Wenn der Esel mit der Schlange

22. Januar 2012

und dem Ochsen, dem Shrimp, dem Hirsch, dem Fisch und dem Phönix:

dann, ja dann steht das Drachenjahr vor der Tür. Das behauptet jedenfalls eine Quelle aus der Songzeit, nach der der Drache den Kopf eines Ochsen, das Maul eines Esels, die Augen einer Garnele, die Hörner eines Hirschen, den Körper einer Schlange mit Fischschuppen und die Krallen eines Phönix´ habe.

Der Jahreswechsel in diese Melange tritt heuer sehr früh ein, nämlich jetzt. Am 23.1.2012. Natürlich sind alle ganz aus dem Häuschen. Der Drache! Das kaiserlichste aller Tiere, ja, der Kaiser selbst! Das wird ein Jahr! Mit kawumm und täterää. Nur etwas abgemildert dadurch, dass es ein Wasserjahr ist. Das Wasser macht den Drachen ein bisschen handzahmer, ein bisschen milder.

Natürlich habe ich mich im Netz umgesehen, was das Jahr für mich, eine im Jahr der Feuerziege Geborene bereithält. Das hängt ganz davon ab, erfahre ich, welches Element zu mir gehört. Wäre es Feuer, stünde mir eines der allerschlimmsten Jahre meines Lebens bevor. Das wäre natürlich wahnsinnig bedauerlich. Glücklicherweise bin ich mehr der Wassertyp. Ein schwarzer Affe geboren im roten Ziegenjahr. Wenn jemand jetzt nicht mehr durchsteigt, macht nichts, ich auch nicht. Für den schwarzen Ziegenaffen wird es jedenfalls nicht gar so schlimm. Diese Recherche weckt meinen Ehrgeiz mich noch ein wenig umzutun, was diese ganzen kostenlosen Schickalsberechner so für mein Leben insgesamt vorsehen. Was kümmert mich das eine Jahr? Der protzige Drache? Wenn der mir ohnehin nur ein durchwachsenes Jahr prophezeit?

Ich soll nördlich schlafen, heißt es auf einer einschlägigen Seite. Für ein langes Leben. Aber südöstlich für Gesundheit. Beides gleichzeitig scheint nicht drin zu sein. Oder ich schlafe abwechselnd mal so mal so? Hält eh jung, wenn man nicht in einen Gewohnheitstrott verfällt. Der Kompass verrät mir, dass mein Bett auf der Nordseite des Zimmers steht, ich mit dem Kopf aber nach Westen schlafe. Soll ich mich wirklich umdrehen? Na, ich kann es ja mal versuchen. Arbeiten soll ich östlich, um viel Geld zu verdienen und südlich, um hervorragende Arbeit zu leisten. Östlich hab ich offenbar noch nie gearbeitet. Bis vor kurzem blickte ich zum Arbeiten nach Norden, kein Wunder wenn dabei nichts wirklich bei raus kam. Aber jetzt schaue ich nach Süden. Es kann also los gehen. So weit so gut.

Als ich dann allgemein meine Glücksentwicklung im Laufe meines Lebens abfragte, taten sich Abgründe auf. Der eine elektronische Wahrsager teilt mir in 10Jahresschritten mit, dass vom 11. bis zum 40. Lebensjahr das Glück schlicht gegen mich sei. Das wäre nicht sooo schlimm, denn das ist ja nun schon vorbei. Von 41 bis 70 sei aber immerhin noch das Wohlstandsglück gegen mich. Richtig für mich ist in der Zeit auch kein anderes Glück. Das ist insgesamt schon etwas bedauerlich. Aber wenn ich die 70 erstmal hinter mir habe, prophezeit mir das Netz, dann beginnt meine Glückssträhne. Und hält an und hält an. Bis ins 130. Lebensjahr! Wow! 60 Jahre Glückspotenzial. Die Frage ist nur, wieviel ich davon erleben werde. Zu blöd.Vielleicht werde ich posthum berühmt? Aber macht einen das glücklich? Vielleicht bin ich dann so ein halbes Jahrhundert einfach wahnsinnig glückliches Wurmfutter? Und nähre glückselige Würmer, die wiederum ein paar Vögel vor Lebensfreude singen lassen? Das ist schon eine schöne Vorstellung. Obwohl ich Glücksvorstellungen nach dem Tod grundsätzlich skeptisch gegenüberstehe. Auch ist es nicht wirklich ein Gedanke, der einen tagträumen lässt: wenn ich einmal groß bin, dann bin ich eine glückliche Leiche für glückliche Würmer. Ob es dann überhaupt noch Erdbestattungen gibt? Und ob man Särge verwenden darf, die vor dem Ablauf vor 500 Jahren einen Wurm durchlassen?

So richtig zufrieden war ich also mit dem Ergebnis meiner Glücksprognose nicht und versuche es bei jemand anderem. Da sieht es dann auch gleich besser aus. Hohe Glücksbalken ab meinem 11. Lebensjahr. Ich habe keine Ahnung, warum ich von 0-10 nirgends Analysen bekomme. Nicht gut, nicht schlecht, nur nichts. Aber ab dem 11. Lebensjahr schwanken die Glücksbalken zwar ein wenig in der Höhe, aber sie sind immer hoch. Heiraten, Geschäfte eröffnen etc.  sollte ich in den Phasen hoher Glücksbalken. Das ist schön. Ich kann praktisch ständig heiraten und neue Geschäfte eröffnen. Oder andere wichtige Lebensentscheidungen treffen. Es ist doch ganz klar, dass dieser Wahrsager viel mehr Ahnung hat, als der andere, oder?

Aber wer will das so genau sagen. Und so komme ich schließlich zum Drachen zurück. Bei diesem soll man nämlich niemals gleichzeitig Kopf und Schwanz sehen können. Das kann sich nur auf die Begegnung mit einem echten Drachen beziehen, denn in Abbildungen ist beides üblicherweise ohne größere Probleme sichtbar. Jedenfalls macht dieses nie Anfangundendegleichzeitigsehenkönnen den Drachen unvorhersehbar. So auch sein Jahr. Ich will jetzt nicht nörgeln. Aber ganz kann ich es mir doch nicht verkneifen: Ist es nicht meistens so, dass man am Anfang des Jahres nicht weiß, wie es hinten ausgeht? Der Mensch unterscheidet sich da auch nicht so stark vom Drachen. Gesicht und Hintern sieht man nur in eher absonderlichen Haltungen gleichzeitig. Wie auch immer: dieses Jahr ist die Ominösität eben amtlich. Es wird also ein Jahr unter dem Motto: kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich´s Wetter oder es bleibt wie es ist. Nur eben nicht mit einem Hahn, sondern mit einem Drachen. Und der sitzt auch nicht auf einem Misthaufen, sondern schlängelt sich durch den Himmel, die Wolken, die Flüsse und die Ozeane. Was macht er dabei wohl für Geräusche? Abgesehen von Luftzuggeräuschen. Muhen, i-ahen, röhren oder singen? Oder ist der Drache stumm wie die Schlange, der Fisch und das Garnelentier? Vermutlich. Also: schweigt der Drache in der Gischt, ändert sich was oder eben nüscht.

Drachenjahrgeborene sollen durchsetzungsstark, mächtig und prächtig sein, manchmal aber nicht so wahnsinnig sozialkompatibel. Um ein besseres Gefühl für den Drachen zu bekommen, google ich mich ein wenig durch Politikergeburtsdaten, da müssten sie sich ja tummeln, die Drachen. Ich werde enttäuscht. Wenn sich da überhaupt ein Zeichen signifikant abhebt, ist es das Pferd. Eine ganze Pferdeherde. Merkel, Sarkozy, Hu Jintao (Generalsektretär KP Ch), Wen Jiabao (Premierminister), um nur einige zu nennen. Die Zeit der Pferdepotentaten scheint sich aber dem Ende zu nähern, denn auch Gaddafi war eins. Womöglich auch Kim Jong Il, der aber soviel Gedöns um sein Geburtsjahr machte wie irgendeine B-Schauspielerin, so dass er vielleicht auch Schlange war. Wie Assad. Vielleicht geht ja auch die Zeit der Schlangengrubenpolitiker zu Ende? Und was ist eigentlich der ominöse Kim Jong Un? Der ist ja noch mehr Diva als sein Herr Papa. Wir dürfen sein Geburtsjahr nicht wissen. Denn was könnte das über ihn verraten? Die Daten reichen von 1982-1984. Er also könnte Hahn (z.B. Osama Bin Laden), Hund (z.B. George W. Bush) oder Schwein (z.B. Schimon Peres) sein. Wenn das mit dem Geburtstag am 8.1. nicht stimmt, könnte er sogar Ratte sein (z.B. Berlusconi). Nichts genaues weiß man nicht. Aber richtig nach Entspannung klingt das alles nicht. Das liegt natürlich ein kleines bisschen an meiner tendenziösen Darstellung. Denn ich hätte genausogut Marjana Satrapi (iranische Filmemacherin), Pratibha Patil (Präsidentin von Indien, schon mal gehört?), Woody Allen oder Louis Armstrong auswählen können. Aber ich kann mir den obskuren Kim Jong Un nun wirklich nicht beim Zeichnen subversiver Comics, als gewählte Präsidentin, intellektuellen Komiker oder Musiker vorstellen. Ich mein, es muss ja ein wenig passen zur Person.

Bitte wo sind denn die mächtigen, die beeindruckenden, die herrlichen Drachen? Obama ist beispielsweise Büffel, genauso wie die VR China. Seine Frau Michelle ist Hase, wie der Mossad oder unser Nichtpräsident Gauck. Premierminister Manmohan Singh ist Affe, Ahmadinejad dito. Aber Drache: Juliette Binoche. Garnelenaugen, ok. Aber mystische Größe? Michael Ballack. Ja. Toll. Vielleicht ist die große Zeit der Drachen einfach vorbei? Denn früher, ha, da gab es welche: Jeanne d´Arc, Immanuel Kant, Martin Luther King, Pelé, Sigmund Freud, Florence Nightingale, Oscar Wilde, Marlene Dietrich, John Lennon etc. Gut, da ist auch kaum ein Politiker dabei. Wahrscheinlich habe ich falsch gesucht. Die falsche Prämisse. Als hätten Politiker so viel zu sagen! Aber einen habe ich doch gefunden: herrisch, undurchschaubar, schwieriges Sozialverhalten, durchsetzungsstark, quasi mystisch: Wladimir Wladimirowitsch Putin. Hurra. Da muss die Schlange Medvedev als Präsident wohl weichen.

Wir werden sehen. Insbesondere werden wir am Ende des Drachenjahres wieder schlauer sein, als am Anfang. Soviel steht fest.

PS: Christian Wulff ist übrigens ein Schwein.

Grenzgang

24. Dezember 2011

Aus Flugangst nahm ein Freund von mir letztens die Eisenbahn von Beijing nach Moskau. Das weckte Erinnerungen in mir. An meine Eisenbahnfahrt von Beijing nach Berlin 1987 und vor allem an den Grenzübertritt von der VR China in die Sowjetunion.  Am Tag vor der Abfahrt, lernte ich Jens kennen. Jens kam aus der DDR, genau genommen aus Ostberlin. Er wollte gerne mal nach West-Berlin. Notgedrungen nahm er dafür einen kleinen Umweg in Kauf. Und so war er in einer mehrmonatigen Reise, die nur ganz am Anfang genehmigt gewesen war, über Sibirien und irgendwelche verschlungenen Wege nach China eingereist. Und in China endete der Einfluss der Sowjetunion abrupt. Also konnte er als Gesamtdeutscher zur westdeutschen Botschaft gehen und sich nach West-Berlin fliegen lassen.

Ich begann nun den umgekehrten Weg durch Sibirien und stieg in die legendäre Transsib. An der chinesisch-sowjetischen Grenze war aber erstmal wieder Schluss. Denn nun musste der Zug umgebaut werden. Die Spurbreite war in China anders als in der SU. Oder heute in Russland. Wenn man über die Mongolei fährt, hat man den Spaß zwei Mal, weil auch die mongolische Spurbreite anders ist, als die chinesische und die russische. Das dauert eine Weile, einen ganzen Zug umzubocken. Wegen des großen Geheimnisbedarfs totalitärer Systeme durfte man dabei auch nicht zusehen. Top Secret. Zu unserer Unterhaltung durften wir uns stattdessen zur Abgabe unserer Pässe anstellen.

Als wir nach mehreren Stunden endlich wieder einstiegen, wurde es ernst. Grenzbeamte kamen zur Zollkontrolle. Zackzack. Ich war nervös. Ich bin bei so etwas immer nervös. Mein vorauseilend schlechtes Gewissen katzbuckelt. Habe ich vielleicht zuviel Seide gekauft? Es handelte sich immerhin um vielleicht 4m. Mir kam es wie ein Schatz vor. Mein Schatz. Ich hatte damals sehr bescheidene Vorstellungen von der Welt. Und außerdem: wenn nicht die Seide, wer weiß gegen welch ominöse Bestimmung ich verstieß? Und wie komme ich dann da wieder raus? Und russisch kann ich auch nicht. Was habe ich falsch gemacht, von dem ich nichts weiß? Katzbuckelkatzbuckel.

Mein Abteil füllte sich wieder. Die Chinesen waren vor der Grenze ausgestiegen und nun kamen Sowjetbürger, sibirisch zwischen Schlitzauge und hoher Nase pendelnd. Sie verfolgten als kundige Genießer, wie ich gefilzt wurde. Es begann damit, dass der Grenzbeamte im Deckelfach meines Rucksacks Bücher fand. Quelle surprise! Die wurden erstmal mitgenommen. Wenn ich mich richtig erinnere, handelte es sich um einen amerikanischen Satiriker und ein Buch von Kierkegaard. Ersteres bekam ich auf der Reise im laufenden Buchtausch unter Westlern; es hat keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Das andere hatte ich selbst mitgebracht. Für den Beginn eines sublimeren Selbst, das sich nur noch hochwertige Gedanken auf der Grundlage hochwertiger, wahnsinnig schlauer Schriften machen sollte. Nach vier Monaten des blanken Herumschleppens, hätte es mich auf der insgesamt einwöchigen Zugfahrt endlich erheben können. Tatsächlich bin ich bis heute nicht über den Anfang heraus gekommen. Wie auch immer, diese zwei Schrifterzeugnisse wurden erstmal jemand Westsprachenkundigem gebracht.

Mein Beamter hatte also Zeit für mich. Ich öffnete brav das Hauptfach meines Rucksacks und war ähnlich konsterniert wie mein Zuständiger. Ganz vorne befand sich nämlich ein Blech, das zu einer Waage gehörte. Und auf diesem Blech klebte halb, aber eben nicht ganz festgedrückt, eine dieser beeindruckend großen Kakerlaken. Meine letzte Unterkunft in Beijing wimmelte davon, stimmt schon. Aber dass ich eine mit eingepackt hatte, das war mir neu. Halb zerdetscht wie sie war, lebte sie noch. Sie werden uns überleben, die Kakerlaken, soviel steht mal fest. Wenn auch nicht diese eine konkret, schätz ich mal. Sie schwenkte ihre 5cm langen Fühler hin und her.

Ein Sturm der Gefühle brach los: Überraschung über die Existenz der Kakerlake, Ekel wegen ihres Daseins, Mitleid wegen ihres Zustandes, und natürlich die Peinlichkeit gegenüber meinem geschniegelten und gestriegelten Beamten. Ein gewisses, unangenehm duckmäuserisches Verhalten gewann die Oberhand. Dieser haltlose fühlerschwenkende, aber im Übrigen immobile Zustand musste beendet und damit nachgerade vertuscht werden. Jawoll! Dann könnten wir so tun, als sei nichts gewesen.

Ich schnippste also die halbtote Kakerlake mit dem Fingernagel vom Blech. Erfreulicherweise gelang es auf Anhieb. Aber sie flog auf das Bein des Beamten. Er sah mich angeekelt an. Sorry wollte ich sagen und sagte Duibuqi. Auf Russisch hatte ich nichts anzubieten. Heroisch überging der Herrscher meines Grenzübertritts meine Grenzüberschreitung und fing wenig enthusiastisch an, in meinen Sachen zu wühlen. Die halbtote Kakerlake schleppte sich derweil unter die Sitze in Sicherheit. Plötzlich beleuchtete ein Schimmer von Erfolg sein Gesicht und er zog sein Fundstück hervor. Es handelte sich um einen Schafskiefer, den ich am Tianshan, dem Berg des Himmels, eingesteckt hatte. Ich hatte damals einen gewissen Hang zu Knochen.

Ab sofort ließ er mich selber wühlen. Mittlerweile war ich so beflissen, dass ich mein Gepäck praktisch entfremdet untersuchte. Ich war nun selber auf Fund aus. Und so legte sich der Schein des Finderglücks auch auf mein Gesicht. Ich zog eine große Klinge hervor, die ich im Nordwesten Chinas bei den Uiguren gekauft hatte. Mein Faible für Klingen war vielleicht noch größer, als das für Knochen. Stolz hielt ich sie ihm unter die Nase. Als ich realisierte, was ich da gerade machte, wurde ich hektisch und wedelte aus reiner Hilflosigkeit mit der Klinge herum. Ich wusste schließlich nicht wohin damit. Aber es machte das Ganze irgendwie nicht besser.

Die aufmerksamen aber völlig verstummten Sibirer waren begeistert. Mein schmucker Grenzer gab auf. Mit einer militärisch-forschen Handbewegung forderte er mich auf, mein widerwärtiges Graffel wieder einzupacken und schritt davon. Irgendwann kamen auch meine Bücher wieder bei mir an. Dann konnten wir endlich weiterfahren.

In all dem Durcheinander war ein herrenloses Gepäckstück gar nicht aufgefallen. Ein Gepäckstück dessen Besitz ich zur Not geleugnet hätte. Als ob das geholfen hätte. Jens, der Ostler, hatte mir nämlich eine sehr große Tüte voll mit Filmen gegeben, mit der Bitte, sie bei seiner West-Tante in Zehlendorf abzuliefern. Was er mir erzählte, warum er sie nicht selber transportierte, weiß ich nicht mehr. Warum gab er mir die Dutzenden von Filmdosen? Er gab zu, auch viel unerlaubt fotografiert zu haben, aber er konnte doch nicht ernsthaft annehmen, dass ein barfüßiger Punk ungefilzt die Grenze zwischen zwei Diktaturen überschreiten würde? Er wollte einen Fotoband daraus machen, sagte er. Wie auch immer. Irgendwie glaube ich heute noch, dass da tatsächlich Filme drin waren. Aufgemacht habe ich die Dosen nicht. Es gab schließlich so eherne Gesetze, wie dass man nicht petzt, wenn der ältere Bruder einen verdrischt. Und dass man Freunden vertraut. Wobei ich den Begriff Freund damals offenbar sehr großzügig auslegte.

Die Zehlendorfer Tante öffnete die Tür für mich jedenfalls nur äußerst ungern und nahm mir die Tüte mit sehr spitzen Fingern ab. Weder heißen Kaffee noch warme Worte  gab es für die Botin eines Tütentransfers über 9000km und durch einen eisernen Vorhang hindurch. Was daraus geworden ist, weiß ich leider nicht, da ich weder Adresse noch Namen des Fotografen oder seiner Tante aufgehoben habe. Aber wie eine Drogendealerin sah sie jedenfalls nicht aus.

 

 

Mauerstädte mit und ohne Mauer

29. November 2011

Als Hongkong noch keine glitzernde Metropole war, war es nicht nur keine glitzernde Metropole, sondern praktisch inexistent. Kaum ein Mensch wohnte in dieser malariaverseuchten Gegend am Perlflussdelta. Ein paar Fischer halt. Oder Piraten. Je nach Saison. Doch gab es in Kowloon eine Art Festung, einen chinesischen Militärposten, der später Walled City of Kowloon genannt werden sollte. Ein ummauertes Gelände von etwa 210m x 120m, mit einem Yamen, einem Verwaltungs- und Gerichtsgebäude in der Mitte.

1839 zettelte Großbritannien den ersten Opiumkrieg an und ließ sich 1842 dafür als Belohnung die Kowloon gegenüberliegende Insel Hongkong-Island überschreiben. Das Ganze nannte man euphemistisch die Nanjinger Verträge. China war die Entwicklung zurecht etwas  unheimlich und sie stockten die Mauer der ummauerten Stadt auf etwa 4 m auf.  Sicherheitshalber.

Das entspricht in etwa der Höhe der Berliner Mauer, nur dass die ja nicht von den eingemauerten West-Berlinern gebaut worden war, sondern von den Machthabern drumrum. Dafür hielt sie auch nur etwa 28 Jahre und nicht runde Hundert Jahre wie die der ummauerten Chinesenstadt. Das Unbehagen Chinas stellte sich 1860 als berechtigt heraus, denn dann verleibte sich England auch noch Kowloon in sein Commonwealth ein.

Ganz Hongkong ist von den Briten besetzt… Ganz Hongkong? Nein! Ein von unbeugsamen Chinesen bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Oder so ungefähr. Die ummauerte Stadt innerhalb Kowloons wurde zur Exklave. Die gehört uns, sagten die Chinesen. Die war vorher schon da. Unser Recht gilt, unser Abgabesystem und ihr hässlichen, stinkenden, helläugigen Dämonen, lasst gefälligst Eure dreckigen Finger davon. Die Briten bewahrten Contenance, legten sich diesbezüglich nicht wirklich fest, sahen das mal so mal so. Wobei sie wortlos Wert auf die Feststellung legten, dass dreckige Finger selbstverständlich nur die Chinesen hatten.

Richtig klare, offizielle Verhältnisse herrschten in dem ummauerten Stadtteil nur selten, es gab schließlich immer so viel anderes zu tun. Inmitten von Kriegen, Bürgerkriegen und Weltkriegen war das Gelände von popligen 2,5 Hektar zwar prestigeträchtig, aber irgendwie auch nebensächlich. Wen interessierten schon wirklich die paar Hansele auf den paar Quadratmetern?

In Berlin hatten wir so etwas natürlich auch. Klar. Damit meine ich aber nicht die Mauer als solche und damit West-Berlin insgesamt, sondern das sogenannte Lenné-Dreieck in der Nähe des Potsdamer Platzes, das zur Zeit der deutschen Zweistaatenlösung der DDR gehörte. Die Mauerbauer wollten sich offenbar diese durch eine Bezirksreform 1938 entstandene, sinnlose, zum Bezirk Mitte gehörende Zacke sparen und kürzten den Verlauf der Mauer ab. Darum herum zu bauen, wäre bei nüchterner Betrachtung auch völlig unsinnig gewesen. Nüchterne Betrachtung war damals allerdings nicht sonderlich en vogue, so dass diese pragmatische Lösung verblüfft. Es war also eine unsichtbare Exklave entstanden, die im Gegensatz zur ummauerten Stadt in Kowloon nur auf einer Seite eine Mauer hatte.

Auch über Südchina brach der zweite Weltkrieg herein, im Vergleich zu dem die Opiumkriege nur Sonntagsspaziergänge gewesen waren. Die Japaner trugen den Krieg auch nach Hongkong. Für knapp vier Jahre ruhte der Streit zwischen England und China. Hongkong war japanisch besetzt. Und wie der Japaner nun mal so ist, dachte er, carpe diem, und riss die vor etwa 100 Jahren aufgestockte Mauer der Chinesenstadt ab, um die Steine für den Ausbau einer weiteren Landebahn des nahegelegenen Flughafens Kaitak zu benutzen.

1945 war der Spuk vorbei und Hongkong wurde skandalöserweise wieder britisch. War das extrem malträtierte China nicht auch ein Siegerland? Die Westmächte juckte das wenig und so glitt auch das alte Fort -nun seiner schützenden Hülle beraubt- in seinen unklaren Zustand zurück. Die Fluchtbewegungen nach hier und da und dort bewirkten, dass auf dem Gelände der einst ummauerten Stadt 1947 schon etwa 2000 Chinesen lebten. Ungefähr 10mal soviel wie jemals vorher.

Der folgende chinesische Bürgerkrieg, die Machtübernahme der KP China und der letztlich rechtsfreie Raum taten ihr Übriges. Es wurde voll. Und voller. Und noch voller. Das Gelände wurde bebaut. Überbaut. Man stockte an, auf und um. Der Wohnblock? das Viertel? die Stadt? wucherte. Nach außen ging jedoch nicht. Die Grenzen waren auch ohne Mauer nicht verhandelbar. Freiheit von GB und der VR China bot nur das Gebiet, dessen vollständige Umrundung etwa eine halbe Stunde dauerte. Nach oben konnte auch nur bedingt ausgewichen werden, da sich die ummauerte Stadt in der Einflugschneise des von den Japanern ausgebauten Flughafens Kaitak befand. Mehr als 14 Stockwerke waren nicht drin. Die Stadt wuchs also nach innen. Die Straßen wurden immer enger und enger und schließlich völlig überbaut, so dass sie nur noch Tunnels waren. Sie wuchs aus sich selbst heraus, implodierte und wucherte nach innen.

Auf dem Berliner Lenné-Dreieck passierte zunächst gar nichts. Anstatt dass sich ab 1961 dort tausende von Illegalen, Anarchos oder Chinesen ansiedelten, dümpelte dieser rechtsfreie Raum knapp 27 Jahre unerkannt vor sich hin. Nur 161 verschiedene Pflanzenarten nutzten die Gunst der Stunde und sicherten sich dort ein Plätzchen. Erst als genau dort eine sechsspurige Westtangente gebaut werden sollte, wurde überhaupt Notiz vom speziellen Potenzial dieser kostbaren Immobilie genommen. Der Westen wollte deshalb dem Osten 1988 das Dreieck abkaufen und der Osten ließ sich nicht lumpen, sagte ok und ließ sich das vergolden. Bereits im Juli 1988 sollte die Übergabe stattfinden. Die Zeit wurde also knapp. Auf den allerletzten Drücker wurde das Gelände im Mai 1988 besetzt. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen und war natürlich auch dabei. Zugegeben, es war alles ein bisschen kleiner und auch weniger spektakulär, als in Kowloon. Erheblich kürzer und mit viel weniger Leuten. Aber hey, was zählt, ist die Idee.

In dem Bienenstock der ummauerten Stadt von Kowloon waren die rund 350 Gebäude so aneinander und umeinander gebaut, dass man über die Dächer und Verbindungsgänge auf verschiedenen Stockwerken vorankommen konnte. Dabei war es feucht, Wasser lief überall die Wände hinunter. Wie zum Hohn hatten die meisten 10-20m² großen Wohnungen in der Regel keinen eigenen Wasseranschluss. Mit Eimern und Kanistern musste man durch das Gewirr zu einer der sechs Wasserstellen. Logische Folge der Bauweise war, dass wirklich nur die, die in einer der alleräußersten Wohnungen lebten, überhaupt Tageslicht hatten. Der Rest lebte in Dunkelheit, bzw in künstlichem Licht, das durch außerhalb angezapften Strom erzeugt wurde. Nur in der Mitte blieb das alte Yamen, das einstöckige Verwaltungsgebäude erhalten, so dass der Bienenstock in der Mitte eine Art Loch hatte. Angeblich erhielt das Stadtviertel damals einen neuen Namen: Haknam, die dunkle Stadt.

In Berlin wurde in den verbleibenden fünf Wochen natürlich kein Bienenstock, sondern bestenfalls ein Taubenschlag aufgebaut. Die Probleme von Zu- und Abwasser gab es auch, nur in wesentlich kleinerem Ausmaß. Dafür war kein Mangel an Licht und Luft.  Die dunkle Stadt hatte nur eine offene Kanalisation, auf dem Lenné-Dreieck gab es gar keine. Und man glaubt nicht, was ein paar Hundert Leute in ein paar Wochen für eine Menge Scheiß verzapfen können. Von Zigtausend möchte ich mir das gar nicht vorstellen!

In Hongkong traute sich die Polizei seit den 60er Jahren nicht mehr auf das Gelände, in Berlin durfte die West-Berliner Polizei nicht, darauf achtete die Grenzpolizei auf der anderen Seite der Mauer sehr genau. Auch als der Wasserwerfereinsatz und der Beschuss mit Tränengas überhand nahm, beschwerte sich die DDR. Den Zaun, den die Westpolizei außerhalb des Grenzverlaufs drumrum aufstellte, konnten sie aber schlecht verbieten. Das hätte auch etwas peinlich gewirkt, sich über die Mauer hinweg über den Zaun zu beklagen.

Beim Vergleich kommt man nicht umhin festzustellen, dass die Leute der dunklen Stadt aus ihrer Zeit im rechtsfreien Raum doch irgendwie mehr gemacht haben. Zum Beispiel 80% aller damals in Hongkong verkauften Fischbällchen. Und Fischbällchen sind eine Spezialität in Hongkong. Auch andere Produkte wurden dort so billig hergestellt wie nirgends sonst. Eine Fabrik für Plastikformen mit 7 Arbeitern, produzierte beispielsweise auf einer Fläche von bloßen 20 m². So leisteten die illegalen, steuerfreien Kleinstunternehmer in der ewigen Dunkelheit der ummauerten Stadt einen nicht unerheblichen Beitrag für das Wirtschaftswunder Honkong. Allerdings waren die Arbeitsbedingungen auch äußerst unerfreulich: 12 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche waren normal. Irgendwie musste man ja das Schutzgeld an die Triaden bezahlen. Und die Miete. Dafür wurden keine Steuern fällig.

Die Arbeitszeit der Berliner Besetzer war allerdings noch schlimmer. Da auch das Private politisch war, kam man auf eine Arbeitszeit von exakt 24 Stunden am Tag. Allerdings bestand die eher in Form von Diskussionen, Plena, Wache schieben, Kochen, Pressemitteilungen verfassen, Plumpsklos ausheben, Spülen, politisch bewusst schlafen und sich mit der Polizei rumstreiten. Ein Wirtschaftswunder lässt sich damit natürlich nicht anzetteln. Immerhin zog das besetzte Dreieck aber Touristen an, die sich auf den Aussichtsplattformen, die eigentlich einen Blick und fröhliches Winken nach Ost-Berlin ermöglichen sollten, mit den Verfassungsschützern und Polizei um die besten Fotos drängelten.

Ende der 80er Jahre wohnten in der dunklen Stadt in Hongkong etwa 33.000 Menschen auf 0,025km², was einer Dichte von 1,3 Mio E/km² entspricht. Das ist ein ungeschlagener Rekord. So kommt New York City auf lächerliche 10.300 E/km², Friedrichshain/Kreuzberg immerhin auf 12.700 E/km² und Kairo auch nur auf 37.000 E/km². Ernsthafte Konkurrenz macht sich nur Hongkong selbst. Im Stadtteil Mongkok wohnen heute 130.000 Menschen auf 1 km². Na, Konkurrenz ist vielleicht übertrieben. Dieser heute dichtbesiedelste Ort der Welt, hält 10Mal soviel Platz pro Mensch bereit, wie weiland die ummauerte Stadt von Kowloon.

Das besetzte Lenné-Dreieck war etwa 4 ha groß und wenn man von 200 festen Bewohnern ausgeht, kommt man immerhin auch auf erstaunliche 5.000 Einwohner pro km². Am ersten Juli 1988 war auch damit Schluss, denn nun gehörte das Grundstück zur BRD. Die Polizei räumte und 180 Besetzer flohen über die Mauer in den Osten. Dort wurden sie schon mit LKWs erwartet. Es gab Frühstück und eine Befragung, dann wurden sie zu den Grenzübergängen gebracht.

Auch die dunkle Stadt fand schließlich ihr Ende. Nach zahllosen Razzien einerseits und Entschädigungszahlungen an die Bewohner andererseits, wurde die dunkle Stadt 1993 geräumt und abgerissen. Nur das Yamen, das wie ein Wunder alles überstand, wurde saniert und zum Zentrum des neu angelegten Parks. Heute ist der Park “Kowloon Walled City” wieder von einer moderaten Mauer umgeben.

Und auf dem Lenné-Dreieck steht das Beisheim-Center.

Form und Inhalt

15. Oktober 2011

Die Republik China auf Taiwan ist am 10.10.11 100 Jahre alt geworden. Und ich war nicht dabei. Aus Krankheitsgründen nahm ich nicht einmal an dem Empfang teil, der in Berlin von der hiesigen Repräsentanz gegeben wurde. Das ist schade. Deshalb kann ich auch nicht berichten, ob wieder ein bayerischer Spielmannszug aufspielte, oder was sonst die kulturhungrigen Besucher erfrischte. Sicher ist nur, dass wieder mitreißende Reden geschwungen wurden.

Was das Thema Repräsentanz angeht, hat die große Schwester Volksrepublik seit kurzem ganz andere Probleme. Denn die  Zwistigkeiten zwischen der KP China und dem Dalai Lama haben eine neue,  fast dialektisch zu nennende Stufe erreicht. Dummerweise haben die beiden Parteien auf der Ebene der Synthese wiederum entgegengesetzte Positionen eingenommen. Der Dalai Lama hat nämlich erklärt, sich nicht weiter reinkarnieren zu wollen. Jetzt hätte man meinen können, dass die kommunistischen Funktionäre hurra rufen und helau und alaaf, mit Kamelle werfen, trunken vor Glück mit tibetischen Mönchen Karaoke singen und den Dalai Lama in Zukunft einen guten Mann sein lassen würden.

Doch weit gefehlt. Sie schäumen vor Wut. Anstatt dass sie sich freuen, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft (Tendzin Gyatsho ist immerhin schon 76 Jahre alt) den ollen Lama ein für allemal los wären, protestieren sie. Anmaßend sei das Vorgehen, empört sich die KP, weil doch die historischen Institutionen und religiösen Rituale der tibetischen Buddhisten respektiert werden müssten. Ah ja. So ist das. Und immerhin seien die Fragen der Wiedergeburt in der VR China aufs Vortrefflichste geregelt. Sie hätten ein Verfahren zur Reinkarnationsbestimmung, das nicht in die inneren Glaubensvorstellungen eingreife und doch den Fund eines wirklich wahren und echten neuen lebendigen Buddhas garantieren könne.

Fairerweise muss man sagen, dass der chinesische Kaiserhof früher schon mal kontrollierenden Einfluss auf die Auswahl der wichtigen Inkarnationen nahm, um die grassierende Korruption einzudämmen. Mongolische Khane, tibetische Adlige, hohe Mönchsbeamte, alle wollten mit Hilfe der Verwandtschaft zum neuen Dalai Lama ihr Süppchen kochen. Da war es nicht schlecht, wenn jemand ein kritisches Auge darauf warf. Ich weiß nicht warum, aber ich argwöhne, dass die KP heute mit der Verfahrenskontrolle andere Zwecke verfolgt. In diesem speziellen Fall würde Korruptionsbekämpfung auch keinen Sinn machen, denn schließlich besteht keinerlei Korruptionsgefahr, wenn es gar keine Inkarnation gibt. Wie soll man denn Vetternwirtschaft betreiben, wenn kein Vetter da ist? Dafür gibt nun wirklich niemand Geld aus.

Reinkarnationen, die dieses chinesische Verwaltungsverfahren nicht durchlaufen oder nicht bestanden haben, sind illegal. Illegale Buddhas. So einem Buddha, der die Scheinhaftigkeit der Welt ja durch und durch kennt, ist das vermutlich wurscht, aber er kann so natürlich schlecht repräsentieren.

Und man darf eins nicht vergessen:  die Partei, die Partei, die hat immer Recht.

Ohne eine solche unfehlbare Institution hat sich natürlich auch manch chinesischer Kaiser mal in Fragen der Repräsentation vergaloppiert. Ganz besonders der unter dem Namen seiner Regierungsdevise “Ewige Freude” bekannte Yongle. Heidewitzka, war das ein Kerl. Oder so sollte es jedenfalls aussehen. Ein Gigantomane reinsten Wassers. Da wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt!

Als Charakterstudie kann folgende Geschichte dienen: Nachdem er sich gegen einen Neffen an die Macht geputscht hatte, verweigerte ihm einer seiner neuen Untertanen den Treueschwur. Kurzerhand ließ der Kaiser nicht nur ihn öffentlich in Stücke schneiden, sondern auch dessen Familie, Freunde und Bekannte töten. So 800-900 Leute. Glücklicherweise gab es damals noch kein Facebook. Das wäre erst ein Gemetzel geworden.

Aber er hatte natürlich auch gute Seiten. Beispielsweise wollte er den Bewohnern seiner damaligen Hauptstadt Nanjing ein ganz besonderes Geschenk machen. Seine Vorstellung von dieser das Volk beglückenden Gabe war eine 75 Meter hohe Monumentaltafel mit güldenen Kalligrafien drauf, die die Tollkerligkeit des Papas von Yongle besingen sollten. Dieses Denkmal würde aus nur drei aufeinandergestellten Felstafeln bestehen. Gesagt, geplant, begonnen. 30km von der Stadt entfernt wurden die Teile aus dem Berg gehauen. Der größte der drei Blöcke hatte so beeindruckende Maße wie etwa 50m mal 17m mal 4m. Um ihn und seine zwei kleineren Brüder (Sockel und Mützchen des Monuments) aus dem Berg zu hauen, brauchte es im Jahr 1405 etwa 10.000 Steinmetze. Gab offenbar genug davon. Ein wunderbares Konjunkturprogramm, um die Arbeitslosen nach dem ganzen Bürgerkrieg von der Straße zu holen. Dankbar schufteten diese sich dann auch zu Schanden und lösten diese Bergelemente sogar auf der Unterseite so weit ab, dass der Abtransport nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien.

Nur was dann? Wie bewegt man 31.000 Tonnen in nur drei Teilen? Ganz einfach: gar nicht. Weil es nicht geht. Weil Berge vielleicht selbst zu irgendwelchen starrsinnigen Propheten wackeln, sich aber niemals zum Jagen tragen lassen. Der in Scheiben geschnittene Berg liegt nun seit über 600 Jahren zum Abtransport bereit. Unbeweglich auch mit heutigen Mitteln. Aber wie es sich mit Bergen und Propheten eben so verhält: wenn sich der Berg nicht bewegt, bewegt sich eben der Potentat. Allerdings in diesem Fall weg vom Berg, dem Ort des Scheiterns. Yongle verlegte kurzerhand seine Hauptstadt in das wüstenhafte Beijing. 120.000 Haushalte mussten ihn begleiten, um die neue Hauptstadt auch repräsentativ zu gestalten. Wenn man an die Laune der Bonner denkt, die in den 90ern alle hierher nach Berlin ziehen sollten, kann man sich die Laune der Nanjinger Umzugsverpflichteten einigermaßen vorstellen.

Doch dann wurde es doch noch schön. Yongle ließ die verbotene Stadt bauen, das war machbar. Der schwerste Stein in der Palastanlage wiegt bloß etwa 200 Tonnen. Ein Klacks, ein 30stel des leichtesten Teils für die große Stele von Nanjing. Diesen niedlichen Zweihunderttonnenmarmor zogen ungefähr 20.000 Arbeiter innerhalb eines Monats isipisi die 50 km auf absichtlich vereister Straße zur Baustelle. Richtig repräsentativ war das natürlich trotzdem nicht, schließlich durfte den in der verbotenen Stadt kaum jemand sehen.

Aber zurück zum Dalai Lama, der die eigene Repräsentation mit seinem Tod bis auf Null reduzieren will. Die Gefahr eines mit unklarem Inhalt gefüllten Popanzes wäre damit gebannt. Falls die KP dann doch noch irgendeinen neuen Dalai Lama inthronisiert, in dem vermutlich keiner drin sein wird, haben die Buddhisten in aller Welt eine ganz einmalige Gelegenheit: mit Hilfe der KP China und dem Mantra “nur wo Dalai Lama drauf steht, ist auch Dalai Lama drin” können sie die Scheinhaftigkeit des Seins vollkommen erfassen und dadurch Erleuchtung erlangen.

Die Republik China wiederum, also das China auf Taiwan, hält was ihr Name verspricht. Tatsächlich ist sogar mehr drin, als draufsteht, denn seit rund 20 Jahren handelt es sich sogar um eine echte Demokratie.

Koa gmahde Wiesn

19. September 2011

Ein Oktoberfest ist in der Tat traditionell ein Bierfest, war im Süddeutschen sehr verbreitet und heißt Oktoberfest, weil im Oktober das restliche, das letzte alte Bier vom April ausgetrunken werden sollte. Das war zu der Zeit, als das Bier im Keller mit Gletschereis gekühlt wurde und Kastanienbäume den Keller zusätzlich beschatteten. Erst ab dem 29.September durfte nach langer Sommerpause endlich neues Bier gebraut werden. Das Oktoberfest war also so eine Art Sommerschlussverkauf für Bier. Alles muss raus! Bier zum Schnäppchenpreis! (Dieser Aspekt der Tradition ist allerdings etwas in den Hintergrund gerückt.)

1810 wurde nun vor den Toren Münchens ein ganz spezielles Oktoberfest gefeiert, nämlich in Form eines Pferderennens anlässlich der Hochzeit des Kronprinzen Ludwig mit der Prinzessin Therese. Das hat allen soviel Spaß gemacht, dass die Wiesn auf der Theresienwiese nun jedes Jahr stattfand. Abgesehen von den 24 Mal, die sie kriegs-, wirtschafts- und epidemiebedingt ausfiel.

Das größte Volksfest der Welt  hat natürlich schon einige Nachahmer gefunden, z.B. in Brasilien, Kanada, Australien.  Oder in Hannover. Es war also nur eine Frage der Zeit, dass auch der Chinese eines haben wollte. Oder zumindest ein Chinese namens Fu, der dafür immerhin knapp 100 Mio € berappte.  Das ist Leidenschaft. An vieles hatte er gedacht: an Originaldirndlschnitte, an bairisches Festbier, an Hendlrezepte und an Pipapo.

Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Oder eher: er hatte die Rechnung des Wiesnwirtes ohne den Gast gemacht. Denn im nahezu provinziell kleinen München (1,3 Mio Einwohner) kommen am Tag im Durchschnitt 370.000 Besucher. In Beijing (ca. 20 Mio Einwohner) kamen in vier Wochen insgesamt etwa 100.000 Besucher, also vielleicht 3.500 am Tag. Weniger als ein Hundertstel.

Vielleicht lag es an der Jahreszeit? Mitten im Hochsommer wollte er die Beijinger zu seinem original Münchener Bierfest locken.  Aber was heißt das schon? Würde ein frisch gezapftes Märzen nicht gerade im staubigen Beijinger Sommer besonders gut schmecken? Und schließlich lappt die originale, the one and only Wiesn trotz des Namens Oktoberfest schon seit über 100 Jahren nur noch leicht in den Oktober hinein. Weil Bier halt noch viel besser schmeckt, wenn man sich dabei von warmer Septembersonne bescheinen lassen kann.

Daran kann es also nicht liegen. Auch nicht am Imitat als solchen, denn sonst kommen großräumige Nachahmungen ja auch ganz gut an. In Shanghai gibt es zum Beispiel German Town Anting, eine deutsche Kleinstadt im Bauhaus-Stil (gebaut von Albert Speer und Partner), als Partnerstadt von Weimar, natürlich mit  Statuen von Goethe und Schiller versehen. Solche Imitate sind durchaus beliebt und gelten als individuell. Außerdem ist dort zu wohnen so teuer, dass es sich auch als Statussymbol eignet.

Vielleicht liegt das Scheitern des Beijinger Münchener Bierfestes einfach an der Größe der Bierkrüge? A Mass, oh meiohmei. Das ist schon was. Auch wenn meistens nur 0,8l drin sind. Das ist der Chinese nicht gewohnt. Zwar kann der Chinese durchaus trinken, er verträgt es oft nur nicht so gut, wie beispielsweise der handelsübliche Deutsche, oder gar ein Pole oder Russe. Aber lässt sich der Deutsche vom Russen deshalb den Schneid abkaufen? Natürlich nicht. Und so auch nicht der Chinese vom Bajuwaren. Trotzdem wird halt anders getrunken: Chinesen bestellen sich nicht ein riesiges Getränk für sich allein, sondern im Fall von Bier normalerweise mehrere Flaschen à etwa 0,63l für viele. Warum soll man auch alleine vor einem riesigen Pott sitzen, der zwangsläufig irgendwann schal wird? Eine Qual für frischefixierte Chinesen.

Wenn das langsam zur Suppe verdümpelnde Bier wenigsten günstig wäre. So wie weiland, als es noch hieß: Alles muss raus, etc. Aber heutzutage wird eben nicht mehr verramscht, sondern das Wiesnbier extra produziert. Auf der originalen Wiesn hat sich in den letzten 60 Jahren der Bierpreis um 942 Prozent gesteigert. (Der Benzinpreis stieg übrigens im Vergleichszeitraum um nur 347 Prozent.) Herr Fu versucht es nun gerade andersrum. Er stieg astronomisch ein (die Maß lag bei 70 Yuan, also knapp 8 €, während ein schlichter Bierliter in Beijing sonst schon für etwa 5 Yuan zu haben ist), will aber dafür nächstes Jahr billiger werden. Mal sehen ob das reicht.

Vielleicht sollte er mehr Wert auf Traditionen wie den Fassanstich legen, auf den hiesig immerhin Wetten abgeschlossen werden. Das könnte spielfreudige Chinesen vielleicht ins Zelt locken? Der Münchener Oberbürgermeister Ude hat auch dieses Jahr wieder seinen eigenen Rekord (2 Schläge) gehalten, während sein Parteigenosse Wimmer, der 1950 dieses Ritual begann, noch ganze 19 Schläge brauchte, bis das Bier floss. Da ist also Raum für allerlei Wettsysteme. Aber eine neue Tradition zu beginnen, ist natürlich nicht leicht und als Vorhaben in sich schon leicht sinnwidrig.

Vielleicht sollte Herr Fu sich um Fahrgeschäfte bemühen? Damit es ein bisschen bunt, laut und lustig wird, sprich: renao. Ein bisschen renao rund um das ganze Saufen. Karussell, Flohzirkus, Achterbahn, trinken vorher gegen die Angst, hinterher zur Erleichterung, Kinder mit Köpfen in Zuckerwatte und mit Magenbrot verklebte Vogeljakobplättchen im Mund. Bloß weil das Bier teuer ist und man es in Zelten trinkt, hat man noch keine Wiesn. Oder Oktoberfest. Oder Bierfest. Biertrinken kann man schließlich überall.

Umgekehrt klappt der Kulturtransfer auch nicht unbedingt so gut. Während wir hier noch immer warten, ob sich nicht doch noch so etwas Ähnliches wie ein Sommer ereignet, feierten die Chinesen schon das Mitteherbstfest. Da erfreut man sich am schönsten und rundesten Vollmond des ganzen Jahres. Dazu gehören Mondkuchen und ich dachte darüber nach, selber welche herzustellen. Und zwar Mondkuchen mit salzigem Dotter, der den Mond symbolisiert, inmitten von süßem Rotebohnenmus, umhüllt von laugenbehandeltem Teig, das ganze in ein verzierendes Model gepresst. Dafür hatte ich nun unterschiedliche Rezepte, die schon auf der Zutatenliste bis auf die Eier praktisch keine Übereinstimmung aufwiesen.

Ich entschied mich für ein kurzes, also scheinbar machbares Rezept. Das verlangte von mir als erstes, rohe Eier zu salzen und zu kochen. Bitte wie salzt man ein rohes Ei? Schon im ersten Satz trat der Mangel des kurzen Rezeptes zu Tage.  Ich könnte Salz in die Luftblase des Eis injizieren. Womöglich sogar in das Eiinnere. Wie bei einer Fruchtwasseruntersuchung. Nur würde ich nichts entnehmen, sondern eine Salzlösung injizieren? Aber woher sollte ich jetzt eine so feine Injektionsspritze hernehmen?

Ich suchte also nach einer anderen Lösung und fand sie schließlich in einem der vielen verworfenen Rezepte: man muss die Eier trennen und dann das Eigelb salzen und in kochendes Wasser werfen. Ach so! Ich verstand. Und dachte noch einmal scharf nach. Weiß ich, wo ich rote Bohnen herbekomme? Lotospaste? Lauge? Habe ich einen Mondkuchenmodel? Kann ich überhaupt backen? Nachdem ich all diese Fragen mit nein beantwortet hatte, zog ich die sich aufdrängende Konsequenz und gab dieses Projekt auf. Stattdessen ging ich in einen chinesischen Supermarkt Mondkuchen kaufen. Und essen. Beides war leicht.

Vielleicht sollte Herr Fu also mit seinen 100.000 Gästen einfach zum zweitgrößten Oktoberfest gehen. Das findet mit etwa 3 Mio Besuchern in Qingdao statt, der ehemaligen deutschen Kolonialstadt am Gelben Meer. Da funktioniert es seit 20 Jahren. Trotz August, trotz astronomischer Bierpreise, trotz fehlender Geisterbahn. Man muss ja nicht immer alles selber machen.

Synthese

15. August 2011

Es gibt Themen, die einen verfolgen, auch wenn man selbst gar nicht weiter an ihnen interessiert ist. Was kann man tun? Was soll man mit ihnen machen? Reagieren? Im Falle von Stalking wird dringend davon abgeraten auch nur die geringste Reaktion zu zeigen.  Bloß nicht. Unter keinen Umständen. Aber ich meine jetzt gar nicht so Stalkingthemen wie die Steuererklärung, bei der sich trotz dieser belästigend-beunruhigenden Dauerpräsenz das Nichtstun entgegen diesem gutgemeinten Rat nicht wirklich anbietet.

Ich habe gerade eher ein Thema im Sinn, was zwar anhänglich, aber keinesfalls beunruhigend ist und hinter mir herdackelt. So dass manchmal Leute fragen, “Du, was ist denn das mit dem Thema da hinter dir?” Es lautet: Was ist denn nun der Unterschied zwischen chinesischer und japanischer Tuschmalerei. Immer wieder.

Am liebsten würde ich mich umdrehen und sagen “ach man, das hatten wir doch schon”. Und ich verweise auf meinen Eintrag im April 2008. Aber man kann ja nicht ernsthaft der Meinung sein, dass es bei den vielen Millionen Menschen und Themen und Situationen reicht, wenn man einmal etwas zu etwas gesagt hat. Außer man heißt JFK und steht vorm Brandenburger Tor.

Ich könnte ablehnend sein, mich umdrehen und mit “BUH!”, das Thema verjagen. Ausformuliert würde Buh in etwa lauten: “was möchtest Du denn verglichen haben? Die Palastmalerei der Mingdynastie mit zeitgenössischer japanischer Malerei? Oder den hemmungslosen Bada Shanren aus dem 17. Jahrhundert mit dem kunstfertigen Jakuchu aus dem 18. ? Die Zenmalerei in beiden Ländern? Möchtest Du Äpfel mit Birnen, oder Fische mit Strukturreform vergleichen? Boskop mit Cox Orange? Häh?” Wie ich schon sagte: Buh! und das verschüchterte Thema verdrückte sich kleinlaut.

Aber möchte man so miteinander umgehen? Das ist doch nicht schön. Das muss auch anders gehen. Zum Beispiel mit Synthese. Gelebte Synthese. So nahm ich  an einem Tuschmalereikolloquium auf Schloss Mitsuko teil, das von der japanischen Meisterin Kinsui Katori geleitet wurde. Ihr Meister hatte bei Zhang Daqian, einem der berühmtesten chinesischen Maler des 20. Jahrhunderts gelernt. Bevor dieser später mit Picasso Bilder austauschte, lernte eben dieser Großmeister um 1917 Malerei auch in Japan. Der Lehrer von Frau Katori wiederum wurde in Taiwan Zhangs Schüler, was in den 70ern schon lange nicht mehr japanisch war. Also lernte der Chinese Tuschmalerei unter anderem in Japan und unterrichtete dann einen Japaner in Taiwan, was ehemalige japanische Kolonie, mittlerweile aber chinesisch war. “Entscheide Du?”, sage ich freundlich zum anhänglichen Thema, das ich nun liebevoll in die Arme nehme, “Lerne ich bei Frau Katori japanische oder chinesische Tuschmalerei?” Gewaltfreie Kommunikation kann so schön sein.

Für mich besteht der größte Unterschied darin, dass ich bei einem chinesischen Meister versuche, auch die Worte zu verstehen und bei einem japanischen nicht, weil das gar keinen Sinn machen würde. Letztlich kommt es so oder so mehr auf das Zuschauen an. Manchmal wurde Frau Katori von der  äußerst freundlichen japanischen Dame des Hauses übersetzt und dabei stellte sich heraus, dass Japaner auf jeden Fall ein noch größeres Problem mit der Unterscheidung zwischen L und R haben als Chinesen, was bezüglich der Erörterung von blauer (kiefernrußbasierter) und brauner (rapsölrußbasierter) Tusche offenbar wurde. Es ging eine ganze Weile um dieses Thema, doch ob gerade von Braun oder Blau die Rede war, musste man dem Kontext entnehmen, da auch das N meist weggelassen wurde.

Einer Übersetzerin sind ja immer Grenzen gesetzt und so lernten wir alle ein paar japanische Begriffe. Gradation beispielsweise. Das ist zwar eher Englisch oder fremdwortisch, aber Katori Sensei nutzte den Begriff so selbstverständlich, häufig und bestimmt, dass er eine gewisse japanische Note erhielt. Die Rede war von der Farbabstufung Schwarz zu Grau, die in den Pinsel einmassiert werden musste. Pinsel abstreifen: wan-tu-srie, in die Tusche und dann: Gradation.

Das andere waren die Worte kasure und nijimi. Kasure (oder kasule?) meint den gerissenen Strich, der das Weiß des Papiers wie zufällig durch die schwarze Tusche scheinen lässt. Ich habe das Kernzeichen auf Chinesisch nachgeschlagen, es hat die Bedeutung: gleiten oder rauben. Das ist natürlich ganz wunderbar und ich verstehe, warum sich der Begriff nicht übersetzen ließ. Der Pinsel gleitet zwar über das Papier und doch hat es etwas grobes, raubendes, denn das Schwarz wird beraubt, das Weiß holt sich seinen Teil.

Nijimi ist dagegen das Bluten der Tusche, die Verläufe. Das chinesische Zeichen bedeutet durchsickern oder infiltrieren. Die Tusche blutet in das Papier und durchtränkt es, Tusche und Papier werden eins.

Wenn sich die Meisterin und Frau Mitsuko-san sprachlich ergänzten beim konkreten Demonstrieren von Techniken und es nicht so sehr um die Worte ging, klang es etwa so: wan, tu, srie, dann die tusch, put, put, gradation, dann Pinsel malen, kasure, wieder wan, tu, srie, in tusch, dick tusch, put put gradation…. Auch wenn es nicht so klingt, war es sehr lehrreich.

Auch wurden natürlich gewisse Formen japanischer Höflichkeit gewahrt, doch war es mitnichten so, dass wir alle erst fünf Jahre auf den Knien rutschen mussten, bevor wir nur in die Nähe eines Pinsels durften, während sich die Meisterin in Geheimnis und Meisterschaft hüllte.  Ganz im Gegenteil sparte sie nicht mit der Preisgabe von Tricks und Kniffen, darunter auch eine Technik, die Großmeister Zhang Daqian entwickelt hatte. Ich darf diesen jetzt meinen Großmeister nennen, das hat sie uns allen ausdrücklich erlaubt. Falls ich also mal in die Verlegenheit des Namedroppings komme, kann ich ja darauf zurückgreifen.

Frau Katori hat auch in Afrika, Australien und Amerika Kolloquien abgehalten und so kommen wir auch in den Genuss Fotos von beispielsweise afrikanischer Tuschmalerei zu sehen. Die Menschen, die Tiere, die Landschaft. Eindeutig afrikanisch. Ich könnte jetzt wirklich nicht sagen, ob es eher chinesischafrikanisch oder japanischafrikanisch gemalt war. Oder die Känguruhs aus Australien. Auch wir sollen am letzten Tag europäisch frei interpretieren. Ich ließ mich davon inspirieren, dass es das ganze Wochenende wie aus Eimern geschüttet hatte und malte Nacktschnecken und Regenlandschaften.

 

Glückwunschdenken

30. Juni 2011

Glück ist keine einfache Sache. Es ist flüchtig und vielseitig, um nur die allgemeinsten Problematiken zu nennen. Beim Wünschen weiß man auch nie, ob einen letztlich die Erfüllung oder doch besser die Nichterfüllung günstiger kommt. Und Denken, ach herrjeh, wie schnell hat man sich mal verdacht. Oder verdächtigt.

Einer der berühmtesten Dichter Chinas, Su Dongpo (11. Jhdt), beschäftigte sich eingehend mit diesen und ähnlichen Fragen, während er beim Meister Foyin Zen studierte. Als sie einmal gemeinsam meditierten, und Su sich unheimlich gut fühlte, fragte er Foyin: “Was hältst Du von meiner Meditationshaltung?” “Wie Buddha”, sagte dieser. Su beglückwünschte sich zu seiner Haltung. Als Foyin dann seinen Schüler fragte, wie er die Haltung seines Lehrers beurteile, wollte er einen Witz machen und sagte: “wie Kuhdung”. Und Su beglückwünschte sich zu seinem Humor.

Er ging nach Hause und erzählte seiner kleinen Schwester davon. Diese rollte mit den Augen, raufte die Haare und rang die Hände. “Du trotteliger Bruder”, sagte sie sinngemäß, “Foyin hat ein Herz wie Buddha und sieht Buddha. Was hast also du für ein Herz?”

Ein rapider Stimmungsabfall dürfte die Folge gewesen sein. Ähnlich wenn auch existenzieller mag es einer Frau Wang aus dem 17. Jhdt in Shandong gegangen sein. Im Jahr ihrer Eheschließung mit dem Landarbeiter Ren lief sie mit ihrem Haberer davon. Sie wird ihre Gründe gehabt haben und man kann vermuten, dass sie nach dem Aufbruch zunächst auch ein gutes Gefühl hatte. Aber dann standen sie da in einem Land, in dem nicht Mobilität und Freizügigkeit angesagt waren, sondern Beziehungsgeflechte und hermetisches Standesdenken, in dem die Städte nachts abgesperrt wurden und Ausgangssperre herrschte. Auf der Flucht sein, bedeutete zumindest für Frau Wang ohnehin schon illegal zu sein, denn dem Gatten davonzulaufen war wegen Ungehorsams an sich schon strafbar. Ganz abgesehen vom Ehebruch, der beide zu Kriminellen machte. Wie auch heute noch, wird -den trotz allem auch damals zahlreichen- Illegalen außerdem überall zu Wucherpreisen Geld abgenommen. Trotzdem folgte sie der Sehnsucht nach Glück, dem Wunsch nach einem besseren Leben? Vergebens allerdings, wie sich gleich herausstellen wird.

Doch kehren wir zunächst zum kuhfladenherzigen Su Dongpo zurück, der seinen Meister Foyin eines Tages fragte, ob Denken so schlimm sei wie Wünschen. Foyin antwortete, dass Denken sogar noch viel schlimmer sei, als Wünschen. Wünschen sei wie das tägliche Ausschöpfen eines Liters aus einem Fass. Denken aber sei wie das Aussickern aus einem kleinen  Loch im Boden des Fasses. “Was meinst du geht schneller?”, fragte er.  Su verstand und wurde erleuchtet. Das ist nicht jedem gegeben. Ich verstehe zwar auch, aber die Erleuchtung bleibt aus. Das mag daran liegen, dass ich gleich anfange darüber nachzudenken, ob man das Fass lieber voll oder lieber leer haben möchte und dass es immerhin auch auf die Größe des Loches ankommt.

Der Gspusi von Frau Wang fing jedenfalls an nachzudenken. Mut und Verlockung sickerten rasant durch dieses Loch, bis nichts mehr davon übrig blieb. Das Ergebnis war, dass er Frau Wang einfach stehen ließ. Das hatte sie sich sicher anders vorgestellt. Was sollte sie jetzt machen? Große Ernüchterung dürfte sich breit gemacht haben. Sie konnte ja nicht einfach einen Job im nächstbesten Copyshop annehmen und dann mal weitersehen. Auf ihren eingebundenen Füßen kehrte sie um, trippelte mühsam zurück und suchte im daoistischen Kloster ihres Heimatortes Zuflucht. Ein bisschen daheim sein, wenigstens. Dort erhaschte ihr früherer Nachbar eines Tages einen Blick auf sie und erzählte ihrem Ehemann davon.  Ob dieser darüber so wahnsinnig glücklich war, weiß man nicht, aber er holte sie zurück nach Hause. “Na toll”, könnte Frau Wang an dieser Stelle gedacht haben. Und damit sollte sie Recht behalten.

Denn ein bisschen mehr Ratio hätte nun wiederum Herrn Ren ganz gut zu Gesicht gestanden. Doch dessen Fass war offenbar übervoll und konnte nirgends abfließen, so dass der berühmte Tropfen in Form eines Streites es überlaufen ließ. Und er erwürgte seine Frau. Als er sie dann so liegen sah, ging es plötzlich wieder mit dem Denken. Das ist hinterher ja oft so. Wenn man vorher länger nicht gedacht hat, kann es aber passieren, dass die Gedanken plötzlich ins Kraut schießen. Und so ging es auch Herrn Ren. Er schulterte die Leiche von der nunmehr wunschlosen, aber insgesamt doch eher glücklosen Frau Wang und wollte sie dem Nachbarn vor die Tür legen. Sie habe ein Verhältnis mit dem Nachbarn, wollte er aussagen und offenbar habe dann der Nachbar sie im Streit getötet. Wer würde ihm nicht glauben? Schließlich war sie schon mal abgehauen. Und der Nachbar, naja, was sollte der schon sagen, mit der Leiche vor seiner Tür?

Jetzt ist es mit dem Wünschen ähnlich wie mit dem Denken, beides reibt sich häufig heftig und chancenlos an der Realität. Vielleicht hätte Herr Wang, oder noch besser zu Lebzeiten Frau Wang so ein modernes Managertraining auf NLP-Basis machen sollen. Denn Du kannst alles erreichen, wenn Du nur wirklich willst. Jedoch waren beide nicht in der Technik die Realität den Wünschen Untertan zu machen geschult. Das Elend der frühen Geburt. Da geht es uns heute ja ganz anders. Nur einmal richtig gewollt und schon hat man es, ist man es, kann man es. Nur Sagen oder Benennen, das genügt heute natürlich genausowenig wie damals. Darüber können die ehemaligen Bewohner von Glücksinsel derzeit ein sehr langes und sehr bitteres Lied singen. Fukushima, wäre der zynisch klingende Titel.

Lange nicht so schlimm, aber auch nicht optimal verlief es eben bei unserem ebenfalls in Allesistmöglichtechniken ungeschulten Herrn Ren, der unter der Last seiner toten Frau ächzend, genau zwischen seinem Haus und dem des Nachbarn hörte, wie eine Art Nachtwächterpatrouille ihr Lager aufschlug. Also warf er seine Frau in den Schnee und ging schlafen. Dann soll der Nachbar sie eben unterwegs getötet haben, sei´s drum, dachte er. Aber wie es bei Brecht schon heißt: dann mach halt noch einen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht.

Der neue Witwer ging also zum Gericht und erzählte seine Geschichte, nur deshalb weiß man überhaupt von dem ganzen Vorfall. Der schlaue Richter bediente sich nur zurückhaltend der bei uns verbotenen Vernehmungsmethoden, sondern erforschte die Umstände auch nach heutigen Maßstäben sorgfältig. Auch die immer noch im Schnee liegende Frau Wang wird nach einigen Tagen nochmal gründlich untersucht. Die Widersprüche zwischen Rens Geschichte und den harten Fakten werden immer zahlreicher und schließlich gesteht Ren.  Frau Wang bekam ein nobles Begräbnis, damit sie nicht als hungriger Geist das Dorf heimsuchen würde und ihr Mann wurde zu -potenziell tödlichen- schweren Stockschlägen und Schandkragen verurteilt. Schämen sollte er sich und zwar öffentlich.

Dieses öffentliche Schämen blieb unserem Dichter Su erspart, aber seine Verfehlung war allerdings auch weniger einschneidend. So durfte er das Schämen ganz privat und für sich allein erledigen. Doch wie es bei Celebrities nunmal so ist, weiß heute trotzdem jeder davon. Als sich Su nämlich wieder einmal besonders hellsichtig und inspiriert fühlte, dichtete er die Zeilen: die acht Winde können mich nicht bewegen, wenn ich unbeweglich auf dem purpurgoldenen Lotos sitze. Soll heißen: ich bin so wahnsinnig abgehoben, dass mich nichts mehr aus der Ruhe bringen kann. Er schickte das Gedicht an seinen Meister Foyin, der in einem Tempel auf der gegenüberliegenden Flussseite wohnte. Der Gerechtigtkeit halber muss man schon sagen, dass Su Dongpo wirklich ein außergewöhnlicher Dichter war und auch diese Verse formvollendet schmiedete. Doch was macht Foyin? Auch er scheint dem Fäkalhumor nicht abgeneigt,  schreibt “Furz” auf die Rückseite und schickt den Zettel retour.

In seinen Erwartungen krass getäuscht und außerdem empört, beginnt Su einen wütenden inneren Monolog, was eigentlich immer die Garantie für Unglücksgefühle darstellt. Was bildet sich dieser unbegabte Mönch eigentlich ein? Dieser Kretin? Diese dichterische Nullnummer? Schließlich setzt er über den Fluss und möchte Foyin mal ordentlich die Meinung geigen. Doch die Tür ist zu und Foyin nicht da. Stattdessen hängt ein Zweizeiler an der Tür: “Acht Winde können mich nicht bewegen, doch ein Furz bläst mich quer über den Fluss. “

Gipfeliges

31. Mai 2011

 

Letztens war ich zu einem Alumnitreffen eingeladen. Alumni klingt ja so ein wenig nach Illuminati, heißt aber tatsächlich nur Zögling. Und so lud die Taipeh-Vertretung ihre Zöglinge, die bisher etwa 120 ehemaligen Stipendiaten und Stipendiatinnen ein und immerhin gut die Hälfte davon kam aus der ganzen Republik angereist. Auch ich machte mich auf den Weg. Allerdings hatte ich es nicht weit, musste ich doch nur von Prenzlauer Berg in den angrenzenden Bezirk Mitte.

Wie immer auf solchen Treffen wusste ich nicht so recht, was ich da machen soll. Ich bin ausgesprochen schlecht im Smalltalk und daraus resultierend eine schlechte Netzwerkerin und Selbstvermarkterin. Was hätte ich nicht alles daraus machen können? Ich hätte meine laufende Ausstellung anpreisen können, meinen Tuschmalereiunterrichtsflyer in die Menge werfen können und allen mein Taiwanbuch unter die Nase halten können. Ich hätte damit unheimlich auf die Nerven gehen und mich damit bekannter machen können. Hätte ich alles können, hab ich aber nur äußerst zurückhaltend getan.

Tatsächlich ist für mich ja auch viel interessanter, was andere zu erzählen haben. Mich kenne ich ja schon. Also habe ich von einer Studie über eine nach Taiwan eingeschleppte Kletterpflanze gehört. Das Stipendium wurde für die Erforschung der Auswirkung der Einschleppung der Kletterpflanze vergeben. Das ist doch mal interessant. Nicht immer nur diese Sprachnerds. Erfreulicherweise hat sich herausgestellt, dass sich die Kletterpflanze entgegen den ursprünglichen Befürchtungen nicht schädlich auf das bestehende Ökosystem auswirkt.

Schließlich gab es Vorträge. Die Begrüßung durch Botschafter Wei war wie gewohnt geeignet, eigenen Gedanken nachzuhängen. Weil ich in dem Moment nicht so viele davon hatte, war ich froh, dass er sich kurz hielt. Dann kam der Hauptredner Dr. Croissant, der uns wesentlich länger, aber gleichzeitig wesentlich kurzweiliger über den Demokratisierungsprozess in Taiwan unterrichtete. Wir waren nicht überrascht, dass es Taiwan auf dem Bertelsmann Transformationsindex ganz nach oben geschafft hat, den Gipfel, ja den Olymp der transformierenden Staaten erklommen hat, gefolgt von Südkorea und Indien. Demokratien, die als gefestigt gelten, werden von dem Index (deshalb Transformationsindex) nicht mehr erfasst. Es kann also sein, dass Taiwan bald gar nicht mehr auf dem Index erscheint. Aufstieg in die Bundesliga sozusagen. Ach was sage ich: Champions League oder gar Weltmeisterschaft! Dort befinden sich die arrivierten, die erfolgreichen Demokratien, wie Dänemark, wir oder Italien. Und da sieht man gleich, was hier fehlt: ein Transformationsindex für den Abbau oder dem Verspielen von Demokratie. Schließlich ist ja nicht gesagt, dass eine arrivierte Demokratie immer eine solche bleibt. Italien könnte doch zum Beispiel wegen der Medienkonzentration und den sonderbaren Berlusconigesetzen auf einem Abstiegsplatz landen? Auch die EU insgesamt bekleckert sich in dieser Hinsicht nicht gerade mit Ruhm und erhält dafür schon gar keine olympischen Weihen. Vielleicht würde ein wenig Sportsgeist dem politischen Klima ganz gut tun? Spannende Relegationsspiele um Menschen- und Teilhaberechte? Wer möchte schon gerne absteigen? Das könnte der Demokratie ganz neue Attraktivität verleihen.

Ganz unten auf dem Index dümpelt wenig überraschend Myanmar/Birma, nur geringfügig hinter Nordkorea. China hat immerhin den viertletzten Platz ergattert: Glückwunsch! Das garantiert den Klassenerhalt!

Ansonsten ist es in Taiwan wie bei uns: die Mehrheit findet die Demokratie grundsätzlich gut (erstaunliche 92%), aber zufrieden sind mit ihr nur 53%. So schlecht ist das auch nicht, in Osteuropa finden beispielsweise nur 53% dass Demokratie überhaupt eine gute Idee ist. Lustigerweise genießt in Taiwan ausgerechnet das Militär das höchste Vertrauen, ganz im Gegensatz von Parteien oder gar dem Parlament. Aber wenn ich mich recht erinnere, ist das bei uns auch so, obwohl oder gerade weil das Militär nicht für seine demokratische Entscheidungsfindung bekannt ist.

In der anschließenden Diskussion wollte ein Alumnus unbedingt darauf hinaus, dass der ganze Demokratiebegriff  im Westen entstanden und entwickelt und damit eurozentristisch sei. Ja genau, der Asiate kann nämlich gar keine Demokratie. Wahrscheinlich verstehen die 92% Taiwaner gar nicht, wem oder was sie da zustimmen. Sie empfinden wahrscheinlich auch Schmerzen ganz anders und haben gar keine individuellen Wünsche. Mehr so eine Art Ameisenmensch oder so. Doch ist zu bedenken, dass auch das Automobil im Westen erfunden und entwickelt wurde. Und trauschauwem: auch der Asiate kann damit fahren. Unter Zurückdrängung all seiner eigentlichen Eigenheiten kann er vielleicht sogar wählen gehen, hört hört!

Interessanter war da schon der Beitrag, dass das taiwanische Nationalgefühl dem der Österreicher nach dem zweiten Weltkrieg vergleichbar sei. Der Taiwaner als chinesischer Schluchtenscheißer? China als die Trägerin der problematischen Mutterkultur mit all den üblichen Abgrenzungs- Ablöseproblemen für die Filia, die nicht nur Filiale sein will? Könnte schon sein. Leider war kein Österreicher da, den man zu seinem ganz speziellen Nationalgefühl, zur eigenen Verortung in der Welt hätte befragen können.

Was die Gipfel anbelangt gibt es schon gewisse Ähnlichkeiten: der Großglockner ist mit fast 3.800 m ähnlich hoch wie der taiwanische Yushan (ca. 3.900m). Dafür ist Chinas höchster Berg fast dreimal so hoch wie der unsrige. Aber wir spielen (wie natürlich auch Österreich) Demokratie in der Champions League.

Schwarzsehen

30. April 2011

Meine zeitlichen Rahmenbedingungen haben sich seit dem letzten Stummeleintrag nur geringfügig gebessert, dem muss ich wohl ins Auge sehen. Trotzdem möchte ich wenigstens einen kleinen Beitrag zustande bringen.

Und wer könnte mir in dieser Not besser aushelfen, als der Brüder Grimm Chinas, der stilgewandte Märchenonkel, der Novellist des ausgehenden 17. Jahrhunderts in China: Pu Songling. Er hinterließ eine Novellensammlung mit 431 Geschichten, die Volksglauben mit literarischer Finesse verbanden. Klassiker also.

Pu Songling war aber nicht mit Hellsicht begabt und hatte keine Ahnung davon, wie bekannt und beliebt er dereinst werden würde. Völlig frustriert schrieb er also am Ende seines ihm sinn- und erfolglos erscheinenden Lebens: “Ich bin nur ein Vogel, dem es vor dem Winterfrost graut und der in den Zweigen keine Zuflucht findet; die Herbstgrille, die den Mond anzirpt und sich an die Tür schmiegt, um ein wenig Wärme zu erhaschen. Wo sind die, die mich kennen?” Eine an der Türschwelle erfrierende Grille, das bricht einem wirklich das Herz. Kennen tun diese schon lange tote Grille und ihre Geschichten nun etwa eine gute Milliarde Menschen, aber das nützt ihr jetzt natürlich auch nichts mehr.

Also eine Geschichte: Es war einmal ein Jüngling. Und natürlich war er nicht weise, gelassen und abgeklärt, sondern eben ein Jüngling, also leichtfertig und unbotmäßig. Man muss ihm aber zugute halten, dass er immerhin nicht in der U-Bahn Leute halb oder ganz tot schlug. Eigentlich war er nur lästig, ein Frauennachpfeifer. Kurz vor dem Frühlingsfest hatte es ihm eine Frau in einer Sänfte besonders angetan. Er folgte der Sänfte, um möglichst viele Blicke auf sie zu erhaschen. Zu seinem Pech handelte es sich nicht um eine schlicht reiche und schöne junge Frau, sondern eine, die außerdem Verbindungen in die Unterwelt hatte. Um den lästigen Verfolger loszuwerden, warf ihre Zofe ihm Sand in die Augen. Er rieb und rieb, um den Sand aus den Augen zu bekommen, doch es gelang ihm nicht. Stattdessen wuchs ihm auf den Augäpfeln eine Hornhaut, rechts gar fest und dick wie ein Schneckenhaus. Auch er konnte die Augen jetzt nicht mehr vor den Tatsachen verschließen: Er war blind.

Das war ein wirklich harter Schlag und genaugenommen auch etwas übertrieben. Aber so war es nun mal. Jetzt musste er blind zurecht kommen. Das ist alles andere als leicht, wie ich letztens für wenige Stunden in einem Dunkelrestaurant feststellen durfte.  Der Gedanke, wie es wäre, danach nicht einfach wieder ins Licht gehen zu können, war außerordentlich beunruhigend. Trotz oder wegen aller Betreuung. Die ohnehin blinden Kellner pflanzten uns also auf unsere Plätze und erklärten den Tischaufbau mit der Uhr. Man hörte das Murmeln der vielen anderen Gäste, aber außer im Auge selbstproduzierter Lichtflecken war nichts, aber auch gar nichts zu sehen. Ich schaute und schaute, aber ganz offenbar gab es wirklich gar kein Licht. Der Tisch war klein und damit überfühlbar, trotzdem zerbrach im Raum hin und wieder irgendwo ein Glas. Wir schafften es allerdings ohne Scherben und ohne Flecken, obwohl wir sogar die Teller tauschten. Das Essen mit Besteck auf dem Teller zu finden war eine ziemliche Herausforderung und nach der Vorspeise nahm ich dann doch die Hände stattdessen. Meine Freundin erzählte, dass sie die Augen geschlossenen und den Kopf gesenkt hätte, um sozusagen die Antennen auf dem Oberkopf zu nutzen. Ich saß dagegen mit offenen Augen rum und sah sie offenen Auges wenn auch ohne jeden Effekt an. Ich tat einfach so als ob. Als ob nichts wäre. Für ein Essen geht das schon mal.

Aber was sollte unser Jüngling nun tun? Mit dem Nachschönenfrauenluren war es vorbei. So zu tun als ob, macht an der Stelle wirklich gar keinen Sinn. Wenn das bisher der Lebensinhalt war, wird es natürlich kritisch. Was nun? Erst dachte er an Selbstmord, wandte sich dann aber doch lieber dem Buddhismus zu.  Das zügelte Testosteron und Verzweiflung gleichermaßen, er wurde klar und ruhig. Sehr ruhig. Bis er eines Tages Stimmen in seinem Auge hörte. Man fragt sich natürlich gleich, ob die Stimmen im Auge nicht vielleicht eine verschärfte Form der selbsgenerierten Lichtflecken darstellen. Oder ob er jetzt auch noch psychotisch geworden war.

Die Stimmen sprechen davon, dass sie diese Schwärze nicht mehr ertragen könnten. Dem kann der Jüngling nur beipflichten. Doch die Stimmen belassen es nicht beim Jammern, sondern beschließen, die Schwärze zu verlassen und besser mal spazieren zu gehen. Es kribbelt den Jüngling in den Nasenlöchern und nach einer Weile kribbelt es wieder und kurz darauf hört er wieder die Stimmen. Sie sprechen über die verdorrten Orchideen im Garten.

Die Orchideen waren allerdings die andere Leidenschaft des ehemaligen Schönschauers gewesen, um die er sich nach seiner Erblindung aus gegegebenem Anlass nicht mehr gekümmert hatte. Jetzt kommt in der Geschichte ganz nebenbei ein interessantes Detail: Er beschwert sich über den Zustand der Orchideen -bei seiner Frau. Ach so! Der ist verheiratet! Er ist nicht mutterseelenallein und adoleszent, keine vergessene Grille auf der Türschwelle, sondern hat jemanden, der für ihn zuständig ist. Das ändert zwar nichts an der Blindheit, aber doch an den Begleitumständen.

Er fragt also diese seine Frau, warum sie die Orchideen so vor die Hunde hat gehen lassen. Die Frau, die mit ihrem blinden Gatten vermutlich anderes zu tun hatte, geht darauf gar nicht ein, sondern fragt ihn bloß, woher er das eigentlich wisse. Er erzählt ihr von den Stimmen und dem Kribbeln. Nach unauffälliger aber genauer Beobachtung sieht sie tatsächlich nach einer Weile zwei Homunculi aus seiner Nase klettern und in den Garten schlüpfen. Nach einer Weile kommen sie zurück und verschwinden wieder in den Nasenlöchern. Es sind die zwei Pupillenmännchen, die Pupillas, oder Püppchen auf Deutsch. Die man auf dem Kopf stehend sehen kann, wenn man jemandem scharf in die Augen schaut und die einem selbst immer so verdammt ähnlich sehen.

So ging es eine Weile, doch dann hörte der Jüngling, wie sich die Pupillas über den Umweg über die Nase und den beschwerlich langen Weg in den Garten beklagten und deshalb anfingen die Augen aufzukratzen, wie Frost von der Windschutzscheibe. Rechts war wohl nichts zu machen, aber links kratzte und schabte es ohne Rücksicht auf die Schmerzen des mittlerweile gar nicht mehr so wahnsinnig jungen Jünglings. Doch dann war es geschafft: Licht fiel wieder durch das linke Auge und das linke Pupillenmännchen lud das rechte quasi auf seinen Balkon ein.

Der Jüngling hob das Lid und Tatsache, er konnte wieder sehen. Überglücklich schaute er in der Gegend herum. Und seine Frau entdeckte beim genauen Hinsehen nun zwei Pupillen im linken Auge. Durch den schmerzlichen Reifeprozess und die buddhistischen Studien gereift, erleuchtet, oder was weiß ich, sah er nun mit einem Auge besser als vorher mit beiden. Den Frauen sah er nun aber nicht mehr hinterher. Man hofft ein bisschen, dass er zumindest seine Frau ab und zu ansah.

 

 

Placebo

30. März 2011

Im Moment habe ich überhaupt keine Zeit. Stattdessen habe ich einen Buchabgabetermin.  Nach Adam Riese bin ich in Schwierigkeiten. Ich habe es ausgerechnet und festgestellt, dass ich 70 Tage Arbeit in weniger als 60 unterbringen muss. Es ist ein Buch mit einer sehr klaren Anzahl von Kapiteln und Seiten und Inhalt, andernfalls ließe sich das ja schlecht ausrechnen. Blöderweise muss ich nebenbei außerdem Geld verdienen, was unverschämterweise auch Zeit erfordert. Und im Übrigen habe ich noch anderes zu tun.

Aber anstatt dass ich jetzt finanziell zumindest am Rande sinnvoller Arbeit nachgehe oder versuche meine Verpflichtungen zu erfüllen, schreibe ich einen Blogeintrag. Naja, nicht wirklich. Es ist nur ein Placebo. Das ist Latein und heißt “ich werde gefallen”. Gefallen wird dieser Blogeintrag vor allem denen, denen ich immer viel zu lange Texte verfasse.

Aber so kurz, das ist ja wie fast gar nichts. Stimmt. Doch die Muse küsst nur bei Muße, würde der Lateiner gerne sagen. Wenn Muße auf Latein nicht otium hieße und damit so gar keinen Bezug zur musa hätte.

Auf Chinesisch heißt Placebo anweiji, was soviel bedeutet wie Trostpräparat. Und mehr als diesen kleinen Trost habe ich leider nun wirklich nicht zu bieten.