dem Fernseher. Nur dass sich der nicht so viele Chips leisten kann, wie der Panda Bambus braucht. Aber es handelt sich, um eine ähnlich einseitige Mangelernährung. Und langsam verstehe ich auch die hellsichtige Wahl des Pandas zum WWF-Wappentier: er ist das Symbol gegen Gentrifizierung. Im schwarzweißen Jogginganzug.

Transferleistungen

Es war wieder so weit. Die Chinagruppenreise stand an. Wir fuhren nach Sichuan, der Provinz in der man von innen mit Chili und Sichuanpfeffer gewissermaßen gepökelt wird.

Nach daoistischen Bergen und Klöstern, alten Dörfern und Megacities machten wir uns in den tibetischen Kulturkreis auf. Dazu muss man wissen, dass im Grunde nur das tibetische Hochland offiziell Tibet genannt wird. Von diesem allgemein bekannten Hochland müssen die Berge dann runter in die Ebene, und das tun sie üblicherweise in einzelne, separierte Täler gefaltet. In den Faltenwürfen der Gebirge, in diesen unzugänglichen Gegenden, die auf der Südostseite bürokratisch zu Sichuan gehören, leben seit alters her vor allem Tibeter. Und diese speziellen Faltenwurftibeter waren traditionell noch schwieriger regierbar, als ohnehin schon. Dalai Lama, Kaiser, König oder Fürst von nebenan: alle sind einfach sehr fremd und weit weg. Denn der Ort ist schlecht zu erreichen. Also kämpften beispielsweise die aus dem einen Tal gegen die aus dem Nachbartal. Weil die so einen unmöglichen Dialekt sprechen und komische Bräuche haben. Das Maibaumklauprinzip. So lokal-anarchisch ist es natürlich nicht mehr. In Zeiten von Partei, Globalisierung und Internet ist das nicht mehr so angesagt. Und so fuhren wir in eines dieser zahllosen Täler.

Dass diese Gegend auch tibetisch ist, auch wenn die Chinesen sie nicht so nennen, merkten wir spätestens daran, dass wir eine gewisse Miss Hu an die Seite bekamen, die normalerweise als Reiseleiterin in Chengdu mehrmals wöchentlich Touristen zur Pandaaufzuchtstation führt. Aber zur Not übernimmt sie eben auch Gouvernantenjobs. Je weiter wir die Ebene verließen, desto missmutiger wurde unsere Abby Hu. Barbarenland, Barbarenessen. Schauderhaft. Sie war angeblich schon mal da, hatte aber offenbar vergessen, dass dort Shorts und T-Shirt als Bekleidung nicht ausreichen, auch wenn noch so sinnreich “Are you happy?” draufsteht. Sie war die gelebte Antwort.

Unser Busfahrer Herr Ren war besser ausgestattet, verlor aber ebenfalls zusehends seine Lebensfreude. Vom Herzhaftcholerischen wandelte er sich zum Missmutigcholerischen mit depressiven Episoden. Noch bevor wir den ersten Pass anfuhren, musste er Rast machen, um zu essen. Sich quasi Mut anessen. Vermutlich lag das am Zustand der Straßen, die ihn und seinen Bus vor große Herausforderungen stellten. Für rund 200 km brauchten wir über 10 Stunden. Und für gut unter 200 km auch noch mal.

In Tälern, in die nur eine Straße führt, ist halt schnell mal Schicht im Schacht und Ausweichrouten gibt es keine. Mal hielt uns das Mutanessen auf, mal ein Erdrutsch. So weit, so gut. Der Tag war lang, der Himmel weit, die Chefin im tibetischen Restaurant ausgesucht schön, der Raupenpilzschnaps gesund und der Buttertee köstlich. Wer will da über einen Tag im Bus jammern?

Am nächsten Morgen vertrödelten wir uns in zwei Klöstern und Herr Ren schnaubte schon durch geblähte Nüstern, als er uns -seiner Ansicht nach viel zu spät- auflas. Doch als wir einen über 4000m hohen Pass hinter uns gelassen hatten und der bisher graunasse Himmel aufriss, so dass dieses typische Höhenblau alle Farben zum Leuchten brachte, war er doch bereit, in einem Tal anzuhalten, in dem eine Tibeterin Yakjoghurt verkaufte. Wir schauten, wir kauften, wir aßen, wir genossen. Frohgemut machten wir uns wieder auf den Weg. Um nach etwa 3 km wieder zu stehen.

Aber die Sonne schien, der Stau ließ und an einem Fluss voller Manisteine halten, wir waren entspannt. F und ich marschierten neugierig und voller Bewegungsdrang an den Kopf der Schlange, um zu sehen, was los ist. Es stellte sich als ein Unfall zwischen zwei der unzähligen identischen LKW heraus. Die Polizei war mittlerweile eingetroffen, aber die Schuldfrage noch ungeklärt. Es wurde wild diskutiert, auf die Schäden am Fahrzeug, auf Bremsspuren, auf topografische Gegebenheiten hingewiesen. Dabei wurden die Kontrahenten nicht nur von dem Polizeibeamten begleitet, sondern auch von einer gewissen Anzahl Wartender, die sich auch gerne durch hilfreiche Bemerkungen nützlich machten. Wir schlossen uns dem Pulk an und gingen hin und her und schauten interessiert, beflissen und fachkundig zu, wie alle anderen auch. Nur Bemerkungen machten wir dann doch keine. Irgendwann schien die Sache geklärt zu sein und wir eilten die endlose LKW-Schlange zum Bus zurück, denn wir wären ungern gelaufen, wenn die Kolonne der LKW auf der Gegenspur anfängt, an uns vorbeizukacheln. Trotzdem war die Eile natürlich unnötig. Denn gut Ding will Weile haben.

Schließlich ging es weiter. Immer noch waren wir waren hochgestimmt. Sonne, Höhenluft, Vorwärtsdrang. Unser Busfahrer hatte ein neues Essensziel vorgeschlagen und wir waren einverstanden, denn Hunger und Durst machten sich bemerkbar. Durch die ständige Verfügbarkeit von Essen im Tiefland verwöhnt, hatten wir nicht sehr gut vorgesorgt.

Vielleicht fünf Minuten später zog Regen auf. Ergiebiger Regen. Kurz darauf standen wir wieder im Stau. Die Hochstimmung bekam aprupt Schlagseite. Die Langmut, die sich zuvor so gut angefühlt hatte, überstand diese Prüfung nicht. Was war los? Wir wussten es nicht. Wir waren kurz vor einem Ort und die Asphaltdecke fand dort ein jähes Ende. Das ist wie bei uns. Weil die Kommunen pleite sind, fährt man ab dem Ortsschild plötzlich durch eine Kraterlandschaft. Hier war es nun kein Ortsschild, sondern ein Eingangstor. Das weiß ich, denn trotz mittlerweile ebenfalls aufziehenden Gewitters war ich Teil einer Truppe, die wegen dringender menschlicher Bedürfnisse gezwungen war, den nun schützenden Bus zu verlassen. Die Ansprüche an das Örtchen sanken mit jemandem Schritt, den wir tiefer in den schlüpfrigen, grauen Matsch gerieten beträchtlich. Letztlich taten es ein paar Grünpflanzen am Straßenrand. Bei diesem Ausflug konnten wir feststellen, dass die Straße zwar in einem erbärmlichen Zustand, aber im Übrigen frei war. Warum fuhr dann aber niemand? Schließlich hieß es, dass die Ortsdurchfahrt komplett gesperrt war, um notwendige Straßenarbeiten vorzunehmen. Für noch zwei Stunden in etwa.

Nach Aufwallungen, Streitereien, Empörungen, dem Abklingen des Gewitters, dem Ablauf einer guten Stunde und des Aufbrauchens letzter Wasserreserven, beschloss der Großteil durch den Matsch in den Ort zu laufen, um dort etwas zu essen. Gesagt, diskutiert, verworfen, wiederaufgegeriffen und getan. Aber es galt: sollte es losgehen, lassen alle ihre Stäbchen fallen und springen in den Bus sobald der auf Höhe unserer Lokalität auftaucht.

Nun reiste in unserer Gruppe die Chinesin X mit. Schon in der Theorie war es schwierig, ihr diesen Plan plausibel zu machen. Ein Essen stehenlassen? Sie warf die potenziell gekränkten Gefühle des Kochs als Pfand in die Runde. Nun ja. Aber natürlich hofften wir alle, Zeit für ein ausgedehntes Gelage zu haben. Miss Hu und ein paar andere blieben gleich im Bus. Wir glipschten also erneut durch den grauen Schlamm und nicht nur ich versank knöcheltief. Es war kalt und nass und dreckig. Aber im Lokal gab es Tee, Bier und die Aussicht auf warmes Essen. Die Stimmung stieg.

Zeitgleich setze sich die LKW-Kolonne in Bewegung. War ja klar! Also kein Essen. Wir bekamen ein paar Schälchen Reis eingepackt und mussten X förmlich aus dem Lokal schleifen. Ich glaube, sie unterwarf sich lediglich dem Gruppendruck und weniger dem Gedanken, dass es vielleicht eine schlechte Idee sei, einen Bus auf einspuriger Piste halten zu lassen, weil ein paar Leute etwas essen wollen. Glücklich über die paar Schlucke heißen Tees – man wird ja bescheiden-, stiegen wir wieder ein und verteilten grauen Schmodder im Bus. Viel grauen Schmodder.

Und die Stirnfalten des Herrn Ren wurden tiefer und tiefer. Tief wie die tibetischen Täler wurden sie beim Fahren durch die tiefen Schlaglöcher auf der schlammigen Straße. Auch wir hielten den Atem an. Beim nächsten Halt schimpfte, grummelte und zeterte er die halbe Stunde, die er zum Feudeln des Busses brauchte ununterbrochen. Laut und ungebremst.Weil ein verschmutzer Bus so gefährlich sei. Der Schlamm war auch in die Kofferräume gedrungen und so konnte dort noch ein wenig weitergefeudelt und geschimpft werden. Irgendwann erreichten wir im Dunkeln offenbar die Kulturgrenze zu Tibet, denn nun wurden Pässe kontrolliert und Miss Hu hatte ihren einen Einsatz. Danach dauerte es nur noch einige wenige Stunden und wir waren auch schon da.

Der Zwiespalt zwischen dem Wunsch bequem und einigermaßem zügig voranzukommen und dem Gefühl unangemessenen und mit untauglichen Mitteln einzudringen, war groß. Selten habe ich den Widerspruch zwischen China und Tibet unmittelbar so stark erlebt. Die Mühsal des Zusammentreffens, des Austausches. Zu fühlen, dass einen das eigene Interesse treibt, während einem die Gegebenheiten lästig sind. Gleichzeitig wird auf der Klaviatur des Widerspruchs zwischen Moderne und Tradition, Technik und Natur gespielt, wobei die Fronten in diesen Fällen sicher nicht zwischen Chinesen und Tibetern verlaufen. Das Faktische ringt einen mal ganz schlicht und ergreifend zu Boden. Dabei war noch nicht einmal etwas passiert.

Diese große Unzulänglichkeit konnte ich dann ganz bequem mit einer viel kleineren bekämpfen. Miss Hu hatte nämlich Geburtstag. Ihr eigentlicher Wunsch, mit X eine kleine Tour durch die Gemeinde zu machen, wurde durch herabstürzende Wassermassen und der Ferne der Gemeinde (etwa 2km) vereitelt. Die Alternative war eine Runde Mahjong, wofür es vier Spieler_innen braucht. M und ich erklärten uns bereit. Wir nahmen an einem dieser automatischen Mahjongtische Platz, die offenbar auch ihren Weg in das tibetische Sichuan gefunden hatten und für die man wie bei uns für einen Billardtisch zahlt. Während oben die neue Runde schon gespielt werden kann, werden die alten Steine unten gemischt und in eine Mauer sortiert. Technisch und effizient. Autobahnen statt Bergstraßen.

Zunächst diskutierten Hu und X eine Weile, denn natürlich wird in den Städten Chengdu und Taoyuan nach unterschiedlichen Regeln gespielt. Aber nachdem eine Art “Ohne-Neunen”-Regel erbittert umkämpft worden war, gab Hus Geburtstag dann den Ausschlag. Wir spielten also Chengdu-Style. Ich war erst komplett im Stress und als ich andere auch wieder wahrnehmen konnte, voller Bewunderung für M, die chinesisch weder lesen noch sprechen konnte und es trotzdem irgendwie schaffte mitzuspielen und ihre Steine anzusagen. Steine auf denen weder arabische Zahlen, noch lateinische Buchstaben stehen. Hu bespielte nebenbei noch gelangweilt ihr Smartphone, denn die Chengduer spielen eigentlich so, als wäre es ein Wettrennen.

Doch all das nützte ihr nichts. Nach einem ersten Erfolg gewannen nur noch X und ich. M bekam von mir den Preis für herausragende Anpassung an schwer begehbares Gelände. Hu rauschte missmutig ab.

Doch am nächsten Abend gewann sie unsere Sympathie zurück. Völlig überraschend gesellte sie sich mit einem Bier zu uns. Erst erzählte sie, dass sie gerne Sketche von Anke Engelke im Internet ansähe, weil diese Art über das Geschlechterverhältnis Witze zu machen, für Chinesinnen ganz und gar unmöglich sei. Dann berichtete sie von ihrer unglücklichen Liebe und dem Heiratsstress, den ihre Mutter ihr mache. Von den endlosen arrangierten Treffen. Und dann gestand sie noch, dass sie Fotos von unserem Spiel gepostet hätte. Dieser Nachklang war offenbar viel erfolgreicher als das Spiel selbst und schließlich räumte sie auch ein, dass sie behauptet hätte, die Gewinnerin des Abends gewesen zu sein. Denn: was zuviel ist, ist zuviel.

Gelbstiche

Wir haben Kant eine Menge zu verdanken. Zum Beispiel schwer verständliche Bücher. Erkenntnistheorie. Den kategorischen Imperativ. Aber der Kant, Immanuel war ja kein Fachidiot und hat sich auch in Anthropologie versucht. So hat er uns außer aufklärendem Gedankentum auch gelbe Chinesen hinterlassen. Er war halt doch eher Denker als Empiriker, denn wer, der schon mal mehr als zwei Chinesen außerhalb einer Gelbsuchtsquarantäne gesehen hat, würde ernsthaft behaupten, dass sie gelb sind?

Vor Kant und anderen seiner Zeitgenossen galten Chinesen als weiß, abgesehen von den Kantonesen im Süden, die wiederum braun sein sollten. Braun wie Spanier. So wie der durchschnittliche Spanier dunkler ist, als der durchschnittliche Engländer, wie man sich selbst durch überlieferte Erwartungen gefestigte Erfahrungen suggeriert. Als ich mit elf Jahren eine Freundin in Madrid besuchte, spielte ich zwar vor allem mit Spaniern, die alle wesentlich blonder waren als ich alemannisches Preußenkind, aber an der Carmen-Blaupause hielt ich trotzdem fest. Kanarische Ureinwohner sollen übrigens ebenfalls blond gewesen sein.

Die Hautfarbe war mir tatsächlich schon früh ein Problem. Welche Farbe nimmt man zum Malen von Haut? Rote Pullover, blaue Hosen, braunes Haar, alles kein Problem. Aber was ist mit Händen und Gesicht? Rosa bot sich in meiner hellhäutigen Umgebung an. Befriedigend war das aber nicht. Die so abgebildeten Personen sahen nach einer Kohlenmonoxidvergiftung aus, oder zumindest nach sehr hohem Blutdruck. Tatsächlich hat kaum ein Lebendiger rosa Haut, zumindest nicht in den Farbtönen, wie sie das Federmapperl hergibt. Alternative: Weiß. Das wirkte noch falscher. Und ähnlich ungesund. Gelb war für Chinesen reserviert, die dadurch auch nicht realistischer wurden und zu allem Überfluss einen gelben Strohhut tragen sollten. Gleiches galt für alle andere Farben, die ich in den Gesichtern unterschiedlichster Ethnien ausprobierte. Die einzige Farbe, die wirklich funktionierte war das Grün für die Marsmenschen. Doch die interessierten mich nicht.

Bis zum 17. Jahrhundert galten Chinesen den Europäern also als weiß. Aber was trieb ihnen dann die Gelbe ins Gesicht? Ein gewisser Walter Demel schreib freundlicherweise einen kleinen und zitatreichen Beitrag dazu, aus dem ich hier schöpfen kann.

Während der Zeit der Aufklärung herrschte eine große Begeisterung am Systematisieren. Ich verstehe das. Die Versuchung, das Leben und die Leute darin aufzuräumen und zu sortieren ist groß. Und genauso zum Scheitern verurteilt, wie eine dauerhaft gültige Unterteilungen des eigenen Posteingangskorbes, oder vergleichbarer Hilfskonstrukte. Also wurde schließlich die “Rasse” erfunden. Nur falls es jemand nicht weiß, möchte ich hier als kurzen Einschub Wikipedia zitieren:

“In der Biologie wird die Art Homo sapiens heute nicht mehr in Rassen unterteilt. Molekularbiologische und populationsgenetische Forschungen haben seit den 1970er Jahren gezeigt, dass eine systematische Unterteilung der Menschen in Unterarten ihrer enormen Vielfalt und den fließenden Übergängen zwischen geographischen Populationen nicht gerecht wird. Zudem wurde herausgefunden, dass der größte Teil genetischer Unterschiede beim Menschen innerhalb einer geographischen Population zu finden ist. Die Einteilung des Menschen in Rassen entspricht damit nicht mehr dem Stand der Wissenschaft.”

Das sah man damals ganz anders, denn schließlich hatte man ja den Rassebegriff eben erst erfunden. Der Botaniker und Zoologe Linné gliederte im Zuge dessen nicht nur den Menschen systematisch in das Tierreich ein, wobei sympathischerweise auch das Faultier zu den Menschenähnlichen gehören sollte, sondern unterteilte auch die Menschen: weißlicher Europäer, rötlicher Amerikaner, brauner Asiate und schwarzer Afrikaner. Der Unterschied der “Rassen” -so wurde damals vermutet- lag im Klima begründet. Von Weiß am Polar bis zu Schwarz am Äquator. Eine andere Meinung verknüpfte die Hautfarbe eher mit Intellekt und Gesittung. Dazu muss ich mich wohl kaum äußern.

Aber um auf Kant zurück zu kommen: als er im Jahr 1775 Vorlesungen über die Rasse hielt, ging auch er von der Klimathese aus. So seien die Inder olivgelb (sic!), weil wegen der trockenen Hitze Gallenflüssigkeit ins Blut gelänge. Die Mischung der offenbar dauergelbsüchtigen Inder mit den weißen Hunnen habe dann den Chinesen hervorgebracht. (Und die Mischung der Ente mit dem Wolf mit dem Hasen den Wolpertinger.) Jeder, der schon mal Farben gemischt hat, kann sich das Ergebnis ausmalen: ein grünliches Hellgelb. Blöderweise wurden diesem lustigen Potpourri zusehends die Charaktertheorien untergehoben.

Das Ergebnis ist bekannt und in der Filmindustrie gerne bedient. Hell ist gut und dunkel ist böse. Schneewittchen ist da haarbedingt schon eine richtige Überraschung. Der Zusammenhang zwischen Hochachtung und der wahrgenommenen Hautfarbe führte dazu, dass der Chinese immer dunkler oder zumindest gelber wurde, je weiter der Europäer ihn von sich weghalten wollte. Leibniz fand die Chinesen zum Beispiel toll und hielt sie zusammen mit den Europäern für maßgeblich und alle anderen Völker für klimatisch bedingte Entartungserscheinungen. Montesquieu wiederum hielt die Chinesen für das betrügerischste Volk der Erde und bereitete die Idee der “gelben Gefahr” vor. Beliebt war auch die These, dass die Mongolen das übelste aller Völker wären, deren chinesische “Untergruppe” immerhin ein bisschen was auf dem Kasten hätte. Und auch heller war. Man war dem Chinesen nicht ganz grün, aber sah auch nicht gleich rot. Oder schwarz. Ich wäre ungern in der Situation einem ebenfalls in Rassismen gefangenen Chinesen zu erklären, dass die großen aufklärerischen Denker Europas ihn für eine Art possierlichen Mongolen hielten.

Gelb war also weniger eine tatsächliche Beobachtung, als eine Art Kompromiss. Nicht nur als farbliche Mischung, sondern vor allem als Äußerung einer Ambivalenz. Braun ist rein als Farbe uninteressant, eine angenehm indifferente Mischung aus allem. Doch Gelb ist extrem ambivalent. Giftige Warnung oder sonniges Gold. Nicht weiß, also nicht gleich, nicht so pur, aber eben auch nicht ganz so weit weg. Immerhin irgendwie halbzivilisiert. Und der Europäer weiß nicht, ob ihn das Gelb des Abscheus oder des Neides umtreibt.

Tatsächlich haben die Chinesen einen starken Bezug zu Gelb. Die Wiege der chinesischen Kultur am Gelben Fluss, der mythologische gelbe Kaiser, der Totenort der gelben Quellen, das Gelbprivileg des Kaisers, die gelbe Erde. Aber gelbe Hautfarbe? Chinesen machten und machen den Unterschied zu Europäern weniger an der Hautfarbe fest, sondern eher an stechenden Augen, Hakennasen und unanständig vielen Körperhaaren. Auch kein störungsfreies Konzept. Aber was soll´s? Die sehen ja eh alle gleich aus!

Erst viel später habe ich mitbekommen, dass Fleischfarbe tatsächlich eine große Herausforderung ist und nicht einfach nur ein Problem meines kindlichen Unvermögens und der Farbstiftbegrenzung war, auch wenn ich unter beidem lange gelitten habe. Die menschliche Haut ist so vielfältig und vielschichtig, dass jede Vereinfachung scheitern muss. Die Aufklärer hätten die Maler fragen sollen und nicht die Zoologen. Als ich später durch die Gemäldegalerien striff, um herauszufinden, wie Haut eigentlich abgebildet werden kann, kann ich gerade für helle Haut Rubens nur empfehlen. Da herrscht kein Mangel. In all dem schwellenden Fleisch konnte ich vor allem viel Grün entdecken. Also doch.

Vom Konservieren

Manchmal möchte ich gerne fernsehen und nicht in die Ferne sehen. Das mag grundsätzlich nicht die klügste Entscheidung sein, aber so ist es eben. Oft kommt aber nichts Ansprechendes und dann wurschtel ich mich manchmal durch die Mediatheken. Letztens bin ich bei der guten alten Tante ZDF hängengeblieben. Und was soll ich sagen? Dort fanden Mumienwochen statt. Allerdings unmottoriert. Ohne jeden Leitfaden, konnte ich mir Dokumentationen über alle nur erdenklichen Mumien und Artverwandte ansehen.

Wenig überraschend waren nicht alle Beiträge wirklich interessant, insbesondere was die klassischen, die ägyptischen Mumien anbelangt. Vielleicht sind die schon zu abgegriffen. Einer wollte zum Beispiel aufdecken, wie mit den Mumien in der frühen Neuzeit so umgegangen wurde. Ein interessantes und auch bestürzendes Thema.Trotzdem enttäuschte die Reportage, weil sie nur skandalisierte. Europäer aßen also im vorletzten Jahrhundert Mumien als Arznei. Gegen was? Wie kamen sie darauf? Und hatte das irgendeine nachvollziehbare Grundlage? Maler vermalten Mumien. In den großen europäischen Museen hängen also Bilder der Meister mit Leichenteilen drauf. Natürlich ist das ein Skandal. Wenn die Archäologie eine Mumie wäre, würde sie sich vermutlich im Grabe so oft herumdrehen, bis sie sich selber ausgewickelt hätte. Von der Ethik ganz zu schweigen. Aber was ist der Hintergrund? Es musste dafür ja einen Grund geben, denn diese tausenden und abertausenden von verarbeiteten Mumien waren sicher nicht billiger, als sie nicht zu verwenden. Auf Privatparties wurden sie als Nackedei aus der Torte enthüllt. Gut, das ist geschmacklos, aber erklärt sich von selbst. Doch war der Brennstoffmangel in Ägypten wirklich so groß, dass tonnenweise Mumienbandagen in der ägyptischen Eisenbahn verfeuert werden mussten? Ich habe ja nichts gegen Dokumentationen, die Fragen offen lassen, aber so ganz ohne Antworten ist es doch enttäuschend. Immerhin waren die meisten anderen Mumienbeiträge sehr interessant.

Darunter natürlich eine über eine der ältesten Mumien überhaupt. Die Similaun-Mumie, der Mann vom Hauslabjoch, über 5000 Jahre alt, ein unerschöpflicher Quell für Dokumentatoren. Sein Leben, sein Sterben. Eigentlich ist er themenfremd, da nur zufällig mumifiziert. Nebenbei hat sein Fund zu einer variablen Grenze zwischen Österreich und Italien geführt, je nach Gletscherschmelze. Das hätte er sich sicher nie träumen lassen. Das hätte er sich unmöglich ausdenken können.

Als ich 1987 das erste Mal nach China reiste, stieß ich auch auf Mumien. Die Rekonstruktion dieser Reise ist allerdings nicht so einfach, denn weder hatte ich einen Reiseführer (in der Wortbedeutung Buch), noch einen Fotoapparat. Ersteren hatte ich nicht auftreiben können und letzteres lehnte ich damals aus unterschiedlichen Gründen ab. Schade eigentlich. Aber ich hatte ein Zeichenbuch dabei, in das ich zwar schändlich wenig notiert und gezeichnet hatte, aber eine Mumie war drin und sogar eine halb verwischte Notiz: Turfan, Astanagräber. Heute kann ich einfach im Internet nachsehen und da steht bei Astanagärbern etwas von einem alten Gräberfeld aus den Jahren 273-778.

Ich selber erinnere mich noch, vor einer toten Frau gestanden zu haben, ohne jeden Schutz gegen die durch mich und alle anderen hereingetragene Feuchtigkeit. Sie lag einfach da, die mutmaßliche Prinzessin. Vielleicht lag auch ihr Gatte daneben, ich weiß es nicht mehr. Gut 1200 Jahre alt und die Haare waren spärlich. Aber die Fingeradrücke hätte man immer noch nehmen können. Und die Zähne! Die Zähne waren besser als meine damals. Von heute ganz zu schweigen. Das hatte ich notiert. Die uralte Leiche lag mit offenem Mund da, die Zähne gebleckt, das weiß ich, denn ich habe sie gezeichnet. Und sie beneidet um dieses wunderbare Gebiss. Als hätte es noch irgendeinen Nutzen.

Dass die Toten dort so gut erhalten sind, liegt nicht nur an der Kunstfertigkeit der Bestatter, sonder vor allem an dem extrem trockenen Klima. Leider fand ich darüber keinen Beitrag im ZDF. Dafür etwas über geopferte Inkakindermumien und so. Und eben auch einen Beitrag über die Markgräfin von Dai, bürgerlich Xin Zhui.

Viel habe ich schon von ihr gehört und auch Fotos gesehen. Aber erst der Film enthüllte mir ihre ganze Anmut. Da können die Ägypter, Ötzi und die Inkaopfer einpacken. Entdeckt wurde die Dame 1971. Eigentlich nicht der beste Zeitpunkt für einen Antikenfund, denn als antik dürfte die über 2000 Jahre alte Dame wohl gelten. Die Beschädigung archäologischer Funde durch die Untersuchung galt trotz Kulturrevolution als Respektlosigkeit gegenüber dem Land und so wollte zunächst keiner der Pathologen die Tote untersuchen. Der Jungpathologe Peng Longxiang übernahm frei nach dem Motto “das neugeborene Kalb fürchtet den Tiger nicht” schließlich die Leitung der Obduktion. Es fiel ihm nicht schwer, denn die mit etwa 50 Jahren gestorbene Dame konnte praktisch wie eine frische Tote seziert werden.

Ob er das heutzutage auch noch hätte machen dürfen? Organe einfach mal entnehmen und auf die Waage werfen, so tun, als wäre sie nur eine x-beliebige Tote? Ich verstehe die Bedachtsamkeit der modernen Archäologen, aber gleichzeitig denke ich, dass ein Leben nach dem Motto “wenn ich einmal groß bin” kein sehr gelungenes Lebensmotto ist. Wir wollen doch nicht nur später wissen, sondern jetzt. Und zwischen Mumien vermalen, vertilgen oder verfeuern und sie so gut wie möglich behutsam zu erforschen, liegt doch eine gewisse Bandbreite. Schon jeder Verhaltensforscher weiß, dass die Untersuchung als solches das Ergebnis verfälscht. Das ist bei Archäologen und Pathologen nicht anders. Das sind so Tragiken, die man einfach ertragen muss, denn auch bei immer besserer Technologie, wird es trotzdem immer so sein. Das ist das mit dem Hobel und den Spänen. Na, wie auch immer. Lady Dai landete jedenfalls auf dem Seziertisch.

Anders als die Ägypter hatten die Chinesen damals ihre Pyramiden nicht in die Höhe, sondern umgedreht in die Erde gebaut. In so einer unterirdischen, zwölf Meter tiefen Grabkammer, wurde die Tote in zwanzig Lagen Seide gewickelt und in mehrere ineinander geschachtelte Särge gelegt. Darum kamen mehrere Tonnen Kohle und eine Einmeterschicht Ton. Dann wurde der Rest mit Erde zugeschüttet und obendrein darüber ein Hügel gebaut. Im innersten Sarg befand sich eine geheimnisvolle rote Flüssigkeit mit Spuren von Zinnober, also Quecksilbersulfid, von der nachwievor unklar ist, ob sie zufällig eindrang, oder absichtlich der Konservierung dienen sollte. Vielleicht kann man mit Quecksilber doch eine Art Unsterblichkeit erlangen, wenn auch anders, als die Alchemisten früher annahmen.

Das Spektakuläre an Lady Dai ist einerseits ihr Erhaltungszustand insgesamt. Und das in einer Gegend, die zum Konservieren wegen der hohen Feuchtigkeit denkbar ungeeignet ist. Andererseits verwundert ihre Frische. Dem Mann vom Hauslabjoch wurden allein zur neuzeitlichen Grablegung mehrere Knochen gebrochen. Steif, hart und trocken sind sie, die Mumien. Gefriergetrocknet oder gepökelt. Nicht so die sanfte Lady Dai. Sie wurde praktisch eingeweckt. Ihre Gelenke sind heute noch beweglich und ihr Fleisch elastisch.

hre Haare waren -trotz der fünfzig Jahre- schwarz wie Ebenholz (mit einem ergänzenden Haarteil), die Haut gräulichgelb wie Schnee in Beijing, schimmernd und elastisch. Die Lippen waren zwar nicht mehr rot wie Blut, aber immerhin fand sich noch rotes Blut in ihren Adern. Und auch die Organe waren an ihrem Platz und konnten allerlei verraten. Beispielsweise, dass sie außer an Band- und Peitschenwürmern vor allem an  Zivilisationskrankheiten litt: Übergewicht, Gallensteine, Bandscheibenvorfall, und verfettete Herzkranzgefäße. Immerhin überlebte sie trotz ihres bedenklichen Zustandes ihren Gatten um knapp zwanzig Jahre und um ein paar Jahre auch noch ihren Sohn.

Doch ein weiteres Gelage machte ihr schließlich den Garaus. Sie starb am Herzinfarkt, ausgelöst vermutlich durch eine Komplikation und Schmerzen, die ihr die Gallensteine bereiteten. Das machte das verfettete Herz nicht mehr mit. Es ging so schnell, dass ihr Magen noch gar keine Zeit gehabt hatte, all die einverleibten Köstlichkeiten auch nur ansatzweise zu verdauen. So hatte der Pathologe auch noch Freude an ihrem Mageninhalt. Es ist wenig überraschend, dass die rund 1000 Grabbeigaben der Lady Dai überwiegend ihrem leiblichen Wohl dienen sollten. Die Vielfalt der Nahrungsmittel überraschte die Fachwelt.

Im Provinzmuseum Hunan kann man Lady Dai heute in Lebensgröße sehen: als allerhöchstens 30jährige ptototypische Schönheit in Wachs. Ich werde nie verstehen, warum man eine Nachbildung herstellt, die alles ist, nur keine Nachbildung. Aber man kann sie dort auch in Sterbensgröße sehen, als uraltes, etwas aus dem Leim gegangenes Schneewittchen in einem gläsernen Sarg.