Die Schildkröte in ihrer natürlichen Umgebung

28. April 2012

Die Erde ist nach klassisch chinesischer Auffassung ein Quadrat, mit verschiedenen konzentrischen  Quadraten (das klingt irgendwie widersinnig. Also gut: ineinandergeschachtelten Quadraten) in dessen zentralstem Quadrat, also praktisch dem Nabel der Welt der Kaiser sitzt. Wer sonst. Über der Erde wölbt sich rund der Himmel. Da der Kaiser der Sohn des Himmels ist, stülpt sich dort die eine Welt in die andere. Nabel eben.

Ein Tier, die diesen Aufbau, allerdings ohne Kaiser und Nabel, sehr hübsch veranschaulicht, ist die Schildkröte mit ihrer viereckigen Panzerplatte am Bauch (Plastron) und dem gewölbten Panzerfirmament (Carapax).  Alles was sich außerhalb der Schildkröte befindet, wird von irgendwelchen Barbaren bewohnt. Japaner, Vietnamesen, Perser und wer nicht sonst noch alles. Die nähere Ausdehnung und Ausformung dieser Gebiete (Dreieck, Oktoeder?) interessiert nicht sonderlich.

Mit diesen Barbarenvölkern wird -wenn möglich- freundlicher Ausstausch gepflegt. Dann kommen Gesandte aus diesen Ländern und Gegenden und bringen Tributgaben. Im Gegenzug werden sie zunächst einmal empfangen und der Tribut gnädig entgegen genommen. Obendrein besuchen chinesische Kommissare zuweilen diese wilden Gegenden und übergeben Gastgeschenke. Da die Gastgeschenke die Tributgaben an Wert sogar übertreffen können, lohnt sich Widerstand nicht immer. Aber das ist ein sehr komplexes Thema.

Der Diplomat als freiwilliger Verräter

Eines gab es jedenfalls nicht im alten China und das waren gleichberechtigte Staaten. Brudervölker. Kaiserkollegen. Die Barbaren konnten Freund oder Feind sein, aber nicht gleich. Wer soll auch gleich sein mit dem Himmelssohn? Für den Himmel scheint sehr lange schon die Einkindpolitik gegolten zu haben. Doch dann tauchte der ferne Westen mit seiner althergebrachten Vielstaaterei und seiner gegenläufigen Barbarenidentifikation auf und wollte sich partout nicht in dieses System intergrieren lassen. Sondern erzwang sich diplomatische Beziehungen. Diploos ist griechisch und heißt: gedoppelt. Eine Verdopplung ist jedoch kein hierarchisches Verhältnis und so fingen die Probleme an.

Dass es dem Kaiserhof schwer fiel, die Fremden zu empfangen, ist bekannt und auch dass es Streit darüber gab, ob sich der britische Botschafter vor dem Kaiser niederwerfen muss oder nicht darf. Zu einem Austausch, der den Namen auch verdient gehört es aber auch, selber Diplomaten zu entsenden. Diplomaten! Das ist so entwürdigend. Und so zog sich das eine ganze Weile hin. Neben diesem ganz grundsätzlichen Widerwillen, gab es auch noch das Problem, Leute für diesen Posten zu finden. Bei uns gelten Diplomaten ja eher als ganz besonders nobel, fast entrückt. So eine Art Bundespräsident to go. Für einen Chinesen galten die ersten Diplomaten jedoch ganz automatisch als Verräter. Denn durch ihre bloße Existenz griffen sie schließlich das Weltkonstrukt an.

Die Stellenausschreibung sah vermutlich so aus: Qing-Hof sucht Hochverräter für schwierige Aufgabe in der Wildnis, zum unehrenhaften Beenden der Beamtenlaufbahn. Hochqualifizierte Bewerbungen (mit aussagekräftigem Bild) bitte an die Halle der Harmonie, Verbotene Stadt, Beijing.

Und los geht´s

Damals Diplomat zu sein, entsprach eher einem Exil, als einem ernstzunehmenden Berufsbild. Der allererste chinesische Diplomat Guo Songtao wurde dementsprechend nach seiner Berufung 1876 einem derartigen Shitstorm ausgesetzt, dass er den Hof bat, ihn von dieser Aufgabe zu entbinden. So doof war der Hof aber nicht, irgendeiner musste es schließlich machen. Und jetzt hatten sie Guo schon am Haken. Als der arme Mann, der tatsächlich ziemlich geeignet für den Job war, nach zwei Jahren 1878 zurück kam, wurde er von seinen früheren Kollegen gemobbt. Zu allem Überfluss drohte ihm noch eine Anklage. Er hatte nämlich nicht nur bei einem Regenguss seine Amtsrobe durch einen portugiesischen Regenmantel bedecken lassen, was alleine schon schlimm genug war, sondern sich auch mal ansatzweise kritisch über die chinesische Politik geäußert. Von einer Anklage wurde letztlich abgesehen, aber die verbleibenden 13 Jahre seines Lebens verbrachte er trotzdem isoliert und unverstanden. Späteren Diplomaten erging es langsam etwas besser. Verachtung nutzt sich eben auch ab.

Die meisten chinesischen Botschafter schrieben viel. Schließlich sahen sie sich einer völlig neuen Welt gegenüber, die sie sich und dem heimischen Hof irgendwie begreifbar machen mussten. Das ist natürlich interessant. Wir unter dem ethnologischen Auge des chinesischen Betrachters.

Der chinesische Diplomat und die Frauen

Beeindruckt sind die frühen chinesischen Diplomaten unisono von der Infrastruktur der europäischen Großstädte wie London, Paris und Berlin. Öffentlicher Nahverkehr bis hin zur U-Bahn, Müllabfuhr, Kanalisation, Krankenhäuser, Museen, Parks, mehrstöckige Gebäude, nächtliche Beleuchtung, all das. Betroffen sind sie von der vergleichsweisen  Volksnähe der Könige und Kaiser, die sich tatsächlich dem Volk zeigen und auch mal unter ihm wandeln. Einer vermutet gar, eine Aktstatue am Buckingham Palace stelle die Queen Victoria dar, die auf Betreiben des Königs dort aufgestellt worden sei. Ausgerechnet. Neben all dem anderen, was man dagegen einwenden kann, war Albert kein König, sondern nur Prinzgemahl.

Und da sind wir natürlich schon beim Frauenthema angelangt. Bizarr erschien den Chinesen die Höflichkeit Frauen gegenüber, das Vortrittlassen insbesondere. Und dass man zusammen tanzt. Liu Xihong wunderte sich bei einem Ball beispielsweise über die Bekleidung: Frauen mit nacktem Oberkörper (nackte Arme und ein Dekolleté) tanzten mit Männern mit nacktem Unterleib (Beige Hosen, die wie unbekleidet wirken). Guo äußert sich deshalb bewundernd darüber, dass es trotz dieses doch eher aufreizenden Verhaltens nie dazu käme, dass die Regeln des Anstandes überschritten würden. Eine derart sittliche Selbstbeherrschung traute er den Chinesen nicht zu. Zhigang wiederum analysiert das Geschehen ebenfalls und kommt zu dem Ergebnis, dass es bei einem solchen Ball darum geht, die Gefühle der unterschiedlichen Ränge miteinander zu harmonisieren. In China mache dies aber gar keinen Sinn, weil dort die Vernunft viel wichtiger sei, als das Gefühl. Da muss man also nicht für die Harmonie halbnackt miteinander schwoofen. Man geht die Dinge einfach sowieso sachlich und harmonisch an. Soso.

Xue Fucheng ist interessanterweise der Meinung, dass die Emanzipation (1890!) der Frauen  auf Louis XIV zurückgehe. Eine kühne These. Vorher sei alles so wie in China gewesen. So wie die Natur es vorsieht, so wie es sich gehört. Sprich: strenge Geschlechtertrennung und die Frauen bleiben im Haus. Aber der Sonnenkönig habe das Land stärken wollen und daher diverse Tabus aufgehoben. Dadurch verdoppelte er praktisch über Nacht die Bevölkerung und ihr Potenzial. Selbst im Krieg. Dort waren die Männer scharfsinnig, aber die Frauen kaltblütig, sagt Xue. Was er damit genau meint, bleibt unklar. Und weil Frankreich durch diese recht einfache Maßnahme doppelt so stark wurde, ahmten die anderen europäischen Länder dieses unnatürliche Modell schließlich nach. Aha. Aha. Aha. Wer hat Herrn Xue nur sowas erzählt? Der Sonnenkönig als großer Emanzipator. Wow! Ich mache mir Sorgen. Was mag ich nicht nur schon alles für Unsinn verzapft haben, bloß weil mir irgendwer was erzählt hat, was ich inhaltlich dann womöglich aufgefüllt habe?

Wer hat´s erfunden?

Ein ganz zentrale Auffassung der Gesandten war, dass die chinesische Kultur die älteste ist. Dass dort praktisch alles erfunden wurde. Und dass der Chinese immer Recht hat. Um das herzuleiten, trieben sie einigen argumentatorischen Aufwand. Zeng Jizhe glaubte beispielsweise, dass im alten China viele Maschinen verbreitet waren. Doch die Menschen wurden faul, das Material verdarb und die Maschinen gingen verloren. Das war deshalb eine weise Entwicklung, weil die Ressourcen ohnehin nicht für die ganze Welt ausreichen. Darum sei es besser, die Raffinesse zugunsten des einfachen, ursprünglichen Zustands zu verwerfen. Die westlichen Länder befänden sich also unendlich verspätet erst in dieser Phase der Raffinierung, die notgedrungen zu überwinden sei. Ich vermute, Herr Zeng, offenbar ein früher Radikalökologe, wäre mit der aktuellen Entwicklung Chinas nicht ganz einverstanden. Aber das mit den Ressourcen war ein hellsichtiger Punkt.

Xue Fucheng überlegte hingegen, warum der Westen von Energie, vom Qi durchzogen sei, nicht aber der Osten. Auch hier stellt sich heraus: es liegt am Alter der Kultur. China ist allen einfach voraus und von daher etwas altersmüde. Konkret ordnete er die Staaten einzelnen Dynastien zu. USA sind im Xia-Stadium (um 2000 vChr), Russland bei den Shang (um 1500 vor), Deutschland hängt immerhin schon in der Han-Dynastie (um 0)  herum, Spanien in der Tang (um 800 nChr) und Frankreich womöglich in der Ming-Dynastie (um 1500 nChr). Was jetzt genau die Kriterien für diese Einordnung waren, weiß ich allerdings nicht.

Im Grunde sind wir alle Chinesen

Dann sagt er noch: “Es ist wahrscheinlich, dass die Chinesen göttlichen Ursprungs sind und die edelste Rasse darstellen. Europa hat sich etwas später als China zivilisiert. Geht man zum Ursprung Europas zurück, so stellt man fest, dass Asiaten Europa besiedelten. Aus diesem Grund sind die Menschen dort ebenso intelligent und schön wie die Chinesen. Andere Völker sind damit nicht vergleichbar.”

Xue holte uns also heim ins chinesische Reich, so dass wir nicht länger Barbaren sein mussten. So überheblich es klingt und so rassistisch es ist, waren das doch Versuche, China dazu zu bringen, Reformen nach westlichem Vorbild durchzuführen. Um diese sachlichen Reformziele dem heimatlichen China ohne Gesichtsverlust schmackhaft zu machen, musste man halt ein paar Schleifen drehen. Denn ganz und ausschließlich ging es dann wohl doch nicht nach der Vernunft. Es sei denn Gesischtsverlust, also Scham gehört nicht zu den Gefühlen, sondern zur Sachlichkeit.

Und dann sagte er noch ganz bescheiden: “Wer weiß, ob nicht in ein paar tausend Jahren die Chinesen neue geniale und universelle Erfindungen machen werden, welche die Europäer in Erstaunen setzen werden, welche sie lernen wollen?” Das weiß natürlich niemand. Xue hatte wahrscheinlich nicht damit gerechnet, dass nur 150 Jahre später die Welt mit hängender Kinnlade -wenn auch nicht wegen universeller Erfindungen- auf China schauen würde. Dass jugendlicher Qi-Fluss nach nur so kurzer Zeit von dort ausgehen würde. Nur 150 Jahre hat die sieche Schildkröte gebraucht, ihre Lebensenergie zu regenerieren und Kopf und Beine aus dem Panzer zu strecken. Dann schauen wir mal, wohin sie läuft.

Der Wald vor lauter Bäumen

21. März 2012

Als ich neulich in Hongkong… (Hach. Wie das klingt!). Als ich also neulich in Hongkong ankam, saßen überall wahnsinnig viele Frauen herum.  Jung bis mittelalt. Aber eher jung. Vor allem jung. Auf Bürgersteigen, Fußgängerüberwegen, in Parks, unter Rolltreppen, in Tunnels. Zu Tausenden. Auf Decken, Kartons oder nur auf dem Hosenboden. Die Innenstadt war voll von ihnen. Sie verkauften nichts, insbesondere nicht sich selbst, sie wollten augenscheinlich nichts von mir oder anderen Passanten, sondern quatschten, lachten, aßen und manche tanzten auch. Was machten die da? Und warum gerade da? Also in einem Park, ok, aber in einem Fußgängertunnel? Auf einer Fußgängerbrücke? Am Straßenrand? Warum eigentlich nur Frauen?

Ein innerlicher Schritt zurück kann hilfreich sein, das ist bekannt. Sonst kommt das Problem mit dem Wald und den Bäumen. Ich nahm also von meinem verständnislosen Kopfschütteln und Gewundere ein wenig Abstand. Probehalber. Und siehe, ich wurde mit der Erweiterung meiner Wahrnehmung prompt belohnt. Denn genau genommen sahen die zweifellos asiatischen Damen nicht sonderlich chinesisch aus und: es war Sonntag.

Schon entstand der Wald vor meinen Augen und das Phänomen fand eine Erklärung: an ihrem freien Tag treffen sich die philippinischen und malaiischen Hausangestellten zum Stelldichein. Davon gibt es offensichtlich eine erkleckliche Anzahl. Pack das Pappkartönche ein, nimm dein kleines Schwesterlein und dann nischt wie raus zum, tja, zum Trottoir. Ein Badesee ist schließlich nicht in Sicht. Und, wenn ich das jetzt mal pauschal über den Löffel balbieren darf, macht sich die durchschnittliche Ostasiatin auch nicht so wahnsinnig viel aus Badeseen. Nachhause können sie sich gegenseitig auch schlecht einladen, denn das ist ja eigentlich das Zuhause ihrer Arbeitgeber. Wenn die guten Plätze im Park schon belegt sind, dann setzt man sich eben auch in eine Unterführung. Das Paradies, das sind die anderen. Kulisse nebensächlich.

Ob diese zahllosen Ausländerinnen wohl -ganz im Gegensatz zu mir- Kantonesisch verstehen? Wenn ich mit Hongkongern spreche, verstehen diese mein Hochchinesisch ganz gut. Und antworten entsprechend. Zumindest den ersten Halbsatz. Ab dann verlieren sie sich sehr schnell im Kantonesischen, spätestens beim zweiten Satz verstehe ich gar nichts mehr. Ich höre dann so etwas wie: nei gwon sik sik gwok. naam suk wak. Ein Beispiel zum Vergleich: Fragt ein Pekinese den anderen, ob er jetzt Zeit hat, sagt er:

Ni xianzai you mei you kong?

In Hongkong sagt man stattdessen:

néih yìh ga dak mh dak hàahn a ?

Wie so Vogellaute im Wald.  Der Kleiber sagt beispielsweise: piüpiü twit güt vivivi sittsitt. Sprachen die man nicht versteht klingen einfach amüsant.

Dazu kommt ein ausufernder Gebrauch von Tonhöhen dieser südchinesischen Sprache. Vier bis fünf kennt der Pekinese, der Hongkonese neun. Davon sind drei nicht distinktiv, sagt Wikipedia. Ich glaube, das ist eine gute Nachricht. Dazu kommen drei bis vier hongkongeigene Umschriftsysteme für die lateinische Schrift. Wunderbar. Für das Chinesische haben sich ja auch alle eine ausgedacht: die Engländer, die Franzosen, die Amerikaner, die Deutschen, die Russen etc.pp.

Wenn man aber irgendwann verinnerlicht hat, dass beispielsweise der Laut eu mit eu, oe, ê oder o´ geschrieben werden kann (Kantonesisch), oder dass  jing, ching und king identisch sein sollen (Mandarin), wird man allmählich flexibler im Kopf und macht sich auch über Rechtschreibreformen der eigenen Herkunftssprache insgesamt wirklich weniger Sorgen. Selbst der völlig sinnlose Gebrauch eines Apostroph-S´ lässt sich nach einem Sinolgiestudium besser aushalten.

Mein Rechtschreibprogramm macht mir trotzdem Sorgen. Denn neulich (noch neulicher als Hongkong) schrieb ich das Wort Sichentblößen in den Computer. Die Fehlerzensur war durchaus nicht einverstanden. In der Regel lässt mich das kalt. Wörter die es nicht gibt, müssen eben erfunden werden. Und was ist schon gegen eine echte, gutdeutsche Substantivierung einzuwenden? Doch ich war weich und offen, an diesem neulichen Tag. Hey, ja, mach einen Vorschlag, warum nicht?, dachte ich und sah nach, was die Rechtschreibfunktion mir zu sagen hatte. Sie überraschte mich mit: Siechentblöden.

Ich war konsterniert. Was bitte sollte das heißen? Dass man sich nicht entblödet zu siechen? Oder dass Siechen zur Entblödung führt? Macht das Ergebnis des Siechens, also der Tod, einen demnach schlau? Oder nur weniger blöd? Und was hat das ganze mit sich ausziehen zu tun? So à la das letzte Hemd hat keine Taschen? Will mir mein Computer metaphysische Wahrheiten übermitteln? Ich weiß wirklich nicht, ob ich mir den zwecks Baumbestand übersehenen Wald  von meinem Rechtschreibprogramm ausdeutschen lassen möchte.

Dass Deutsch voller Überraschungen steckt, erfuhr ich (noch mal neulicher) von einem Chinesen, der gerade erst begonnen hatte diese unsere Sprache zu lernen. Deutsch sei sexy, meinte er. Sexy. Ok. Wenn er meint. Hört man ja nicht ungern. Ist offenbar auch etwas was man nicht so wahrnimmt, wenn man mitten unter den deutschen Baumwörtern wohnt. Den Sexappeal der eigenen Sprache. Ich fragte natürlich nach.

Auf Platz drei der sexy deutschen Wörter kam das Wort: “ja”. Ich vermute mal, dieser besondere Reiz des Wortes wird sich früher oder später abnutzen. Häufige Wiederholung und Gewohnheit sind der Tod jeder Sexyness.

Längere Aussichten hat da vielleicht auf Platz zwei das Wort: “futsch.” Ein wirklich bemerkenswert hübsches Wort, wenn auch vielleicht kein echtes Deutsch im engeren Dudensinne. Dachte ich zumindest.  Aber mein Rechtschreibprogramm -ich teste es immer mal wieder- stimmte dem Chinesen einschränkungslos zu. Keine Unterringelung, kein Alternativvorschlag. Futsch ist bestes, sozusagen astreines Deutsch. Und das ethymologische Wörterbuch unterstützt ihn zusätzlich: es hält eine Herleitung von foutre, beschlafen, für möglich. Sexy eben.

Der erste Platz der sexiest german words alive ging jedoch an: “blöd”. Hm. Ich finde, es geht so. Sympathisch, lustig, meinetwegen frech, ja, aber sexy? Ich bin voreingenommen.

Andere deutsche Worte haben allerdings keine Chance in diesem Ranking auch nur den allerkleinsten chinesischen Blumentopf zu gewinnen. Denn sagt ein Deutscher zum Chinesen  “Schatz” (gibt es eigentlich wirklich Menschen, die sich gegenseitig Schatz nennen?), dann wird er Shazi verstehen: Dummkopf. Je nun. Der Ton macht die Musik. Ach du mein süßer Dummkopf! Geliebtes Trottelchen!

Aber wenn der Deutsche dann zum Chinesen sagt: “tschüss, Schatz!”, dann wird es arg. Da nützt die schönste Melodie nichts mehr. Denn dann hat er gesagt: qu si, shazi! Und das heißt:

Dummkopf, geh sterben!

 

Digitalverkehr

19. Februar 2012
In letzter Zeit hört man aus China gerne mal von Verkehrsunfällen und deren Bewältigung auch und gerade über das Internet. Da wird ein kleines Mädchen überfahren und niemand hilft. Stattdessen fährt noch jemand drüber. Alle anderen laufen vorbei (unterlassene Hilfeleistung ist in China bisher nicht strafbar), bis eine Müllsammlerin sich des Kindes erbarmt. Für das dann allerdings die Hilfe zu spät gewesen sein wird. Das ganze wird von einer Überwachungskamera gefilmt und findet natürlich über Youtube seinen Weg in das weltweite Netz.
Die Welt ist empört. Zu Recht natürlich. Die Empörung bekommt aber außerhalb Chinas gerne so ein Geschmäckle: Die bösen Chinesen, heißt es dann. Typisch. Nur auf Profit aus, gierig, kalt und herzlos. (Das sieht man schon an den fiesen Schlitzaugen. Aber das sagt natürlich niemand. Denn man darf ja nicht alles sagen, was man sich denkt. Sagt der Stammtisch.) Eine zusehends disfunktionale Gesellschaft ohne Werte und Wärme. Soziale Zerrüttung. Völlig unverständliche Gestalten. Quasi nicht menschlich. Und vor allem: Leben zählt ja nichts für die. Sehen ja eh alle gleich aus. Köpfe werden geschüttelt. Über die anderen.

Wenn ich nun an den Winter 1989 denke, als im maximal 1,40m-tiefen Olympiasee in München drei Kinder ertranken, während zahlreiche Passanten tatenlos zusahen, vermute ich mal, dass all diese Passanten Chinesen waren.

Ein anderer Unfall, der vor allem die chinesischen Gemüter erhitzte, war nicht, dass jemand einen anderen totfuhr. Denn das ist genausowenig wie bei uns eine große Nachricht, sondern ein Fall für die Unfallstatistik. Aber der Fahrer, ein Kadersohn, stellte sich danach selbstbewusst hin und sagte: ich bin der Sohn von xy, mir kann keiner was! Der Volkszorn kochte hoch. Das kann man gut verstehen. Der arrogante junge Mann wurde schließlich zu einer Freiheitsstrafe von etwa 4 Jahren verurteilt.  Warum das nun wieder Öl aufs Feuer goss, leuchtet mir weniger ein. Das fällt ja nicht gerade unter: mir kann keiner was. Bei uns ist die Höchststrafe für eine fahrlässige Tötung im Straßenverkehr 5 Jahre, in China 7 Jahre. Auch bei  sehr unschönem Nachtatverhalten sind 4 Jahre also eine ganz schön heftige Bestrafung. In China, wo man wegen jedem Scheiß dem staatlichen Organhandel zugeführt wird, besänftigte das offenbar nicht. Blut sollte fließen.

Gerechtigkeit ist natürlich eine relative Sache und hat viel mit dem Vergleich innerhalb einer Gruppe mit als gleich geltenden Mitgliedern zu tun. Trotzdem gelingt es mir nicht, bei einer derartigen Bestrafung Schaum vor dem Mund zu bekommen. Eine Gleichbehandlung in Milde erscheint mir doch entschieden erstrebenswerter als eine voller Rachebedürfnis. Aber die Wut zog wie der Pöbel durchs Internet. Wenn die Wut gegen Obrigkeit und Ungerechtigkeit darin mündet, dass härter durchgegriffen werden soll und schwerer bestraft, wird mir komisch zumute.

Jetzt halten viele das Internet per se schon für schlecht. Es mache einsam, fett, langweilig, gemein, fremdgesteuert, asozial etc.pp. Darin wird man gemobbt, betrogen, verführt, überwacht und ruiniert. Außerdem seien die Inhalte in der Hauptsache vulgär. Das Internet ist gut!, sagen die anderen. Es demokratisiere und verbessere die Kommunikation, die Möglichkeiten, die Welt. Alles wird gut und alle können alles, wissen alles.

In Wirklichkeit ist das Internet natürlich nur eine Methode oder ein Werkzeug. Wie  ein Messer beispielsweise. Messer sind aus dem Leben auch nicht wegzudenken. Man kann damit schöne Figuren schnitzen und köstliche Speisen zubereiten. Man kann damit aber auch dem Nächsten die Kehle durchschneiden.  Ich glaube dennoch, dass das Leben durch die Erfindung von Schneidewerkzeugen erheblich interessanter und vielfältiger wurde. Wenn auch ganz anders als vorher. Anhand der sich neu eröffnenden Möglichkeiten, musste natürlich das Leben neu konfiguriert werden. Bestimmt gab es konservative Urmenschen, die den Gebrauch von Werkzeugen ablehnten. Sie sind ausgestorben.

Die KP China möchte nun die Quadratur des Kreises, was ihr leider erstaunlich gut gelingt, obwohl das als ausgeschlossen gilt. Sie will das Netz kontrollieren. Dabei hält die KP insbesondere nichts davon, wenn Dissidenten darauf ihr Süppchen kochen, diese Anwendung des Messers ist ihnen ein Gräuel. Ihnen ist es lieber, wenn das Werkzeug dazu benutzt wird, anderen die Kehle durchzuschneiden. Da haben sie nichts dagegen. Und so hat man als Hatemailschreiber eigentlich wenig zu befürchten. Bemäntelt werden die Eingriffe ins Netz gerne mit dem angeblichen Moralverfall und dem Wunsch gegen die Vulgarität vorzugehen. Es soll kulturell mehr gesunde Inhalte geben. Der Begriff “gesunde Inhalte” löst bei mir sehr ungesunde Gefühle aus.

Das berühmteste Beispiel für ungesunde Inhalte sind sicher die Grasschlammperde und ihr Verhältnis zu den Flusskrebsen. Flusskrebse werden -von den total überbewerteten Tonhöhen einmal abgesehen- genauso ausgesprochen wie Harmonie oder Harmonisierung. Nun gehört harmonisches Zusammenleben in der VR zur Bürgerpflicht, praktisch zur Volksgesundheit, was so unordentliche Vorgänge wie Pluralität und Meinungsvielfalt ausschließt. Harmonie ist die Schere im Kopf, die innere Zensur. Harmonie ist also kritisch betrachtet kein positiver Begriff.

Aus diesem Grund haben Grasschlammpferde auch ein Problem mit ihr. Grasschlammpferd klingt nun genau so wie “Fick deine Mutter”. Das ist nicht schön. Das ist auch tatsächlich vulgär. Aber das ist natürlich der Witz an der Sache, denn Grasschlammpferde wollen nicht schön sein, nicht nett und insbesondere nicht harmonisch. Die Mutter, der hier der Stinkefinger gezeigt wird, ist die Partei, denn diese wird nicht müde zu beteuern, dass sie die Mutter des chinesischen Volkes sei. Nicht von allen wird sie geliebt. Und so kam es in einem kleinen Filmchen von Niuroumian (Rindfleischnudelsuppe) zu einem Konflikt, der für die Pferde erstmal nicht gut ausging. Aber die Begriffe wurden in den Sprachgebrauch übernommen. Das Wort “harmonisiert” als Ausdruck für Zensur war bereits indiziert, aber nun schrieb man dann beispielsweise, man sei geflusskrebst worden. Es tauchten Bilder von Pferden auf, die genüsslich Krebse zermalmen etc. Die Zeichen haben keinerlei Zusammenhang, aber alle wissen, was gemeint ist. Natürlich hat auch die äußere Zensur längst dieses Phänomen entdeckt und so wurden auch Flusskrebse und Grasschlammpferde indiziert.

Auch der Verkauf von Jasmintee ist schwieriger geworden, denn nach den sehr schüchternen Versuchen sich an die arabischen Jasminrevolutionen dranzuhängen, ist auch das Wort Jasmin auf dem Index. Jasminhaltige Seiten werden geschlossen und das Wort aus Emails gefiltert. Irgendwann wird es schwierig, noch einen ganz normalen Text zu schreiben.  Aber die chinesische Sprache ist vielseitig und die Hacker sind schnell. Wird die eine Site gesperrt, gibt es eine Neue, neue Begriffe werden erfunden, Firewalls umgangen und auch vor allem Microblogs genutzt, in denen man auf Chinesisch wegen der besonderen Kürze der geschriebenen Sprache eine Menge sagen kann. Der Staat ist immer dicht auf den Fersen. Aber eben nur auf den Fersen. Wie schnell ist ein Krebs im Vergleich zu einem Pferd, wie vulgär es auch immer sein mag?

(Mehr zum Internet und Zivilgesellschaft in China: Lorenz Lorenz-Meyer auf der re:publica XI.)

 

Wenn der Esel mit der Schlange

22. Januar 2012

und dem Ochsen, dem Shrimp, dem Hirsch, dem Fisch und dem Phönix:

dann, ja dann steht das Drachenjahr vor der Tür. Das behauptet jedenfalls eine Quelle aus der Songzeit, nach der der Drache den Kopf eines Ochsen, das Maul eines Esels, die Augen einer Garnele, die Hörner eines Hirschen, den Körper einer Schlange mit Fischschuppen und die Krallen eines Phönix´ habe.

Der Jahreswechsel in diese Melange tritt heuer sehr früh ein, nämlich jetzt. Am 23.1.2012. Natürlich sind alle ganz aus dem Häuschen. Der Drache! Das kaiserlichste aller Tiere, ja, der Kaiser selbst! Das wird ein Jahr! Mit kawumm und täterää. Nur etwas abgemildert dadurch, dass es ein Wasserjahr ist. Das Wasser macht den Drachen ein bisschen handzahmer, ein bisschen milder.

Natürlich habe ich mich im Netz umgesehen, was das Jahr für mich, eine im Jahr der Feuerziege Geborene bereithält. Das hängt ganz davon ab, erfahre ich, welches Element zu mir gehört. Wäre es Feuer, stünde mir eines der allerschlimmsten Jahre meines Lebens bevor. Das wäre natürlich wahnsinnig bedauerlich. Glücklicherweise bin ich mehr der Wassertyp. Ein schwarzer Affe geboren im roten Ziegenjahr. Wenn jemand jetzt nicht mehr durchsteigt, macht nichts, ich auch nicht. Für den schwarzen Ziegenaffen wird es jedenfalls nicht gar so schlimm. Diese Recherche weckt meinen Ehrgeiz mich noch ein wenig umzutun, was diese ganzen kostenlosen Schickalsberechner so für mein Leben insgesamt vorsehen. Was kümmert mich das eine Jahr? Der protzige Drache? Wenn der mir ohnehin nur ein durchwachsenes Jahr prophezeit?

Ich soll nördlich schlafen, heißt es auf einer einschlägigen Seite. Für ein langes Leben. Aber südöstlich für Gesundheit. Beides gleichzeitig scheint nicht drin zu sein. Oder ich schlafe abwechselnd mal so mal so? Hält eh jung, wenn man nicht in einen Gewohnheitstrott verfällt. Der Kompass verrät mir, dass mein Bett auf der Nordseite des Zimmers steht, ich mit dem Kopf aber nach Westen schlafe. Soll ich mich wirklich umdrehen? Na, ich kann es ja mal versuchen. Arbeiten soll ich östlich, um viel Geld zu verdienen und südlich, um hervorragende Arbeit zu leisten. Östlich hab ich offenbar noch nie gearbeitet. Bis vor kurzem blickte ich zum Arbeiten nach Norden, kein Wunder wenn dabei nichts wirklich bei raus kam. Aber jetzt schaue ich nach Süden. Es kann also los gehen. So weit so gut.

Als ich dann allgemein meine Glücksentwicklung im Laufe meines Lebens abfragte, taten sich Abgründe auf. Der eine elektronische Wahrsager teilt mir in 10Jahresschritten mit, dass vom 11. bis zum 40. Lebensjahr das Glück schlicht gegen mich sei. Das wäre nicht sooo schlimm, denn das ist ja nun schon vorbei. Von 41 bis 70 sei aber immerhin noch das Wohlstandsglück gegen mich. Richtig für mich ist in der Zeit auch kein anderes Glück. Das ist insgesamt schon etwas bedauerlich. Aber wenn ich die 70 erstmal hinter mir habe, prophezeit mir das Netz, dann beginnt meine Glückssträhne. Und hält an und hält an. Bis ins 130. Lebensjahr! Wow! 60 Jahre Glückspotenzial. Die Frage ist nur, wieviel ich davon erleben werde. Zu blöd.Vielleicht werde ich posthum berühmt? Aber macht einen das glücklich? Vielleicht bin ich dann so ein halbes Jahrhundert einfach wahnsinnig glückliches Wurmfutter? Und nähre glückselige Würmer, die wiederum ein paar Vögel vor Lebensfreude singen lassen? Das ist schon eine schöne Vorstellung. Obwohl ich Glücksvorstellungen nach dem Tod grundsätzlich skeptisch gegenüberstehe. Auch ist es nicht wirklich ein Gedanke, der einen tagträumen lässt: wenn ich einmal groß bin, dann bin ich eine glückliche Leiche für glückliche Würmer. Ob es dann überhaupt noch Erdbestattungen gibt? Und ob man Särge verwenden darf, die vor dem Ablauf vor 500 Jahren einen Wurm durchlassen?

So richtig zufrieden war ich also mit dem Ergebnis meiner Glücksprognose nicht und versuche es bei jemand anderem. Da sieht es dann auch gleich besser aus. Hohe Glücksbalken ab meinem 11. Lebensjahr. Ich habe keine Ahnung, warum ich von 0-10 nirgends Analysen bekomme. Nicht gut, nicht schlecht, nur nichts. Aber ab dem 11. Lebensjahr schwanken die Glücksbalken zwar ein wenig in der Höhe, aber sie sind immer hoch. Heiraten, Geschäfte eröffnen etc.  sollte ich in den Phasen hoher Glücksbalken. Das ist schön. Ich kann praktisch ständig heiraten und neue Geschäfte eröffnen. Oder andere wichtige Lebensentscheidungen treffen. Es ist doch ganz klar, dass dieser Wahrsager viel mehr Ahnung hat, als der andere, oder?

Aber wer will das so genau sagen. Und so komme ich schließlich zum Drachen zurück. Bei diesem soll man nämlich niemals gleichzeitig Kopf und Schwanz sehen können. Das kann sich nur auf die Begegnung mit einem echten Drachen beziehen, denn in Abbildungen ist beides üblicherweise ohne größere Probleme sichtbar. Jedenfalls macht dieses nie Anfangundendegleichzeitigsehenkönnen den Drachen unvorhersehbar. So auch sein Jahr. Ich will jetzt nicht nörgeln. Aber ganz kann ich es mir doch nicht verkneifen: Ist es nicht meistens so, dass man am Anfang des Jahres nicht weiß, wie es hinten ausgeht? Der Mensch unterscheidet sich da auch nicht so stark vom Drachen. Gesicht und Hintern sieht man nur in eher absonderlichen Haltungen gleichzeitig. Wie auch immer: dieses Jahr ist die Ominösität eben amtlich. Es wird also ein Jahr unter dem Motto: kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich´s Wetter oder es bleibt wie es ist. Nur eben nicht mit einem Hahn, sondern mit einem Drachen. Und der sitzt auch nicht auf einem Misthaufen, sondern schlängelt sich durch den Himmel, die Wolken, die Flüsse und die Ozeane. Was macht er dabei wohl für Geräusche? Abgesehen von Luftzuggeräuschen. Muhen, i-ahen, röhren oder singen? Oder ist der Drache stumm wie die Schlange, der Fisch und das Garnelentier? Vermutlich. Also: schweigt der Drache in der Gischt, ändert sich was oder eben nüscht.

Drachenjahrgeborene sollen durchsetzungsstark, mächtig und prächtig sein, manchmal aber nicht so wahnsinnig sozialkompatibel. Um ein besseres Gefühl für den Drachen zu bekommen, google ich mich ein wenig durch Politikergeburtsdaten, da müssten sie sich ja tummeln, die Drachen. Ich werde enttäuscht. Wenn sich da überhaupt ein Zeichen signifikant abhebt, ist es das Pferd. Eine ganze Pferdeherde. Merkel, Sarkozy, Hu Jintao (Generalsektretär KP Ch), Wen Jiabao (Premierminister), um nur einige zu nennen. Die Zeit der Pferdepotentaten scheint sich aber dem Ende zu nähern, denn auch Gaddafi war eins. Womöglich auch Kim Jong Il, der aber soviel Gedöns um sein Geburtsjahr machte wie irgendeine B-Schauspielerin, so dass er vielleicht auch Schlange war. Wie Assad. Vielleicht geht ja auch die Zeit der Schlangengrubenpolitiker zu Ende? Und was ist eigentlich der ominöse Kim Jong Un? Der ist ja noch mehr Diva als sein Herr Papa. Wir dürfen sein Geburtsjahr nicht wissen. Denn was könnte das über ihn verraten? Die Daten reichen von 1982-1984. Er also könnte Hahn (z.B. Osama Bin Laden), Hund (z.B. George W. Bush) oder Schwein (z.B. Schimon Peres) sein. Wenn das mit dem Geburtstag am 8.1. nicht stimmt, könnte er sogar Ratte sein (z.B. Berlusconi). Nichts genaues weiß man nicht. Aber richtig nach Entspannung klingt das alles nicht. Das liegt natürlich ein kleines bisschen an meiner tendenziösen Darstellung. Denn ich hätte genausogut Marjana Satrapi (iranische Filmemacherin), Pratibha Patil (Präsidentin von Indien, schon mal gehört?), Woody Allen oder Louis Armstrong auswählen können. Aber ich kann mir den obskuren Kim Jong Un nun wirklich nicht beim Zeichnen subversiver Comics, als gewählte Präsidentin, intellektuellen Komiker oder Musiker vorstellen. Ich mein, es muss ja ein wenig passen zur Person.

Bitte wo sind denn die mächtigen, die beeindruckenden, die herrlichen Drachen? Obama ist beispielsweise Büffel, genauso wie die VR China. Seine Frau Michelle ist Hase, wie der Mossad oder unser Nichtpräsident Gauck. Premierminister Manmohan Singh ist Affe, Ahmadinejad dito. Aber Drache: Juliette Binoche. Garnelenaugen, ok. Aber mystische Größe? Michael Ballack. Ja. Toll. Vielleicht ist die große Zeit der Drachen einfach vorbei? Denn früher, ha, da gab es welche: Jeanne d´Arc, Immanuel Kant, Martin Luther King, Pelé, Sigmund Freud, Florence Nightingale, Oscar Wilde, Marlene Dietrich, John Lennon etc. Gut, da ist auch kaum ein Politiker dabei. Wahrscheinlich habe ich falsch gesucht. Die falsche Prämisse. Als hätten Politiker so viel zu sagen! Aber einen habe ich doch gefunden: herrisch, undurchschaubar, schwieriges Sozialverhalten, durchsetzungsstark, quasi mystisch: Wladimir Wladimirowitsch Putin. Hurra. Da muss die Schlange Medvedev als Präsident wohl weichen.

Wir werden sehen. Insbesondere werden wir am Ende des Drachenjahres wieder schlauer sein, als am Anfang. Soviel steht fest.

PS: Christian Wulff ist übrigens ein Schwein.

Grenzgang

24. Dezember 2011

Aus Flugangst nahm ein Freund von mir letztens die Eisenbahn von Beijing nach Moskau. Das weckte Erinnerungen in mir. An meine Eisenbahnfahrt von Beijing nach Berlin 1987 und vor allem an den Grenzübertritt von der VR China in die Sowjetunion.  Am Tag vor der Abfahrt, lernte ich Jens kennen. Jens kam aus der DDR, genau genommen aus Ostberlin. Er wollte gerne mal nach West-Berlin. Notgedrungen nahm er dafür einen kleinen Umweg in Kauf. Und so war er in einer mehrmonatigen Reise, die nur ganz am Anfang genehmigt gewesen war, über Sibirien und irgendwelche verschlungenen Wege nach China eingereist. Und in China endete der Einfluss der Sowjetunion abrupt. Also konnte er als Gesamtdeutscher zur westdeutschen Botschaft gehen und sich nach West-Berlin fliegen lassen.

Ich begann nun den umgekehrten Weg durch Sibirien und stieg in die legendäre Transsib. An der chinesisch-sowjetischen Grenze war aber erstmal wieder Schluss. Denn nun musste der Zug umgebaut werden. Die Spurbreite war in China anders als in der SU. Oder heute in Russland. Wenn man über die Mongolei fährt, hat man den Spaß zwei Mal, weil auch die mongolische Spurbreite anders ist, als die chinesische und die russische. Das dauert eine Weile, einen ganzen Zug umzubocken. Wegen des großen Geheimnisbedarfs totalitärer Systeme durfte man dabei auch nicht zusehen. Top Secret. Zu unserer Unterhaltung durften wir uns stattdessen zur Abgabe unserer Pässe anstellen.

Als wir nach mehreren Stunden endlich wieder einstiegen, wurde es ernst. Grenzbeamte kamen zur Zollkontrolle. Zackzack. Ich war nervös. Ich bin bei so etwas immer nervös. Mein vorauseilend schlechtes Gewissen katzbuckelt. Habe ich vielleicht zuviel Seide gekauft? Es handelte sich immerhin um vielleicht 4m. Mir kam es wie ein Schatz vor. Mein Schatz. Ich hatte damals sehr bescheidene Vorstellungen von der Welt. Und außerdem: wenn nicht die Seide, wer weiß gegen welch ominöse Bestimmung ich verstieß? Und wie komme ich dann da wieder raus? Und russisch kann ich auch nicht. Was habe ich falsch gemacht, von dem ich nichts weiß? Katzbuckelkatzbuckel.

Mein Abteil füllte sich wieder. Die Chinesen waren vor der Grenze ausgestiegen und nun kamen Sowjetbürger, sibirisch zwischen Schlitzauge und hoher Nase pendelnd. Sie verfolgten als kundige Genießer, wie ich gefilzt wurde. Es begann damit, dass der Grenzbeamte im Deckelfach meines Rucksacks Bücher fand. Quelle surprise! Die wurden erstmal mitgenommen. Wenn ich mich richtig erinnere, handelte es sich um einen amerikanischen Satiriker und ein Buch von Kierkegaard. Ersteres bekam ich auf der Reise im laufenden Buchtausch unter Westlern; es hat keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Das andere hatte ich selbst mitgebracht. Für den Beginn eines sublimeren Selbst, das sich nur noch hochwertige Gedanken auf der Grundlage hochwertiger, wahnsinnig schlauer Schriften machen sollte. Nach vier Monaten des blanken Herumschleppens, hätte es mich auf der insgesamt einwöchigen Zugfahrt endlich erheben können. Tatsächlich bin ich bis heute nicht über den Anfang heraus gekommen. Wie auch immer, diese zwei Schrifterzeugnisse wurden erstmal jemand Westsprachenkundigem gebracht.

Mein Beamter hatte also Zeit für mich. Ich öffnete brav das Hauptfach meines Rucksacks und war ähnlich konsterniert wie mein Zuständiger. Ganz vorne befand sich nämlich ein Blech, das zu einer Waage gehörte. Und auf diesem Blech klebte halb, aber eben nicht ganz festgedrückt, eine dieser beeindruckend großen Kakerlaken. Meine letzte Unterkunft in Beijing wimmelte davon, stimmt schon. Aber dass ich eine mit eingepackt hatte, das war mir neu. Halb zerdetscht wie sie war, lebte sie noch. Sie werden uns überleben, die Kakerlaken, soviel steht mal fest. Wenn auch nicht diese eine konkret, schätz ich mal. Sie schwenkte ihre 5cm langen Fühler hin und her.

Ein Sturm der Gefühle brach los: Überraschung über die Existenz der Kakerlake, Ekel wegen ihres Daseins, Mitleid wegen ihres Zustandes, und natürlich die Peinlichkeit gegenüber meinem geschniegelten und gestriegelten Beamten. Ein gewisses, unangenehm duckmäuserisches Verhalten gewann die Oberhand. Dieser haltlose fühlerschwenkende, aber im Übrigen immobile Zustand musste beendet und damit nachgerade vertuscht werden. Jawoll! Dann könnten wir so tun, als sei nichts gewesen.

Ich schnippste also die halbtote Kakerlake mit dem Fingernagel vom Blech. Erfreulicherweise gelang es auf Anhieb. Aber sie flog auf das Bein des Beamten. Er sah mich angeekelt an. Sorry wollte ich sagen und sagte Duibuqi. Auf Russisch hatte ich nichts anzubieten. Heroisch überging der Herrscher meines Grenzübertritts meine Grenzüberschreitung und fing wenig enthusiastisch an, in meinen Sachen zu wühlen. Die halbtote Kakerlake schleppte sich derweil unter die Sitze in Sicherheit. Plötzlich beleuchtete ein Schimmer von Erfolg sein Gesicht und er zog sein Fundstück hervor. Es handelte sich um einen Schafskiefer, den ich am Tianshan, dem Berg des Himmels, eingesteckt hatte. Ich hatte damals einen gewissen Hang zu Knochen.

Ab sofort ließ er mich selber wühlen. Mittlerweile war ich so beflissen, dass ich mein Gepäck praktisch entfremdet untersuchte. Ich war nun selber auf Fund aus. Und so legte sich der Schein des Finderglücks auch auf mein Gesicht. Ich zog eine große Klinge hervor, die ich im Nordwesten Chinas bei den Uiguren gekauft hatte. Mein Faible für Klingen war vielleicht noch größer, als das für Knochen. Stolz hielt ich sie ihm unter die Nase. Als ich realisierte, was ich da gerade machte, wurde ich hektisch und wedelte aus reiner Hilflosigkeit mit der Klinge herum. Ich wusste schließlich nicht wohin damit. Aber es machte das Ganze irgendwie nicht besser.

Die aufmerksamen aber völlig verstummten Sibirer waren begeistert. Mein schmucker Grenzer gab auf. Mit einer militärisch-forschen Handbewegung forderte er mich auf, mein widerwärtiges Graffel wieder einzupacken und schritt davon. Irgendwann kamen auch meine Bücher wieder bei mir an. Dann konnten wir endlich weiterfahren.

In all dem Durcheinander war ein herrenloses Gepäckstück gar nicht aufgefallen. Ein Gepäckstück dessen Besitz ich zur Not geleugnet hätte. Als ob das geholfen hätte. Jens, der Ostler, hatte mir nämlich eine sehr große Tüte voll mit Filmen gegeben, mit der Bitte, sie bei seiner West-Tante in Zehlendorf abzuliefern. Was er mir erzählte, warum er sie nicht selber transportierte, weiß ich nicht mehr. Warum gab er mir die Dutzenden von Filmdosen? Er gab zu, auch viel unerlaubt fotografiert zu haben, aber er konnte doch nicht ernsthaft annehmen, dass ein barfüßiger Punk ungefilzt die Grenze zwischen zwei Diktaturen überschreiten würde? Er wollte einen Fotoband daraus machen, sagte er. Wie auch immer. Irgendwie glaube ich heute noch, dass da tatsächlich Filme drin waren. Aufgemacht habe ich die Dosen nicht. Es gab schließlich so eherne Gesetze, wie dass man nicht petzt, wenn der ältere Bruder einen verdrischt. Und dass man Freunden vertraut. Wobei ich den Begriff Freund damals offenbar sehr großzügig auslegte.

Die Zehlendorfer Tante öffnete die Tür für mich jedenfalls nur äußerst ungern und nahm mir die Tüte mit sehr spitzen Fingern ab. Weder heißen Kaffee noch warme Worte  gab es für die Botin eines Tütentransfers über 9000km und durch einen eisernen Vorhang hindurch. Was daraus geworden ist, weiß ich leider nicht, da ich weder Adresse noch Namen des Fotografen oder seiner Tante aufgehoben habe. Aber wie eine Drogendealerin sah sie jedenfalls nicht aus.

 

 

Mauerstädte mit und ohne Mauer

29. November 2011

Als Hongkong noch keine glitzernde Metropole war, war es nicht nur keine glitzernde Metropole, sondern praktisch inexistent. Kaum ein Mensch wohnte in dieser malariaverseuchten Gegend am Perlflussdelta. Ein paar Fischer halt. Oder Piraten. Je nach Saison. Doch gab es in Kowloon eine Art Festung, einen chinesischen Militärposten, der später Walled City of Kowloon genannt werden sollte. Ein ummauertes Gelände von etwa 210m x 120m, mit einem Yamen, einem Verwaltungs- und Gerichtsgebäude in der Mitte.

1839 zettelte Großbritannien den ersten Opiumkrieg an und ließ sich 1842 dafür als Belohnung die Kowloon gegenüberliegende Insel Hongkong-Island überschreiben. Das Ganze nannte man euphemistisch die Nanjinger Verträge. China war die Entwicklung zurecht etwas  unheimlich und sie stockten die Mauer der ummauerten Stadt auf etwa 4 m auf.  Sicherheitshalber.

Das entspricht in etwa der Höhe der Berliner Mauer, nur dass die ja nicht von den eingemauerten West-Berlinern gebaut worden war, sondern von den Machthabern drumrum. Dafür hielt sie auch nur etwa 28 Jahre und nicht runde Hundert Jahre wie die der ummauerten Chinesenstadt. Das Unbehagen Chinas stellte sich 1860 als berechtigt heraus, denn dann verleibte sich England auch noch Kowloon in sein Commonwealth ein.

Ganz Hongkong ist von den Briten besetzt… Ganz Hongkong? Nein! Ein von unbeugsamen Chinesen bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Oder so ungefähr. Die ummauerte Stadt innerhalb Kowloons wurde zur Exklave. Die gehört uns, sagten die Chinesen. Die war vorher schon da. Unser Recht gilt, unser Abgabesystem und ihr hässlichen, stinkenden, helläugigen Dämonen, lasst gefälligst Eure dreckigen Finger davon. Die Briten bewahrten Contenance, legten sich diesbezüglich nicht wirklich fest, sahen das mal so mal so. Wobei sie wortlos Wert auf die Feststellung legten, dass dreckige Finger selbstverständlich nur die Chinesen hatten.

Richtig klare, offizielle Verhältnisse herrschten in dem ummauerten Stadtteil nur selten, es gab schließlich immer so viel anderes zu tun. Inmitten von Kriegen, Bürgerkriegen und Weltkriegen war das Gelände von popligen 2,5 Hektar zwar prestigeträchtig, aber irgendwie auch nebensächlich. Wen interessierten schon wirklich die paar Hansele auf den paar Quadratmetern?

In Berlin hatten wir so etwas natürlich auch. Klar. Damit meine ich aber nicht die Mauer als solche und damit West-Berlin insgesamt, sondern das sogenannte Lenné-Dreieck in der Nähe des Potsdamer Platzes, das zur Zeit der deutschen Zweistaatenlösung der DDR gehörte. Die Mauerbauer wollten sich offenbar diese durch eine Bezirksreform 1938 entstandene, sinnlose, zum Bezirk Mitte gehörende Zacke sparen und kürzten den Verlauf der Mauer ab. Darum herum zu bauen, wäre bei nüchterner Betrachtung auch völlig unsinnig gewesen. Nüchterne Betrachtung war damals allerdings nicht sonderlich en vogue, so dass diese pragmatische Lösung verblüfft. Es war also eine unsichtbare Exklave entstanden, die im Gegensatz zur ummauerten Stadt in Kowloon nur auf einer Seite eine Mauer hatte.

Auch über Südchina brach der zweite Weltkrieg herein, im Vergleich zu dem die Opiumkriege nur Sonntagsspaziergänge gewesen waren. Die Japaner trugen den Krieg auch nach Hongkong. Für knapp vier Jahre ruhte der Streit zwischen England und China. Hongkong war japanisch besetzt. Und wie der Japaner nun mal so ist, dachte er, carpe diem, und riss die vor etwa 100 Jahren aufgestockte Mauer der Chinesenstadt ab, um die Steine für den Ausbau einer weiteren Landebahn des nahegelegenen Flughafens Kaitak zu benutzen.

1945 war der Spuk vorbei und Hongkong wurde skandalöserweise wieder britisch. War das extrem malträtierte China nicht auch ein Siegerland? Die Westmächte juckte das wenig und so glitt auch das alte Fort -nun seiner schützenden Hülle beraubt- in seinen unklaren Zustand zurück. Die Fluchtbewegungen nach hier und da und dort bewirkten, dass auf dem Gelände der einst ummauerten Stadt 1947 schon etwa 2000 Chinesen lebten. Ungefähr 10mal soviel wie jemals vorher.

Der folgende chinesische Bürgerkrieg, die Machtübernahme der KP China und der letztlich rechtsfreie Raum taten ihr Übriges. Es wurde voll. Und voller. Und noch voller. Das Gelände wurde bebaut. Überbaut. Man stockte an, auf und um. Der Wohnblock? das Viertel? die Stadt? wucherte. Nach außen ging jedoch nicht. Die Grenzen waren auch ohne Mauer nicht verhandelbar. Freiheit von GB und der VR China bot nur das Gebiet, dessen vollständige Umrundung etwa eine halbe Stunde dauerte. Nach oben konnte auch nur bedingt ausgewichen werden, da sich die ummauerte Stadt in der Einflugschneise des von den Japanern ausgebauten Flughafens Kaitak befand. Mehr als 14 Stockwerke waren nicht drin. Die Stadt wuchs also nach innen. Die Straßen wurden immer enger und enger und schließlich völlig überbaut, so dass sie nur noch Tunnels waren. Sie wuchs aus sich selbst heraus, implodierte und wucherte nach innen.

Auf dem Berliner Lenné-Dreieck passierte zunächst gar nichts. Anstatt dass sich ab 1961 dort tausende von Illegalen, Anarchos oder Chinesen ansiedelten, dümpelte dieser rechtsfreie Raum knapp 27 Jahre unerkannt vor sich hin. Nur 161 verschiedene Pflanzenarten nutzten die Gunst der Stunde und sicherten sich dort ein Plätzchen. Erst als genau dort eine sechsspurige Westtangente gebaut werden sollte, wurde überhaupt Notiz vom speziellen Potenzial dieser kostbaren Immobilie genommen. Der Westen wollte deshalb dem Osten 1988 das Dreieck abkaufen und der Osten ließ sich nicht lumpen, sagte ok und ließ sich das vergolden. Bereits im Juli 1988 sollte die Übergabe stattfinden. Die Zeit wurde also knapp. Auf den allerletzten Drücker wurde das Gelände im Mai 1988 besetzt. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen und war natürlich auch dabei. Zugegeben, es war alles ein bisschen kleiner und auch weniger spektakulär, als in Kowloon. Erheblich kürzer und mit viel weniger Leuten. Aber hey, was zählt, ist die Idee.

In dem Bienenstock der ummauerten Stadt von Kowloon waren die rund 350 Gebäude so aneinander und umeinander gebaut, dass man über die Dächer und Verbindungsgänge auf verschiedenen Stockwerken vorankommen konnte. Dabei war es feucht, Wasser lief überall die Wände hinunter. Wie zum Hohn hatten die meisten 10-20m² großen Wohnungen in der Regel keinen eigenen Wasseranschluss. Mit Eimern und Kanistern musste man durch das Gewirr zu einer der sechs Wasserstellen. Logische Folge der Bauweise war, dass wirklich nur die, die in einer der alleräußersten Wohnungen lebten, überhaupt Tageslicht hatten. Der Rest lebte in Dunkelheit, bzw in künstlichem Licht, das durch außerhalb angezapften Strom erzeugt wurde. Nur in der Mitte blieb das alte Yamen, das einstöckige Verwaltungsgebäude erhalten, so dass der Bienenstock in der Mitte eine Art Loch hatte. Angeblich erhielt das Stadtviertel damals einen neuen Namen: Haknam, die dunkle Stadt.

In Berlin wurde in den verbleibenden fünf Wochen natürlich kein Bienenstock, sondern bestenfalls ein Taubenschlag aufgebaut. Die Probleme von Zu- und Abwasser gab es auch, nur in wesentlich kleinerem Ausmaß. Dafür war kein Mangel an Licht und Luft.  Die dunkle Stadt hatte nur eine offene Kanalisation, auf dem Lenné-Dreieck gab es gar keine. Und man glaubt nicht, was ein paar Hundert Leute in ein paar Wochen für eine Menge Scheiß verzapfen können. Von Zigtausend möchte ich mir das gar nicht vorstellen!

In Hongkong traute sich die Polizei seit den 60er Jahren nicht mehr auf das Gelände, in Berlin durfte die West-Berliner Polizei nicht, darauf achtete die Grenzpolizei auf der anderen Seite der Mauer sehr genau. Auch als der Wasserwerfereinsatz und der Beschuss mit Tränengas überhand nahm, beschwerte sich die DDR. Den Zaun, den die Westpolizei außerhalb des Grenzverlaufs drumrum aufstellte, konnten sie aber schlecht verbieten. Das hätte auch etwas peinlich gewirkt, sich über die Mauer hinweg über den Zaun zu beklagen.

Beim Vergleich kommt man nicht umhin festzustellen, dass die Leute der dunklen Stadt aus ihrer Zeit im rechtsfreien Raum doch irgendwie mehr gemacht haben. Zum Beispiel 80% aller damals in Hongkong verkauften Fischbällchen. Und Fischbällchen sind eine Spezialität in Hongkong. Auch andere Produkte wurden dort so billig hergestellt wie nirgends sonst. Eine Fabrik für Plastikformen mit 7 Arbeitern, produzierte beispielsweise auf einer Fläche von bloßen 20 m². So leisteten die illegalen, steuerfreien Kleinstunternehmer in der ewigen Dunkelheit der ummauerten Stadt einen nicht unerheblichen Beitrag für das Wirtschaftswunder Honkong. Allerdings waren die Arbeitsbedingungen auch äußerst unerfreulich: 12 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche waren normal. Irgendwie musste man ja das Schutzgeld an die Triaden bezahlen. Und die Miete. Dafür wurden keine Steuern fällig.

Die Arbeitszeit der Berliner Besetzer war allerdings noch schlimmer. Da auch das Private politisch war, kam man auf eine Arbeitszeit von exakt 24 Stunden am Tag. Allerdings bestand die eher in Form von Diskussionen, Plena, Wache schieben, Kochen, Pressemitteilungen verfassen, Plumpsklos ausheben, Spülen, politisch bewusst schlafen und sich mit der Polizei rumstreiten. Ein Wirtschaftswunder lässt sich damit natürlich nicht anzetteln. Immerhin zog das besetzte Dreieck aber Touristen an, die sich auf den Aussichtsplattformen, die eigentlich einen Blick und fröhliches Winken nach Ost-Berlin ermöglichen sollten, mit den Verfassungsschützern und Polizei um die besten Fotos drängelten.

Ende der 80er Jahre wohnten in der dunklen Stadt in Hongkong etwa 33.000 Menschen auf 0,025km², was einer Dichte von 1,3 Mio E/km² entspricht. Das ist ein ungeschlagener Rekord. So kommt New York City auf lächerliche 10.300 E/km², Friedrichshain/Kreuzberg immerhin auf 12.700 E/km² und Kairo auch nur auf 37.000 E/km². Ernsthafte Konkurrenz macht sich nur Hongkong selbst. Im Stadtteil Mongkok wohnen heute 130.000 Menschen auf 1 km². Na, Konkurrenz ist vielleicht übertrieben. Dieser heute dichtbesiedelste Ort der Welt, hält 10Mal soviel Platz pro Mensch bereit, wie weiland die ummauerte Stadt von Kowloon.

Das besetzte Lenné-Dreieck war etwa 4 ha groß und wenn man von 200 festen Bewohnern ausgeht, kommt man immerhin auch auf erstaunliche 5.000 Einwohner pro km². Am ersten Juli 1988 war auch damit Schluss, denn nun gehörte das Grundstück zur BRD. Die Polizei räumte und 180 Besetzer flohen über die Mauer in den Osten. Dort wurden sie schon mit LKWs erwartet. Es gab Frühstück und eine Befragung, dann wurden sie zu den Grenzübergängen gebracht.

Auch die dunkle Stadt fand schließlich ihr Ende. Nach zahllosen Razzien einerseits und Entschädigungszahlungen an die Bewohner andererseits, wurde die dunkle Stadt 1993 geräumt und abgerissen. Nur das Yamen, das wie ein Wunder alles überstand, wurde saniert und zum Zentrum des neu angelegten Parks. Heute ist der Park “Kowloon Walled City” wieder von einer moderaten Mauer umgeben.

Und auf dem Lenné-Dreieck steht das Beisheim-Center.

Form und Inhalt

15. Oktober 2011

Die Republik China auf Taiwan ist am 10.10.11 100 Jahre alt geworden. Und ich war nicht dabei. Aus Krankheitsgründen nahm ich nicht einmal an dem Empfang teil, der in Berlin von der hiesigen Repräsentanz gegeben wurde. Das ist schade. Deshalb kann ich auch nicht berichten, ob wieder ein bayerischer Spielmannszug aufspielte, oder was sonst die kulturhungrigen Besucher erfrischte. Sicher ist nur, dass wieder mitreißende Reden geschwungen wurden.

Was das Thema Repräsentanz angeht, hat die große Schwester Volksrepublik seit kurzem ganz andere Probleme. Denn die  Zwistigkeiten zwischen der KP China und dem Dalai Lama haben eine neue,  fast dialektisch zu nennende Stufe erreicht. Dummerweise haben die beiden Parteien auf der Ebene der Synthese wiederum entgegengesetzte Positionen eingenommen. Der Dalai Lama hat nämlich erklärt, sich nicht weiter reinkarnieren zu wollen. Jetzt hätte man meinen können, dass die kommunistischen Funktionäre hurra rufen und helau und alaaf, mit Kamelle werfen, trunken vor Glück mit tibetischen Mönchen Karaoke singen und den Dalai Lama in Zukunft einen guten Mann sein lassen würden.

Doch weit gefehlt. Sie schäumen vor Wut. Anstatt dass sie sich freuen, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft (Tendzin Gyatsho ist immerhin schon 76 Jahre alt) den ollen Lama ein für allemal los wären, protestieren sie. Anmaßend sei das Vorgehen, empört sich die KP, weil doch die historischen Institutionen und religiösen Rituale der tibetischen Buddhisten respektiert werden müssten. Ah ja. So ist das. Und immerhin seien die Fragen der Wiedergeburt in der VR China aufs Vortrefflichste geregelt. Sie hätten ein Verfahren zur Reinkarnationsbestimmung, das nicht in die inneren Glaubensvorstellungen eingreife und doch den Fund eines wirklich wahren und echten neuen lebendigen Buddhas garantieren könne.

Fairerweise muss man sagen, dass der chinesische Kaiserhof früher schon mal kontrollierenden Einfluss auf die Auswahl der wichtigen Inkarnationen nahm, um die grassierende Korruption einzudämmen. Mongolische Khane, tibetische Adlige, hohe Mönchsbeamte, alle wollten mit Hilfe der Verwandtschaft zum neuen Dalai Lama ihr Süppchen kochen. Da war es nicht schlecht, wenn jemand ein kritisches Auge darauf warf. Ich weiß nicht warum, aber ich argwöhne, dass die KP heute mit der Verfahrenskontrolle andere Zwecke verfolgt. In diesem speziellen Fall würde Korruptionsbekämpfung auch keinen Sinn machen, denn schließlich besteht keinerlei Korruptionsgefahr, wenn es gar keine Inkarnation gibt. Wie soll man denn Vetternwirtschaft betreiben, wenn kein Vetter da ist? Dafür gibt nun wirklich niemand Geld aus.

Reinkarnationen, die dieses chinesische Verwaltungsverfahren nicht durchlaufen oder nicht bestanden haben, sind illegal. Illegale Buddhas. So einem Buddha, der die Scheinhaftigkeit der Welt ja durch und durch kennt, ist das vermutlich wurscht, aber er kann so natürlich schlecht repräsentieren.

Und man darf eins nicht vergessen:  die Partei, die Partei, die hat immer Recht.

Ohne eine solche unfehlbare Institution hat sich natürlich auch manch chinesischer Kaiser mal in Fragen der Repräsentation vergaloppiert. Ganz besonders der unter dem Namen seiner Regierungsdevise “Ewige Freude” bekannte Yongle. Heidewitzka, war das ein Kerl. Oder so sollte es jedenfalls aussehen. Ein Gigantomane reinsten Wassers. Da wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt!

Als Charakterstudie kann folgende Geschichte dienen: Nachdem er sich gegen einen Neffen an die Macht geputscht hatte, verweigerte ihm einer seiner neuen Untertanen den Treueschwur. Kurzerhand ließ der Kaiser nicht nur ihn öffentlich in Stücke schneiden, sondern auch dessen Familie, Freunde und Bekannte töten. So 800-900 Leute. Glücklicherweise gab es damals noch kein Facebook. Das wäre erst ein Gemetzel geworden.

Aber er hatte natürlich auch gute Seiten. Beispielsweise wollte er den Bewohnern seiner damaligen Hauptstadt Nanjing ein ganz besonderes Geschenk machen. Seine Vorstellung von dieser das Volk beglückenden Gabe war eine 75 Meter hohe Monumentaltafel mit güldenen Kalligrafien drauf, die die Tollkerligkeit des Papas von Yongle besingen sollten. Dieses Denkmal würde aus nur drei aufeinandergestellten Felstafeln bestehen. Gesagt, geplant, begonnen. 30km von der Stadt entfernt wurden die Teile aus dem Berg gehauen. Der größte der drei Blöcke hatte so beeindruckende Maße wie etwa 50m mal 17m mal 4m. Um ihn und seine zwei kleineren Brüder (Sockel und Mützchen des Monuments) aus dem Berg zu hauen, brauchte es im Jahr 1405 etwa 10.000 Steinmetze. Gab offenbar genug davon. Ein wunderbares Konjunkturprogramm, um die Arbeitslosen nach dem ganzen Bürgerkrieg von der Straße zu holen. Dankbar schufteten diese sich dann auch zu Schanden und lösten diese Bergelemente sogar auf der Unterseite so weit ab, dass der Abtransport nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien.

Nur was dann? Wie bewegt man 31.000 Tonnen in nur drei Teilen? Ganz einfach: gar nicht. Weil es nicht geht. Weil Berge vielleicht selbst zu irgendwelchen starrsinnigen Propheten wackeln, sich aber niemals zum Jagen tragen lassen. Der in Scheiben geschnittene Berg liegt nun seit über 600 Jahren zum Abtransport bereit. Unbeweglich auch mit heutigen Mitteln. Aber wie es sich mit Bergen und Propheten eben so verhält: wenn sich der Berg nicht bewegt, bewegt sich eben der Potentat. Allerdings in diesem Fall weg vom Berg, dem Ort des Scheiterns. Yongle verlegte kurzerhand seine Hauptstadt in das wüstenhafte Beijing. 120.000 Haushalte mussten ihn begleiten, um die neue Hauptstadt auch repräsentativ zu gestalten. Wenn man an die Laune der Bonner denkt, die in den 90ern alle hierher nach Berlin ziehen sollten, kann man sich die Laune der Nanjinger Umzugsverpflichteten einigermaßen vorstellen.

Doch dann wurde es doch noch schön. Yongle ließ die verbotene Stadt bauen, das war machbar. Der schwerste Stein in der Palastanlage wiegt bloß etwa 200 Tonnen. Ein Klacks, ein 30stel des leichtesten Teils für die große Stele von Nanjing. Diesen niedlichen Zweihunderttonnenmarmor zogen ungefähr 20.000 Arbeiter innerhalb eines Monats isipisi die 50 km auf absichtlich vereister Straße zur Baustelle. Richtig repräsentativ war das natürlich trotzdem nicht, schließlich durfte den in der verbotenen Stadt kaum jemand sehen.

Aber zurück zum Dalai Lama, der die eigene Repräsentation mit seinem Tod bis auf Null reduzieren will. Die Gefahr eines mit unklarem Inhalt gefüllten Popanzes wäre damit gebannt. Falls die KP dann doch noch irgendeinen neuen Dalai Lama inthronisiert, in dem vermutlich keiner drin sein wird, haben die Buddhisten in aller Welt eine ganz einmalige Gelegenheit: mit Hilfe der KP China und dem Mantra “nur wo Dalai Lama drauf steht, ist auch Dalai Lama drin” können sie die Scheinhaftigkeit des Seins vollkommen erfassen und dadurch Erleuchtung erlangen.

Die Republik China wiederum, also das China auf Taiwan, hält was ihr Name verspricht. Tatsächlich ist sogar mehr drin, als draufsteht, denn seit rund 20 Jahren handelt es sich sogar um eine echte Demokratie.

Koa gmahde Wiesn

19. September 2011

Ein Oktoberfest ist in der Tat traditionell ein Bierfest, war im Süddeutschen sehr verbreitet und heißt Oktoberfest, weil im Oktober das restliche, das letzte alte Bier vom April ausgetrunken werden sollte. Das war zu der Zeit, als das Bier im Keller mit Gletschereis gekühlt wurde und Kastanienbäume den Keller zusätzlich beschatteten. Erst ab dem 29.September durfte nach langer Sommerpause endlich neues Bier gebraut werden. Das Oktoberfest war also so eine Art Sommerschlussverkauf für Bier. Alles muss raus! Bier zum Schnäppchenpreis! (Dieser Aspekt der Tradition ist allerdings etwas in den Hintergrund gerückt.)

1810 wurde nun vor den Toren Münchens ein ganz spezielles Oktoberfest gefeiert, nämlich in Form eines Pferderennens anlässlich der Hochzeit des Kronprinzen Ludwig mit der Prinzessin Therese. Das hat allen soviel Spaß gemacht, dass die Wiesn auf der Theresienwiese nun jedes Jahr stattfand. Abgesehen von den 24 Mal, die sie kriegs-, wirtschafts- und epidemiebedingt ausfiel.

Das größte Volksfest der Welt  hat natürlich schon einige Nachahmer gefunden, z.B. in Brasilien, Kanada, Australien.  Oder in Hannover. Es war also nur eine Frage der Zeit, dass auch der Chinese eines haben wollte. Oder zumindest ein Chinese namens Fu, der dafür immerhin knapp 100 Mio € berappte.  Das ist Leidenschaft. An vieles hatte er gedacht: an Originaldirndlschnitte, an bairisches Festbier, an Hendlrezepte und an Pipapo.

Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Oder eher: er hatte die Rechnung des Wiesnwirtes ohne den Gast gemacht. Denn im nahezu provinziell kleinen München (1,3 Mio Einwohner) kommen am Tag im Durchschnitt 370.000 Besucher. In Beijing (ca. 20 Mio Einwohner) kamen in vier Wochen insgesamt etwa 100.000 Besucher, also vielleicht 3.500 am Tag. Weniger als ein Hundertstel.

Vielleicht lag es an der Jahreszeit? Mitten im Hochsommer wollte er die Beijinger zu seinem original Münchener Bierfest locken.  Aber was heißt das schon? Würde ein frisch gezapftes Märzen nicht gerade im staubigen Beijinger Sommer besonders gut schmecken? Und schließlich lappt die originale, the one and only Wiesn trotz des Namens Oktoberfest schon seit über 100 Jahren nur noch leicht in den Oktober hinein. Weil Bier halt noch viel besser schmeckt, wenn man sich dabei von warmer Septembersonne bescheinen lassen kann.

Daran kann es also nicht liegen. Auch nicht am Imitat als solchen, denn sonst kommen großräumige Nachahmungen ja auch ganz gut an. In Shanghai gibt es zum Beispiel German Town Anting, eine deutsche Kleinstadt im Bauhaus-Stil (gebaut von Albert Speer und Partner), als Partnerstadt von Weimar, natürlich mit  Statuen von Goethe und Schiller versehen. Solche Imitate sind durchaus beliebt und gelten als individuell. Außerdem ist dort zu wohnen so teuer, dass es sich auch als Statussymbol eignet.

Vielleicht liegt das Scheitern des Beijinger Münchener Bierfestes einfach an der Größe der Bierkrüge? A Mass, oh meiohmei. Das ist schon was. Auch wenn meistens nur 0,8l drin sind. Das ist der Chinese nicht gewohnt. Zwar kann der Chinese durchaus trinken, er verträgt es oft nur nicht so gut, wie beispielsweise der handelsübliche Deutsche, oder gar ein Pole oder Russe. Aber lässt sich der Deutsche vom Russen deshalb den Schneid abkaufen? Natürlich nicht. Und so auch nicht der Chinese vom Bajuwaren. Trotzdem wird halt anders getrunken: Chinesen bestellen sich nicht ein riesiges Getränk für sich allein, sondern im Fall von Bier normalerweise mehrere Flaschen à etwa 0,63l für viele. Warum soll man auch alleine vor einem riesigen Pott sitzen, der zwangsläufig irgendwann schal wird? Eine Qual für frischefixierte Chinesen.

Wenn das langsam zur Suppe verdümpelnde Bier wenigsten günstig wäre. So wie weiland, als es noch hieß: Alles muss raus, etc. Aber heutzutage wird eben nicht mehr verramscht, sondern das Wiesnbier extra produziert. Auf der originalen Wiesn hat sich in den letzten 60 Jahren der Bierpreis um 942 Prozent gesteigert. (Der Benzinpreis stieg übrigens im Vergleichszeitraum um nur 347 Prozent.) Herr Fu versucht es nun gerade andersrum. Er stieg astronomisch ein (die Maß lag bei 70 Yuan, also knapp 8 €, während ein schlichter Bierliter in Beijing sonst schon für etwa 5 Yuan zu haben ist), will aber dafür nächstes Jahr billiger werden. Mal sehen ob das reicht.

Vielleicht sollte er mehr Wert auf Traditionen wie den Fassanstich legen, auf den hiesig immerhin Wetten abgeschlossen werden. Das könnte spielfreudige Chinesen vielleicht ins Zelt locken? Der Münchener Oberbürgermeister Ude hat auch dieses Jahr wieder seinen eigenen Rekord (2 Schläge) gehalten, während sein Parteigenosse Wimmer, der 1950 dieses Ritual begann, noch ganze 19 Schläge brauchte, bis das Bier floss. Da ist also Raum für allerlei Wettsysteme. Aber eine neue Tradition zu beginnen, ist natürlich nicht leicht und als Vorhaben in sich schon leicht sinnwidrig.

Vielleicht sollte Herr Fu sich um Fahrgeschäfte bemühen? Damit es ein bisschen bunt, laut und lustig wird, sprich: renao. Ein bisschen renao rund um das ganze Saufen. Karussell, Flohzirkus, Achterbahn, trinken vorher gegen die Angst, hinterher zur Erleichterung, Kinder mit Köpfen in Zuckerwatte und mit Magenbrot verklebte Vogeljakobplättchen im Mund. Bloß weil das Bier teuer ist und man es in Zelten trinkt, hat man noch keine Wiesn. Oder Oktoberfest. Oder Bierfest. Biertrinken kann man schließlich überall.

Umgekehrt klappt der Kulturtransfer auch nicht unbedingt so gut. Während wir hier noch immer warten, ob sich nicht doch noch so etwas Ähnliches wie ein Sommer ereignet, feierten die Chinesen schon das Mitteherbstfest. Da erfreut man sich am schönsten und rundesten Vollmond des ganzen Jahres. Dazu gehören Mondkuchen und ich dachte darüber nach, selber welche herzustellen. Und zwar Mondkuchen mit salzigem Dotter, der den Mond symbolisiert, inmitten von süßem Rotebohnenmus, umhüllt von laugenbehandeltem Teig, das ganze in ein verzierendes Model gepresst. Dafür hatte ich nun unterschiedliche Rezepte, die schon auf der Zutatenliste bis auf die Eier praktisch keine Übereinstimmung aufwiesen.

Ich entschied mich für ein kurzes, also scheinbar machbares Rezept. Das verlangte von mir als erstes, rohe Eier zu salzen und zu kochen. Bitte wie salzt man ein rohes Ei? Schon im ersten Satz trat der Mangel des kurzen Rezeptes zu Tage.  Ich könnte Salz in die Luftblase des Eis injizieren. Womöglich sogar in das Eiinnere. Wie bei einer Fruchtwasseruntersuchung. Nur würde ich nichts entnehmen, sondern eine Salzlösung injizieren? Aber woher sollte ich jetzt eine so feine Injektionsspritze hernehmen?

Ich suchte also nach einer anderen Lösung und fand sie schließlich in einem der vielen verworfenen Rezepte: man muss die Eier trennen und dann das Eigelb salzen und in kochendes Wasser werfen. Ach so! Ich verstand. Und dachte noch einmal scharf nach. Weiß ich, wo ich rote Bohnen herbekomme? Lotospaste? Lauge? Habe ich einen Mondkuchenmodel? Kann ich überhaupt backen? Nachdem ich all diese Fragen mit nein beantwortet hatte, zog ich die sich aufdrängende Konsequenz und gab dieses Projekt auf. Stattdessen ging ich in einen chinesischen Supermarkt Mondkuchen kaufen. Und essen. Beides war leicht.

Vielleicht sollte Herr Fu also mit seinen 100.000 Gästen einfach zum zweitgrößten Oktoberfest gehen. Das findet mit etwa 3 Mio Besuchern in Qingdao statt, der ehemaligen deutschen Kolonialstadt am Gelben Meer. Da funktioniert es seit 20 Jahren. Trotz August, trotz astronomischer Bierpreise, trotz fehlender Geisterbahn. Man muss ja nicht immer alles selber machen.

Synthese

15. August 2011

Es gibt Themen, die einen verfolgen, auch wenn man selbst gar nicht weiter an ihnen interessiert ist. Was kann man tun? Was soll man mit ihnen machen? Reagieren? Im Falle von Stalking wird dringend davon abgeraten auch nur die geringste Reaktion zu zeigen.  Bloß nicht. Unter keinen Umständen. Aber ich meine jetzt gar nicht so Stalkingthemen wie die Steuererklärung, bei der sich trotz dieser belästigend-beunruhigenden Dauerpräsenz das Nichtstun entgegen diesem gutgemeinten Rat nicht wirklich anbietet.

Ich habe gerade eher ein Thema im Sinn, was zwar anhänglich, aber keinesfalls beunruhigend ist und hinter mir herdackelt. So dass manchmal Leute fragen, “Du, was ist denn das mit dem Thema da hinter dir?” Es lautet: Was ist denn nun der Unterschied zwischen chinesischer und japanischer Tuschmalerei. Immer wieder.

Am liebsten würde ich mich umdrehen und sagen “ach man, das hatten wir doch schon”. Und ich verweise auf meinen Eintrag im April 2008. Aber man kann ja nicht ernsthaft der Meinung sein, dass es bei den vielen Millionen Menschen und Themen und Situationen reicht, wenn man einmal etwas zu etwas gesagt hat. Außer man heißt JFK und steht vorm Brandenburger Tor.

Ich könnte ablehnend sein, mich umdrehen und mit “BUH!”, das Thema verjagen. Ausformuliert würde Buh in etwa lauten: “was möchtest Du denn verglichen haben? Die Palastmalerei der Mingdynastie mit zeitgenössischer japanischer Malerei? Oder den hemmungslosen Bada Shanren aus dem 17. Jahrhundert mit dem kunstfertigen Jakuchu aus dem 18. ? Die Zenmalerei in beiden Ländern? Möchtest Du Äpfel mit Birnen, oder Fische mit Strukturreform vergleichen? Boskop mit Cox Orange? Häh?” Wie ich schon sagte: Buh! und das verschüchterte Thema verdrückte sich kleinlaut.

Aber möchte man so miteinander umgehen? Das ist doch nicht schön. Das muss auch anders gehen. Zum Beispiel mit Synthese. Gelebte Synthese. So nahm ich  an einem Tuschmalereikolloquium auf Schloss Mitsuko teil, das von der japanischen Meisterin Kinsui Katori geleitet wurde. Ihr Meister hatte bei Zhang Daqian, einem der berühmtesten chinesischen Maler des 20. Jahrhunderts gelernt. Bevor dieser später mit Picasso Bilder austauschte, lernte eben dieser Großmeister um 1917 Malerei auch in Japan. Der Lehrer von Frau Katori wiederum wurde in Taiwan Zhangs Schüler, was in den 70ern schon lange nicht mehr japanisch war. Also lernte der Chinese Tuschmalerei unter anderem in Japan und unterrichtete dann einen Japaner in Taiwan, was ehemalige japanische Kolonie, mittlerweile aber chinesisch war. “Entscheide Du?”, sage ich freundlich zum anhänglichen Thema, das ich nun liebevoll in die Arme nehme, “Lerne ich bei Frau Katori japanische oder chinesische Tuschmalerei?” Gewaltfreie Kommunikation kann so schön sein.

Für mich besteht der größte Unterschied darin, dass ich bei einem chinesischen Meister versuche, auch die Worte zu verstehen und bei einem japanischen nicht, weil das gar keinen Sinn machen würde. Letztlich kommt es so oder so mehr auf das Zuschauen an. Manchmal wurde Frau Katori von der  äußerst freundlichen japanischen Dame des Hauses übersetzt und dabei stellte sich heraus, dass Japaner auf jeden Fall ein noch größeres Problem mit der Unterscheidung zwischen L und R haben als Chinesen, was bezüglich der Erörterung von blauer (kiefernrußbasierter) und brauner (rapsölrußbasierter) Tusche offenbar wurde. Es ging eine ganze Weile um dieses Thema, doch ob gerade von Braun oder Blau die Rede war, musste man dem Kontext entnehmen, da auch das N meist weggelassen wurde.

Einer Übersetzerin sind ja immer Grenzen gesetzt und so lernten wir alle ein paar japanische Begriffe. Gradation beispielsweise. Das ist zwar eher Englisch oder fremdwortisch, aber Katori Sensei nutzte den Begriff so selbstverständlich, häufig und bestimmt, dass er eine gewisse japanische Note erhielt. Die Rede war von der Farbabstufung Schwarz zu Grau, die in den Pinsel einmassiert werden musste. Pinsel abstreifen: wan-tu-srie, in die Tusche und dann: Gradation.

Das andere waren die Worte kasure und nijimi. Kasure (oder kasule?) meint den gerissenen Strich, der das Weiß des Papiers wie zufällig durch die schwarze Tusche scheinen lässt. Ich habe das Kernzeichen auf Chinesisch nachgeschlagen, es hat die Bedeutung: gleiten oder rauben. Das ist natürlich ganz wunderbar und ich verstehe, warum sich der Begriff nicht übersetzen ließ. Der Pinsel gleitet zwar über das Papier und doch hat es etwas grobes, raubendes, denn das Schwarz wird beraubt, das Weiß holt sich seinen Teil.

Nijimi ist dagegen das Bluten der Tusche, die Verläufe. Das chinesische Zeichen bedeutet durchsickern oder infiltrieren. Die Tusche blutet in das Papier und durchtränkt es, Tusche und Papier werden eins.

Wenn sich die Meisterin und Frau Mitsuko-san sprachlich ergänzten beim konkreten Demonstrieren von Techniken und es nicht so sehr um die Worte ging, klang es etwa so: wan, tu, srie, dann die tusch, put, put, gradation, dann Pinsel malen, kasure, wieder wan, tu, srie, in tusch, dick tusch, put put gradation…. Auch wenn es nicht so klingt, war es sehr lehrreich.

Auch wurden natürlich gewisse Formen japanischer Höflichkeit gewahrt, doch war es mitnichten so, dass wir alle erst fünf Jahre auf den Knien rutschen mussten, bevor wir nur in die Nähe eines Pinsels durften, während sich die Meisterin in Geheimnis und Meisterschaft hüllte.  Ganz im Gegenteil sparte sie nicht mit der Preisgabe von Tricks und Kniffen, darunter auch eine Technik, die Großmeister Zhang Daqian entwickelt hatte. Ich darf diesen jetzt meinen Großmeister nennen, das hat sie uns allen ausdrücklich erlaubt. Falls ich also mal in die Verlegenheit des Namedroppings komme, kann ich ja darauf zurückgreifen.

Frau Katori hat auch in Afrika, Australien und Amerika Kolloquien abgehalten und so kommen wir auch in den Genuss Fotos von beispielsweise afrikanischer Tuschmalerei zu sehen. Die Menschen, die Tiere, die Landschaft. Eindeutig afrikanisch. Ich könnte jetzt wirklich nicht sagen, ob es eher chinesischafrikanisch oder japanischafrikanisch gemalt war. Oder die Känguruhs aus Australien. Auch wir sollen am letzten Tag europäisch frei interpretieren. Ich ließ mich davon inspirieren, dass es das ganze Wochenende wie aus Eimern geschüttet hatte und malte Nacktschnecken und Regenlandschaften.

 

Glückwunschdenken

30. Juni 2011

Glück ist keine einfache Sache. Es ist flüchtig und vielseitig, um nur die allgemeinsten Problematiken zu nennen. Beim Wünschen weiß man auch nie, ob einen letztlich die Erfüllung oder doch besser die Nichterfüllung günstiger kommt. Und Denken, ach herrjeh, wie schnell hat man sich mal verdacht. Oder verdächtigt.

Einer der berühmtesten Dichter Chinas, Su Dongpo (11. Jhdt), beschäftigte sich eingehend mit diesen und ähnlichen Fragen, während er beim Meister Foyin Zen studierte. Als sie einmal gemeinsam meditierten, und Su sich unheimlich gut fühlte, fragte er Foyin: “Was hältst Du von meiner Meditationshaltung?” “Wie Buddha”, sagte dieser. Su beglückwünschte sich zu seiner Haltung. Als Foyin dann seinen Schüler fragte, wie er die Haltung seines Lehrers beurteile, wollte er einen Witz machen und sagte: “wie Kuhdung”. Und Su beglückwünschte sich zu seinem Humor.

Er ging nach Hause und erzählte seiner kleinen Schwester davon. Diese rollte mit den Augen, raufte die Haare und rang die Hände. “Du trotteliger Bruder”, sagte sie sinngemäß, “Foyin hat ein Herz wie Buddha und sieht Buddha. Was hast also du für ein Herz?”

Ein rapider Stimmungsabfall dürfte die Folge gewesen sein. Ähnlich wenn auch existenzieller mag es einer Frau Wang aus dem 17. Jhdt in Shandong gegangen sein. Im Jahr ihrer Eheschließung mit dem Landarbeiter Ren lief sie mit ihrem Haberer davon. Sie wird ihre Gründe gehabt haben und man kann vermuten, dass sie nach dem Aufbruch zunächst auch ein gutes Gefühl hatte. Aber dann standen sie da in einem Land, in dem nicht Mobilität und Freizügigkeit angesagt waren, sondern Beziehungsgeflechte und hermetisches Standesdenken, in dem die Städte nachts abgesperrt wurden und Ausgangssperre herrschte. Auf der Flucht sein, bedeutete zumindest für Frau Wang ohnehin schon illegal zu sein, denn dem Gatten davonzulaufen war wegen Ungehorsams an sich schon strafbar. Ganz abgesehen vom Ehebruch, der beide zu Kriminellen machte. Wie auch heute noch, wird -den trotz allem auch damals zahlreichen- Illegalen außerdem überall zu Wucherpreisen Geld abgenommen. Trotzdem folgte sie der Sehnsucht nach Glück, dem Wunsch nach einem besseren Leben? Vergebens allerdings, wie sich gleich herausstellen wird.

Doch kehren wir zunächst zum kuhfladenherzigen Su Dongpo zurück, der seinen Meister Foyin eines Tages fragte, ob Denken so schlimm sei wie Wünschen. Foyin antwortete, dass Denken sogar noch viel schlimmer sei, als Wünschen. Wünschen sei wie das tägliche Ausschöpfen eines Liters aus einem Fass. Denken aber sei wie das Aussickern aus einem kleinen  Loch im Boden des Fasses. “Was meinst du geht schneller?”, fragte er.  Su verstand und wurde erleuchtet. Das ist nicht jedem gegeben. Ich verstehe zwar auch, aber die Erleuchtung bleibt aus. Das mag daran liegen, dass ich gleich anfange darüber nachzudenken, ob man das Fass lieber voll oder lieber leer haben möchte und dass es immerhin auch auf die Größe des Loches ankommt.

Der Gspusi von Frau Wang fing jedenfalls an nachzudenken. Mut und Verlockung sickerten rasant durch dieses Loch, bis nichts mehr davon übrig blieb. Das Ergebnis war, dass er Frau Wang einfach stehen ließ. Das hatte sie sich sicher anders vorgestellt. Was sollte sie jetzt machen? Große Ernüchterung dürfte sich breit gemacht haben. Sie konnte ja nicht einfach einen Job im nächstbesten Copyshop annehmen und dann mal weitersehen. Auf ihren eingebundenen Füßen kehrte sie um, trippelte mühsam zurück und suchte im daoistischen Kloster ihres Heimatortes Zuflucht. Ein bisschen daheim sein, wenigstens. Dort erhaschte ihr früherer Nachbar eines Tages einen Blick auf sie und erzählte ihrem Ehemann davon.  Ob dieser darüber so wahnsinnig glücklich war, weiß man nicht, aber er holte sie zurück nach Hause. “Na toll”, könnte Frau Wang an dieser Stelle gedacht haben. Und damit sollte sie Recht behalten.

Denn ein bisschen mehr Ratio hätte nun wiederum Herrn Ren ganz gut zu Gesicht gestanden. Doch dessen Fass war offenbar übervoll und konnte nirgends abfließen, so dass der berühmte Tropfen in Form eines Streites es überlaufen ließ. Und er erwürgte seine Frau. Als er sie dann so liegen sah, ging es plötzlich wieder mit dem Denken. Das ist hinterher ja oft so. Wenn man vorher länger nicht gedacht hat, kann es aber passieren, dass die Gedanken plötzlich ins Kraut schießen. Und so ging es auch Herrn Ren. Er schulterte die Leiche von der nunmehr wunschlosen, aber insgesamt doch eher glücklosen Frau Wang und wollte sie dem Nachbarn vor die Tür legen. Sie habe ein Verhältnis mit dem Nachbarn, wollte er aussagen und offenbar habe dann der Nachbar sie im Streit getötet. Wer würde ihm nicht glauben? Schließlich war sie schon mal abgehauen. Und der Nachbar, naja, was sollte der schon sagen, mit der Leiche vor seiner Tür?

Jetzt ist es mit dem Wünschen ähnlich wie mit dem Denken, beides reibt sich häufig heftig und chancenlos an der Realität. Vielleicht hätte Herr Wang, oder noch besser zu Lebzeiten Frau Wang so ein modernes Managertraining auf NLP-Basis machen sollen. Denn Du kannst alles erreichen, wenn Du nur wirklich willst. Jedoch waren beide nicht in der Technik die Realität den Wünschen Untertan zu machen geschult. Das Elend der frühen Geburt. Da geht es uns heute ja ganz anders. Nur einmal richtig gewollt und schon hat man es, ist man es, kann man es. Nur Sagen oder Benennen, das genügt heute natürlich genausowenig wie damals. Darüber können die ehemaligen Bewohner von Glücksinsel derzeit ein sehr langes und sehr bitteres Lied singen. Fukushima, wäre der zynisch klingende Titel.

Lange nicht so schlimm, aber auch nicht optimal verlief es eben bei unserem ebenfalls in Allesistmöglichtechniken ungeschulten Herrn Ren, der unter der Last seiner toten Frau ächzend, genau zwischen seinem Haus und dem des Nachbarn hörte, wie eine Art Nachtwächterpatrouille ihr Lager aufschlug. Also warf er seine Frau in den Schnee und ging schlafen. Dann soll der Nachbar sie eben unterwegs getötet haben, sei´s drum, dachte er. Aber wie es bei Brecht schon heißt: dann mach halt noch einen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht.

Der neue Witwer ging also zum Gericht und erzählte seine Geschichte, nur deshalb weiß man überhaupt von dem ganzen Vorfall. Der schlaue Richter bediente sich nur zurückhaltend der bei uns verbotenen Vernehmungsmethoden, sondern erforschte die Umstände auch nach heutigen Maßstäben sorgfältig. Auch die immer noch im Schnee liegende Frau Wang wird nach einigen Tagen nochmal gründlich untersucht. Die Widersprüche zwischen Rens Geschichte und den harten Fakten werden immer zahlreicher und schließlich gesteht Ren.  Frau Wang bekam ein nobles Begräbnis, damit sie nicht als hungriger Geist das Dorf heimsuchen würde und ihr Mann wurde zu -potenziell tödlichen- schweren Stockschlägen und Schandkragen verurteilt. Schämen sollte er sich und zwar öffentlich.

Dieses öffentliche Schämen blieb unserem Dichter Su erspart, aber seine Verfehlung war allerdings auch weniger einschneidend. So durfte er das Schämen ganz privat und für sich allein erledigen. Doch wie es bei Celebrities nunmal so ist, weiß heute trotzdem jeder davon. Als sich Su nämlich wieder einmal besonders hellsichtig und inspiriert fühlte, dichtete er die Zeilen: die acht Winde können mich nicht bewegen, wenn ich unbeweglich auf dem purpurgoldenen Lotos sitze. Soll heißen: ich bin so wahnsinnig abgehoben, dass mich nichts mehr aus der Ruhe bringen kann. Er schickte das Gedicht an seinen Meister Foyin, der in einem Tempel auf der gegenüberliegenden Flussseite wohnte. Der Gerechtigtkeit halber muss man schon sagen, dass Su Dongpo wirklich ein außergewöhnlicher Dichter war und auch diese Verse formvollendet schmiedete. Doch was macht Foyin? Auch er scheint dem Fäkalhumor nicht abgeneigt,  schreibt “Furz” auf die Rückseite und schickt den Zettel retour.

In seinen Erwartungen krass getäuscht und außerdem empört, beginnt Su einen wütenden inneren Monolog, was eigentlich immer die Garantie für Unglücksgefühle darstellt. Was bildet sich dieser unbegabte Mönch eigentlich ein? Dieser Kretin? Diese dichterische Nullnummer? Schließlich setzt er über den Fluss und möchte Foyin mal ordentlich die Meinung geigen. Doch die Tür ist zu und Foyin nicht da. Stattdessen hängt ein Zweizeiler an der Tür: “Acht Winde können mich nicht bewegen, doch ein Furz bläst mich quer über den Fluss. “