An apple a day

20. August 2010

In Hongkong und Taiwan gibt es eine Zeitung namens Pinguo Ribao, Apple daily. Ribao heißt dabei nicht “täglich”, sondern Tageszeitung. Daily also als Erscheinungs-, nicht als Vertilgungsfrequenz. Äpfel haben keine wirklich signifikante Symbolik in China. Angeblich gibt es nicht mal gute Äpfel aus China, sondern nur aus Japan oder Korea. Äpfel sind einfach ein Obst. Immerhin ist Apfel (Pingguo) gleichlautend mit Land des Friedens (Pingguo). Aber gegen diese Assoziation spricht, dass Apple daily investigativ und skandalorientiert ist. Gerade Apple Daily Hongkong stöbert und stichelt und stochert ohne Unterlass gegen Festlandchina.

Ein Apfel täglich soll Ärzte fern halten, sagt ein englisches Sprichwort. Soll nun mit dem Zeitungsnamen auf diese Gesundheitsassoziation angespielt werden, oder auf den vergifteten Schneewittchenapfel? Auch der hat immerhin einen Arztbesuch überflüssig gemacht. Der Sündenfall mit Apfel und Schlange und allem drumunddran wiederum machte Ärzte überhaupt erst nötig, aber auch möglich. Die Gedankenpfade laufen so aber doch zu sehr gen Westen. Kurz:  ich habe keine Ahnung, warum die Zeitung so heißt.

Die taiwanische Apfeltageszeitung hat für ihren Onlineauftritt nun ein ganz neues Format entdeckt. Es ist ja so, dass ärgerlicherweise nicht immer eine Kamera vor Ort und aufnahmebereit ist, wenn etwas Interessantes passiert. Soviele Paparazzi, zufällige Handyfilmer und Googleautos gibt es gar nicht. Man mag es kaum glauben, aber es ist so. Also werden Nachrichten nunmehr optisch digital nachgestellt. Ein paar -ansonsten womöglich arbeitslose- Schauspieler werden mit Sensoren ausgestattet, schlagen und treten sich, werden von Trümmern erschlagen oder saufen ab, spielen eine Schlägerei, einen Mord oder auch ein Erdbeben auf Haiti nach. Umgebung und Personen werden dann digital ausformuliert und alle Zuschauer können sehen, wie es war. Das ist natürlich nobel gedacht.

Wahrscheinlich erhöht es sogar die Spendenbereitschaft, wenn man zuvor gesehen hat, wie eine computeranimierte Figur in einem eingestürzten Haus verschüttet wird. Obwohl es dabei natürlich auch auf so Details ankommt, ob beispielsweise ein ertrinkendes Kind oder ein ertrinkender Taliban, der gerade vom Nasenabschneiden kommt, gezeigt wird. Das Tendenziöse ist bei Echtfilm natürlich genauso gegeben, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass es immerhin irgendwo wirklich ein ertrinkendes Kind oder einen ertrinkenden, zuvor nasenabschneidenden Taliban zu filmen gab. Oder in letzterem Fall zumindest einen ertrinkenden fies aussehenden Mann mit Turban und Bart.  Apple Daily Taiwan zeigt darüberhinaus nun auch das, was außer den Beteiligten niemand gesehen hat. Beispielsweise eine Messerstecherei. Wie es dazu kam, die Schuldigen und die Unschuldigen und die Grauzonen dazwischen. Das ganze hat nur einen kleinen Schönheitsfehler, weil zumindest die, die das herstellen genausowenig wie alle anderen wissen, wie es war.

Aber der Apple-Daily-online-Konsument hat es nicht nur schwarzaufweiß gelesen, sondern quasi mit eigenen Augen gesehen. Ausgerechnet mit den leichtgläubigen Augen. Sich hinterher ein neues Bild zu machen, das alte zu überschreiben, ist so einfach nicht. Da ist das Hirn nicht viel anders als ein alter Monitor, auf dem sich Bilder auch noch in die Netzhaut einfraßen.

Ob dem ungläubigen Thomas das Sehen von Jesu post mortem zum Glauben genügte, oder ob er klug und widerspenstig genug war, seine Finger wirklich in die Wunden zu legen und zu fühlen, wie er es ursprünglich wollte, wird in der Bibel bezeichnenderweise nicht beantwortet. Der Skeptiker wurde ja schon gedisst, weil er sehen wollte, bevor er glaubte. Kann sein, ein Erspüren war ihm dann zu widerspenstig.

Auch in Deutschland gäbe es bestimmt Kunden für diesen speziellen Nachrichtendienst. Lassen wir jetzt mal den Fall Kachelmann außen vor, der sich auch für Apple daily aus Gründen des Jugendschutzes oder der allgemeinen Sexualmoral nicht zur Nachstellung anbieten würde, sondern verfolgen gespannt und in 3D das erdrückende Szenario von Duisburg. In Farbe und allen Details. So wie diese sonderbaren, aber offenbar sehr beliebten nachgespielten “Dokumentarfilme” über Kelten, Pyramidenbau oder den Mann vom Hauslabjoch, kurz Ötzi. Nur viel schneller hinrecherchiert und veröffentlicht. Es muss ja aktuell sein. Daily verpflichtet.

Dann wüssten wir längst, welcher Polizeibeamte schuldig ist, welcher Sanitäter ein Held, welcher Teilnehmer ein kompletter Idiot. Wir wüssten Bescheid über die Tragödien einzelner Geretteter und vor allem die der Nichtgeretteten, weil die hinterher nichts mehr sagen können. Für die Aufarbeitung der Verwaltungsvorgänge eignet sich das Format natürlich weniger, das ist optisch doch zu monoton. Aber das wesentliche hätten wir ja gesehen und müssten nicht darauf warten, bis die Staatsanwaltschaft ihre Arbeit gemacht hat, oder darauf dass OB Sauerland ein Sätzchen wagt, oder dass sich Informationen durch Lecks schmuggeln. Warum das alles passiert ist und wie, das wüssten wir längst. Ha, alter Hut! Toll ist das. Man hätte eine total fundierte Meinung als praktisch Dabeigewesener. Augenzeuge Hilfsausdruck.

Man kann das Hinundherspiegeln von Realität und Idee natürlich auch andersrum aufziehen. Der Film Avatar brach in China alle möglichen Rekorde. Er spielte in der ersten Woche 30 Millionen Euro ein und das bei einer Anzahl von nur 4.600 Kinos in ganz China. (In Deutschland gibt es für ein grobes Zwanzigstel an Bevölkerung immerhin rund 1.800Kinos). Schließlich bekam dieser optisch sensationelle und inhaltlich etwas tumbe Film die Ehre eines zeitweiligen Verbots, bzw eine Beschränkung auf die 700 3D-Kinos im ganzen Land. Die teuren 3D-Kinos waren auf Wochen und Monate ausgebucht. Apple Daily Hongkong berichtete dazu, dass die Propagandabehörden Avatar vorzeitig auslaufen lassen wollten, “weil er die Besucher an Zwangsumsiedlungen denken lässt und möglicherweise Gewalt auslösen könnte”.

Das Verbot kam tatsächlich nicht so gut an und hielt auch nicht sehr lange. Gleichzeitig wurden andere Geschäftszweige entdeckt. Denn die schwebenden Berge von Pandora wurden nach dem Huangshan, dem Gelben Gebirge in China gestaltet. Oder nach den Bergen in Zhangjiajie. Soll der Regisseur James Cameron gesagt haben. Jeweils. In Zhangjiajie wurden mittlerweile ein paar Berge avatargemäß umbenannt, während man im Huangshan noch nicht über so altbackene, voravatarische Bezeichnungen wie den Handyfelsen herausgekommen ist. Doch sonst geben sich beide Gegenden nichts bei der Werbung mit dem Animationsfilm. Man reist jetzt nicht mehr zu den fantastischen Naturformationen des Huangshan oder denen von Zhangjiajie um ihrer selbst willen, sondern um die Vorlage für die Filmberge von Pandora zu sehen. Das soll sehr gut laufen. Als würden die Berge dadurch toller. Mir als alter Bergziege passt das natürlich überhaupt nicht. Und mit Verlaub: das ist auch gar nicht möglich. Das was den Bergen am meisten schadet, ist nunmal die Anzahl der Besucher. Und ich stand vor Avatar im Huangshan schon mal mitten im Gebirge im Menschenstau.

In Taiwan ist ein Mann gestorben, nachdem er sich Avatar in 3D im Kino angesehen hatte. 42 Jahre war er und litt unter hohem Blutdruck. Auf dem Weg ins Krankenhaus wurde er bewusstlos und starb später an einer Gehirnblutung. Die Symptome sollen durch die übermäßige Aufregung im Kino ausgelöst worden sein. Über Todesfälle durch das Betrachten von Apple daily online ist noch nichts bekannt geworden. An apple a day keeps the doctor away, so ist es eben.

Ursprünglich kommt diese verwortete Idee übrigens aus Wales und da hieß es 1866: Eat an apple on going to bed, and you’ll keep the doctor from earning his bread. Vielleicht ist der Originaltext der Grund, warum es bei mir zu hause hieß, dass ein Apfel vor dem Schlafengehen Zähneputzen überflüssig macht. Dabei gehörten Zahnärzte ja lange nicht zu den Ärzten, sondern eher zu den Barbieren, Henkern und Scharlatanen. In Chinas Provinz  kann man sich auch heute noch auf lokalen Märkten den Zahnersatz an Marktständen aussuchen und sich unter Publikumsbeteiligung per Fußbohrer Karies entfernen lassen. Dann wünscht man sich wahrscheinlich auch weit weg auf die schwebenden Berge Pandoras.

Gimme Five

14. Juli 2010

Es gibt ja sehr unterschiedliche Auffassungen von Sinn, Ausführung und Zweck  staatlicher Strafe schon allein in der heutigen, westlichen Welt. Man denke nur an das Erschießungskommando in Utah, USA. Fliesen zur besseren Reinigung hinterher, Sandsäcke zur Vermeidung von Querschlägern, Zuschauer hinter der Glasscheibe wegen der Hygiene. Clean und sicher. Mittlerweile ist diese Methode keine Wahloption der Walking Deadman mehr, weil es dem Ansehen des Bundesstaates schadet, oder gar dem Ansehen der Todesstrafe. Als wäre ein Giftspritzenarzt irgendwie humaner. Der ist nur stiller. Die Wahl des Todeskandidaten war vor langer Zeit gefallen, also mussten sie nochmal ran.

Aber Henkerehre Fehlanzeige. Die Herzposition des Täteropfers wurde extra per Zettel angeheftet, noch dazu schoss einer der fünf Schützen ohne Patrone, damit sich alle unschuldig fühlen können. Also bitte. Entweder man findet Hinrichtung eine sinnvolle Arbeit, dann ist man stolz darauf, sie gut zu machen, wie jeder Handwerker der auf sich hält. Oder eben nicht. Dann lässt man es bleiben. Freiwillige Polizisten sollen es gewesen sein. Schön. Beachtlicherweise hatten sich ausgerechnet die Angehörigen des Opfers des Hingerichteten für eine Umwandlung in eine lebenslange Freiheitsstrafe stark gemacht, war sein Opfer selbst doch vehementer Gegner der Todestrafe gewesen. Aber wo kämen wir denn dahin, wenn jetzt schon die Opfer Gnade lassen walten dürften?

Wenn einem nun das Rechtssytem der alten Chinesen hin und wieder etwas komisch vorkommt, braucht man sich also nicht wundern. Abwegiger war es keinesfalls, es ist nur länger her.

Der Chinese neigt ja zum Katalogisieren und Abzählen. So gibt es fünf Elemente, fünf Richtungen, fünf Geschmäcker, fünf Eingeweide etc pp. Weil nun die irdische Welt versuchen soll, diese kosmischen Prinzipien ebenfalls zu verwirklichen, gibt es seit Alters her auch fünf Strafen. (Wenn auch kein fünfköpfiges Henkerteam.)  Der Grad der Strafe hing in erster Linie vom Grad der Unordnung ab, die die Tat verursacht hatte und zwar zunächst unabhängig von der Verantwortung des Täters. Auf der anderen Seite waren damit auch übermäßige Strafen gegen den Kosmos gerichtet. Was Ordnung und was Unordnung war, bestimmte sich vor allem nach dem konfuzianischen Weltbild.  Das engt die Selbstentfaltung natürlich ganz schön ein.

Todesstrafen wurden grundsätzlich nur im Herbst oder Winter vollstreckt, weil die Ausführung kosmologisch nicht in Frühling oder Sommer gepasst hätten.  Abgesehen von meiner grundsätzlichen und undiskutierbar ausnahmslosen Ablehnung der Todesstrafe, finde ich das ein ganz schönes Element. Man ist dann nicht so allein. Man geht mit Persephone zusammen in die Unterwelt.

Die früheste bekannte Abhandlung zu den fünf Strafen stammt etwa aus dem Jahr 0 und behandelt den Zustand der damals schon grauen Vorzeit. Da gab es die Tätowierung, die Nasenamputation, die Ohrenamputation, das Köpfen und die Kastration der Männer bzw das Einmauern der Frauen. Etwas später gab es auch Modifikationen, wie zB die Beinamputation. Eine selten dämliche Strafe. 167 vChr wurde sie glücklicherweise auch auf Nimmerwiedersehen abgeschafft. Danach bestanden die 5 Strafen in Exil, Zwangsarbeit, Schlägen, Kastration und Tod.

Hohe Beamte oder Mitglieder der Kaiserfamilie durften die Todesstrafe oft abwenden, indem sie Selbstmord begingen. Im Übrigen galt für alle: nach dem Tod ging das Eigentum, inklusive der Familienmitglieder, an den Staat über. Das füllte die Salzminen, das Heer, die Dienerschaft im Palast und die Bordelle. Die Kastration wurde 220 nChr als Strafe abgeschafft. Das später immer mal ausufernde Eunuchentum war ja nicht Ergebnis einer Strafe, sondern einer Qualifikationsmaßnahme.

Zur Tangzeit, also um 700 rum, waren die fünf Strafen: Schläge mit dem leichten Stock, Schläge mit dem schweren Stock, Strafarbeit, Exil und Tod. Daran änderte sich im Grundsatz lange nichts. Stattdessen wurden immer mal Gründe und Grade der Strafe verändert. Beispielsweise wie weit weg das Exil ist, wie viele Schläge, wie lang die Strafarbeit und was für ein Tod.

Die bei uns heutzutage üblichen zwei Strafen (wie die zwei Hände, aber nicht deren fünf Finger) Freiheitsstrafe und Geldstrafe, spielen in der traditionellen Rechtsprechung der Chinesen keine Rolle. Gefängnisse gab es zwar, aber die dienten nur der Untersuchungshaft. Die Verurteilten schickten sie im Falle der Gefährlichkeit zur Not in den Tod oder einfach weg ins Exil. Das ist menschlich verständlich, aber ein bisschen so wie die Parole: Nazis raus! Klar will man die nicht haben, aber was sollen denn bitte die anderen mit unseren Nazis?  Geldstrafen gab es nur indirekt, indem Alte, Frauen und Kinder Körperstrafen häufig durch Bezahlung einer Geldstrafe abwenden konnten.

Neben den fünf Hauptstrafen gab es allerlei Nebenstrafen. Bei uns wären das so etwas wie Fahrverbot, Verlust der Wählbarkeit, Berufsverbot oder Verfall (also die Abschöpfung des mutmaßlich durch die Straftat erlangten Vermögens). Bei den alten Chinesen ab dem Mittelalter waren das Tätowierungen für Räuber, Grabräuber und aufgegriffene Exilierte. Letztere entsprechen bei uns bestimmten Orten zugewiesenen Asylbewerber, die sich in anderen Landkreisen aufhalten. Dabei wurde beim ersten Mal der eine Arm, beim nächsten Mal der andere Arm und beim dritten Mal das Gesicht tätowiert.  Eine andere Nebenstrafe war das Tragen des Kangs, des Schandkragens. Ursprünglich sollte dieser die Untersuchungshaft ersetzen, aber dann wurde er als Mittel zur Besserung eingesetzt. Schmach sollte ein Umdenken erbringen. Resozialisierung war ein großes Thema im alten China, die dort Selbsterneuerung heißt. Die Labeling-Theorien gab es damals halt noch nicht, aber dass es jemand mit einem Straftätertattoo im Gesicht nicht so leicht haben würde, hatten die alten Chinesen auch schon verstanden.

Neben dem Aberkennen von Titeln von Lebenden und Toten gab es noch Nebenstrafen, die nur an der Leiche ausgeführt wurden. Insbesondere die Ausstellung des Kopfes in einem Käfig galt als extreme Maßnahme. Schmach, Schande und Verderben. Vergleichbar mit dem heutigen Entzug der Fahrerlaubnis.

Die Verhältnismäßigkeit wurde bei der Verhängung der Strafen streng beachtet, nur war eben der Maßstab ein anderer. Es ging um die Tat, nicht um den Täter. Wenn man damals jemanden in einem Autounfall getötet hätte, hätte es Todesstafe gegeben, weil die menschlichen Beziehungen untereinander so einschneidend verletzt worden waren. Da aber die kriminelle Absicht auch eine Rolle spielte, wäre in diesem Fall die Strafe vielleicht auf Exil gemindert worden.

Die verhängten Todesstrafen mussten im Normalfall dem Kaiser vorgelegt werden. Etwa 20% wurden ratifiziert und dann eben im Spätherbst vollstreckt. Doch wenn Not am Mann war, wurde auch mal der Notstand ausgerufen und dann durften  Massenhinrichtungen ohne viel Federlesens vollzogen werden. Man merkt schon, das System war nicht fehlerfrei, aber im Vergleich zum brutal metzelnden und brennenden Europa zur gleichen Zeit ein Traum. Ein Traum.

Abgesehen davon, dass sehr alte oder sehr junge Menschen genausowenig schwer bestraft werden durften wie Verrückte, gab es durchaus Kontrollmechanismen. Wurde beispielsweise die falsche Strafe  verhängt, also zB schwerer statt leichter Stock, dann erhielt der Richter selbst 100 Schläge und musste sich gegebenenfalls an den Begräbniskosten beteiligen. Wurde gar illegal gestraft, also beispielsweise auf unerlaubte Körperteile (alles außer Hüften und Hintern) geschlagen oder ein falsches Schlagwerkzeug benutzt, dann gab es zu den 100 Schlägen 3 Jahre Zwangsarbeit extra. Alle Strafen, die schlimmer waren als die Schläge mit dünnem oder dicken Bambus und der Kang-Nebenstrafe, mussten der höheren Instanz vorgelegt werden.

Zu den besonders unangenehmen Straftatbeständen gehörte das Nichtmelden von Rebellion oder Verrat. Der Blockwartparagraf. Meldete man nicht, wurde man hart bestraft. Meldete man, aber der Beschuldigte wurde von dem Vorwurf reingewaschen (wegen Beziehungen oder Bestechungen oder Unschuld), dann drohte die gleiche Strafe wie dem anderen, wäre er überführt worden. Denunziantentum mit angezogener Handbremse.

Ein großes Problem aus heutiger Sicht war vor allem, dass das alte China eine Klassengesellschaft war.  Es gab Privilegierte (Beamte und Gelehrte), Gemeine (freie Bürger) und Sklaven oder sonstwie Unfreie. Die Privilegierung konnte dazu führen, dass schwächere Grade der Strafe angewandt wurden. Exil statt Todesstrafe, Prügel statt Exil, etc. Es gab aber auch Straftaten, wie Prostitution, die Unfreie gar nicht begehen konnten, weil der Moralanspruch an sie ein gänzlich anderer war. Man muss sich das ein bisschen vorstellen wie Straftaten im Amt, die hier auch nur auf bestimmte Personen anwendbar sind Es war für einen Beamten also strafbar zu einer Prostituierten zu gehen, nicht aber für die Prostituierte ihre Arbeit zu machen. Wenn diese aber, wenn auch unfrei, eine eingetragene Kurtisane war, ging das wieder in Ordnung. Man sieht, die gesellschaftliche Ordnung, das Wergehörtwohin war zentraler Bestandteil des altchinesischen Strafrechts. Und dagegen ist natürlich schnell mal verstoßen.

Es gab viel zu wenig Rechtspersonal, um alle Rechtsprobleme gerichtlich zu behandeln. Familien, Clans und Gilden regelten ihre Rechtsprobleme in der Regel also intern. Nur wenn die interne Regelung versagte, oder wenn das Versagen offenbar oder denunziert wurde, griff die staatliche Macht ein. Hauptsache die menschlichen Verhältnisse wurden ihrer Ordnung nach entsprechend beachtet. Von diesen menschlichen Verhältnissen gab es im Groben natürlich auch fünf: die Beziehungen Herrscher/Untertan, Eltern/Kind, Mann/Frau, älterer Bruder/jüngerer Bruder und Freund/Freund. Erschlug also ein Vater seinen Sohn wegen unorthodoxen, aufrührerischen Verhaltens oder Unbotmäßigkeit, ging das in Ordnung. Erschlug er ihn grundlos, oder gar weil der Sohn den Vater zu moralischer Lebensführung anhielt, musste der Vater mit dem Tod rechnen. Trat eine Frau vor Gericht gegen ihren Mann auf, so konnte sie durchaus Recht bekommen. Bestraft wurde sie selbst aber auch auf jeden Fall, weil sie sich illoyal gegenüber ihrem Mann gezeigt hatte.  Also wie gesagt, fehlerfrei war das ganze nicht.

Ein weiterer Mangel des altchinesischen Strafrechts bestand darin, dass der Angeklagte auf jeden Fall gestehen musste, bevor er verurteilt werden konnte. Das Geständnis diente natürlich in erster Linie der Selbsterneuerung, sprich Läuterung, sprich Resozialisierung. Aber es war eben auch in Bezug auf den Schuldnachweis erforderlich. Ohne Geständnis keine Strafe. Um sich als staatliche Gewalt nicht total der Lächerlichkeit preiszugeben, heißt das, dass auch Folter erlaubt sein muss. Und zwar gegenüber Verdächtigen und  Zeugen.

Der erlaubten Folterwerkzeuge gab es wiederum fünf: Ohrendreher, Schläger, Gelenkschrauben, Kopfbänder und Eisenketten zum drauf knien. Um die Folter anwenden zu dürfen, mussten schon einige  Beweise vorliegen. Foltern ins Blaue hinein war verboten. Immerhin. Das ist ein bisschen wie bei uns die Voraussetzung zur Wohnungsdurchsuchung. Da darf man genausowenig absichtlich nach Zufälligem suchen, wie in China damals aufs Geratewohl die Daumenschrauben anlegen. Beweise und Argumente waren die Grundlage.

Also alles wie bei uns. Doch haben wir trotzdem nur zwei Strafarten. Vielleicht erklärt sich daraus, dass wir nur zwei Gefolterte aus Guantanamo aufnehmen. Um der kosmischen Ordnung willen.

Toter Winkel

13. Juni 2010

Am vorletzten Abend der Chinareise schlägt der weltbeste Reiseleiter vor, in der Geistergasse Essen zu gehen. Alle sind einverstanden und da ich nur Teilzeit-Coreiseleiterin bin, fühle ich mich zuweilen zu blöden Fragen befugt und frage also: wieso eigentlich Geistergasse?

Na, weil sie in den Nordosten führt, wird mit beschieden. Aha, denke ich, soso. Das mit dem Norden leuchtet mir ja noch ein, da gehört das Yin hin, das Dunkle. Tod, Teufel und Geister, warum nicht. Aber Nordosten? Vielleicht weil sie ja gar nicht so tot sind, die Geister, sondern eben untot? Aber warum rutschen sie dann ausgerechnet Richtung Osten, Richtung aufgehende Sonne, Richtung Beginn? Weil Geister durch den Tod geboren werden?

Ich frage nach: wieso Nordosten? Der weltbeste Reiseleiter fragt konsterniert, wie es sein kann, dass ich mich schon jahrelang mit China,  Chinesisch und chinesischer Kultur beschäftige und solche grundlegenden Dinge nicht weiß. Das frage ich mich seither natürlich auch. Aber so kann es gehen. Man lernt und lernt und lernt und hat dann das Wesentliche wieder ausgelassen. Und merkt es nicht einmal. Das ist wirklich ärgerlich.

Nun will ich aber nicht dümmer als nötig sterben, um dann womöglich ein umso trotteliger Geist zu werden, also hake ich nach: Wieso Nordosten? Ich erfahre, dass dem Nordosten die Uhrzeit von 2 bis 5 Uhr nachts zugeordnet worden ist. Ach ja, die enge Raumzeitverschränkung der Chinesen. Der Ort steht also für die Uhrzeit, an der die meisten schlafen, die Nacht am tiefsten und die Weltengrenze am durchlässigsten ist. Ob es da so eine gute Idee ist, in einem nordöstlichen Bezirk im Nordosten des Landes zu wohnen, während ich obendrein selbst zur nordöstlichen Uhrzeit geboren wurde, frage ich mich natürlich schon. Aber es fühlt sich immerhin stimmig an. Und in Bezug auf Ulaan Baatar beispielsweise wohne ich doch recht nordwestlich. Im Vergleich zu Eberswalde wiederum sogar südwestlich.

Auch kann ich mich offensichtlich ganz ohne Geister sehr gut selbst unterhalten. Vor ein paar Tagen klingelte der Wecker, es war sieben Uhr, ich hatte einen Termin und musste schnell wach werden. Obwohl ich sehr sehr müde war. Ich machte das Licht an und griff zu Trick 16: um mich im Tag zu verankern, um mein Hirn an das Kognitive zu gewöhnen, fing ich an, in einem Buch zu lesen. Das ist dann ungefähr so, wie wenn ein Computer hochfährt, langsam geht alles an. Mit der gleichen Methode kann ich mich abends auch runter fahren, aber das geht ja vielen so. Ich fuhr mich also lesend langsam hoch. Als das einigermaßen geglückt war, fragte ich mich, was ich eigentlich für einen Termin habe und warum es im Juni um sieben Uhr morgens noch so dunkel ist. Und sah auf die Uhr. Sie zeigte halb vier. Der Wecker stand stumm da und schaute mich unschuldig an. Einen Termin hatte ich davon abgesehen auch nicht. Das war dann wohl der berühmte Trick siebzehn mit Selbstüberlistung. Offenbar ist die Grenze zwischen Wachsein und Schlafen um diese nordöstliche Uhrzeit auch besonders durchlässig. Hätte ich wie die Japaner in Richtung Nordosten zur Dämonenabwehr ein paar Bohnen geworfen, wäre das vielleicht nicht passiert.

Der Nordosten, das ist also praktisch der tote Winkel der Stadt. Dort sammeln sich dann so Gestalten wie von rechtsabbiegenden LKWs überfahrene Radfahrer, Hitlers Sekretärin, Gespenster und anderes Gelichter. Von da ist es zum Gesindel nicht weit und so siedelte sich da traditionell alles an, was helle Beleuchtung scheut, Schmuggel, Drogen, Prostitution, Spielhöllen etc. Also früher. Heute wird in der Geistergasse vom bloßen Odeur des Verruchten und Verworfenen gelebt, doch dabei werden die Finger gekreuzt. Denn die Lokale sind mit roten Lampions übersät und das Essen in Chili gebadet. Rot und scharf sind Süden, Yang und das aktive Leben auf seinem Zenit. Keine Umgebung für Irrlichterndes. Ganz offensichtlich handelt es sich bei der Neubelebung der Geisterstraße also um Koketterie. Na, das ist im nordöstlichen gelegenen Prenzlauer Berg nicht viel anders.  Aber schön sieht es aus. Und lecker ist es auch.

Wenn ein Chinese stirbt, begibt er sich zu den Gelben Quellen, dem chinesischen Land der Toten, was wiederum im Norden liegen soll, also auf Mitternacht. Da kommen wir dann unserer hiesigen Geisterstunde wieder näher. Neben dieser sehr erdhaften Unterwelt gibt es ungeheuer bürokratisch organisierte Höllen, wo der Tote entsprechend seiner Vergehen verurteilt wird. In einem Tempel sah ich plastisch aufgestellte, mittelalterlichdrastisch wirkende Höllenszenen, die an Deutlichkeit wirklich nichts zu wünschen übrig ließen. Von bloßen Schlägen bis zu Kopfaufsägen und Lebendigentbeintwerden war alles geboten.  Unwillkürlich glich ich ab, ob ich mir womöglich die Schuld der ebenfalls dargestellten Verfehlungen aufgeladen hat, konnte ich mich aber entspannen. Weder fröne ich exzessivem Glücksspiel noch der Wegelagerei. Ich vermute jedenfalls, dass meine erstmalige Teilnahme an einem Fußballtippspiel, zu der ich mich habe überreden lassen, nicht unter exzessiv fällt. Auch wenn ich mittlerweile den weiteren Entscheidungen entgegenfiebere. Seit ich in Führung liege. Ha!

Es bleibt zu hoffen, dass die etwas gespentische Erscheinung, die sich -von Nordosten kommend- auf der Autobahn zappelnd und fuchtelnd vor unseren Bus warf, genausowenig unter Wegelagerei fällt. Unser freundlicher Busfahrer bremste natürlich rechtzeitig und der verwirrte Geist bekam auch etwas Geld und Essen von uns. Nach diesem Erfolg war es natürlich schwer, ihn von vor dem Bus wegzubekommen, insbesondere, da unser Busfahrer sowieso eher verzagt Auto fuhr. Beispielsweise bremste er vor jedem Überholvorgang ab. Und da er nicht sehr gut lesen konnte, hielt er auch gerne mal mitten auf der Autobahn, um ein komplexeres Schild zu lesen. Überhaupt hielten wir sehr oft an, da er auch keine Landkarten hatte, die er vermutlich auch nicht hätte lesen können. Dafür war er flink auf den Beinen und sehr kontaktfreudig. Denn wie heißt es so schön: was man nicht im Kopf undsoweiter. Auf diese Weise fragte er uns durch. Abgesehen von seiner Verzagtheit hatte er den Bus gut im Griff und auch über wegen umfangreicher Bauarbeiten eigentlich gesperrte Bergstraßen fuhr er uns sicher. Auch wenn wir fanden, dass die Sperrung nicht ohne Grund erfolgt war. Aber was soll man machen, wenn alternative Routen über den Berg fehlen? Wir versicherten ihm, keine Angst zu haben. Er schien sich darüber zu freuen und antwortete: Aber ich.

Schließlich gelang es sogar diesem Herzchen von Busfahrer, den hungrigen Geist abzuschütteln ohne ihn zu überfahren. Wir fuhren weiter und letzterer verschwand im toten Winkel.

Frühlingsgefühle

5. Mai 2010

In meinem Buch über Taiwan hatte ich geschrieben, dass chinesische Liebesgeschichten eigentlich immer schlecht ausgehen.  Das lag daran, dass ich bis dahin nur solche mit ausgesprochen unhappy end gelesen hatte. Doch nun habe ich nach langer Zeit mal wieder drei gelesen und was ist: alle gehen im landläufigen Sinne gut aus. Daran kann man sehen, dass persönliche Erfahrung nicht unbedingt zur Verallgemeinerung geeignet ist.  Ich nehme also alle verallgemeinernde Aussagen zu diesem Thema zurück, behaupte nicht das Gegenteil, sondern teile mit: ich habe keine Ahnung.

Lassen wir das Allgemeine, das Konkrete  ist eh viel interessanter. Da wäre zum Beispiel die schöne Geschichte “Die schöne Li”, die im 8. Jahrhundert spielt und auch in etwa aus dieser Zeit stammt. Da gibt es diesen unheimlich viel versprechenden Sohn aus gutem Hause. Er ist gebildet, dichtet wie ein junger Gott und sieht auch genau so aus. Dazu ist er von angenehmem Wesen. Er enttäuscht seinen Vater nicht und macht die ersten zwei Beamtenprüfungen mit links. Nun steht noch die letzte an, die große. Die, die ihm den Zugang zu Staatsämtern öffnen sollte. Sein Vater schickt ihn mit einer großzügig bemessenen Apanage, um nicht zu sagen mit einem Vermögen, los in die Hauptstadt, damit er sich dort auf die große Prüfung vorbereiten sollte.

Man ahnt schon, das wird ein paar Windungen geben in der Geschichte, sonst wäre sie des Aufschreibens ja nicht wert gewesen. Es kommt also wie es kommen muss: er reitet eines Tages an einem Anwesen vorbei, in dessen Tür er eine berückend schöne Frau stehen sieht, die er sich nun nicht mehr aus dem Kopf schlagen kann. Er zieht Erkundigungen ein und erfährt, dass sie eine Kurtisane und zu haben, aber ruinös sei. Dass ihre Mutter schon für ein Gespräch viel verlange. Dem Jüngling ist das natürlich völlig gleichgültig, er zieht dort ein, ist wahnsinnig glücklich, lernt kein einziges Zeichen mehr und wirft mit beiden Händen sein Geld zum Fenster der schönen Li rein. Als das Vermögen aufgebraucht ist, wird er durch einen Trick vom Anwesen weggelockt und als er wieder ankommt ist es verschlossen und unbewohnt.

Dabei hat er noch Glück gehabt. Denn öfter steht der Protagonist in so einer Geschichte vor einem schon lange verlassenen, zur Ruine zerfallenen Gehöft und muss damit fertig werden, dass er Opfer eines Yang abzapfenden Geistwesens geworden ist. Aber nicht unser Jüngling. Er ist nur Opfer konsequenter Gewinnmaximierung geworden. Trotzdem ist er verständlicher Weise am Boden zerstört. Ohne Liebe, ohne Geld, ohne Bücher. Keine Aussicht mehr, aus seinem Leben etwas zu machen, mit dem er gerechnet hat, etwas mit dem man angeben kann.

Ihn befällt eine schwere Depression und er magert ab. Die Auszehrung befällt ihn. Im Sterbeasyl päppeln sie ihn aber wider Erwarten wieder auf. Und da das Asyl sinnigerweise mit einem Beerdigungsunternehmen verbunden ist, kann er sich nach einer Weile nützlich machen und Baldachine über den Särgen schleppen helfen. Da ihm selber so elend ist, geht er bei all den Trauerzeremonien voll mit und kann nach kurzer Zeit alle Klagelieder auswendig. Tatsächlich wird er der beste Klageliedsänger in ganz Chang´an. Bei dem Wettbewerb “Chang´an sucht den Superklageliedsänger” rührt er sein Publikum zu Tränen und gewinnt prompt.

Nun ist mittlerweile sein Vater auch in der Hauptstadt tätig und ein alter Diener erkennt in dem steinerweichend singenden Jüngling den Haussohn wieder. Glücklich arrangiert er eine Zusammenkunft. Die Hauptbeteiligten sind im Endeffekt allerdings weniger glücklich darüber. Der Vater ist über den verlorenen Sohn derart erbost, dass er ihn mit der Peitsche fast tot schlägt und sich von ihm lossagt. Der verleugnete Sohn wird nach draußen geschleppt und vegetiert seither mit eiternden Geschwüren am Straßenrand, ist außerstande sich zu erheben und lebt von Brosamen mitleidiger Passanten.

Doch wiedermal gelingt ihm das Sterben nicht. Zu jener Zeit hat er auch keine Gelegenheit an einer Krankheit zu sterben, die ausschließlich chinesische Männer befällt und auf der übrigen Welt unbekannt ist. Sie ist tödlich und unheilbar: Verkühlung nach dem Geschlechtsakt. Dann ziehen sich die primären Geschlechtsorgane komplett nach innen und der Mann stirbt nach einer Phase des Siechtums. Manch junges Glück ist daran schon zerbrochen. Also in Liebesgeschichten, die schlecht ausgehen. Sie wollten nur zusammen den Mond danach bewundern, zack, war es passiert. Unheilbar und tödlich eben. Aber unser Held ist zum jetzigen Zeitpunkt fern von derartigen Gefahren. Und überlebt trotz Kälte. Tatsächlich ist er zum Winter hin wieder soweit auf die Beine gekommen, dass er bettelnd um die Häuser ziehen kann. Armselig wie das Mädchen mit den Schwefelhölzern streift er durch die schneebedeckten Gassen und ruft um Hilfe und Almosen.

Man trifft sich immer zwei Mal, heißt es, und so hört auch die schöne Li in ihrem neuen Haus sein klägliches Rufen in der Kälte. Sie wird von Schuldgefühlen überwältigt, öffnet ihm die Tür,  holt ihn herein und pflegt ihn gegen den Willen der rein kaufmännisch orientierten Mutter gesund. Als diese nicht zu nerven aufhört, als Mutter aber auch nicht einfach übergangen werden kann, kauft sich die Tochter von der eigenen Mutter frei.

Sie zieht mit dem Jüngling in eine kleine Wohnung und fängt als Trümmerfrau des Intellekts mit dem Wiederaufbau an. Sie kauft ihm Bücher und hätschelt und päppelt ihn, so dass er sein Studium wieder aufnehmen kann. Eine Zierde konfuzianischer Ehefrauen ist aus ihr geworden. Nimmt ihm alle Lasten ab und ermuntert ihn zum Studieren, schätzt den besten Zeitpunkt zur Prüfung ein und siehe da: nach drei Jahren tritt er zur großen Prüfung an und schließt als Bester ab. Auf Anraten der schönen Li lebt und lernt er zunächst noch weiter im Verborgenen, um das unangenehme Odeur seines vorherigen Lebenswandels loszuwerden. Schließlich beruft ihn der Kaiser zum politischen Berater des Statthalters von Sichuan.

Die schöne Li findet, dass es nun an ihr ist, sich zu verabschieden, denn der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Doch unser Held beharrt darauf, dass sie bleibt. Und das ist eine der Seltsamkeiten dieser Geschichte.  Warum will er das? Natürlich, sie hat sich nun vier Jahre aufopferungsvoll um ihn gekümmert. Ihn erneut für eine glanzvolle Karriere aufgepimpt. Das ist auf jeden Fall viel wert. Aber lässt es alles andere vergessen? Du hast nicht mich, sondern nur mein Geld geliebt, Schwamm drüber. Wegen Dir wäre ich zwei Mal beinahe gestorben, lass gut sein. Mein Vater hat mich halb tot geschlagen, meine Jugend hab ich im Elend vergeudet und bin nun auf immer gezeichnet, nichts für ungut. Geht das? Vielleicht. Immerhin hat sie ihn zu nichts gezwungen. Wenn man dann noch alle Charakterschwäche  auf die Mutter schiebt, dann könnte es klappen.

Manche trifft man ja auch drei Mal und so ist der Statthalter von Sichuan, den unser Jüngling beraten sollte, ausgerechnet dessen eigener Vater. Als sie sich nun als zwei ebenbürtige Mandarine begegnen geschieht folgendes: der Vater stellt sich eine Stufe unter den Sohn und lässt sich ein paar Klapse auf den Rücken geben. Als Sühne für das Halbtotschlagen. Danach liegen sie sich Freudentränen vergießend in den Armen. Und der Vater erklärt, wieder Vater sein zu wollen. Hallo?

Ich gebe schon zu, die Geste ist für einen waschechten Konfuzianer heftig. Sich vom Sohn -und sei es auch nur symbolisch- schlagen zu lassen, raspelt einem ganz schön Haut vom Gesicht. Aber nur Vater sein zu wollen wenn alles eitel Sonnenschein ist und sonst Neigung zum Ehrenmord zu zeigen, das ist schon ein wenig poplig. Vergeben und vergessen? Ich weiß nicht. Vermutlich sind das die viel beschworenen family values, die ich eh nie verstehe.

Ich halte mich selbst eigentlich nicht für sonderlich nachtragend, aber es gibt doch Sachen, die vergesse ich einfach nicht. Mein Bruder war beispielsweise in sogenannte schlechte Gesellschaft geraten und hatte auf einmal einen Haufen sonderbarer Einfälle. Der für mein Gefühl perfideste davon war, unsere Katze unter einem umgedrehten Papierkorb einzusperren und meinen Wellensittich fliegen zu lassen. Zunächst erklärte er mir, die Katze nur dann frei zulassen, wenn ich ihm die Hälfte meiner Tafel Schokolade  aushändige. Er würde ihr aber dann meinen hysterisch herumflatternden Wellensittich zutreiben, wenn ich ihm nicht die ganze Tafel gäbe.  Klar, lag alles nur am schlechten Einfluss. Aber wer hat die Katze unter den Papierkorb geschoben und den Vogel aus dem Käfig geholt und mich aus dem Zimmer gesperrt? Man wird das doch ein bisschen übel nehmen dürfen. Ob ich ihm das jetzt über dreißig Jahre später auf´s Geburtstagsbrötchen schmieren muss, ist natürlich eine andere Frage. Also, Bruderherz, nichts für ungut, sondern alles Gute zum Geburtstag!

Doch wie geht es nun mit der schönen Li weiter? Der Vater ist so entzückt von der Frau, die ihm seinen Sohn erst raubte, dann aber wiedergab, dass er eine Heiratsvermittlerin beauftragen lässt und so schließlich alles in die rechte Ordnung kommt. Nun ist nur noch Heititei und großes Konfuzianerglück mit Aufopferung und Trauerriten, glücklichen Omen wie Langlebenspilzen auf purpurroten Stengeln, weißschwänzigen Schwalben und dergleichen mehr. Die schöne Li gebiert vier Söhne, die natürlich alle auch überaus talentiert sind und sie leben alle glücklich bis an das Lebensende ihrer Urenkel und mir wird fast schlecht vor lauter Erfüllung und Perfektion und schöner Wohnen.

Vielleicht lese ich unglückliche Liebesgeschichten einfach lieber?

Wie geht es eigentlich unserem namenlosen Helden, wenn man es genau betrachtet? Wann tut er je etwas selbst und aus sich heraus? Außer lernen, gehorchen, manipuliert werden und Erwartungen von irgendwem zu erfüllen? Wann wird er nicht geschoben und kontrolliert?

Als Sargzieherliedersänger. War er nicht eher dazu berufen? Er war immerhin der beste Trauersänger in der Hauptstadt des riesigen chinesischen Reiches, er muss wirklich gut gewesen sein. Sein Aufstieg zum Vorzeigebeamten kommt mir wie Verschwendung vor. Aber Ordnung muss sein.

The Happy End.

Das große Lernen

30. März 2010

Ich nahm an einem Intensivmalkurs von Deng Yuanpo teil. Der war eigentlich für Anfänger, aber das schadet ja nichts. Zu lernen gibt es ja immer was. Und auf ein fortgeschritteneres Angebot werde ich lange warten können.

Es begann damit, dass der Gruppe von 15 Leuten gesagt wurde, sie sollen einen Querstrich malen. Die chinesische eins. Natürlich, so fängt es immer an. Ach nein, tönt es hier und da, das will ich nicht, ich will lieber ein ganzes Zeichen malen! Ich will gar kein Zeichen malen! Ich will dies, ich will das. Bei den wenigen, die sich auf die eins einlassen wird man überrascht, wie unterschiedlich ein Querstrich aussehen kann. Ich kenne das auch aus eigenen Workshops, ein unerschöpflicher Quell des Wunders. Ich zeige beispielsweise ein ziemlich schlichte, klare und nur begrenzt variierbare Art, einen Bambusstamm zu malen. Dann fangen alle an und die 10.000 Dinge entfalten sich unkontrolliert auf dem Papier. Die einen brauchen für einen Stamm ein ganzes Blatt, die anderen schaffen es mit zehn nicht voll. Es wird variiert von tiefstem Schwarz, zu fast nicht zu sehen, dick, dünn, gebogen, gerade. Manche kasteln ihr Papier in Abschnitte, andere benutzen das gleiche so lange, bis alles ganz schwarz geworden ist. Was bei komplexeren Anweisungen passiert, man frage nicht!

Ich versuche mich auch kurz in Anarchie, denn ich schreibe nicht gern Kaishu, die chinesische Normalschrift. Sie ist mir zu steif, zu langsam, zu genormt. Bin ich doch so froh, dass ich meine Kalligrafielehrerin dazu bringen konnte, mir Currentschrift beizubringen, jetzt soll ich wieder von vorne anfangen. Aber gerade als ich mich unbotmäßig einer flotteren Vorlage zuwenden will, steht Meister Deng hinter mir und blättert im Heft freundlich aber bestimmt zurück. Na gut, denke ich. Also gut. Ok. Ich schreibe die Eins. Mit mittlerweile der vierten Theorie dahinter, egal. Eins. Eins. Eins. Eins. Außer mir und einer teilnehmenden Chinesin macht das kaum jemand. Aber wie gesagt, es schadet ja nicht. Und ich bin ja nicht zum Vergnügen da. Er hat es gleich erkannt: ich bin das gewohnt, ich mache das, was der Meister sagt. Deswegen bin ich da und so lernt man nun mal die asiatischen Künste. Ohne viel Erklärung, durch Tun, durch Nachahmen. Im Idealfall hat das durchaus seinen Sinn, weil bei verschiedenen Dingen das intellektuelle Verstehen nichts nützt. Verstanden wird es dann auf anderer Ebene. Später. Vielleicht.

In China lernte man natürlich nicht nur Künste so, sondern grundsätzlich. So mussten die Kinder schon Texte auswendig lernen, die sie unmöglich verstehen konnten. Der Inhalt wurde später nachgeliefert, oder er sickerte peu à peu durch. Eines von den ersten Werken, die es für die Kleinen zu lernen gab, war das Sanzijing, der Dreizeichen-Klassiker aus dem 13. Jahrhundert. Da werden in dreizeichenlangen Satzeinheiten Grundlagen gelegt. Dass der Mensch im Grunde gut sei, beispielsweise. Oder dass es drei Kräfte (Mensch, Erde, Himmel), drei Lichter (Sonne, Mond und Sterne), drei Beziehungsbande, vier Jahreszeiten, fünf Himmelsrichtungen (inklusive der Mitte), fünf Elemente (Wasser, Feuer, Holz, Metall, Erde), sechs Getreidearten (Reis, Weizen, Hülsenfrüchte und drei Arten von Hirse), sechs Haustiere (keine Katzen), sieben Gefühle (Freude, Zorn, Mitleid, Furcht, Liebe, Hass, Begehren) und acht Töne gibt. Woher diese Leidenschaft der Chinesen kommt, alles zu zählen und kategorisieren, weiß ich wirklich nicht. Bei uns sieht es da durchaus magerer aus: zwei Geschlechter, vier Himmelsrichtungen, 16 Bundesländer, 27 Eu-Staaten, 206-220 Knochen im Körper. Man sieht schon, die Anzahl ist hier gerne Definitions-, Mode- oder Geschichtsfrage. Kaum etwas davon wird die nächsten 1000 Jahre überdauern. Geschweige denn 2000.

Besonders gut gefällt mir im Sanzijing eine Geschichtszusammenfassung mit 102×3, also insgesamt 306 Zeichen. Das ist für etwa 5000 Jahre eine wirklich überschaubare Anzahl. Dennoch soll man das erst lesen, wenn man die wesentlich kürzere Literatur- und die Philosophiegeschichte absolviert hat.

Auch bei uns wurde früher ja viel mehr auswendig gelernt, aber zu Chinesen besteht trotzdem ein himmelweiter Unterschied. Die müssen ja auch heute noch tausende Zeichen auswendig lernen, um überhaupt lesen zu können. Ich habe in diesem Zusammenhang in einem aus popeligen 29Buchstaben zusammengesetzten Text gelesen, dass der Teil des Gehirns, der für das Auswendiglernen zuständig ist, bei Chinesen signifikant stärker ausgeprägt ist. Das glaube ich sofort.

Eines der anderen, unbedingt auswendig zu beherrschenden Texte war das gut 2000 Jahre alte “Das große Lernen”, ein Kapitel aus dem Buch der Riten. Dort heißt es: “Diejenigen in alter Zeit, die auf der ganzen Welt die helle Tugend erstrahlen lassen wollte, die ordneten zuerst ihr eigenes Land. Die, die ihr Land ordnen wollten, brachten zunächst Ordnung in ihre Familien. Die die ihre Familien ordnen wollten, kultivierten zunächst sich selbst. Wer sein Selbst kultivieren wollte, machte erst seinen Geist aufrichtig. Wer seinen Geist aufrichtig machen wollte, der läuterte zuerst seine Absichten. Wer seine Absichten läutern wollte, erweiterte zunächst sein Wissen so weit es geht. Sein Wissen so weit wie möglich auszudehnen bedeutet, die Dinge gewissenhaft zu untersuchen.” Und dann geht es wieder zurück: “Nur wenn die Dinge sorgfältig untersucht wurden, wird das Wissen erreicht. Nur wenn das Wissen erreicht wurde, werden die Absichten geläutert” etc.pp. So wiederholende, rhythmische Strukturen lassen sich ja vergleichsweise gut auswendig lernen. Die Dinge untersuchen, muss dann aber trotzdem selber.

Ich selber musste nur sehr wenig auswendig lernen. Ribbeck mit seinen Birnen zum Beispiel, der uns in der bayerischen Provinz sehr zum Lachen reizte. Oder natürlich Vaterunser und Glaubensbekenntnis. Später die Texte im Schultheater. Aber nie konnte ich mir einen Text merken, dessen Inhalt ich nicht verstanden hab. Wenn auch manchmal falsch, wie das entlaufene Pferd bei “Es ist ein Ros entsprungen”.  Dieser Teil meines Gehirns ist leider bemerkenswert schwach ausgeprägt, was beim Vokabelnlernen außerordentlich hinderlich ist. Noch schwächer ist allerdings der Teil ausgeprägt, der Straßenzusammenhänge erinnert, der bei Taxifahrern messbar besser ausgebildet sein soll. Bei einer Obduktion meines Gehirns wird sich zweifelsfrei feststellen lassen, dass ich weder Chinesin noch Taxifahrerin war. Ich bin also selten ohne Stadtplan unterwegs. Oder ohne Wörterbuch. Wie zum Ausgleich lese ich ausgesprochen gerne Karten und Stadtpläne. Und schaue Wörter nach. Aber merken, ach du liebe Güte.

Die Methode des Auswendiglernens erfordert natürlich viel Vertrauen, dass das Gelernte tatsächlich Potenzial zur Entfaltung bietet. Dass ein Grundstock gesetzt wird, aus dem man dann schöpfen kann. Bei einem Hintergrund von uralter Geschichte ist zumindest die Tiefe des vermittelten Wissens einigermaßen sicher. Die Methode taugt natürlich genauso zur Gehirnwäsche. Ein chinesischer Freund erzählte mir, wie er einmal eine Ausstellung mit Kinderbildern aus aller Welt besuchte. Sie seien voller Wildheit und überbordender Fantasie gewesen. Nur eins nicht, das Kinderbild aus China: brav, gerade, aufgeräumt, hübsch, leblos. Sowas kann beim Nachmachen natürlich auch passieren, insbesondere wenn das Dogma dräut.

Vor diesem Hintergrund ist klar, warum Meister Deng immer so lacht. Vielleicht findet er es wirklich lustig, das sonderbare Verhalten meiner Mitkursteilnehmer. Vielleicht dient es auch nur dem Überspielen seiner Indignation. Wir sollen Bambus malen, jemand malt kleine Blumen. Eine andere eine Art Blumenstrauß à la Bauernmalerei. Eine anderer einen Tiger. Pluralität macht sich breit. Das ist erfreulich und schön, aber wozu sind wir eigentlich da? Am letzten Tag gerät es außer Kontrolle. Jetzt wird ihm bei Vormalen richtig reingeredet: dem Küken fehlt eine Kralle und wo sind eigentlich die Körner? Ein Flugzeug auf dem Bild wäre schön. Eine Dame erklärt mit sehr rudimentärem Wissen Herrn Deng die chinesische Kultur. Undundund. Bis er uns auf unsere Plätze scheucht, mit mittlerweile einer größeren Motivauswahl: Küken, Chrysanthemen, Pfirsichblüten. Der eine schreibt Zeichen, manche malen Vögel und Blumen, andere schauen in die Luft, manche gehen spazieren, ich male eben Küken, Chrysanthemen und Pfirsichblüten. Die eine malt weiterhin Tiger.

Fingerzeige

26. Februar 2010

Mitten im Schnee begann mit dem chinesischen Frühlingsfest am Valtentinstag das Jahr des Tigers. Tiger heißt auf Chinesisch Hu. Hu Jintao (who? Hu!) schreibt sich jedoch anders und ist auch kein Tiger, sondern Pferd.

Es gibt ein Pendant zu Amerikanischen Wissenschaftlern und das sind die Honkonger Astrologen, die auch gerne mal etwas feststellen. Insbesondere natürlich zu chinesisch Neujahr. So ließen sie verlautbaren, dass dem Büffel Obama ein erfolgloses Jahr bevorstünde. Denn Obama bräuchte für das Gelingen seiner Pläne Wasser auf die Mühlen, der Tiger sei aber die Mutter des Feuers. Auch Ban Ki Moon, soll nichts zu lachen haben, ist er doch selbst im Jahr des Affen geboren, dem Erzfeind des Tigers. Vor der gleichen Problematik steht im Übrigen der Toyotachef Akio Toyoda.

Die Feuernähe des Tigers soll insgesamt zu einem wenig friedlichen Jahr führen. Nukleare Bedrohung aus Nordkorea, kriegerische Auseinandersetzungen, Terroristen, sinoamerikanische Schwierigkeiten etc pp. Richtig unerwartet klingt das irgendwie nicht. Dass das Jahr unter dem Element Metall steht, soll diese Probleme noch verschärfen. Auf der anderen Seite belebt Feuer das Geschäft. Dieses fehlte in den letzten Jahren und das löste erst die Finanzkrise aus. Ach so.

Besonders erfolgreich werden natürlich metallgebundene Industrien sein: Maschinen, Autos, High Tech und Banken.  Hat Toyota also doch eine Chance? Nach einer sonderlich friedlichen Zeit klingt es jedenfalls tatsächlich nicht. Bei der Vorhersage von Naturkatastrophen widersprechen sich die Wahrsager, aber alle sind sich einig darüber, dass es in einem Jahr das von Metall und Feuer regiert wird, eins im Überfluss geben wird: Verkehrsunfälle.

Bevor man sich aber mit apokalyptischen Vorstellungen ängstigt,  erzähle ich lieber eine Anekdote:   Drei Kandidaten für das altchinesische Staatsexamen begaben sich zu einem berühmten daoistischen Wahrsager, um ihn nach ihren Erfolgsaussichten zu befragen. Der Wahrsager ging in sich, schloss die Augen und hielt ihnen schließlich wortlos einen Zeigefinger hin. Die Kandidaten verstanden nicht und fragten nach. Der Daoist schmiss sie mit den Worten, dass sie das himmlische Zeichen schon noch verstehen würden, raus.

Ein Diener fragte dann den Wahrsager: “Hieß der Zeigefinger, dass einer die Prüfung bestehen würde? Der Daoist nickte bestätigend. Der Diener hakte nach: “Aber wenn nun zwei von ihnen die Prüfung bestehen?” “Dann heißt es eben, dass einer sie nicht bestanden hat.” “Wenn aber alle drei bestehen?” “Das bedeutet, dass sie alle auf einmal bestanden haben.” “Und wenn keiner besteht?” “Dann sind alle auf einmal durchgefallen.” “Ah”, sagte der Diener, “jetzt verstehe ich, was mit einem göttlichen Zeichen gemeint ist!”

In Zusammenhang mit bedeutungsvollen Fingern fällt mir noch eine andere Geschichte ein, die allerdings aus Japan stammt: Ein Mönch suchte Obdach in einem Kloster. Der Abt sagte, dass er bleiben könne, wenn er vorher eine theologische Debatte gewönne. Als Gegner der Debatte wählte der Abt seinen einäugigen Bruder aus, der ein wenig einfältig war. Er bestimmte außerdem, dass der Disput wortlos zu erfolgen hatte und verließ den Raum. Nach kurzer Zeit sah er, wie der reisende Mönch sich anschickte, das Kloster wieder zu verlassen. Er hielt ihn auf und fragte nach dem Verlauf der Debatte.

Der Mönch sagte: “Ich hielt einen Finger hoch, um auf den einen Buddha hinzuweisen. Ihr Bruder hob zwei Finger, um mich darauf hinzuweisen, dass Buddha und seine Lehre gleich wichtig seien. Daraufhin hob ich drei Finger, um die drei Säulen, Buddha, die Lehre und seine Anhänger anzudeuten. Da stieß mir Ihr Bruder seine Faust ins Gesicht und machte mir damit klar, dass Buddha, die Lehre und seine Anhänger eins sind. Ich habe also verloren und muss nun gehen.” Sprach´s und verschwand. Verwundert suchte der Abt seinen Bruder auf und bat ihn ebenfalls um eine Schilderung des Disputes.

Dieser berichtete aufgeregt: “Dieser unverschämte Mönch hob einen Finger, um mich wegen meiner Einäugigkeit zu verspotten. Ich wollte höflich sein und beglückwünschte ihn mit dem Zeigen von zwei Fingern zu seinen zwei Augen. Aber er ließ nicht locker und hob nun drei Finger, um auszudrücken, dass wir zusammen nur drei Augen hätten. Da konnte ich mich nicht mehr beherrschen und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht.”

Also der einäugige Mönch könnte schon ein Tigerjahrgeborener sein. Geradeheraus, ehrlich, emotional, vital, cholerisch, spontan. Letztlich auch überzeugend und mitreißend. Der reisende Mönch klingt weniger nach Tiger. Redlich und rational. Subtil, nachdenklich. Kein Durchsetzungsvermögen. Von Tollkühnheit und Charisma keine Spur. Bekannte Tigerjährlinge sind beispielsweise Queen Elizabeth II, Beethoven und Ho Chi Minh. Wir werden ja sehen, was das alles bedeutet. Zumindest hinterher.

Heroes

27. Januar 2010

Kungfufilme sind eigentlich eine logische Fortsetzung chinesischer Rittergeschichten. Wobei Ritter natürlich ein etwas irreführender Begriff ist. Weder trugen chinesische Ritter Rüstungen, noch waren sie notwendigerweise adliger Abstammung. Auch Reiten gehörte nicht unbedingt zu ihren hervorstechenden Fähigkeiten. Warum also Ritter? Vielleicht wegen einer Kombination von Kampf und Moral? Wegen hehrer Ziele? Kämpfen außerhalb von Truppenverbänden? Wuxia heißen sie auf chinesisch. Meine Wörterbücher halten sich da fein raus. Sie bieten mir das Wort einfach nicht an. Die werden schon wissen warum. Also bleibe ich einfach bei Ritter.

Häufig sind chinesische Ritter von Räubern nicht wirklich zu unterscheiden. Außer an der Haltung natürlich. Insbesondere der inneren. Raubritter sind hierzulande auch nicht unbekannt, aber die haben doch einen etwas negativen Beigeschmack.  Die Ritter der Arthussage dürften für chinesische Ritter zu esoterisch sein. Dafür würde man Robin Hood vielleicht als Wuxia bezeichnen, wenn er nur gerade Chinese gewesen wäre. Störtebecker eher weniger, denn chinesische Ritter fahren nicht zur See.  Genausowenig wie hiesige. Die See passt nun mal nicht zum Ritterdasein. Jennerweins Missachtung ungerechter Gesetze dürfte wiederum zu klein, zu lokal gewesen sein. Auch zu marginal von der Stellung her. Ein Ritter muss schon eine gewisse Grandezza und Extravaganz haben. Jennerwein hätte eher Führer eines Bauernaufstandes werden können, wenn man ihn nicht in den Rücken geschossen hätte.

Ein großer Wurf muss es also sein. Gerechtigkeit. Moralische Größe, die nicht unbedingt für andere nachvollziehbar sein muss. Der chinesische Ritter, sei er nun fahrend oder sitzend, ist die Personifizierung der Selbstjustiz. Da bin ich natürlich dagegen. Weil ich in einem demokratischen Rechtsstaat lebe. Wenn das nicht der Fall wäre, wäre ich vielleicht weniger dagegen. Und wenn damals ein chinesischer Ritter dahergekommen wäre, um irgendeine Nazigröße zu erdolchen, würde es mir nur mehr als recht gewesen sein. (Ist das die richtige Zeitform, um auszudrücken, was nicht stattgefunden hat und ich es andernfalls auch nicht erlebt hätte?)

Die chinesischen Ritter in den alten Geschichten kümmern sich nicht um Politik in dem Sinne. Sie sind zwar durchaus bereit, auch Herrscher zu erledigen, aber nicht aus abstrakten, politischen Beweggründen heraus. Sondern weil sie beispielsweise einen kennenlernen, der Schmach, Schande und Verwandtentod durch so einen Herrscher erlitten hat. Dadurch kann sich so ein Ritter dann schon angesprochen fühlen. Das Unrechtssystem für und gegen alle, geht vielleicht nicht genug ans Herz oder die Leber, um wirklich ritterliche Gefühle in Wallung zu bringen. Da muss man dann diskutieren, all diese politischen Wenns und Abers bedenken und Fallstricke umgehen. Das ist nichts für einen Ritter. Ist die Moralmaschinerie erstmal in Bewegung geraten, wird in Schwarz und Weiß geteilt, draufgehaun und Schluss. Na ok, ein Plan wird vorher schon gemacht, es sind ja keine bloßen Schlägertypen und schon gar keine Choleriker.  Sie sind auch flexibel genug, Irrtümer über die Farbverteilung von Schwarz und Weiß zu bemerken und sich dann umzupolen. Aber Politik? No thanks. Obwohl sich das irgendwann geändert haben muss, da es zahllose Kungfufilme zum Thema des Widerstandes gegen die Qingherrschaft gibt. Doch auch hier liegt meist irgendwo ein Vater oder eine Mutter begraben.

Interessanterweise kommen die frühen Rittergeschichten ganz ohne besondere Kampftechniken, bzw herausragende Fähigkeiten auf dem Gebiet der Kampfkünste aus. Ritter zu sein war mehr ein innerer Zustand, ein Mut, eine Bereitschaft, ein Empfinden. Nicht so sehr eine Fähigkeit. Obwohl eine besonders schwierig zu übende und vermutlich auch extrem schwer zu erlernende Technik öfter vorkam: das Sichselbstdenkopfabschlagen. Hut ab, bin ich versucht zu sagen, wenn es in diesem Zusammenhang nicht so unpassend wäre.

Ich schätze, man kann das Kopfabschlagen grundsätzlich ganz gut an anderen trainieren. Erst am Schlachtvieh, dann am lieben Nachbarn, der wieder meckert, dass der Rasen nicht gemäht ist. Aber an sich selbst? Da kann man ja noch nicht einmal den Winkel richtig üben. Störtebecker hatte es da einfacher, der musste das nicht selber machen. Aber er soll einen Teil seiner Mannschaft gerettet haben, als er kopflos an ihnen vorbeischritt. Neurologen halten das für ausgeschlossen. Störtebecker wusste das natürlich nicht, weil es damals noch keine Neurologen gab. So ein sich selbst köpfender Ritter in vorneurologischer Zeit muss also nur seine Handlung antizipieren und kann dann einfach weitermachen, auch wenn schon alle Nervenstränge durchtrennt sind. Der Befehl muss halt vorher schon durchgelaufen sein. Die Brücke wird erst gesprengt, wenn der schon drüben ist. Nur Nachschub gibt es dann halt nicht mehr. Eine ritterliche Planänderung ist ab dann auch ohne Neurologen ausgeschlossen.

Ich muss sagen, verglichen damit ist das Seppuku japanischer Samurai nahezu einfach, wenn auch sicher schmerzhafter. Denn ein Samurai schnitzt schließlich bei vollem Bewusstsein an sich herum. Kann ja jeder, will ich nun nicht sagen. Ist ja schließlich ohne Narkose. Und selbst mit, naja. Aber das befehlhabende Gehirn ist noch am Start. Das macht schon einen Unterschied. Da braucht man sich nur so einen indischen Saddhu anschauen, dessen Arm vor lauter Hochhalten abfault, nur um die Überlegenheit des Geistes über die Materie zu demonstrieren. Was könnte man mit dieser Fähigkeit nicht alles machen! Aber ich schweife ab.

Zurück zum Kopf. Beispielsweise die tangzeitliche Geschichte “Das Grab der drei Könige”: Ein schwertschmiedender werdender Vater stirbt auf Geheiß des Königs von Chu wegen vertraglicher Nichterfüllung oder Verzugs. (Ganz klar ist das nicht. Es spielen wohl beide Gründe ein Rolle. Scheint aber nicht so wichtig zu sein. Heutzutage und hierzulande würde das einen nicht unerheblichen Unterschied bei der Berechnung des Schadenersatzes machen.) Der erst embryonal existierende Sohn des Schmiedes ist für die Rache ausersehen. Als der ins racheausübungsfähige Alter kommt, weiß er aber nicht wie er es anstellen soll. Und trifft im Wald herumlaufend und jammernd auf einen deus ex machina in Gestalt eines Ritters. Der sagt: easy man, ich brauche nur deinen Kopf, dann erledige ich das für dich. Also schlägt sich der Jüngling den Kopf ab (er hätte damit durchaus selber Chancen im Ritterberuf gehabt) und übergibt ihn dem Ritter mit beiden Händen. Erst als dieser nochmal versichert, das er ihn nicht enttäuschen würde, fällt der Körper zu Boden. Dazu möchte ich jetzt erstmal die Neurologen hören!

Mit dem Kopf läuft der Ritter also zum König von Chu, der diesen potenziellen Rächer schon händeringend suchte, um ihm zuvor zu kommen. Der Ritter empfiehlt dem König, den Kopf zu kochen. Wozu auch immer das gut sein soll, so wird es gemacht. Anstatt dass der Kopf nun gar wird, hüpft er drei Tage lang im kochenden Wasser herum und sieht wütend umher.  Da vermutet der Ritter, dass der Kopf den König wohl höchstpersönlich sehen wolle. Dem König leuchtet das in seiner Selbstverliebtheit ein und er geht zum Topf und schaut hinein. In diesem Moment  schlägt der Ritter erst dem König und dann noch sich selbst den Kopf ab, so dass nun drei Köpfe im kochenden Wasser des Suppentopfes auf und ab hüpfen. Ringelpietz ohne Anfassen. Auch beim Jüngling kocht nun endlich das Fleisch von den Knochen. Und so kann sehr schnell niemand mehr sagen, wer davon der König, wer der attentatende Ritter, wer der um den Vater betrogene Sohn ist. So dass alle in einem königlichen Grab bestattet werden mussten.

Doch eigentlich wollte ich auf eine noch ältere Aufzeichnung eines Attentäters hinaus, nämlich die Geschichte des Jing Ke. Gewissermaßen ein Prototyp. Einer der ganz großen, tragisch gescheiterten Attentäter. In Hero, dem prächtigen Film von Zhang Yimou ist der Attentäter des künftigen ersten Kaisers außerordentlich kampfgedrillt. Nahezu unbesiegbar. Innere und äußere Systeme beherrscht er aus dem Effeff. Er verschafft sich Einlass durch die Vorlage dreier Waffen, die drei Feinden des Qin-Königs gehörten und deren Tod er behauptet. Er kommt dem König von Qin sehr nahe.  Das Attentat misslingt trotzdem. Jedoch nur deshalb, weil es sich der Attentäter anders überlegt. Er verspricht sich mehr Frieden und damit Glück für alle, wenn das Reich geeint sein wird. Und endlich alle Wagenspuren den gleichen Achsabstand haben. Denn was dem Schicklgruber seine Autobahnen, sind dem ersten Kaiser von China seine Wagenspuren. Auch Bücherverbrennungen hielten beide für ein probates Mittel, aber ich möchte diesen Vergleich auch nicht zu weit treiben.

Sima Qian (so um Null rum) stellt das gescheiterte Attentat etwas anders dar. Auch hier verschafft sich der Attentäter (den Herr Sima übrigens nicht unter Ritterbiografien, sondern unter Attentäterbiografien eingeordnet hat) dadurch Zugang zum Tyrannen, dass er ihm etwas von seinem Feind mitbringt, um sich das Vertrauen zu erschleichen. Allerdings nicht die Waffe, sondern natürlich den Kopf. Das Kopfabschlagen gehörte damals einfach zur Kernkompetenz. Natürlich war auch dieser Kopf freiwillig hergegeben worden, um den Racheplan umsetzen zu können. Und der sah folgendermaßen aus: Jing Ke würde den Kopf übergeben und dann die Landkarte mit einer fruchtbaren, hiermit übergebenen Region entrollen. Ganz am Ende taucht ein Dolch in der Rolle auf. Ein Bild, das zum Sprichwort wurde. Jing Ke wollte nun mit links den König fassen und rechts mit dem vergifteten Dolch zustechen. Simpel und geradeheraus, der Plan. Aber so läuft´s im Leben halt meistens nicht. Denn der König erhob sich zu rasch, so dass nur der linke Ärmel abreißt und weiter nichts. Der König versucht nun wiederum sein Schwert zu ziehen, was ihm nicht gelingt, weil es zu lang ist. Vielleicht ein übergroßes Zeremonialschwert? Jing Ke jagt den König um die Säulen des Thronsaals. Dem Hofstaat waren keine Waffen erlaubt, so dass alle nur bedröppelt zusahen. Eine Art Übergriff-in-der-U-Bahn-Situation. Die bewaffneten Wachen vor der Tür durften wiederum nur auf Befehl eintreten und der wurde in der Hektik nicht erteilt und zum Selberdenken waren sie nun gerade nicht ausgebildet worden. Ein paar Beamte drinnen versuchen nun doch zivilcouragiert einzugreifen, insbesondere der Leibarzt schlägt beherzt mit seiner Medikamententasche zu. Schließlich gelingt es dem um die Säulen gehetzten König doch noch das Schwert zu ziehen und den durch die Arzttasche aus der Spur gebrachten Attentäter an der linken Seite zu verletzen. Der wirft mit dem vergifteten Dolch, verfehlt sein Ziel und trifft stattdessen eine dieser vielen Säulen. Der König fügt dem nun wehrlosen und verletzten Attentäter mit dem Schwert noch acht Wunden zu, während der nun plötzlich behauptet, er habe den König nicht töten, sondern ihn nur zu einem Vertragsschluss zwingen wollen. Nur deshalb habe er versagt. Endlich machen ein paar Beamte diesem elenden Gemetzel ein Ende und töten Jing Ke. Chen Kaige gelingt es in seinem etwas bombastisch verworrenen “Der Kaiser und sein Attentäter” tatsächlich Jing Ke dabei heroisch aussehen zu lassen, was eine Kunst für sich ist. Trotzdem klingt das nicht gerade nach Kungfuheld. War aber auch kein Kungfu-Film.

Singspiele

29. Dezember 2009

Während auf dem Gendarmenmarkt Berlins ästhetischster und etepetetester Weihnachtsmarkt tobte, gingen wir ins dortige Konzerthaus, um uns chinesischer Oper hinzugeben. Genauer: Kunqu, der ältesten chinesichen Opernform, wie ich dem Programmheft entnahm.

Es gab vier berühmte InterpretInnen zu sehen, davon drei mit dem Prädikat A. Offenbar wird alles, aber auch alles in China irgendwie klassifiziert. Ich muss sagen, ich fand den B-Darsteller auch sehr gut.

Weniger gut war allerdings die Rahmen-Sheherazade: Luzia Braun (aspekte-Moderatorin) machte aus ihrem Banausentum keinen Hehl. Daran ist ja erst mal nichts Schlechtes. Aber sie äußerte sich in etwa folgendermaßen: “Ich hatte vorher die Befürchtung, dass die Musik nicht erträglich sein würde, aber wenn man dann auch die Kostüme sieht, ist es doch nicht soo schlecht. Also laufen Sie bitte nicht weg, auch wenn es sich schlimm anhört, man gewöhnt sich dran und die letzte Szene ist die Beste.” Diesen Inhalt wiederholte sie mehrmals, auf unterschiedliche Art und Weise, dazwischen erzählte sie, was im Programmheft steht und versuchte dabei vergebens witzig zu sein. Ich hoffte inständig, dass die aufführenden Chinesen und Chinesinnen kein Wort verstanden und die im Publikum mit den Gedanken woanders waren. Ansonsten hielt ich mich von Zwischenrufen ab, was zusehends schwieriger wurde.

Bevor ich mir meine Zähne zerknirscht hatte, ging es aber doch noch los. Was es aber leider nicht gab, war eine Oper. Sondern ein Potpourri berühmter Arien, pardon: Szenen. Es ist ein Kreuz. Hiesige Opern schau ich mir doch auch nicht verhackstückt an! Aber offenbar wird die chinesische Oper für zu schwierig gehalten, als dass sie in Gänze aufgeführt würde. Oder für zu langweilig? Gut, wenn sie so wahnsinnig lang ist, kann man vielleicht was kürzen. Aber nun gab es drei Szenen aus zwei Opern.

Das hat nicht nur mit uns als Ausländern und schon gar nichts mit Frau Braun zu tun. Auch in China habe ich verschiedentlich versucht, in die Oper zu gehen. Immer auf der Suche nach einer durchgehenden Aufführung, meinetwegen von der Oper selbst nur ein Teil. Der Pfingstrosenpavillon dauert insgesamt über 12 Stunden, da macht das Ausschnittesehen schon Sinn.

Auch in weniger touristischen Etablissements: Potpourri und bunte Abende. Beispielsweise in Shanghai. Es war die Zeit des Drachenbootrennens und mit diesem Tag, dem Doppelfünften ist auch die Geschichte der weißen Schlange verbunden. Und so gab es Ausschnitte aus der Oper “Die weiße Schlange” zu sehen. Mit bei jeder Szene neuen Darstellerinnen in neuen Kostümen, dazwischen Komiker. Es ist gut möglich, dass diese Komiker wirklich witzig waren. Da es im Chinesischen so wahnsinnig viele gleichklingende Worte gibt, sind dem Wortwitz keine Grenzen gesetzt. Ich persönlich muss allerdings froh sein, wenn ich eine der möglichen Bedeutungen verstehe. Die Witze rauschten in rasender Geschwindigkeit an mir vorbei. Zu allem Überfluss aß die Dame neben mir etwas, was etwa so penetrant roch, wie ein Döner Kebab mit Knoblauchsoße in der U-Bahn morgens um Acht. Anschließend rülpste sie erleichtert vor sich hin. Und ich versuchte durch bloße Konzentration diese Komiker zu verstehen. Vergebens. Endlich war meine Nachbarin mit Essen und Rülpsen fertig und auch die Witzbolde hatten sich ausgemärt. Auf der Bühne begann die äußerst tragische Todesszene der weißen Schlange. Neben mir klingelte ein Handy. Das ist ja anders als bei uns. Man sitzt nicht still und ehrfürchtig im Theater. Man tut nicht so, als wäre dieser Opernbesuch nicht auch ein Teil des eigenen Lebens. Nein, man trägt das eigene Leben mit in den Zuschauerraum. Es war nicht das einzige klingelnde Handy. Aber das am längsten klingelnde. Weil es in den Untiefen irgendeiner Handtasche nicht so leicht zu finden war. Und auch kein Grund zur Eile bestand. Während die weiße Schlange sich auf der Bühne in stiller Agonie wand, plärrte es neben mir endlich:”Wei?” Das Telefon war gefunden worden, das Gespräch konnte geführt werden. Das Leben ging weiter und die weiße Schlange starb.

Ein Haus in Beijing wurde mit besonders empfohlen. Nachdem ich es im Gassengewirr nach langem Herumirren endlich gefunden hatte, war ich voller Vorfreude. Ein bisschen heruntergekommen war es, ganz offensichtlich ein altgedientes Theater. Malerisch, abgeblättert und viel versprechend. Nur leider mittlerweile geschlossen. Ich fand ein anderes, ebenfalls altes Opernhaus, doch dort gab es wieder diese Best-off-Einzelszenen. Die waren toll, keine Frage. Besonders schön war ein Bootsfahrer, der die ganze Szene hindurch ein imaginäres Boot steuerte, dass man meinte das Wellenglucksen zu hören.

Nur in Taiwan war es mir mal gelungen, ein durchgehendes Drittel einer Kunqu-Oper am Stück zu sehen. Das entfaltet einen intensiven Sog, die stilisierten Gesten werden dichter und verständlicher. Dass die Musik nach unserer Harmonielehre atonal ist, merkt man sofort gar nicht mehr.

Gänzlich unerwartet geriet ich aber in Beijing doch mal in eine vollständige chinesische Oper. Es wurde Turandot gegeben. Und zwar nicht von Puccini oder Schiller, sondern von Zhu Shaoyu. Im Stil einer chinesischen Oper. Eine schöne Idee. Das Märchen stammt wohl ursprünglich aus Persien. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist es die Rahmengeschichte von der persischen Geschichtensammlung Tausendundein Tag. Da geht es nicht um Sheherazade, die um ihr Leben erzählt und entertaint, sondern um eine Prinzessin Farrukhnaz aus Kaschmir, die nicht heiraten will, weil Männer schlecht und treulos seien, wie ihr ein Traum verraten hatte. Ihr Vater befürchtet Verwicklungen mit den einflussreichen Brautwerbern und lässt die Tochter nun mit hochgemuten Happy-End-Geschichten beschwatzen.

Der Italiener Gozzi nannte die Prinzessin in seiner Commedia dell´Arte Turandot und verlegt sie nach China.  Dort blieb sie dann. Kurz lässt sich die Geschichte folgendermaßen zusammenfassen: die aus Rachsucht männerhassende, aber bezaubernd schöne Turandot (was übersetzt widersprüchlicherweise “persisches Mädchen” heißen soll) will nur den heiraten, der drei von ihr gestellte Rätsel löst. Alle anderen werden hingerichtet, was der eigentlich Zweck der Rätselaufgabe ist.  Dem nachwievor persischen Prinzen Kalaf gelingt es schließlich, die Rätsel zu lösen. Aber sie will diesen Barbarenprinzen nicht. Der hat aus lauter Liebe ein Einsehen und würde à la Rumpelstilzchen auf sie verzichten, bzw sich ihr ausliefern, wenn sie bis zum nächsten Morgen seinen Namen rausfindet. Wie die Geschichte ausgeht unterscheidet sich in den zahlreichen Fassungen gewaltig, aber bei Gozzi, Schiller und Puccini wird aus den beiden was. Und Zhu Shaoyu hat bei Puccini abgeschrieben, der die Geschichte von Schiller verwandte, der sie von Gozzi hatte, also wird es dort auch etwas mit den beiden.

Eine kleine Veränderung wurde aber doch vorgenommen. So heißen die drei männlichen Nebenrollen bei Puccini Ping, Pang und Pong. Das konnte natürlich nicht so bleiben. Und so heißen sie in der chinesischen Fassung Li, Qian und Wang.

Aus diesem persischen Rudiment in italienischer Bearbeitung wurde nun eine “klassische” chinesische Oper. Aber in eher italienischer Kürze und war also an einem Abend gut zu schaffen. Das war außerordentlich bezaubernd. Leider kann ich mich an die drei Rätsel nicht erinnern. Schiller hatte fünfzehn gedichtet, die bei den Aufführungen wechselten. Ich vermute aber, dass auf tradtionelle chinesische Rätsel zurückgegriffen wurde.

Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, in dem drei Frauen auf der Bühne nacheinander Träume aufführten, war das Bühnenbild spärlich, so wie es sich gehört. Die einzige Requisite war ein Tisch mit Tischdecke und einer Vase an seiner äußeren rechten Ecke. Er stellte wohl ein Bett dar. Cuishi, eine außergwöhnlich aufbrausende und aggressive Frauenrolle, träumte dort von einem besseren Leben ohne Fehlentscheidungen. Ihre hemdsärmelige Gier war so unverblümt vorgetragen, dass moralische Empörung gar nicht aufkommen konnte. Während der Umbaupause belästigte uns wiederum Frau Braun. Was eigentlich nicht nötig gewesen wäre, schließlich wurden nur Vase und Tisch rausgetragen und ein anderer, gleich großer Tisch mit anderer Vase wieder hineingetragen und an der gleichen Stelle aufgestellt, um diesmal einen Garten darzustellen, in dem nun Du Liniang träumen sollte.

Mein Bruder fragte mich lauter Fragen über chinesische Oper, von denen ich beschämenderweise fast keine beantworten konnte. Als ich kompliziert anhob immerhin zu erklären, dass nicht nach Stimmlagen, sondern nach Rollenfächern unterschieden würde, meinte er: ach, wie im Kasperletheater. Das erschien mir zunächst zu albern, doch mein reflexhafter Protest wich besserer Erkenntnis. Stimmt. Wie im Kasperletheater. Gretel, Kasperle, Polizist, Hexe, Teufel, Oma und Krokodil. Prototypen. Charakterikonen. Mit immer anderen Geschichten.  Genau.

Ein Lichtlein brennt

25. November 2009

Der heilige Nikolaus von Myra hat eine Schokoladenseite. Mit dieser verteilt er Apfel, Nuss und Mandelkern. Oder auch kleine Schokoladenstatuen von sich selbst. Die dunkle Seite des Nikolaus ist ein Kinderschreck namens Krampus oder Knecht Ruprecht. Obwohl ich schon die Selbstgerechtigkeit mit der das goldene Buch gezückt und Wohlverhalten und Untaten vorgetragen werden, eine ziemlich dunkle Seite finde. Diese Indiskretion war mir ein Gräuel.  Und abgesehen davon: woher weiß der das? Entweder sieht Gott alles und hat nichts besseres zu tun, als das haarklein weiterzuerzählen. Oder die Informanten kommen aus der eigenen Familie. Big Brother oder Stasi. Pest oder Cholera.

Es muss aber auch eine wesentlich diskretere Form des Heiligen geben, ist er doch auch der Schutzpatron der Diebe und sonstiger Verbrecher. Wie er da wohl angerufen wird?

Gib mir nen Tip Sankt Nikolaus, wo räume ich als nächstes aus?

Sinterklaas sei gut zu mir, zeig mir ne offene Hintertür.

Und dann: Hab ein Einsehen Santa Claus, mach mir meine Beute groß!

Oder: Oh weh oh schreck  Sant Nicolo, helf mir in pericolo!

und schließlich: Lieber guter Nikolaus, hau mich aus der Scheiße raus!

Das Verhältnis der doch recht katholisch angelegten Mafia zum Weihnachtsmann würde vielleicht mal eine Untersuchung lohnen.

Auch die taiwanische Unterwelt hat natürlich ihren Schutzgott.  Mit Heiligen halten die sich erst gar nicht auf. Wenn dieser spezielle Gott auch weniger vielseitig angelegt ist. Nikolaus muss sich schließlich noch um Seeleute, Studenten, Kaufleute, Jungfrauen, Getreidehändler, Pfandleiher, Juristen, Apotheker, Schneider,  Fuhrleute, Salzsieder, Gefängniswärter, Drescher und  Metzger kümmern. (Wobei viele vermutlich finden, dass das meiste davon eh auch Gauner sind.)

Der Gott der Gangster in Taiwan heißt Handan, wie ich einem eben gesehenen Dokumentarfilm entnahm. Verehrt wird er im Xuanwu-Tempel in der größten Stadt im abgelegenen Osten Taiwans: in Taidong.  Und sein ganz großer Tag ist das dortige Laternenfest zwei Wochen nach chinesisch Neujahr.

Wer Handan war, ist mal wieder nicht so klar. Er könnte ein General aus der schier vorzeitlichen Shangdynastie gewesen sein, der posthum für die Finanzen des Himmels zuständig war und so zum Kriegergott des Wohlstands wurde. Kapital ist Diebstahl? So à la: Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie, was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?

Oder Handan war ein reuiger Delinquent, der sich zur Sühne halbnackt auszog und mit Feuerwerkskörpern bewerfen ließ. Vielleicht auch weil ihm kalt war, heißt “han” doch Kälte. (“Dan” heißt zwischen ungerade, Liste und Tuch noch so allerlei anderes, was mich hier nicht weiterbringt.)

Abgesehen von der Reue ist es jedenfalls genau das, was zum Laternenfest in Taidong passiert. Junge und mitteljunge Männer lassen sich mit nacktem Oberkörper und roten Hosen auf einer Art Stehsänfte durch die Menge tragen, die sie unablässig mit zahllosen explodierenden Geschossen bewirft. Die Augen sind durch eine Brille, das Gesicht insgesamt durch ein Tuch geschützt, um das ein rotes Stirnband mit der Aufschrift Handanye (Handan-Onkel) gebunden ist. Der Oberkörper wird vorausschauend mit Desinfektionsmittel eingerieben, damit sich die ganzen Brand- und sonstigen Wunden möglichst wenig entzünden. Dann holen sie sich noch ein Handan-Amulett, hängen sich das um den Hals und dann gehts hoch auf die Sänfte.

Mit der einen Hand halten sie sich am Gerüst fest, in der anderen einen Banyanzweig, mit dem sie den Pulverqualm um die Nasen oder festgebrannte Feuerwerkskörper verfächeln können. Sehen können sie praktisch nichts. Aber die anderen sehen sie, die Inkarnation eines vergöttlichten Paten. Ist der eine durch, kommt der nächste dran. Weil die Wurfgeschosse und damit die Verletzungen vor ein paar Jahren eskalierten, dürfen mittlerweile nur noch vom Tempel ausgesuchte Personen zünden und werfen. Was ein bisschen unfair ist, weil das Bewerfen sich positiv auf die Finanzen im neuen Jahr auswirken soll. Vielleicht reicht aber auch das Spenden der Geschosse.

Diese Handanyes gehören, bedenkt man das Ressort der Gottheit, natürlich in der ein oder anderen Weise zur taiwanischen Unterwelt, was man unschwer an ihren Tattoos erkennen kann. (Diese Tätowiererei der Unterwelt ist ein Yakuzaimport aus der Zeit der japanischen Besatzung.) Bringt man einen neuen Handanye, der diese Tortur durchsteht, gibt das Gesicht, oder zeigt ganz einfach, dass man toughen Nachwuchs hat. Schlimm ist natürlich, wenn der Nachwuchs vom Gerüst fällt oder sonst unrühmlich früh aufgibt. Auch das fällt natürlich auf den Initiator zurück.

Also ich muss schon sagen, es wirkt zwar aus rationaler Sicht komplett bescheuert, macht aber gleichzeitig mehr her und sehr viel mehr Lärm als der Nikolaus. Ich meinesteils hatte versucht, am Laternenfest in Tainan – einem eher harmlosen Ort ohne paradierende Gangster- nicht beschossen zu werden, was trotzdem nicht ganz gelang. Mir hat´s trotzdem gereicht, dabei hatte ich noch was an.

Das Handanfest ist für die Taidonger Unterwelt der Höhepunkt des Jahres. Im Film werden nun verschiedene Handanyes und ihre Vorbereitung auf das Großereignis vorgestellt. Einer aus dem Kies- und Zementwesen, der seine Zeit hauptsächlich in Karaokebars verbringt, um an seiner Karriere zu basteln: Aufträge an Land ziehen, Kontakte verfestigen, Konkurrenten durch Bestechung umstimmen etc pp. Vor allem aber um kübelweise Alkohol in sich reinzuschütten.

Angefangen hätte er mit ganz anderen Aufträgen: also ein Killer sei er zwar nicht gewesen. Aber man hätte sich halt um die ein oder andere Person kümmern sollen und hätte das dann eben gemacht. Nach der Vorrede nahm ich an, sie hätten die Zielperson verprügelt. Aber dann fügt er hinzu: als Beweis für die Erledigung hätten sie dann ein Organ vorweisen müssen. Ich gehe nicht davon aus, dass es um die chirurgische Entfernung einer nicht unbedingt notwendigen Niere oder der Galle ging. Erzählt er ganz treuherzig mit etwas dumpfem, aber nicht unliebenswertem Humor. Vielleicht hat er kein Geld dafür bekommen? Oder was in dieser Geschichte trägt die Selbsteinschätzung, er sei kein Killer gewesen? Vielleicht wenn es erfunden ist. Aber sonst? Davon hätte er dann aber weg gewollt. Blöd nur, dass das Bauwesen, insbesondere Zement und Kies, offenbar weltweit mit irgendwelchen Syndikaten verwickelt ist.

Als Mittdreißiger und mit entsprechend düsterer Vergangenheit ist der nur halbseitig tätowierte Zementmann ein alter Hase in Sachen Handanye und die Vergöttlichung gelingt ihm mühelos. Trotzdem war es das letzte Mal für ihn. Der Alkohol sollte ihm im Laufe des kommenden Jahres den Garaus machen.

Ein anderer notorischer Handanye konnte sich gerade noch rechtzeitig per Kaution aus der Haft auslösen. Doch dann starb ausgerechnet sein Bruder und Trauer verträgt sich nicht mit der Personifizierung als Gott. Wenigstens war er so für die Beerdigung seines Bruders draußen.

Ein dritter, ein Debütant, der sich gerade mit eigenem Tätowierstudio selbständig machen wollte, kam vorher mit manischer Depression ins Krankenhaus.  Auch er schaffte es zum Laternenfest wieder raus, um sich endlich mal ordentlich bewerfen zu lassen. Blöderweise vergaß er sich die Ohren zu verstopfen, so dass die Folge seines kurzen Göttlichseins dazu führte, dass eines seiner Ohren dauerhaft taub blieb. Aber er hat durchgehalten. Und kann stolz auf sich sein.

Außer der Ehre versprechen sich die Handanyes davon einerseits Sühne und andererseits Glück für zukünftige Unternehmungen. Hat irgendwie was von einer Beichte.

In Mexiko heißt die Schutzheilige der Diebe Santa Muerte, eine (ebenfalls rotgekleidete) Sensenfrau zu der außer Straftätern auch Polizisten beten. Damit kommen wir wieder näher an den Krampus, den dunklen Begleiter des heiligen Nikolaus, mit Hörnern, zu vielen Haaren und zu langen Zähnen. Oder gar zu Knecht Ruprecht, der sich von den Perchten oder der Perchta herleiten soll, einer vorchristlichen Göttin, die schon früh in die Illegalität abgedrängt wurde. Zuvor verteilte sie wie Frau Holle Lohn und Strafe. In schlimmen Fällen schlitzte sie den Bauch auf, füllte Steine hinein, nähte wieder zu und warf die gastrotomierte Person in den Brunnen. Damit wäre wohl geklärt, was Knecht Ruprecht mit denen macht, die er in seinen Sack gesteckt hat. Ob er auch Organe entnimmt, um sie als Beweis dem heiligen Nikolaus vorzulegen, ist jedoch nicht überliefert.

Je größer der Fisch, desto kleiner der Fuß

17. Oktober 2009

Neulich stieß ich auf eine eigentümliche chinesische Geschichte. Eigentümlich eigentlich nur deshalb, weil sie so sehr an ein Märchen der Gelin Xiongdi erinnert, wie die Gebürder Grimm auf Chinesisch heißen. Aufgeschrieben wurde sie in China erstmals im 9.Jahrhundert. Also etwa 1000 Jahre früher als in Deutschland. Und 900 Jahre früher als die französische Version von Charles Perrault.

Aber, erfahre ich, die Chinesen waren ausnahmsweise nicht die Ersten, denn die älteste bekannte Version stammt aus dem alten Ägypten. Dort wurde der thrakischen Hetäre Rhodopis, (nach Herodot eine Sklavenschwester des Dichters Aesop), ein entzückend kleiner Fuß zugesprochen. Ein schicksalhafter Adler raubte einen ihrer Schuhe und warf ihn dem König von Memphis in den Schoß. Der daraufhin nicht mehr schlafen konnte und unbedingt die Frau zu diesem Schuh finden wollte. Er suchte und suchte und suchte sie, fand sie schließlich und machte sie zu seiner Frau. Eine der Pyramiden von Gizeh soll als Grabmal für sie gebaut worden sein, fabulierte der romantische Volksmund. Je kleiner der Fuß desto größer das Grabmal? Diese Version stammt etwa von 0 und soll damit die erste bekannte Aschenbrödelgeschichte sein, von der es auf der Welt immerhin etwa 400 geben soll. Ich muss schon sagen: als Jacob und Wilhelm die Geschichte auf Deutsch aufschrieben, da war es wirklich höchste Zeit!

Dabei fällt mir ein, dass meine Kalligrafielehrerin von ihren Bemühungen erzählte, ihr Deutsch möglichst schnell zu verbessern. Was liegt näher, dachte sie damals, als dazu ein Kinderbuch zu lesen. Von dem man landläufig annimmt, dass es nicht so schwer geschrieben sei. Sie entschied sich ausgerechnet für Grimms Märchen. Viel verstand sie nicht, was ich wiederum sehr gut verstehen kann. Da sind sprachlich und inhaltlich zum Teil komplett kryptische Texte drin. Durchgelesen hat sie es trotzdem. Tapfer.

Die chinesische Aschenputtelversion ist der europäischen jedenfalls schon recht ähnlich und es sind auch keine moralisch mittlerweile unangebrachten Hetären mehr im Spiel. Dafür hat das Böse Einzug gehalten. Die Geschichte heißt Yexian. Ye heißt Blatt und Xian bedeutet Grenze, Beschränkung, also so etwas wie Blattrand? Jedenfalls handelt es sich dabei um den Namen der Hauptdarstellerin, das scheint der weltweite Geschichtentitelkonsens zu sein.  Als westlicher Bumerang in Rückübersetzung heißt sie heutzutage natürlich Huiguniang (Aschemädchen).

Aber damals, als sie noch Yexian hieß, ging die Geschichte in etwa so: Der Vater von Yexian, ein lokaler Anführer von Höhlenleuten namens Wu lebte noch vor unserer Zeitrechnung in einem eben von Höhlen und auch Flüssen geprägten Ort im südlichen China. Seine Frau starb und er heiratete eine Neue. Kaum war dieses Stiefmutterarrangement installiert und eine Halbschwester geboren, starb auch er. Vielleicht war die böse Stiefmutter auch einfach seine Zweitfrau. Damit könnte man dem Problem begegnen, dass sonst nicht die jüngste Tochter die schönste und beste war, wie es sich eigentlich gehört. Wie auch immer. Das Cinderella-Setting stand: Die böse Stiefmutter behandelte Yexian schlecht. Sehr schlecht. Nicht als Tochter, sondern als niedrige Magd.

Yexian musste Feuerholz in den steilen Bergen sammeln und Wasser aus dem tiefen Fluss heranschaffen. Und bei letzterem begegnete ihr ein kleiner, kaum 5cm großer Karpfen mit goldenen Augen und roten Barteln. (Womöglich ein Baby-Koi.) Sie war berührt und nahm ihn als Freund mit nach hause. Und musste alsbald immer neue, größere Behälter für ihren schönen, schnell wachsenden Freund finden und ihn schließlich in den Tümpel hinter dem Haus umziehen. Immerhin wurde es kein Walimwasserturmproblem, denn letztlich war es eben doch ein Karpfen und kein Wal. Der Tümpel reichte jedenfalls. In jeder freien Minute ging sie ihren Freund besuchen, der sofort auftauchte, wenn sie erschien. Jeden übrig gebliebenen Bissen verfütterte sie an ihn. Kam jemand anders vorbei, tauchte er ab.

Der bösen Stiefmutter passte es natürlich ganz grundsätzlich nicht, dass Yexian an irgendetwas Freude hatte, sonst wäre sie ja auch nicht die böse Stiefmutter gewesen. Sie schenkte ihrer Stieftochter also als Lohn für die harte Arbeit ein neues Obergewand, ließ sie ihr altes ausziehen und schickte sie zu einem weit abgelegenen Fluss. Nun zog die Stiefmutter selbst den alten Mantel der Tochter an und ging zum Teich. Der Karpfen ließ sich täuschen, man sieht durch die Lichtbrechung an der Wasseroberfläche ja wirklich ziemlich schlecht ins jeweils andere Element. Kaum tauchte der Karpfen auf, erstach sie ihn mit einem mitgeführten Dolch. Sie schlachtete ihn und genoss ihn mit ihrer leiblichen Tochter als Abendessen. Die Gräten vergrub sie im Abfall.

Als Yexian zurück kam, wartete sie vergebens am Teich auf ihren Freund. Als er nicht kam und nicht kam, war sie verzweifelt und weinte bitterlich. In diesem Moment stieg eine schlicht gekleidete Gestalt mit wirren Haaren aus dem Himmel herab (der Beschreibung nach müsste es sich um einen daoistischen Unsterblichen handeln) und klärte Yexian über die jüngsten Vorgänge auf. Gab dann noch den Rat, die Gräten auszugraben und in ihrem Zimmer zu verstecken, da sie diese um alles bitten könnte, was sie nur wolle.

Nun stand ein großes Fest an. (Warum erzähle ich die Geschichte eigentlich? Kennt doch eh jeder.)  Also Yexian durfte nicht teilnehmen, ließ sich aber von den Gräten inklusive goldener Schuhe schick einkleiden und ging etwas später heimlich doch hin. Als sie nach einer Weile befürchtete von der unangenehmen Verwandtschaft erkannt zu werden, lief sie hastig weg und verlor dabei einen ihrer Schuhe.

Dieser goldene Schuh wurde von Händlern am Wegesrand gefunden und an das Inselkönigreich Tuohan verkauft. Dessen König fing an, wie besessen den passenden Fuß dazu zu suchen. Aber selbst der allerkleinste, zierlichste Fuß war noch mindestens ein Inch, also ca 2,5cm zu groß. Der König witterte Betrug (in Bezug auf was auch immer) und ließ erstmal ein paar der Verkäufer foltern. Doch die konnten ja nun nichts sagen, was sie selber nicht wussten. Eines der Mankos der Folter, das selbst eingefleischten Technokraten einleuchten müsste.  Ein anderes wäre, das die Gefolterten aus lauter Not einfach irgendwas sagen. Vielleicht kann ich in diesem Zusammenhang einstreuen, dass Folter nicht nur aus humanistischen Gründen verboten ist, sondern auch zugunsten der Wahrheitsfindung. Man denke nur an die Hexenprozesse. Aber ich schweife ab. Die Folter nützte also auch dem König von Tuohan nichts, so dass hier kein verschärftes moralisches Problem entsteht.

Er machte sich also selber auf den Weg zu den Höhlenleuten und fand nach langem und ausführlichen Gesuche schließlich Yexian. Und sie war natürlich schöner als alle, bewegte sich aufreizend zögerlich und: hatte die kleinsten Füße. Der Schuh passte wie angegossen. Der König von Tuohan war verzückt und nahm sie und die Füllhorngräten mit nach hause. Über Yexians Meinung dazu ist nichts überliefert, aber eine gute Partie war es allemal. Die Gräten versagten allerdings nach einem gierigen Jahr der Schatzproduktion ihren Dienst und wurden schließlich ehrenvoll unter haufenweisen Perlen vergraben. Welche später nützen sollten, meuternde Soldaten zu bezahlen. Das Grab wurde vom Meer verschluckt.

Die daheimgebliebene Stiefmutter wurde nebst der Halbschwester eines Tages von fliegenden Steinen erschlagen. Die Nachbarn begruben sie in einem steinernen Grabmal und trauerten. Vielleicht waren sie äußerst beliebte, angenehme Gemeindemitglieder, ja vielleicht Säulen der Gemeinde, wohlanständig, wohlgelitten und das alles. Geht ja auch sonst niemanden was an, was sie mit der überflüssigen Tochter taten. Wie auch immer. Man hat ein bisschen das Gefühl, das hier mehrere Geschichten vermischt werden, denn das Grab hieß dann  “Grab der reuigen Töchter”. Nun waren sie in Bezug auf Yexian wohl weder reuig und jedenfalls keine Töchter. Trotzdem konnte man an dem Grabmal erfolgreich um weiblichen Nachwuchs beten. Die Ahnengeister der ehemals missgünstigen Damen dürften nicht allzuviel zu tun gehabt haben.

Auf jeden Fall war der Mehrwert der Kleinfüßigkeit gesetzt. Womöglich hatte auch eine Tochter ihren Wert, wenn die Füße nur klein genug waren. Wen interessiert schon das Herz aus Gold? Das war dem europäischen Prinzen ja auch wurscht. Der kleine Fuß faszinierte ihn. Sonst gar nichts. Nur dass die Stiefmutter und Schwestern zu blöd waren und sich Zehen und Fersen abschnitten, dass selbst die letzte Taube -ruckedigu- bemerkte, dass da was faul ist. Hätten sie sich die Füße gebunden, wär das nicht passiert.

Sowohl zur Zeit als die Geschichte spielen soll, als auch zur Zeit ihrer Niederschrift wurden übrigens in China die Füße noch nicht gebunden. Das begann vermutlich erst im 13. Jhdt. in gehobenen Familien im Süden Chinas. Mit dem Binden der Zehen nach oben. Aber das ist dann eher das Thema für einen anderen Artikel, da mir gesagt wurde, dass zu lange Blogtexte LeserInnen abschrecken. Und das wäre doch zu blöd. Außerdem habe ich Schuhgröße 39 und kann auch nicht mit immens kleinen Füßen jemanden bei der Stange halten. Also besser damit, dass ich mal zum Ende komme. Hier.