Heroes

27. Januar 2010

Kungfufilme sind eigentlich eine logische Fortsetzung chinesischer Rittergeschichten. Wobei Ritter natürlich ein etwas irreführender Begriff ist. Weder trugen chinesische Ritter Rüstungen, noch waren sie notwendigerweise adliger Abstammung. Auch Reiten gehörte nicht unbedingt zu ihren hervorstechenden Fähigkeiten. Warum also Ritter? Vielleicht wegen einer Kombination von Kampf und Moral? Wegen hehrer Ziele? Kämpfen außerhalb von Truppenverbänden? Wuxia heißen sie auf chinesisch. Meine Wörterbücher halten sich da fein raus. Sie bieten mir das Wort einfach nicht an. Die werden schon wissen warum. Also bleibe ich einfach bei Ritter.

Häufig sind chinesische Ritter von Räubern nicht wirklich zu unterscheiden. Außer an der Haltung natürlich. Insbesondere der inneren. Raubritter sind hierzulande auch nicht unbekannt, aber die haben doch einen etwas negativen Beigeschmack.  Die Ritter der Arthussage dürften für chinesische Ritter zu esoterisch sein. Dafür würde man Robin Hood vielleicht als Wuxia bezeichnen, wenn er nur gerade Chinese gewesen wäre. Störtebecker eher weniger, denn chinesische Ritter fahren nicht zur See.  Genausowenig wie hiesige. Die See passt nun mal nicht zum Ritterdasein. Jennerweins Missachtung ungerechter Gesetze dürfte wiederum zu klein, zu lokal gewesen sein. Auch zu marginal von der Stellung her. Ein Ritter muss schon eine gewisse Grandezza und Extravaganz haben. Jennerwein hätte eher Führer eines Bauernaufstandes werden können, wenn man ihn nicht in den Rücken geschossen hätte.

Ein großer Wurf muss es also sein. Gerechtigkeit. Moralische Größe, die nicht unbedingt für andere nachvollziehbar sein muss. Der chinesische Ritter, sei er nun fahrend oder sitzend, ist die Personifizierung der Selbstjustiz. Da bin ich natürlich dagegen. Weil ich in einem demokratischen Rechtsstaat lebe. Wenn das nicht der Fall wäre, wäre ich vielleicht weniger dagegen. Und wenn damals ein chinesischer Ritter dahergekommen wäre, um irgendeine Nazigröße zu erdolchen, würde es mir nur mehr als recht gewesen sein. (Ist das die richtige Zeitform, um auszudrücken, was nicht stattgefunden hat und ich es andernfalls auch nicht erlebt hätte?)

Die chinesischen Ritter in den alten Geschichten kümmern sich nicht um Politik in dem Sinne. Sie sind zwar durchaus bereit, auch Herrscher zu erledigen, aber nicht aus abstrakten, politischen Beweggründen heraus. Sondern weil sie beispielsweise einen kennenlernen, der Schmach, Schande und Verwandtentod durch so einen Herrscher erlitten hat. Dadurch kann sich so ein Ritter dann schon angesprochen fühlen. Das Unrechtssystem für und gegen alle, geht vielleicht nicht genug ans Herz oder die Leber, um wirklich ritterliche Gefühle in Wallung zu bringen. Da muss man dann diskutieren, all diese politischen Wenns und Abers bedenken und Fallstricke umgehen. Das ist nichts für einen Ritter. Ist die Moralmaschinerie erstmal in Bewegung geraten, wird in Schwarz und Weiß geteilt, draufgehaun und Schluss. Na ok, ein Plan wird vorher schon gemacht, es sind ja keine bloßen Schlägertypen und schon gar keine Choleriker.  Sie sind auch flexibel genug, Irrtümer über die Farbverteilung von Schwarz und Weiß zu bemerken und sich dann umzupolen. Aber Politik? No thanks. Obwohl sich das irgendwann geändert haben muss, da es zahllose Kungfufilme zum Thema des Widerstandes gegen die Qingherrschaft gibt. Doch auch hier liegt meist irgendwo ein Vater oder eine Mutter begraben.

Interessanterweise kommen die frühen Rittergeschichten ganz ohne besondere Kampftechniken, bzw herausragende Fähigkeiten auf dem Gebiet der Kampfkünste aus. Ritter zu sein war mehr ein innerer Zustand, ein Mut, eine Bereitschaft, ein Empfinden. Nicht so sehr eine Fähigkeit. Obwohl eine besonders schwierig zu übende und vermutlich auch extrem schwer zu erlernende Technik öfter vorkam: das Sichselbstdenkopfabschlagen. Hut ab, bin ich versucht zu sagen, wenn es in diesem Zusammenhang nicht so unpassend wäre.

Ich schätze, man kann das Kopfabschlagen grundsätzlich ganz gut an anderen trainieren. Erst am Schlachtvieh, dann am lieben Nachbarn, der wieder meckert, dass der Rasen nicht gemäht ist. Aber an sich selbst? Da kann man ja noch nicht einmal den Winkel richtig üben. Störtebecker hatte es da einfacher, der musste das nicht selber machen. Aber er soll einen Teil seiner Mannschaft gerettet haben, als er kopflos an ihnen vorbeischritt. Neurologen halten das für ausgeschlossen. Störtebecker wusste das natürlich nicht, weil es damals noch keine Neurologen gab. So ein sich selbst köpfender Ritter in vorneurologischer Zeit muss also nur seine Handlung antizipieren und kann dann einfach weitermachen, auch wenn schon alle Nervenstränge durchtrennt sind. Der Befehl muss halt vorher schon durchgelaufen sein. Die Brücke wird erst gesprengt, wenn der schon drüben ist. Nur Nachschub gibt es dann halt nicht mehr. Eine ritterliche Planänderung ist ab dann auch ohne Neurologen ausgeschlossen.

Ich muss sagen, verglichen damit ist das Seppuku japanischer Samurai nahezu einfach, wenn auch sicher schmerzhafter. Denn ein Samurai schnitzt schließlich bei vollem Bewusstsein an sich herum. Kann ja jeder, will ich nun nicht sagen. Ist ja schließlich ohne Narkose. Und selbst mit, naja. Aber das befehlhabende Gehirn ist noch am Start. Das macht schon einen Unterschied. Da braucht man sich nur so einen indischen Saddhu anschauen, dessen Arm vor lauter Hochhalten abfault, nur um die Überlegenheit des Geistes über die Materie zu demonstrieren. Was könnte man mit dieser Fähigkeit nicht alles machen! Aber ich schweife ab.

Zurück zum Kopf. Beispielsweise die tangzeitliche Geschichte “Das Grab der drei Könige”: Ein schwertschmiedender werdender Vater stirbt auf Geheiß des Königs von Chu wegen vertraglicher Nichterfüllung oder Verzugs. (Ganz klar ist das nicht. Es spielen wohl beide Gründe ein Rolle. Scheint aber nicht so wichtig zu sein. Heutzutage und hierzulande würde das einen nicht unerheblichen Unterschied bei der Berechnung des Schadenersatzes machen.) Der erst embryonal existierende Sohn des Schmiedes ist für die Rache ausersehen. Als der ins racheausübungsfähige Alter kommt, weiß er aber nicht wie er es anstellen soll. Und trifft im Wald herumlaufend und jammernd auf einen deus ex machina in Gestalt eines Ritters. Der sagt: easy man, ich brauche nur deinen Kopf, dann erledige ich das für dich. Also schlägt sich der Jüngling den Kopf ab (er hätte damit durchaus selber Chancen im Ritterberuf gehabt) und übergibt ihn dem Ritter mit beiden Händen. Erst als dieser nochmal versichert, das er ihn nicht enttäuschen würde, fällt der Körper zu Boden. Dazu möchte ich jetzt erstmal die Neurologen hören!

Mit dem Kopf läuft der Ritter also zum König von Chu, der diesen potenziellen Rächer schon händeringend suchte, um ihm zuvor zu kommen. Der Ritter empfiehlt dem König, den Kopf zu kochen. Wozu auch immer das gut sein soll, so wird es gemacht. Anstatt dass der Kopf nun gar wird, hüpft er drei Tage lang im kochenden Wasser herum und sieht wütend umher.  Da vermutet der Ritter, dass der Kopf den König wohl höchstpersönlich sehen wolle. Dem König leuchtet das in seiner Selbstverliebtheit ein und er geht zum Topf und schaut hinein. In diesem Moment  schlägt der Ritter erst dem König und dann noch sich selbst den Kopf ab, so dass nun drei Köpfe im kochenden Wasser des Suppentopfes auf und ab hüpfen. Ringelpietz ohne Anfassen. Auch beim Jüngling kocht nun endlich das Fleisch von den Knochen. Und so kann sehr schnell niemand mehr sagen, wer davon der König, wer der attentatende Ritter, wer der um den Vater betrogene Sohn ist. So dass alle in einem königlichen Grab bestattet werden mussten.

Doch eigentlich wollte ich auf eine noch ältere Aufzeichnung eines Attentäters hinaus, nämlich die Geschichte des Jing Ke. Gewissermaßen ein Prototyp. Einer der ganz großen, tragisch gescheiterten Attentäter. In Hero, dem prächtigen Film von Zhang Yimou ist der Attentäter des künftigen ersten Kaisers außerordentlich kampfgedrillt. Nahezu unbesiegbar. Innere und äußere Systeme beherrscht er aus dem Effeff. Er verschafft sich Einlass durch die Vorlage dreier Waffen, die drei Feinden des Qin-Königs gehörten und deren Tod er behauptet. Er kommt dem König von Qin sehr nahe.  Das Attentat misslingt trotzdem. Jedoch nur deshalb, weil es sich der Attentäter anders überlegt. Er verspricht sich mehr Frieden und damit Glück für alle, wenn das Reich geeint sein wird. Und endlich alle Wagenspuren den gleichen Achsabstand haben. Denn was dem Schicklgruber seine Autobahnen, sind dem ersten Kaiser von China seine Wagenspuren. Auch Bücherverbrennungen hielten beide für ein probates Mittel, aber ich möchte diesen Vergleich auch nicht zu weit treiben.

Sima Qian (so um Null rum) stellt das gescheiterte Attentat etwas anders dar. Auch hier verschafft sich der Attentäter (den Herr Sima übrigens nicht unter Ritterbiografien, sondern unter Attentäterbiografien eingeordnet hat) dadurch Zugang zum Tyrannen, dass er ihm etwas von seinem Feind mitbringt, um sich das Vertrauen zu erschleichen. Allerdings nicht die Waffe, sondern natürlich den Kopf. Das Kopfabschlagen gehörte damals einfach zur Kernkompetenz. Natürlich war auch dieser Kopf freiwillig hergegeben worden, um den Racheplan umsetzen zu können. Und der sah folgendermaßen aus: Jing Ke würde den Kopf übergeben und dann die Landkarte mit einer fruchtbaren, hiermit übergebenen Region entrollen. Ganz am Ende taucht ein Dolch in der Rolle auf. Ein Bild, das zum Sprichwort wurde. Jing Ke wollte nun mit links den König fassen und rechts mit dem vergifteten Dolch zustechen. Simpel und geradeheraus, der Plan. Aber so läuft´s im Leben halt meistens nicht. Denn der König erhob sich zu rasch, so dass nur der linke Ärmel abreißt und weiter nichts. Der König versucht nun wiederum sein Schwert zu ziehen, was ihm nicht gelingt, weil es zu lang ist. Vielleicht ein übergroßes Zeremonialschwert? Jing Ke jagt den König um die Säulen des Thronsaals. Dem Hofstaat waren keine Waffen erlaubt, so dass alle nur bedröppelt zusahen. Eine Art Übergriff-in-der-U-Bahn-Situation. Die bewaffneten Wachen vor der Tür durften wiederum nur auf Befehl eintreten und der wurde in der Hektik nicht erteilt und zum Selberdenken waren sie nun gerade nicht ausgebildet worden. Ein paar Beamte drinnen versuchen nun doch zivilcouragiert einzugreifen, insbesondere der Leibarzt schlägt beherzt mit seiner Medikamententasche zu. Schließlich gelingt es dem um die Säulen gehetzten König doch noch das Schwert zu ziehen und den durch die Arzttasche aus der Spur gebrachten Attentäter an der linken Seite zu verletzen. Der wirft mit dem vergifteten Dolch, verfehlt sein Ziel und trifft stattdessen eine dieser vielen Säulen. Der König fügt dem nun wehrlosen und verletzten Attentäter mit dem Schwert noch acht Wunden zu, während der nun plötzlich behauptet, er habe den König nicht töten, sondern ihn nur zu einem Vertragsschluss zwingen wollen. Nur deshalb habe er versagt. Endlich machen ein paar Beamte diesem elenden Gemetzel ein Ende und töten Jing Ke. Chen Kaige gelingt es in seinem etwas bombastisch verworrenen “Der Kaiser und sein Attentäter” tatsächlich Jing Ke dabei heroisch aussehen zu lassen, was eine Kunst für sich ist. Trotzdem klingt das nicht gerade nach Kungfuheld. War aber auch kein Kungfu-Film.

Singspiele

29. Dezember 2009

Während auf dem Gendarmenmarkt Berlins ästhetischster und etepetetester Weihnachtsmarkt tobte, gingen wir ins dortige Konzerthaus, um uns chinesischer Oper hinzugeben. Genauer: Kunqu, der ältesten chinesichen Opernform, wie ich dem Programmheft entnahm.

Es gab vier berühmte InterpretInnen zu sehen, davon drei mit dem Prädikat A. Offenbar wird alles, aber auch alles in China irgendwie klassifiziert. Ich muss sagen, ich fand den B-Darsteller auch sehr gut.

Weniger gut war allerdings die Rahmen-Sheherazade: Luzia Braun (aspekte-Moderatorin) machte aus ihrem Banausentum keinen Hehl. Daran ist ja erst mal nichts Schlechtes. Aber sie äußerte sich in etwa folgendermaßen: “Ich hatte vorher die Befürchtung, dass die Musik nicht erträglich sein würde, aber wenn man dann auch die Kostüme sieht, ist es doch nicht soo schlecht. Also laufen Sie bitte nicht weg, auch wenn es sich schlimm anhört, man gewöhnt sich dran und die letzte Szene ist die Beste.” Diesen Inhalt wiederholte sie mehrmals, auf unterschiedliche Art und Weise, dazwischen erzählte sie, was im Programmheft steht und versuchte dabei vergebens witzig zu sein. Ich hoffte inständig, dass die aufführenden Chinesen und Chinesinnen kein Wort verstanden und die im Publikum mit den Gedanken woanders waren. Ansonsten hielt ich mich von Zwischenrufen ab, was zusehends schwieriger wurde.

Bevor ich mir meine Zähne zerknirscht hatte, ging es aber doch noch los. Was es aber leider nicht gab, war eine Oper. Sondern ein Potpourri berühmter Arien, pardon: Szenen. Es ist ein Kreuz. Hiesige Opern schau ich mir doch auch nicht verhackstückt an! Aber offenbar wird die chinesische Oper für zu schwierig gehalten, als dass sie in Gänze aufgeführt würde. Oder für zu langweilig? Gut, wenn sie so wahnsinnig lang ist, kann man vielleicht was kürzen. Aber nun gab es drei Szenen aus zwei Opern.

Das hat nicht nur mit uns als Ausländern und schon gar nichts mit Frau Braun zu tun. Auch in China habe ich verschiedentlich versucht, in die Oper zu gehen. Immer auf der Suche nach einer durchgehenden Aufführung, meinetwegen von der Oper selbst nur ein Teil. Der Pfingstrosenpavillon dauert insgesamt über 12 Stunden, da macht das Ausschnittesehen schon Sinn.

Auch in weniger touristischen Etablissements: Potpourri und bunte Abende. Beispielsweise in Shanghai. Es war die Zeit des Drachenbootrennens und mit diesem Tag, dem Doppelfünften ist auch die Geschichte der weißen Schlange verbunden. Und so gab es Ausschnitte aus der Oper “Die weiße Schlange” zu sehen. Mit bei jeder Szene neuen Darstellerinnen in neuen Kostümen, dazwischen Komiker. Es ist gut möglich, dass diese Komiker wirklich witzig waren. Da es im Chinesischen so wahnsinnig viele gleichklingende Worte gibt, sind dem Wortwitz keine Grenzen gesetzt. Ich persönlich muss allerdings froh sein, wenn ich eine der möglichen Bedeutungen verstehe. Die Witze rauschten in rasender Geschwindigkeit an mir vorbei. Zu allem Überfluss aß die Dame neben mir etwas, was etwa so penetrant roch, wie ein Döner Kebab mit Knoblauchsoße in der U-Bahn morgens um Acht. Anschließend rülpste sie erleichtert vor sich hin. Und ich versuchte durch bloße Konzentration diese Komiker zu verstehen. Vergebens. Endlich war meine Nachbarin mit Essen und Rülpsen fertig und auch die Witzbolde hatten sich ausgemärt. Auf der Bühne begann die äußerst tragische Todesszene der weißen Schlange. Neben mir klingelte ein Handy. Das ist ja anders als bei uns. Man sitzt nicht still und ehrfürchtig im Theater. Man tut nicht so, als wäre dieser Opernbesuch nicht auch ein Teil des eigenen Lebens. Nein, man trägt das eigene Leben mit in den Zuschauerraum. Es war nicht das einzige klingelnde Handy. Aber das am längsten klingelnde. Weil es in den Untiefen irgendeiner Handtasche nicht so leicht zu finden war. Und auch kein Grund zur Eile bestand. Während die weiße Schlange sich auf der Bühne in stiller Agonie wand, plärrte es neben mir endlich:”Wei?” Das Telefon war gefunden worden, das Gespräch konnte geführt werden. Das Leben ging weiter und die weiße Schlange starb.

Ein Haus in Beijing wurde mit besonders empfohlen. Nachdem ich es im Gassengewirr nach langem Herumirren endlich gefunden hatte, war ich voller Vorfreude. Ein bisschen heruntergekommen war es, ganz offensichtlich ein altgedientes Theater. Malerisch, abgeblättert und viel versprechend. Nur leider mittlerweile geschlossen. Ich fand ein anderes, ebenfalls altes Opernhaus, doch dort gab es wieder diese Best-off-Einzelszenen. Die waren toll, keine Frage. Besonders schön war ein Bootsfahrer, der die ganze Szene hindurch ein imaginäres Boot steuerte, dass man meinte das Wellenglucksen zu hören.

Nur in Taiwan war es mir mal gelungen, ein durchgehendes Drittel einer Kunqu-Oper am Stück zu sehen. Das entfaltet einen intensiven Sog, die stilisierten Gesten werden dichter und verständlicher. Dass die Musik nach unserer Harmonielehre atonal ist, merkt man sofort gar nicht mehr.

Gänzlich unerwartet geriet ich aber in Beijing doch mal in eine vollständige chinesische Oper. Es wurde Turandot gegeben. Und zwar nicht von Puccini oder Schiller, sondern von Zhu Shaoyu. Im Stil einer chinesischen Oper. Eine schöne Idee. Das Märchen stammt wohl ursprünglich aus Persien. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist es die Rahmengeschichte von der persischen Geschichtensammlung Tausendundein Tag. Da geht es nicht um Sheherazade, die um ihr Leben erzählt und entertaint, sondern um eine Prinzessin Farrukhnaz aus Kaschmir, die nicht heiraten will, weil Männer schlecht und treulos seien, wie ihr ein Traum verraten hatte. Ihr Vater befürchtet Verwicklungen mit den einflussreichen Brautwerbern und lässt die Tochter nun mit hochgemuten Happy-End-Geschichten beschwatzen.

Der Italiener Gozzi nannte die Prinzessin in seiner Commedia dell´Arte Turandot und verlegt sie nach China.  Dort blieb sie dann. Kurz lässt sich die Geschichte folgendermaßen zusammenfassen: die aus Rachsucht männerhassende, aber bezaubernd schöne Turandot (was übersetzt widersprüchlicherweise “persisches Mädchen” heißen soll) will nur den heiraten, der drei von ihr gestellte Rätsel löst. Alle anderen werden hingerichtet, was der eigentlich Zweck der Rätselaufgabe ist.  Dem nachwievor persischen Prinzen Kalaf gelingt es schließlich, die Rätsel zu lösen. Aber sie will diesen Barbarenprinzen nicht. Der hat aus lauter Liebe ein Einsehen und würde à la Rumpelstilzchen auf sie verzichten, bzw sich ihr ausliefern, wenn sie bis zum nächsten Morgen seinen Namen rausfindet. Wie die Geschichte ausgeht unterscheidet sich in den zahlreichen Fassungen gewaltig, aber bei Gozzi, Schiller und Puccini wird aus den beiden was. Und Zhu Shaoyu hat bei Puccini abgeschrieben, der die Geschichte von Schiller verwandte, der sie von Gozzi hatte, also wird es dort auch etwas mit den beiden.

Eine kleine Veränderung wurde aber doch vorgenommen. So heißen die drei männlichen Nebenrollen bei Puccini Ping, Pang und Pong. Das konnte natürlich nicht so bleiben. Und so heißen sie in der chinesischen Fassung Li, Qian und Wang.

Aus diesem persischen Rudiment in italienischer Bearbeitung wurde nun eine “klassische” chinesische Oper. Aber in eher italienischer Kürze und war also an einem Abend gut zu schaffen. Das war außerordentlich bezaubernd. Leider kann ich mich an die drei Rätsel nicht erinnern. Schiller hatte fünfzehn gedichtet, die bei den Aufführungen wechselten. Ich vermute aber, dass auf tradtionelle chinesische Rätsel zurückgegriffen wurde.

Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, in dem drei Frauen auf der Bühne nacheinander Träume aufführten, war das Bühnenbild spärlich, so wie es sich gehört. Die einzige Requisite war ein Tisch mit Tischdecke und einer Vase an seiner äußeren rechten Ecke. Er stellte wohl ein Bett dar. Cuishi, eine außergwöhnlich aufbrausende und aggressive Frauenrolle, träumte dort von einem besseren Leben ohne Fehlentscheidungen. Ihre hemdsärmelige Gier war so unverblümt vorgetragen, dass moralische Empörung gar nicht aufkommen konnte. Während der Umbaupause belästigte uns wiederum Frau Braun. Was eigentlich nicht nötig gewesen wäre, schließlich wurden nur Vase und Tisch rausgetragen und ein anderer, gleich großer Tisch mit anderer Vase wieder hineingetragen und an der gleichen Stelle aufgestellt, um diesmal einen Garten darzustellen, in dem nun Du Liniang träumen sollte.

Mein Bruder fragte mich lauter Fragen über chinesische Oper, von denen ich beschämenderweise fast keine beantworten konnte. Als ich kompliziert anhob immerhin zu erklären, dass nicht nach Stimmlagen, sondern nach Rollenfächern unterschieden würde, meinte er: ach, wie im Kasperletheater. Das erschien mir zunächst zu albern, doch mein reflexhafter Protest wich besserer Erkenntnis. Stimmt. Wie im Kasperletheater. Gretel, Kasperle, Polizist, Hexe, Teufel, Oma und Krokodil. Prototypen. Charakterikonen. Mit immer anderen Geschichten.  Genau.

Ein Lichtlein brennt

25. November 2009

Der heilige Nikolaus von Myra hat eine Schokoladenseite. Mit dieser verteilt er Apfel, Nuss und Mandelkern. Oder auch kleine Schokoladenstatuen von sich selbst. Die dunkle Seite des Nikolaus ist ein Kinderschreck namens Krampus oder Knecht Ruprecht. Obwohl ich schon die Selbstgerechtigkeit mit der das goldene Buch gezückt und Wohlverhalten und Untaten vorgetragen werden, eine ziemlich dunkle Seite finde. Diese Indiskretion war mir ein Gräuel.  Und abgesehen davon: woher weiß der das? Entweder sieht Gott alles und hat nichts besseres zu tun, als das haarklein weiterzuerzählen. Oder die Informanten kommen aus der eigenen Familie. Big Brother oder Stasi. Pest oder Cholera.

Es muss aber auch eine wesentlich diskretere Form des Heiligen geben, ist er doch auch der Schutzpatron der Diebe und sonstiger Verbrecher. Wie er da wohl angerufen wird?

Gib mir nen Tip Sankt Nikolaus, wo räume ich als nächstes aus?

Sinterklaas sei gut zu mir, zeig mir ne offene Hintertür.

Und dann: Hab ein Einsehen Santa Claus, mach mir meine Beute groß!

Oder: Oh weh oh schreck  Sant Nicolo, helf mir in pericolo!

und schließlich: Lieber guter Nikolaus, hau mich aus der Scheiße raus!

Das Verhältnis der doch recht katholisch angelegten Mafia zum Weihnachtsmann würde vielleicht mal eine Untersuchung lohnen.

Auch die taiwanische Unterwelt hat natürlich ihren Schutzgott.  Mit Heiligen halten die sich erst gar nicht auf. Wenn dieser spezielle Gott auch weniger vielseitig angelegt ist. Nikolaus muss sich schließlich noch um Seeleute, Studenten, Kaufleute, Jungfrauen, Getreidehändler, Pfandleiher, Juristen, Apotheker, Schneider,  Fuhrleute, Salzsieder, Gefängniswärter, Drescher und  Metzger kümmern. (Wobei viele vermutlich finden, dass das meiste davon eh auch Gauner sind.)

Der Gott der Gangster in Taiwan heißt Handan, wie ich einem eben gesehenen Dokumentarfilm entnahm. Verehrt wird er im Xuanwu-Tempel in der größten Stadt im abgelegenen Osten Taiwans: in Taidong.  Und sein ganz großer Tag ist das dortige Laternenfest zwei Wochen nach chinesisch Neujahr.

Wer Handan war, ist mal wieder nicht so klar. Er könnte ein General aus der schier vorzeitlichen Shangdynastie gewesen sein, der posthum für die Finanzen des Himmels zuständig war und so zum Kriegergott des Wohlstands wurde. Kapital ist Diebstahl? So à la: Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie, was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?

Oder Handan war ein reuiger Delinquent, der sich zur Sühne halbnackt auszog und mit Feuerwerkskörpern bewerfen ließ. Vielleicht auch weil ihm kalt war, heißt “han” doch Kälte. (“Dan” heißt zwischen ungerade, Liste und Tuch noch so allerlei anderes, was mich hier nicht weiterbringt.)

Abgesehen von der Reue ist es jedenfalls genau das, was zum Laternenfest in Taidong passiert. Junge und mitteljunge Männer lassen sich mit nacktem Oberkörper und roten Hosen auf einer Art Stehsänfte durch die Menge tragen, die sie unablässig mit zahllosen explodierenden Geschossen bewirft. Die Augen sind durch eine Brille, das Gesicht insgesamt durch ein Tuch geschützt, um das ein rotes Stirnband mit der Aufschrift Handanye (Handan-Onkel) gebunden ist. Der Oberkörper wird vorausschauend mit Desinfektionsmittel eingerieben, damit sich die ganzen Brand- und sonstigen Wunden möglichst wenig entzünden. Dann holen sie sich noch ein Handan-Amulett, hängen sich das um den Hals und dann gehts hoch auf die Sänfte.

Mit der einen Hand halten sie sich am Gerüst fest, in der anderen einen Banyanzweig, mit dem sie den Pulverqualm um die Nasen oder festgebrannte Feuerwerkskörper verfächeln können. Sehen können sie praktisch nichts. Aber die anderen sehen sie, die Inkarnation eines vergöttlichten Paten. Ist der eine durch, kommt der nächste dran. Weil die Wurfgeschosse und damit die Verletzungen vor ein paar Jahren eskalierten, dürfen mittlerweile nur noch vom Tempel ausgesuchte Personen zünden und werfen. Was ein bisschen unfair ist, weil das Bewerfen sich positiv auf die Finanzen im neuen Jahr auswirken soll. Vielleicht reicht aber auch das Spenden der Geschosse.

Diese Handanyes gehören, bedenkt man das Ressort der Gottheit, natürlich in der ein oder anderen Weise zur taiwanischen Unterwelt, was man unschwer an ihren Tattoos erkennen kann. (Diese Tätowiererei der Unterwelt ist ein Yakuzaimport aus der Zeit der japanischen Besatzung.) Bringt man einen neuen Handanye, der diese Tortur durchsteht, gibt das Gesicht, oder zeigt ganz einfach, dass man toughen Nachwuchs hat. Schlimm ist natürlich, wenn der Nachwuchs vom Gerüst fällt oder sonst unrühmlich früh aufgibt. Auch das fällt natürlich auf den Initiator zurück.

Also ich muss schon sagen, es wirkt zwar aus rationaler Sicht komplett bescheuert, macht aber gleichzeitig mehr her und sehr viel mehr Lärm als der Nikolaus. Ich meinesteils hatte versucht, am Laternenfest in Tainan – einem eher harmlosen Ort ohne paradierende Gangster- nicht beschossen zu werden, was trotzdem nicht ganz gelang. Mir hat´s trotzdem gereicht, dabei hatte ich noch was an.

Das Handanfest ist für die Taidonger Unterwelt der Höhepunkt des Jahres. Im Film werden nun verschiedene Handanyes und ihre Vorbereitung auf das Großereignis vorgestellt. Einer aus dem Kies- und Zementwesen, der seine Zeit hauptsächlich in Karaokebars verbringt, um an seiner Karriere zu basteln: Aufträge an Land ziehen, Kontakte verfestigen, Konkurrenten durch Bestechung umstimmen etc pp. Vor allem aber um kübelweise Alkohol in sich reinzuschütten.

Angefangen hätte er mit ganz anderen Aufträgen: also ein Killer sei er zwar nicht gewesen. Aber man hätte sich halt um die ein oder andere Person kümmern sollen und hätte das dann eben gemacht. Nach der Vorrede nahm ich an, sie hätten die Zielperson verprügelt. Aber dann fügt er hinzu: als Beweis für die Erledigung hätten sie dann ein Organ vorweisen müssen. Ich gehe nicht davon aus, dass es um die chirurgische Entfernung einer nicht unbedingt notwendigen Niere oder der Galle ging. Erzählt er ganz treuherzig mit etwas dumpfem, aber nicht unliebenswertem Humor. Vielleicht hat er kein Geld dafür bekommen? Oder was in dieser Geschichte trägt die Selbsteinschätzung, er sei kein Killer gewesen? Vielleicht wenn es erfunden ist. Aber sonst? Davon hätte er dann aber weg gewollt. Blöd nur, dass das Bauwesen, insbesondere Zement und Kies, offenbar weltweit mit irgendwelchen Syndikaten verwickelt ist.

Als Mittdreißiger und mit entsprechend düsterer Vergangenheit ist der nur halbseitig tätowierte Zementmann ein alter Hase in Sachen Handanye und die Vergöttlichung gelingt ihm mühelos. Trotzdem war es das letzte Mal für ihn. Der Alkohol sollte ihm im Laufe des kommenden Jahres den Garaus machen.

Ein anderer notorischer Handanye konnte sich gerade noch rechtzeitig per Kaution aus der Haft auslösen. Doch dann starb ausgerechnet sein Bruder und Trauer verträgt sich nicht mit der Personifizierung als Gott. Wenigstens war er so für die Beerdigung seines Bruders draußen.

Ein dritter, ein Debütant, der sich gerade mit eigenem Tätowierstudio selbständig machen wollte, kam vorher mit manischer Depression ins Krankenhaus.  Auch er schaffte es zum Laternenfest wieder raus, um sich endlich mal ordentlich bewerfen zu lassen. Blöderweise vergaß er sich die Ohren zu verstopfen, so dass die Folge seines kurzen Göttlichseins dazu führte, dass eines seiner Ohren dauerhaft taub blieb. Aber er hat durchgehalten. Und kann stolz auf sich sein.

Außer der Ehre versprechen sich die Handanyes davon einerseits Sühne und andererseits Glück für zukünftige Unternehmungen. Hat irgendwie was von einer Beichte.

In Mexiko heißt die Schutzheilige der Diebe Santa Muerte, eine (ebenfalls rotgekleidete) Sensenfrau zu der außer Straftätern auch Polizisten beten. Damit kommen wir wieder näher an den Krampus, den dunklen Begleiter des heiligen Nikolaus, mit Hörnern, zu vielen Haaren und zu langen Zähnen. Oder gar zu Knecht Ruprecht, der sich von den Perchten oder der Perchta herleiten soll, einer vorchristlichen Göttin, die schon früh in die Illegalität abgedrängt wurde. Zuvor verteilte sie wie Frau Holle Lohn und Strafe. In schlimmen Fällen schlitzte sie den Bauch auf, füllte Steine hinein, nähte wieder zu und warf die gastrotomierte Person in den Brunnen. Damit wäre wohl geklärt, was Knecht Ruprecht mit denen macht, die er in seinen Sack gesteckt hat. Ob er auch Organe entnimmt, um sie als Beweis dem heiligen Nikolaus vorzulegen, ist jedoch nicht überliefert.

Je größer der Fisch, desto kleiner der Fuß

17. Oktober 2009

Neulich stieß ich auf eine eigentümliche chinesische Geschichte. Eigentümlich eigentlich nur deshalb, weil sie so sehr an ein Märchen der Gelin Xiongdi erinnert, wie die Gebürder Grimm auf Chinesisch heißen. Aufgeschrieben wurde sie in China erstmals im 9.Jahrhundert. Also etwa 1000 Jahre früher als in Deutschland. Und 900 Jahre früher als die französische Version von Charles Perrault.

Aber, erfahre ich, die Chinesen waren ausnahmsweise nicht die Ersten, denn die älteste bekannte Version stammt aus dem alten Ägypten. Dort wurde der thrakischen Hetäre Rhodopis, (nach Herodot eine Sklavenschwester des Dichters Aesop), ein entzückend kleiner Fuß zugesprochen. Ein schicksalhafter Adler raubte einen ihrer Schuhe und warf ihn dem König von Memphis in den Schoß. Der daraufhin nicht mehr schlafen konnte und unbedingt die Frau zu diesem Schuh finden wollte. Er suchte und suchte und suchte sie, fand sie schließlich und machte sie zu seiner Frau. Eine der Pyramiden von Gizeh soll als Grabmal für sie gebaut worden sein, fabulierte der romantische Volksmund. Je kleiner der Fuß desto größer das Grabmal? Diese Version stammt etwa von 0 und soll damit die erste bekannte Aschenbrödelgeschichte sein, von der es auf der Welt immerhin etwa 400 geben soll. Ich muss schon sagen: als Jacob und Wilhelm die Geschichte auf Deutsch aufschrieben, da war es wirklich höchste Zeit!

Dabei fällt mir ein, dass meine Kalligrafielehrerin von ihren Bemühungen erzählte, ihr Deutsch möglichst schnell zu verbessern. Was liegt näher, dachte sie damals, als dazu ein Kinderbuch zu lesen. Von dem man landläufig annimmt, dass es nicht so schwer geschrieben sei. Sie entschied sich ausgerechnet für Grimms Märchen. Viel verstand sie nicht, was ich wiederum sehr gut verstehen kann. Da sind sprachlich und inhaltlich zum Teil komplett kryptische Texte drin. Durchgelesen hat sie es trotzdem. Tapfer.

Die chinesische Aschenputtelversion ist der europäischen jedenfalls schon recht ähnlich und es sind auch keine moralisch mittlerweile unangebrachten Hetären mehr im Spiel. Dafür hat das Böse Einzug gehalten. Die Geschichte heißt Yexian. Ye heißt Blatt und Xian bedeutet Grenze, Beschränkung, also so etwas wie Blattrand? Jedenfalls handelt es sich dabei um den Namen der Hauptdarstellerin, das scheint der weltweite Geschichtentitelkonsens zu sein.  Als westlicher Bumerang in Rückübersetzung heißt sie heutzutage natürlich Huiguniang (Aschemädchen).

Aber damals, als sie noch Yexian hieß, ging die Geschichte in etwa so: Der Vater von Yexian, ein lokaler Anführer von Höhlenleuten namens Wu lebte noch vor unserer Zeitrechnung in einem eben von Höhlen und auch Flüssen geprägten Ort im südlichen China. Seine Frau starb und er heiratete eine Neue. Kaum war dieses Stiefmutterarrangement installiert und eine Halbschwester geboren, starb auch er. Vielleicht war die böse Stiefmutter auch einfach seine Zweitfrau. Damit könnte man dem Problem begegnen, dass sonst nicht die jüngste Tochter die schönste und beste war, wie es sich eigentlich gehört. Wie auch immer. Das Cinderella-Setting stand: Die böse Stiefmutter behandelte Yexian schlecht. Sehr schlecht. Nicht als Tochter, sondern als niedrige Magd.

Yexian musste Feuerholz in den steilen Bergen sammeln und Wasser aus dem tiefen Fluss heranschaffen. Und bei letzterem begegnete ihr ein kleiner, kaum 5cm großer Karpfen mit goldenen Augen und roten Barteln. (Womöglich ein Baby-Koi.) Sie war berührt und nahm ihn als Freund mit nach hause. Und musste alsbald immer neue, größere Behälter für ihren schönen, schnell wachsenden Freund finden und ihn schließlich in den Tümpel hinter dem Haus umziehen. Immerhin wurde es kein Walimwasserturmproblem, denn letztlich war es eben doch ein Karpfen und kein Wal. Der Tümpel reichte jedenfalls. In jeder freien Minute ging sie ihren Freund besuchen, der sofort auftauchte, wenn sie erschien. Jeden übrig gebliebenen Bissen verfütterte sie an ihn. Kam jemand anders vorbei, tauchte er ab.

Der bösen Stiefmutter passte es natürlich ganz grundsätzlich nicht, dass Yexian an irgendetwas Freude hatte, sonst wäre sie ja auch nicht die böse Stiefmutter gewesen. Sie schenkte ihrer Stieftochter also als Lohn für die harte Arbeit ein neues Obergewand, ließ sie ihr altes ausziehen und schickte sie zu einem weit abgelegenen Fluss. Nun zog die Stiefmutter selbst den alten Mantel der Tochter an und ging zum Teich. Der Karpfen ließ sich täuschen, man sieht durch die Lichtbrechung an der Wasseroberfläche ja wirklich ziemlich schlecht ins jeweils andere Element. Kaum tauchte der Karpfen auf, erstach sie ihn mit einem mitgeführten Dolch. Sie schlachtete ihn und genoss ihn mit ihrer leiblichen Tochter als Abendessen. Die Gräten vergrub sie im Abfall.

Als Yexian zurück kam, wartete sie vergebens am Teich auf ihren Freund. Als er nicht kam und nicht kam, war sie verzweifelt und weinte bitterlich. In diesem Moment stieg eine schlicht gekleidete Gestalt mit wirren Haaren aus dem Himmel herab (der Beschreibung nach müsste es sich um einen daoistischen Unsterblichen handeln) und klärte Yexian über die jüngsten Vorgänge auf. Gab dann noch den Rat, die Gräten auszugraben und in ihrem Zimmer zu verstecken, da sie diese um alles bitten könnte, was sie nur wolle.

Nun stand ein großes Fest an. (Warum erzähle ich die Geschichte eigentlich? Kennt doch eh jeder.)  Also Yexian durfte nicht teilnehmen, ließ sich aber von den Gräten inklusive goldener Schuhe schick einkleiden und ging etwas später heimlich doch hin. Als sie nach einer Weile befürchtete von der unangenehmen Verwandtschaft erkannt zu werden, lief sie hastig weg und verlor dabei einen ihrer Schuhe.

Dieser goldene Schuh wurde von Händlern am Wegesrand gefunden und an das Inselkönigreich Tuohan verkauft. Dessen König fing an, wie besessen den passenden Fuß dazu zu suchen. Aber selbst der allerkleinste, zierlichste Fuß war noch mindestens ein Inch, also ca 2,5cm zu groß. Der König witterte Betrug (in Bezug auf was auch immer) und ließ erstmal ein paar der Verkäufer foltern. Doch die konnten ja nun nichts sagen, was sie selber nicht wussten. Eines der Mankos der Folter, das selbst eingefleischten Technokraten einleuchten müsste.  Ein anderes wäre, das die Gefolterten aus lauter Not einfach irgendwas sagen. Vielleicht kann ich in diesem Zusammenhang einstreuen, dass Folter nicht nur aus humanistischen Gründen verboten ist, sondern auch zugunsten der Wahrheitsfindung. Man denke nur an die Hexenprozesse. Aber ich schweife ab. Die Folter nützte also auch dem König von Tuohan nichts, so dass hier kein verschärftes moralisches Problem entsteht.

Er machte sich also selber auf den Weg zu den Höhlenleuten und fand nach langem und ausführlichen Gesuche schließlich Yexian. Und sie war natürlich schöner als alle, bewegte sich aufreizend zögerlich und: hatte die kleinsten Füße. Der Schuh passte wie angegossen. Der König von Tuohan war verzückt und nahm sie und die Füllhorngräten mit nach hause. Über Yexians Meinung dazu ist nichts überliefert, aber eine gute Partie war es allemal. Die Gräten versagten allerdings nach einem gierigen Jahr der Schatzproduktion ihren Dienst und wurden schließlich ehrenvoll unter haufenweisen Perlen vergraben. Welche später nützen sollten, meuternde Soldaten zu bezahlen. Das Grab wurde vom Meer verschluckt.

Die daheimgebliebene Stiefmutter wurde nebst der Halbschwester eines Tages von fliegenden Steinen erschlagen. Die Nachbarn begruben sie in einem steinernen Grabmal und trauerten. Vielleicht waren sie äußerst beliebte, angenehme Gemeindemitglieder, ja vielleicht Säulen der Gemeinde, wohlanständig, wohlgelitten und das alles. Geht ja auch sonst niemanden was an, was sie mit der überflüssigen Tochter taten. Wie auch immer. Man hat ein bisschen das Gefühl, das hier mehrere Geschichten vermischt werden, denn das Grab hieß dann  “Grab der reuigen Töchter”. Nun waren sie in Bezug auf Yexian wohl weder reuig und jedenfalls keine Töchter. Trotzdem konnte man an dem Grabmal erfolgreich um weiblichen Nachwuchs beten. Die Ahnengeister der ehemals missgünstigen Damen dürften nicht allzuviel zu tun gehabt haben.

Auf jeden Fall war der Mehrwert der Kleinfüßigkeit gesetzt. Womöglich hatte auch eine Tochter ihren Wert, wenn die Füße nur klein genug waren. Wen interessiert schon das Herz aus Gold? Das war dem europäischen Prinzen ja auch wurscht. Der kleine Fuß faszinierte ihn. Sonst gar nichts. Nur dass die Stiefmutter und Schwestern zu blöd waren und sich Zehen und Fersen abschnitten, dass selbst die letzte Taube -ruckedigu- bemerkte, dass da was faul ist. Hätten sie sich die Füße gebunden, wär das nicht passiert.

Sowohl zur Zeit als die Geschichte spielen soll, als auch zur Zeit ihrer Niederschrift wurden übrigens in China die Füße noch nicht gebunden. Das begann vermutlich erst im 13. Jhdt. in gehobenen Familien im Süden Chinas. Mit dem Binden der Zehen nach oben. Aber das ist dann eher das Thema für einen anderen Artikel, da mir gesagt wurde, dass zu lange Blogtexte LeserInnen abschrecken. Und das wäre doch zu blöd. Außerdem habe ich Schuhgröße 39 und kann auch nicht mit immens kleinen Füßen jemanden bei der Stange halten. Also besser damit, dass ich mal zum Ende komme. Hier.

Von Wölfen und Schafen

17. September 2009

Um meine Reise in die Mongolei auch für diesen Blog nutzbar zu machen, der wenn schon keinen taiwanischen, dann zumindest einen allgemein chinesischen Bezug haben sollte, nahm ich mir vor, die Mongolen nach ihrer Meinung zu Chinesen zu befragen.

Das Ergebnis war niederschmetternd: sie verabscheuen die Chinesen regelrecht. Gut, dass sie nun in Begeisterung für die Chinesen ausbrechen würden, hatte ich nicht erwartet, aber soviel Ablehnung, um nicht zu sagen Hass? Ich versuchte zu relativieren und fragte daher nach dem anderen der zwei Nachbarn, wie es also mit den Russen sei.

Alles prima. Top. Russen sind Freunde.  Das überraschte mich dann noch mehr. Schließlich hatten die Russen, genau genommen die Sowjets unter Stalin,  im Jahr 1937 die mongolische Marionettenregierung soweit gebracht, etwa 30.000 Menschen und damit ein Fünftel der damaligen Bevölkerung zu töten, wobei es sich überwiegend um buddhistische Mönche handelte. Fast alle Klöster wurden zerstört und auch ging das meiste Schrifttum, die mongolische Kultur in Flammen auf. Ich fand, dass dies doch ein klein wenig Missstimmung rechtfertigen würde, auch ohne übertrieben nachtragend zu sein.

Aber die Mongolen mit denen ich sprach verbuchten das eher unter: “Naja, so Sachen passieren eben” oder “letztlich waren es ja dann doch wir Mongolen selbst”, die diese Schlachterei ausführten. Wäre doch unfair, dass dann den Russen nachzutragen. Ist natürlich auch was dran. Ganz unösterreichisch. Vielleicht liegt es aber auch mehr daran, dass nach Zusammenbruch der Sowjetunion und Einstellung der Struktur- und Warenhilfe von dort, in den 90er Jahren eine Hungersnot in der Mongolei wütete. So waren sie zuletzt vielleicht doch mehr Freunde als Feinde?

Trotzdem wollte ich herausfinden, was denn nun so schlimm an den Chinesen war, so viel schlimmer als an den Russen. Zu hören bekam ich das Übliche: Skrupellosigkeit auf allen Ebenen. Dafür exemplarisch: nach dem Überqueren der Grenze läuft man Gefahr, als Organspendefrischhaltebox angesehen und ausgeweidet zu werden. Diese Angst hatte ich schon bei Taiwanern gehört. Als würden in der VR China nicht genug Leute hingerichtet, um einen schwunghaften Organhandel am Laufen zu halten, ohne  internationale Verwicklungen befürchten zu müssen. Aber gut: Juden fressen kleine Kinder und Chinesen klauen einem die Organe bei lebendigen Leibe. Das ist halt nun mal so.  Dass es dafür keine sinnvollen Gründe oder gar Anhaltspunkte gibt, kann ja nicht das Problem der anderen sein.

Ganz ausreichend schien mir das trotzdem nicht, um zu erklären, warum eine Regierung, die an Chinesen Konzessionen über die mongolischen Bodenschätze verkaufen würde, nicht den Hauch einer Chance auf Wiederwahl hätte, wie mir glaubhaft versichert wurde. Das nützt natürlich alles nichts, wenn die Chinesen dann eben den Kanadiern die Rechte an den Kupferminen abkaufen, aber gut.

Der Grund muss also in der Geschichte liegen. Und die handelt von  einer jahrtausendalten Feindschaft zwischen den nomadisierenden Nordbarbaren und den agrarischen Chinesen. Die chinesische Mauer wurde gegen erstere gebaut, auch wenn deren Ethnien sich im Laufe der Jahrhunderte wandelten. Hunnen, Xiongnu, Skythen, Uiguren, Tuoba, Tungusen, Kirgisen und wie sie alle hießen. Und dann eben die Mongolen, zu denen die Oiraten, Kalmücken, Burjaten, Khalkha und ich weiß nicht, wer sonst noch alles gehören.

Lustigerweise heißt China auf Mongolisch etwas was man -vom kyrillischen übertragen- Khjatad schreibt, aber in etwa Ch´ted ausspricht. Und dieses Wort bezeichnet die Khitan. Ein Nomadenvolk, das im 10. Jahrhundert als Liao-Dynastie große Teile des nördlichen Chinas beherrschte. Ein ethymologischer Treppenwitz: die Mongolen benennen den ackerbauernden, ewigen Feind ausgerechnet nach einem Volk, das ihnen selbst viel ähnlicher ist, als den Chinesen. Die Khitan-Dynastie wurde letztlich von den Mongolen vernichtet.

Sonst ein Kampf der Kulturen: Nomaden gegen Sesshafte, Viehhirten gegen Bauern, Krieger gegen Gelehrte, Provisorien gegen Bürokratie. Dann das mit dem Essen. Mit Verlaub: zwecks kulinarischer Genüsse muss wirklich niemand in die Mongolei fahren (außer vielleicht wegen der vergorenen Stutenmilch, die ist wirklich gut), aber China wäre allein dafür mehrere Reisen wert. Dann ernähren sich Mongolen den ganzen Sommer quasi von Milchprodukten, was den zumeist lactoseunverträglichen Han-Chinesen besonders barbarisch erscheinen dürfte. Als ich bei meiner ersten Chinareise 1987 in Xinjiang war, hatte ich Kasachen ein Stück Pferdekäse abgekauft, den ich -nach schon über zwei Monaten Käseentzug- nur sehr sparsam verwendete. Das hätte ich nicht machen sollen: im ersten chinesenbetriebenen Hotel landete er unauffindbar im Müll. Und wahrscheinlich bekam das Zimmermädchen Ekelherpes.

Dann das mit der Schrift: ein Fetisch für Chinesen, könnte man fast sagen. Seit Tausenden von Jahren wird in China geschrieben und geschrieben und geschrieben und das mit einer Schrift, die sich rund 2000 Jahre kaum veränderte und zum Beispiel in Taiwan sich nachwievor nicht verändert hat. Die ältesten chinesischen Schriftzeugnisse sind etwa 5000 Jahre alt. Bei den Mongolen sieht das ganz anders aus: deren erstes Schriftzeugnis kommt auf ein Alter von etwa 800 Jahren.

Der Legende nach hatte nämlich Dschingis Khan (1162-1227) die Entwicklung einer mongolischen Schrift befohlen und so stellte Tatatunga, ein uigurischer Gefangener das uigurische Alphabet auf den Kopf, so dass es von oben nach unten geschrieben wurde: et voilà. (Das Ergebnis sieht aus wie eine Mischung aus arabisch und chinesisch und es gibt sehr schöne Kalligraphien dieser Schrift.) Eine erste Reform erfolgte keine hundert Jahre später unter Kublai Khan, dem berühmtesten mongolischen Kaiser von China (1215-1294), denn da wurde von Lama Phags-Pa die sogenannte Quadratschrift erfunden. Mit Zusammenbruch des Mongolenreiches verschwand diese Schrift jedoch. Im 17. Jahrhundert entwickelte dann der Lama Pandita die sogenannte “klare Schrift”, die nur von den Oiraten und Kalmücken angenommen wurde. Eine weitere Schrift, das Sojombo wurde von Zanabazar, dem ersten buddhistischen Oberhaupt der Mongolen um 1700 erfunden.

Bei dem ganzen Hinundher und der Schwierigkeit Nomadenkinder zu beschulen,  ist es also nicht verwunderlich, dass noch Anfang des 20. Jahrhunderts etwa 90% der Mongolen Analphabeten waren. Heute schreiben die Mongolen in der Mongolei kyrillisch mit nur noch etwa 2% Analphabeten. Das muss man dann wohl doch den Russen irgendwie zugute halten. Bei den Chinesen sind es immerhin etwa 10 %, in Taiwan knapp 4%.

Andere Unterschiede in Zahlen:

Bevölkerung: Mongolei 2,7 Mio, China 1,3 Mrd, Taiwan 23 Mio

Bevölkerung pro qkm: Mongolei 2, China 135, Taiwan 632

Man kann also sagen, dass die Lebensweisen nicht unbedingt gut harmonieren. Dazu kamen Expansionsgelüste des chinesischen Reiches und Überfälle bzw. Eroberungen der nördlichen Reitervölker, insbesondere wenn die Nahrungslage prekär wurde. Und das kann in oder nach einem harten Winter schnell mal passieren.

Die mongolischen Stämme waren allerdings auch häufig uneins. Die Khalkha sahen sich zum Beispiel außerstande, sich den Oiraten, die immerhin nicht von Dschingis Khan abstammten, zu unterwerfen. Da die Oiraten aber um 1700 auf Siegeszug waren, unterstellten sich die Fürsten der Khalkha den Mandschu, also der “chinesischen” Qing-Dynastie. Und so wurde fast die Hälfte der Mongolei stark in das chinesische Reich eingebunden, blieb es auch und heißt heute ganz sinozentrisch: innere Mongolei. Dort leben etwa doppelt so viele Mongolen wie in der Mongolei. Und ungefähr 4x soviele Hanchinesen als Mongolen. Es ist zu vermuten, dass gewisse Ressentiments auch aus diesem Abschnitt der Geschichte herrühren.

Nun ist aber etwas Schockierendes passiert. Ein Chinese hat ein Buch über seine Zeit in der inneren Mongolei geschrieben. 11 Jahre war er dort, zum Arbeitseinsatz während der Kulturrevolution. Der Zorn der Wölfe, hat er sein Buch genannt und es wurde zum Megaseller. Schockierend ist das Buch deswegen, weil er darin die Lebensweise der Mongolen als die Überlegene darstellt. Und das bei den kulturchauvinistischen Chinesen! Das klingt also alles recht interessant.

Trotzdem kann ich nur abraten. Und zwar nicht wegen der mühsamen 700 Seiten (auf Deutsch, 400 auf Chinesisch) mit unzähligen Wiederholungen, die sich nach Endlosschleife anfühlen. Damit kann man ja leben. Kreislauf der Natur, Kreislauf der Argumente, oder so. Aber Jiang Rong begeistert sich ungehemmt für die Frischerhaltung der Völker (seien es nun Tiere oder Menschen) durch Krieg und Kampf, für Leithammel jeder Couleur, die heldisch ihre Herden beschützen und die im Übrigen völlige Einmütigkeit eben dieser Herden. Daneben rührt ihn und lobpreist er die behauptete extreme Liebe der Wölfinnen für ihren Nachwuchs. Er feiert geradezu deren Blutlust, wenn ihnen der Nachwuchs gestohlen wurde, so dass sie sich auch Jahre danach noch Rachefeldzüge ausdenken. Menschliche Tiere, tierische Menschen, alles geht durcheinander und ist echt und wahr und groß. Ganz groß und ganz echt. Und ganz anders als diese chinesischen Krämerseelen, Bürokratenhintern, korrupten Funktionäre, kleinlichen Bauern und blutarmen Gelehrten.  Anders als die Schafe eben. Einigkeit im Glied, herausragende Kriegshelden, Rache, Entwicklung und Erziehung durch Kampf, “Naturgesetze” statt Politik, Gruppenüberlegenheit, Frau=fanatische Mutter.

Zu der Ideologie fällt mir nur ein Begriff ein: faschistisch. Ökofaschismus meinetwegen. Die Begeisterung im Feuilleton ist mir komplett unverständlich. Um nicht zu sagen: Besorgnis erregend. Und nun soll das auch noch verfilmt werden, halleluja. Als Mongole würde ich mir diese Naturmenschfestschreibung außerdem verbieten. Im Übrigen kann ich nur hoffen, dass sich die Chinesen diesen Aufruf zur “Verwolfung” nicht zu sehr zu Herzen nehmen, denn sonst: gute Nacht.

Wie sich schließlich herausstellte, habe ich aus dem Werk trotz allem ein paar Informationen wringen können: so war mir die Problematik überweideten Graslandes und anderer ökologischer Konflikte bereits vertraut. Darüberhinaus wusste ich, dass Tengger der vergöttlichte Himmel der Mongolen ist. Und dass Schwäne selten und heilig sind, weswegen wir die zwei die wir sahen auch gleich fotografieren mussten. Mehrmals. Mit uns, mit anderen, ohne uns etc. Obwohl wir Zwiesel, Yaks und Adler viel interessanter fanden.

Vor lauter Gedanken, die wie so oft zu Ärger führen, habe ich nun versäumt, das Glücksgefühl zu schildern, dass einen beim Galoppieren durch weites Grasland überkommen kann. Das möge sich nun jeder bitte selbst vorstellen.

WindWasser

8. August 2009

Ich komme doch nicht darum herum, mich mal komplett laienhaft zu Feng (Wind) Shui (Wasser) zu äußern, da ich dieses Jahr an einer Bildungsreise zu diesem Thema teilnahm. Eine eher zufällige Teilnahme. Schließlich war Fengshui ein chinesisches Thema, was mich bisher schlicht nicht interessiert hatte.

Warum nicht, wüsste ich jetzt nicht zu sagen. Vielleicht einfach um mir ein weiteres aufwändiges Interessensgebiet zu ersparen. Aber was soll das für ein Grund sein? Vermutlich liegt es also eher an Besuchern, die bei mir zu hause den Klodeckel herunterklappen, damit mir nicht das Geld davonflösse. Und dann sagen, hierbei handele es sich um Fengshui. Oder im Vorbeigehen aufgeschnappten Empfehlungen, man müsse sich dort ein Mobile und hier einen Springbrunnen aufstellen. Das ist doch wirklich nichts, womit man sich länger beschäftigen möchte. Tatsächlich wünschte sich mein Bruder mal ein Buch über Fengshui von mir, in der Annahme, seine sinophile Schwester würde dann schon etwas Brauchbares auftreiben. Weit gefehlt. Planlos stolperte ich einem Esoterikbuchladen herum, kaufte nach selbstbeweihräucherndem Klappentext und hoffte, es würde gut gehen. Was nicht der Fall war.

Oder wie ein chinesischer Freund sagte: die Kaiserpaläste und -gräber wurden alle nach dem besten erdenklichen Fengshui erbaut und wie lange haben die Dynastien letztlich gehalten? 300 Jahre waren schon richtig gut. Da ist natürlich was dran. Auf der anderen Seite hat ja auch niemand behauptet, dass es nur auf das Fengshui ankäme.

Jedenfalls wurde ich so zufällig wie absichtlich Teil dieser Reiseveranstaltung mit der kleinen Nebenaufgabe meine Chinesischkenntnisse der Gruppe und ihren Einzelteilen zur Verfügung zu stellen. Der Reiseleiter sprach Chinesisch nur sehr rudimentär, hat aber die wunderbare Begabung, mit wenigen Brocken einzelner Wörter ein Maximum an Kommunikation herzustellen.  Während ich ja lieber in ganzen, wenn auch häufig falschen Sätzen spreche, was dem Verständnis nicht immer dienlich ist. Auf längere Sicht aber doch weiter führt. Auf diese Weise kam ich also in den Genuss, mit vielen verschiedenen Leuten Chinesisch zu sprechen. Und vor allem: unheimlich gefragt zu sein.

Als erstes gab ich es im Kontakt mit der Gruppe auf, Fengshui chinesisch auszusprechen. Das ginge so: ein sehr offenes an ein A erinnerndes E in Feng und Shui als Shuei im abfallendem und steigendem Ton, statt shuii. Das wirkte nur besserwisserisch prätentiös, was ich auf Dauer nicht durchhalten konnte. Ich nahm also Fengshui schließlich als deutsches Lehnwort und dann gings gleich besser.

Soweit assimiliert erfuhr ich, dass Fengshui, nicht nur architektonisch/räumlich angewandt wird, sondern auch zur Wahrsagerei. Das hätte ich auch aus der Übersetzung “Geomantie” schließen können, tat ich aber nicht, sondern wunderte mich. Dabei ist es eigentlich ganz klar. Die Welt der Menschen wird durch den Himmel (die Zeit) und die Erde (den Raum) bestimmt. Und so sollen die Räumlichkeiten, inklusive Grabstätte  im Idealfall zu den eigenen Daten passen und über diese Schiene ist man ja sofort beim Bazi, der Wahrsagerei aus den Geburtsdaten. Die also recht eigentlich eine Fengshuidisziplin zu sein scheint.

Demzufolge kann man auch aus einer nach Fengshuikriterien gebauten Anlage Rückschlüsse auf die Geburtsdaten des Eigentümers ziehen, wenn man ungefähr weiß, wann er gelebt hat. Das ist alles sehr verwirrend, insbesondere für einen Verstand der es gewohnt ist, Zeit und Raum voneinander zu trennen. Vielleicht könnte da auch Quantenphysik zur Annäherung helfen.

Mich völlig überraschend fragte eine Reiseteilnehmerin, kaum dass wir unsere Namen ausgetauscht hatten: Du bist Wasser, stimmt´s? Schloss sie das aus meiner Lage im Raum? Aus den Zeichen der Zeit in meinen Gesichtszügen? Keine Ahnung. Ich trank nun gerade einen Tee, den ich dummerweise mit dem extrem ekelhaft schmeckenden Shanghaier Wasser zubereitet hatte und war deswegen auf Wasser insgesamt nicht so gut zu sprechen. Außerdem wusste ich nicht, was sie eigentlich meint und sah sie schafsköpfig an. Und erfuhr, dass einem nach Geburtsjahr als sogenanntes Minggua ein chinesisches Element zugeordnet ist, als da wären Wasser, Holz, Feuer, Erde, Metall. Damit ist jedoch nicht einfach das Element des Jahres gemeint. Ich bin beispielsweise im Jahr 1968 geboren, als Januargeborene chinesisch aber 1967, und damit im Jahr der Feuerziege. Oder Schaf. Feuerschaf. Was immer man sich darunter vorstellen soll. Deswegen ist mein Minggua aber nicht notwendigerweise Feuer. Denn das bestimmt sich außer nach dem Jahr auch noch nach dem Geschlecht. (Die spinnen, die Chinesen.)

Ich ließ also nachrechnen und Tatsache: Wasser. Wenn man mal vom Shanghaier Leitungswasser absieht, was auf anschauliche und drastische Weise bezeugt, dass eine Diktatur bei der Missstandsbekämpfung keinesfalls effektiver ist als eine Demokratie, kann ich damit natürlich was anfangen. Klar, anpassungsfähig, penetrant, tiefgehend. Nun ist mir aber eine Berechnungsformel untergekommen, nach der und Adam Riese wäre mein Minggua doch Feuer. Dieses Problem ensteht aus der Ungleichzeitigkeit des ostwestlichen Jahreswechsels. Wenn ich jetzt noch bedenke, dass ich nicht weiß, wie es überhaupt zu dem Berechnungskonzept aus Quersummen der Jahreszahlen kommt, die in China ja erst im 20. Jahrhundert eingeführt wurden, tun sich diese Abgründe auf, die ich bislang durch Desinteresse am Fengshui umschiffen konnte.

Solche Uneindeutigkeit ist natürlich auch ganz schön. Seufzend entringt sich mir ein: zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust. Und bin ich mir selbst nicht regelmäßig völlig zuwider? Feuer und Wasser im ewigen Kampf. Unelegant brachial. Kein Wunder dass ich außer heißem Dampf nichts zustande kriege, denke ich dann.

Andere konnten mit derartigen Uneindeutigkeiten gar nicht umgehen. So kam es zu einer völlig bizarren Debatte an deren Ausgangspunkt die Behauptung stand, dass Personen mit 83% Yinholz eine Anlage zur Homosexualität haben. Ein Spannungsfeld zwischen exakter Schicksalsberechnung nebst aller Attribute und dem Vorwurf der Scharlatanerie tat sich auf. Oder zwischen Borniertheit und Intuition. Formel und Potenzial. Digital und analog. Zu dem ich in völliger Unkenntnis was mit 83% Yinholz gemeint sein könnte, auch ordentlich Senf beitrug. Wieder zurück nahm ich mir dann den Zettel vor, den mir ein taiwanischer Wahrsager beschriftet hatte und hielt nach Holz Ausschau. Ein einziges Holz fand ich in all den zahlreichen Schriftzeichen.  Yin oder Yang? Und wieviel Prozent kann ein Holz haben? 100% von allem Holz? Oder 12,5% von allen acht Zeichen? Es ist manchmal schon schwer mitzudiskutieren, wenn man die Grundlagen nicht kennt. Aber ein Menschenrechtsstandpunkt geht eigentlich immer.

Wie dem auch sei. Richtig  verständlicher wurde es auch nicht, wenn es um die Potenziale des Raumes ging. Dann fielen Sätze wie: nachher treffen wir uns und berechnen  fliegende Sterne. Kam mir wie ein mutiges Unterfangen vor. Die fliegenden Sterne habe ich mir später auf einer Busfahrt vom Reiseleiter im privaten Schnellkurs erklären lassen. Ich fand es unheimlich interessant und logisch und hatte ganz viel verstanden.  Sehe jetzt aber auf die Skizzen mit den vielen Zahlen und Pfeilen und muss sagen: das waren Perlen vor die Sau. Doch auch eine Sau kann sich, wenn auch unverständig, am Schein der Perlen erfreuen.

Um diesem Missstand des Unverständnisses abzuhelfen, um der Sau den Genuss an der Perle noch näher zu bringen, verfüge ich jetzt über ein Buch, das sich Fengshuiführer für komplette Idioten nennt. Abgesehen von der amerikanischen Aufmunterungsdidaktik soll es inhaltlich wohl etwas taugen. Bis zu den fliegenden Sternen bin ich allerdings noch nicht vorgedrungen, habe aber mal hingeblättert. Dort sind lauter unterteilte Scheiben mit Zahlen abgebildet, die vage an TÜV-Plaketten erinnern. Darüber fliegen die Sterne vorwärts oder rückwärts, dass mir ganz blümerant wird und ich sollte vermutlich das Kapitel mal von vorne durcharbeiten. Das kann aber noch dauern.

Also betrachte ich lieber die schematischen Zeichnungen, die sich zum Aufbau der Zimmer äußern. Allgemein gilt: eine Schildkröte im Rücken, links den grünen Drachen, rechts den weißen Tiger, in etwas Entfernung vorne den roten Phönix. Das macht alles natürlich ungemein klar. Insgesamt bezieht sich dieses Konzept auf eine alte analoge Zuordnung. Zum Norden gehören das Wasser, der Mond, der Winter, schwarz und der dunkle Krieger, das ist auch die von einer Schlange befruchtete Schildkröte. Im Süden tummeln sich Feuer, Sonne, Sommer und der rote Vogel. Zum Osten gehört das Holz, der Frühling, der Wind und der grüne/blaue Drachen, zum Westen das Metall, der Herbst, die Kälte und der weiße Tiger. Und jeweils vieles mehr. Emotionen, Krankheiten, Körperteile, alles lässt sich dort wiederfinden und einteilen. Diese Art der Zuordnung gibt es belegt jedenfalls schon seit der Zhou-Dynastie und das heißt irgendwas zwischen etwa 1000 und 221 vor. Dabei sollen der grüne Drache den Mann und der weiße Tiger die Frau repräsentieren. In der späteren Hanzeit wurde diese Zuordnung zumindest in der Alchemie umgekehrt. Aber ich schweife ab.

Wenn ich das richtig verstanden habe, soll man also im Rücken den dunklen Krieger haben, also etwas schützendes wie beispielsweise eine Wand. Links den grünen Drachen, der etwas höher sein soll, als der weiße Tiger rechts. Dann erst mal nichts und als Sichtpunkt den roten Phönix. Derart gewappnet schaue ich nun auf die Zeichnungen eines Arbeitsplatzes, der unbedingt vermieden werden sollte. Es sieht so ähnlich aus wie der an dem ich schreibe. Ich sitze mit dem Rücken zum Raum vor einer Wand mit Tür. Mein roter Phönix ist die Schreibtischlampe direkt vor meiner Nase, der dunkle Krieger fehlt und von dem Sammelsurium meiner zwei nebeneinanderstehender Schreibtische ist der Rechte höher als der Linke. Dazu reicht rechts ein Regal mit Aktenordnern bis zur überdreimeterhohen Altbaudecke. Links fällt die Linie ab bis zur Tür. Quer über den ungleich hohen Tischen liegt die Tastatur für den Computer. Auch Ergonomen würden weinen. Mein Malarbeitsplatz fällt da schon ein wenig günstiger aus (Wand im Rücken), einen Fengshuipreis würde ich dafür trotzdem nicht erhalten. Aber vielleicht könnte wenigstens der Ergonom angesichts des gut gepolsterten Stuhls, der flachen Arbeitsfläche und des Fehlens eines Monitors seine Tränen trocknen? Obwohl: Wasser muss fließen.

Wasser in Wasser schütten

18. Juni 2009

Vor etwa drei Wochen war ich in Shanghai in der Ausstellung “Gegenwärtige Tuschmalerei”. Einiges fand ich schön, anderes unverständlich, manches großartig, anderes blöd, also insgesamt eine äußerst gelungene Ausstellung. Allerdings gab es mehrere befremdliche Momente bezüglich der Ausstellung selbst, bzw ihrer Konzeption.

Ich war die einzige Besucherin und schlich mit diesem westlichen Kunstsinngesicht still durch die Räume. Gleichzeitig tat dem ermüdeten Aufseher offenbar der Rücken weh oder er war einfach müde und mit seinen Fäusten laut auf den Rücken trommelnd ging er auf und ab, ein Geräusch das durch den Saal hallverstärkt wurde. Als er damit fertig war, fing er an, ausgiebig so herzhaft und laut zu gähnen, dass ich auch ganz müde wurde.

Dies passte so gar nicht zu dem Kritischesinteresseundsachverstanddemonstriergesicht und zu der dabei unbedingt erforderlichen Stilleerwartung, dass ich beides ablegte und stattdessen die Kamera zückte, was offenbar erlaubt war.

Die nächste Irritation bestand darin, dass die Bilderrahmen zum Teil noch in Plastikfolie steckten und vor allem, dass einige Bilder in den Rahmen heruntergerutscht waren. Da dies bei unterschiedlichen Künstlern, aber den gleichen Rahmen der Fall war, kann ich eine künstlerische Absicht dabei ausschließen.

Besonders befremdlich war aber die Konzeption selbst. So gab es im Erdgeschoss Bilder von Ausländern, in der Mitte abstrakte Tuschmalerei und oben Kunst von Frauen. Was kann man nun daraus schließen? Die abstrakte Kunst war von Chinesen, wobei sich auch ein in Shanghai lebender Deutscher darunter befindet, von denen die überwiegende Mehrheit Männer sind. Hier war man also eingeladen, sich mit den Bildern zu beschäftigen. An den Ausländern (auch für Chinesen immerhin die Mehrheit der Weltbevölkerung), Männer wie Frauen, die hauptsächlich ebenfalls abstrakt malten, war offenbar hauptsächlich interessant, dass sie von außen kamen und sie mussten von den Chinesen unterscheidbar gemacht werden. Na und dann halt noch die eigenen, die chinesischen Frauen. Frauen halt. Diese Abweichung von der Norm, die man sich noch nicht einmal durch nationale Abgrenzung oder sonstwas vom Leib halten kann. Auch hier kommt es offenbar nicht auf die Bilder, sondern auf die spezielle Herkunft an. Die Norm und die Abweichung also.

Nicht, dass einem so etwas hierzulande nicht begegnet. Dauernd und überall, und auch von einem Freund musste ich mal hören, dass eine männliche Sprecherstimme neutral und sachlich sei, während eine weibliche speziell, also anders sei. Weder Logik noch Haareraufen half, um verständlich zu machen, was daran androzentrisch ist. In so einem intellektuellen Kontext wie der der Ausstellung, wäre natürlich etwas mehr Bewusstsein schön gewesen. Nur ein klein bisschen zB Foucault oder Irigaray oder gar bloß Gender Mainstreaming und ein bisschen nachdenken von hier auf gleich und schon wäre das nicht passiert. Eigentlich würde schon ganz ohne Lesen das Empfinden von der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen ausreichen.

Meine Erbosung wird unzusammenhängend durch die Texte, die ich gerade in einer sinologischen Übung lese, geschürt. Nämlich die Notizen des Beamten Chen Shengshao, der sich auch zu verschiedenen “Frauenproblemen” äußert. Immerhin sind die Notizen fast 200 Jahre alt, können also zur aktuellen Problematik konkret wenig beitragen. Aber vielleicht veranschaulichen.

Herr Chen war also um 1830 als Beamter in den südlichen Provinzen Chinas tätig und bemühte sich dort darum, die auftretenden Probleme aller Art in den Griff zu kriegen. Auch wenn er selbst gerne sagt, dass ein Übel von der Wurzel her beseitigt werden müsse, wirken seine Maßnahmen häufig eher pragmatisch oder gar oberflächlich, aus heutiger Sicht. Rechtfertigend sagt er auch: gegen den Lauf der Dinge zu Regieren ist schwer, folgt man der Natur der Dinge, dann ist es leicht. Wobei die Natur der Dinge hier der Schwachpunkt in der Argumentation sein dürfte.

Ein besonders drängendes Problem war jedenfalls das Ertränken von Mädchen,was offenbar gerade in der heutigen Provinz Fujian erhebliche Ausmaße angenommen hatte. Es gibt demographische Zahlen noch zu der Zeit vor Chen Shengshao, nämlich aus der Mingzeit. Anfang der Mingzeit (12. Jhdt) gab es in einem bestimmten Kreis 36.790 männliche und 28.368 weibliche Einwohner. Zum Ende der Mingzeit (17. Jhdt) kamen auf 32.966 Männer nur noch 11.628 Frauen. Offenbar hat sich bis zur Zeit des Herrn Chen hier keine nennenswerte Besserung eingestellt.

Er begründet das Phänomen des Mädchenertränkens damit, dass es so unglaublich teuer sei, eine Tochter zu verheiraten, dass sich Familien in Schulden stürzen müssen, die sie nie wieder los werden. Weil ja aber auch immer die Nachbarn schauen, wieviel Mitgift geleistet wird, man also an der Stelle unmöglich sparen kann, bringt man die Mädchen nach der Geburt einfach um, offenbar durch Ertränken. Das passt gut zu dem Satz, eine Tochter sei wie verschüttetes Wasser. Denn nach der Heirat gehört sie mitsamt der Mitgift zur anderen Schwiegerfamilie und pflegt auch deren Ahnen, während sie ihrer Ursprungsfamilie nichts mehr nützt, also nur gekostet hat. Da schüttet man das Wasser doch besser gleich zum anderen Wasser dazu. Bevor es einem Mühe und Kosten verursacht hat.
Die Idee, sie als Kindsbräute ohne Mitgift an andere Familien zu geben, soll nicht praktikabel sein, weil sie immer weinend zurückgelaufen kämen, wenn sie ihre leiblichen Eltern kennen.

Aber Herr Chen will Abhilfe schaffen, da aus dem akuten Frauenmangel allerlei Übel resultieren, als da wären: Familien adoptieren wegen Nachwuchsmangel fremde Jungen für die Ahnenverehrung, was zu genealogischem Chaos führt, Witwen heiraten ein zweites Mal und marodierende Junggesellenhorden sorgen für Unruhe.

Also erlässt er ein Gesetz zum Ammenwesen. Ammen, die fremde Mädchen aufnehmen werden bezahlt und mit sozialversicherungsähnlicher Versorgung ausgestattet, sie ziehen sie groß, bis die Mädchen etwa 7 Jahre alt sind und Schaufel und Besen halten können. Nochmal 6-7 Jahre später taugen sie dann als Ehefrauen. Ob sie diesen zweiten Abschnitt schon als Kindsbräute bei der neuen Familie schuften sollen, ist etwas unklar. Für ammenaufgezogene Kindsbräute fällt offenbar keine Aussteuer an und da sie ihre leibliche Familie nicht kennen, können sie zu denen auch nicht zurücklaufen. Und die Ammen werden sie ohne die Bezahlung nicht wieder aufnehmen. In der Falle, aber am Leben.

Jedenfalls gab es im Bezirk Zhaoan nach seiner Amtszeit 1200 bezahlte Ammen und als er versetzt wurde, hätten ihn die Ehefrauen und Ammen gar nicht abreisen lassen wollen. Dass er zahllosen Mädchen das Leben gerettet hat, scheint ihn zwar nur im Hinblick auf die Funktionsfähigkeit und Ordnung in der Männergesellschaft zu interessieren, aber gerettet ist gerettet, das darf man schon anerkennen. Vielleicht empfand er auch ein kleines bisschen Bedauern für die Mädchen, wie für einen ertränkten Wurf Kätzchen, fand das aber zu emotional für seine landeskundlichen Notizen.

Ein bisschen froh bin ich in dem ganzen Ärger schon, dass ich mich persönlich auf dem Niveau von Ausstellungskonzepten mit dem Thema auseinandersetzen kann.


Wiedergänger

29. April 2009

Auch wenn die meisten es nicht mehr für möglich halten werden, im April, also in diesem Monat war Ostern. Es ist noch gar nicht so lange her, auch wenn es sich so anfühlt. Und eine Woche davor, also auch noch nicht wirklich lange her, war Qingmingjie, das chinesische Totenfest. Das passt natürlich sehr schön. Erst das Totenfest, dann die Karwoche, dann die Wiederauferstehung. Schön.
Ich fragte einen chinesischen Freund, wie er denn das Totenfest begangen habe. Er schaute mich verständnislos an. Ach, sagte er dann, war das jetzt? Und woher ich das wisse. Aus dem Kalender antwortete ich nüchtern und ihm entrang sich ein Seufzer über all die Verluste, die die Kulturrevolution seinem Land eingebracht hatte. Nein, also sie würden das Fest nicht begehen. Das sieht in Taiwan natürlich ganz anders aus, aber darüber habe ich mich ja in meinem Buch schon verbreitet.
Glücklicherweise hatte ich Trost dabei, einen Schokoladenhasen mit Glöckchen und ein paar Ostereier, rote natürlich, wegen des damals noch bevorstehenden Osterfestes. Er ergriff die Gelegenheit beim Schopf und fragte mich, was es denn bitte damit auf sich habe. Ostern heißt in der unnachahmlichen Direktheit der chinesischen Sprache Fuhuojie, was soviel bedeutet wie Wiederlebenfest. Und ich erläuterte, wann Jesus gestorben und wann wieder auferstanden war, und dass er zwar als Lamm oder Fisch oder Brot metaphorisiert werden könne, nicht aber als Hase und schon gar nicht als Ei. (Obwohl ich nicht ausschließen möchte, dass es in Spanien, wo Jesus ein ganz normaler Männername ist, es auch das ein oder andere Karnickel namens Jesus gibt.) Erläutere, dass es da vielmehr wegen des Frühlings um Fruchtbarkeit (Chinesisch: Feiwo=fettes Bewässern) ginge. Mit seligem Lächeln betrachteten wir dann seine neugeborene Tochter.
Passend zu diesem Wiederlebenkomplex kamen zwei Filme in die Kinos. Da wäre einmal Ghosted zu nennen. Wie der Name schon sagt, ging es da weniger um lebendiges Wiederleben, sondern eher um totes. Ich würde den Film wahnsinnig gerne empfehlen, war es doch die erste Deutsch-Taiwanische Coproduktion, die erst nach einem engen Geburtskanal von Schwierigkeiten endlich gelang. Außerdem habe ich ein Faible für Geistergeschichten, homoerotische insbesondere. Er war mit tollen Schauspielerinnen besetzt, wobei die hiesig bekannteste wohl Inga Busch sein dürfte. Zusätzlich gab es schöne Bilder aus Taiwan. Genützt hat es trotzdem nicht.
Langweilig und prätenziös, das waren so die Gedanken, die mir beim Ansehen kamen. Besser wurde es auch nicht, als ich von den Gedanken der Regisseurin erfuhr: Der Ahnenkult Taiwans sollte verknüpft werden mit einer deutsch-romantischen Doppelgängergeschichte, wobei ich schon nicht darüber hinwegkam, dass die Doppelgängerin dem Original kein bisschen ähnlich sah, wenn man nicht von der Prämisse ausgeht, dass alle Asiatinnen eh gleich aussehen. Diese ungleiche Doppelgängerin tauchte erst nach dem Tod der anderen auf. Aber sind Doppelgänger nicht etwas, das zu dem Original gehört, von diesem erlebt und letztlich vielleicht nicht überlebt? Ist ein Wesen, das nach dem Tod des Originals herumspukt nicht schlicht ein Geist? Oder von mir aus ein Gespenst? Ein Wiedergänger, statt eines Doppelgängers? Abgesehen von Spitzfindigkeiten dieser Art hat mir der Film leider leider nicht gefallen, obwohl ich so entschlossen war, ihn zu mögen.
Der andere Wiederbelebungsfilm im weiteren österlichen und fernöstlichen Umfeld war “John Rabe”. Ich gebe zu, der Film ist etwas bieder gemacht und leider sprechen alle außer den meisten Chinesen und einigen Japanern deutsch. Aber die Geschichte allein ist erzählenswert.
Als ich Ende der 80er Jahre in Nanjing war, wollte mir ein Chinese etwas zeigen, von dem ich noch nicht einmalmehr weiß, ob es eine Gedenktafel, eine Statue oder sonstwas war. Ich weigerte mich schlicht, es wahr zu nehmen. Irgendetwas das eben an John Rabe erinnert, den guten Nazi von Nanjing. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Nichts wollte ich davon hören, sehen oder gar glauben. Nichts. Und eigentlich hatte ich das alles längst vergessen, bis mir vielleicht 15 Jahre später ein Buch in die Hände fiel über Nanjing Datusha, das “große Schlachten”/das Massaker von Nanjing.
Im Winter 1937 lagen China und Japan in einem ungleichen Krieg. China, noch zerrissen über die Frage, wo es nach dem Untergang der Kaiserzeit 1911 hin gehen soll, ausgelaugt und gedemütigt vom westlichen Ausland und dem technisch längst modernisierten Japan, geplündert und erschöpft von eigenen, gierigen Kriegsherren und selbstherrlichen Lokalmatadoren und gespalten in zwei sich mühsam in eine Einheitsfront gequälten, gleichermaßen undemokratischen Parteien.
Also marschiert die japanische Armee ohne nennenswerte Schwierigkeiten und mit eigenen Herrenrasseideen eifrig auf Nanjing zu. Bitter, hässlich, aber im Rahmen des Erwartbaren. Die Guomindang verfolgte bei ihrem Rückzug eine Politik der verbrannten Erde, was für die Zivilbevölkerung eine zusätzliche Bedrohung war.
Doch an irgendeiner maßgeblichen Stelle reichte irgendwelchen maßgeblichen Japanern, wie vielleicht dem kommandierenden Prinz Asaka, oder General Iwane Matsui der Sieg nicht, reichte es nicht, dass die damalige chinesische Hauptstadt am 13.12.1937 fiel. Es musste gefoltert, geschändet, getötet, vernichtet, verheert werden. Dazu kam die Weisung von Kaiser Hirohito keine Gefangenen zu machen. In den wenigen Wochen der Jahreswende 1937/38 wurden 200.000 bis 360.000 Zivilisten ermordet. Zerfleischt, zerrissen, wettgeköpft, gekreuzigt, lebendig begraben, gebraten, zerschnitten und natürlich erschossen.
Von sexueller Gewalt ganz zu schweigen.
General Matsui, dessen Rolle irgendwie unklar blieb, wurde nach einem internationalen Tribunal hingerichtet. Prinz Asaka genoss als Mitglied der kaiserlichen Familie Immunität.
In all dem John Rabe, seit 1908 als Kaufmann für Siemens in China. 1934 war er in die NSdAP eingetreten.
Siemens hatte ihm die Weisung zum Rückzug gegeben, doch Rabe blieb. Mit so einer erbarmenden Massahaltung, wie ein selbsterklärter Südstaatengutmensch für seine behauptet kindergleich verlorenen Negersklaven. Ok. Aber er blieb. Und setzte sein Leben aufs Spiel für die, für die er zuständig war und für dann schnell sehr sehr viele Menschen mehr. Er wurde Vorsitzender der internationalen Sicherheitsszone, die zum Schutz der Zivilbevölkerung von 15 der verbliebenen 22 Ausländern gegründet worden war. Faktisch wurde er damit Bürgermeister der administrativ und militärisch aufgegebenen Stadt. Für die Sache schrieb er niedliche Briefe an Hitler, immer im Glauben, dass dieser humanitäre Staatsmann alsbald helfen würde. Diese völlige Verkennung der politischen Gegebenheiten lässt sich nur damit irgendwie erklären, dass Rabe 1930 das letzte Mal in Deutschland war. Und das Zitat von Hitlers Seele, die “an die Sterne strich und der doch Mensch blieb wie du und ich” empfiehlt ihn vermutlich für eine Psychoanalyse beim Juden Sigmund Freud. Antisemitismus ergibt sich aus seinen Tagebüchern jedenfalls keinesfalls. Für Rabe, der sicher auf “deutsche Tugenden” hielt, hieß Nazi zu sein: “Wir sind Soldaten der Arbeit, wir sind eine Regierung der Arbeiter, wir sind Freunde der Arbeiter, wir lassen den Arbeiter, den Armen, in seiner Not nicht im Stich.” No, soweit das sozial, unter national kann man ja so allerlei verstehen.
Indirekt war Hitler immerhin von Nutzen, weil das Deuten aufs Hakenkreuz und Heilhitlerdeutschgeplärre immer wieder dazu beitrug, dass einzelne Japaner mit irgendeiner Schandtat aufhörten, größeren und kleineren.
Dank der Schutzzone überlebten etwa 200.000 Menschen und Rabe wurde ihr lebender Buddha.
Nach dem Massaker, Anfang 1938 kehrte Rabe nach Deutschland und dort nach Berlin zurück. Siemens hatte keine wirkliche Verwendung mehr für ihn. Statt kommerzielle Interessen stringent zu verfolgen hatte er maßgeblich dazu beigetragen einige 100.000 zu schützen, zu ernähren, das Leben zu retten. Das erforderte großes organisatorisches Geschick, aber mehr wog wohl der Ungehorsam, der Vorzug des Menschlichen über wirtschaftlichem Kalkül. Rabe versuchte hartnäckig die Partei und den verehrten Herrn Hitler über die Gräuel und Greuel zu unterrichten. Er hielt Vorträge und zeigte Filme über die Vergewaltigung von Nanjing, auch vor einem SS-Gremium. Die daraus gezogenen Konsequenz war jedoch für Rabe unerwartet. Die Gestapo kam, beschlagnahmte den Film und verschiedene Texte, und belegte ihn mit einem Schweigegebot.
Nach der Befreiung wurde es für ihn nicht viel besser, denn er wurde zunächst nicht entnazifiziert. Siemens wollte ihn nun angeblich deshalb nicht mehr haben und auch sonst niemand. Für körperliche Arbeit war er wegen seiner Diabetes nicht geeignet. Erst in der Berufung wurde er entnazifiziert, aber das nützte ihm dann auch nicht mehr viel. Deutschland wollte von dieser grauschillernden Figur eines lebenden Buddha keine Notiz nehmen. Genausowenig wie ich, etwa 40 Jahre später. Doch China, in Form der Nationalregierung der Guomindang erinnerte sich seiner und bedachte ihn mit Care-Paketen, bis 1949 die Chinesen andere Sorgen hatten. 1950 starb er arm und die VR China bemühte sich später um den Grabstein, seines nach Ablauf der Liegefrist aufgelassenenen Grabes. In China war Rabe wohl unabhängig vom politischen System nie vergessen, ein Trostpflaster auf dem Trauma von Nanjing.
Ein jovialer, patriarchaler Witzboldheld. Aber ein Held.
Nun ist diese Wiedererweckungsgeschichte so derart mit Tod und Leid verknüpft, dass es schwierig ist in eine nachösterlich lebendigfrühlingsfrohe Stimmung zurück zu finden. Aber der erste Mai naht und damit Krawall unter blühenden Bäumen, das wird dann schon irgendwie für Ablenkung sorgen.

Gewölbegestaltung

31. März 2009

Bekanntermaßen ist Taiwan das Kunststück gelungen, sich selbst und von innen heraus von einer Militärdiktatur unter Kriegsrecht zu einer Demokratie zu entwickeln. Und wie es aussieht, zu einer echten. Schließlich gab die erst totalitär, dann ab 1996 demokratisch herrschende Guomindang im Jahr 2000 erstmalig und tatsächlich die Macht an die demokratische Fortschrittspartei ab. Leider muss sich deren Präsident aD Chen derzeit wegen Korruption, Unterschlagung und Geldwäsche vor Gericht verantworten. Sollte es sich dabei um ein Komplott handeln, steckt die Demokratie vielleicht doch noch in den Kinderschuhen. Wenn nicht: willkommen im Zirkel der demokratischen Ehrenmänner.
Seit der letzten Wahl 2008 stellt jedenfalls die Guomindang wieder den Präsidenten, einen gewissen Herrn Ma. Schlagartig verbesserten sich die Beziehungen zur VR China. Tauwetter in der klimatisch ohnehin völlig frostfreien Taiwan Strait. Das freut einen natürlich irgendwie. Wenn die Welt friedlicher und harmonischer wird. Das ist ganz grundsätzlich eine schöne Sache. Hängt in diesem Fall aber damit zusammen, dass die Guomindang auch eine Einchinapolitik verfolgt. Taiwan als eine Provinz Chinas und umstritten ist nur, wer das Land regiert, bzw regieren soll. Die Fortschrittspartei hat ihre Anhänger eher bei jungen Leuten bzw den alteingesessenen Taiwanern, deren Eltern zwischendurch auch mal Japaner waren und denen Sinn und Bedürfnis, China zu sein völlig abgeht.
Mir ging das ja vor über 20 Jahren ähnlich. Ich fragte mich und andere, ob es nicht vielleicht mal an der Zeit sei, dass das Grundgesetz und die Bildzeitung ihren Wiedervereinigungsanspruch aufgäben. Man müsse doch auch mal historische Fakten akzeptieren etc pp. Wie bekannt, wurde ich mit meinem Vorwurf der Gestrigkeit von der Geschichte plötzlich rechts überholt. Während aber im Verhältnis DDR/BRD der Wiedervereinigungsimpetus der letzteren die Beziehungen erschwerte, ist bei Festland China/Taiwan das Gegenteil der Fall. Wenn und solange Taiwan auch vom gemeinsamen China träumt, ist die VR zufrieden.
Ich fragte eine taiwanische Freundin, was sie denn von dem neuen taiwanischen Guomindang-Präsidenten halte. Ich gebe das jetzt besser nicht wörtlich wieder, denn retour kam eine wütende Schmähschrift. Ok, dachte ich, sie empfindet die Entspannung augenscheinlich als nicht so zentral. Fäkalsprachenbereinigt könnte man den Anwurf mit Duckmäuser und Verräter zusammenfassen.
Dann erkundigte ich mich bei einem volksrepublikanischen Freund, den ich jetzt mal Xianfa nenne, nach seinen Ideen zu Taiwan. Überraschenderweise hatte er welche. Häufig wird bei einer vorsichtigen Nachfrage meinerseits in der allgemeinen gehaltenen Antwort an das Wort Taiwan noch der Zusatz Provinz gehängt, dann weiß man gleich wo der Hammer hängt. Ein weiteres Nachfragen erübrigt sich so.
Also, sagte er, er hätte im Prinzip nichts gegen eine Wiedervereinigung, diese setze aber voraus, dass die Volksrepublik demokratisch würde. Ich finde, das ist ein hübsche Idee, dass sich die wiedervereinigungsversessene Seite der anderen anpasst und nicht umgekehrt. Auch inhaltlich spricht hier natürlich einiges dafür.
Und so -natürlich nicht in erster Linie deswegen- machte sich Xianfa ans Werk und ich darf mithelfen. Er erklärte mir, dass ja die Übernahme westlicher Zivilrechtsstandards eine schöne Sache sei und vermutlich auf wirtschaftlicher Ebene zu ein bisschen mehr Rechtssicherheit führen könnte. Aber eigentlich sei das alles bloße Kosmetik. Die Volksrepublik müsse sich mit westlichen, zum Beispiel deutschem Staatsorganisationsrecht auseinander setzen, Gewaltenteilung, Föderalismus, Grundrechte. Pipapo. Diese Dinge eben. Ich stimme völlig überzeugt, taktisch aber vielleicht etwas ungeschickt, vollmundig zu. Und komme so wie die Jungfrau zum Kinde. Und Kinder machen nun mal Arbeit, unbezahlt aber befriedigend. Irgendwie. Habe ich mir sagen lassen. Xianfa und ich treffen uns jedenfalls nun wöchentlich, um an der Übersetzung eines grundlegenden Staatsorganistionsrechtsbuches zu arbeiten. Natürlich helfe ich nicht bei der Übersetzung ins Chinesische, das würde einen schönen Unsinn ergeben, sondern bei der Erläuterung des Deutschen, oder sogesehen des Fachchinesischen. Da Xianfa auch Jurist ist, muss ich glücklicherweise nur selten die juristischen Begriffe selbst erläutern.
Der gemeine deutsche Jurist, insbesondere der professoralen Hintergrundes, befleißigt sich aber mit Vorliebe einer etwas gestochenen, um nicht zu sagen geschraubt veralteten Ausdrucksweise, gleichwohl diese zugunsten einer präzisen Definierbarkeit zuweilen berechtigt, ja sogar geboten erscheint, die einen potenziellen Leser, für den Deutsch zudem eine Fremdsprache darstellen mag, jedoch mitunter ratlos zurücklässt.
Meine erste Aufgabe besteht also daran, die Bezüge herzustellen. Auf was bezieht sich in einem ellenlangen Satz ein die oder der oder das oder dass. Dann versuche ich so sonderbare Wörter wie “mitunter” oder “sich befleißigen” zu erklären. Oder dass gemein nicht immer fies heißt. Das geht meist recht gut, aber wie bitte könnte ich Ausgestaltung erläutern? Ausgestaltung eines Rechts, beispielsweise. Das kommt im Text sehr häufig vor. Und es gibt weder ein Synonym, noch eine Übersetzung. Schaffung, Bestimmung, Definieren, greift alles zu kurz. Die chinesische Übersetzung wird hier wohl oder übel etwas flacher ausfallen.
Dann müssen lateinische und französische Begriffe übersetzt werden. Wie soll denn auch Xianfa wissen, dass es sich bei: “Verhältnismäßigkeit und Proportionalität müssen gewahrt werden” eigentlich nur um eine Voraussetzung handelt? Und natürlich ist auch manchmal auszudeutschen, was der Autor überhaupt sagen will. Dazu bemale ich dann Zettel mit Kreisen und Pfeilen und Zeitachsen, als würden wir eine Mischung aus Physik und Mengenlehre betreiben.
Der Höhepunkt sind Redewendungen, wie das sich selbst erklärende “mit Kanonen auf Spatzen schießen” (Stichwort: Verhältnismäßigkeit). Oder: “Ein effektiver Rechtsschutz ist der Schlussstein im Gewölbe des Rechtsstaates.” Da gilt es erst ein Gewölbe zu erklären, was nun wirklich keine traditionell chinesische Bauform darstellt (ich sage nur: Holzbalkendecke) und dann plastisch zu machen, was passiert, wenn der Schlussstein weggelassen wird. Wie alles zusammenfällt, all das zuvor sorgsam und mühsam Erbaute. Ich bin gespannt, welche chinesische Redewendung Xianfa dafür einfällt. Denn mit Sicherheit gibt es in den unendlichen Weiten chinesischer Sprichwörter auch dafür etwas Passendes.
Wenn er dann alles verstanden und in wunderbares Chinesisch übersetzt haben wird, soll das Werk in einer chinesischen Juristenzeitschrift erscheinen. Das wird dann zwar sicher nicht der Auslöser einer Lawine werden, aber vielleicht ein Beitrag zu einem Rinnsal, das mit anderen Rinnsalen zu einem Bach, einem Fluss, einem Strom zusammenfließt. Dann schließlich wird die Demokratie in der Volksrepublik erblühen, die taiwanisch/festländischen Brüder und Schwestern werden sich glücklich in die Arme sinken und Frieden und Glück wird sein allüberall.
Um der Freundschaft willen erzähle ich also meiner taiwanischen Freundin besser nichts von diesem Projekt.
Und wer kriegt dann eigentlich von wem das Begrüßungsgeld?

Schall und Rauch

27. Februar 2009


Ich wollte ja schon lange mal etwas zu chinesischen Namen schreiben, aber das sollte natürlich fundiert und informativ sein. Für Fundiertes und tiefgehender Informatives habe ich aber gerade keine Zeit. Auf der anderen Seite ging die Frage nach deutschen Namen gerade so schön durch die Presse, dass ich nun nicht länger an mich halten kann. Die Frage also, die das Bundesverfassungsgericht gerade beschäftigt, ob neben Doppelnamen auch Tripel-, bzw Quadrupelnamen zulässig sein müssen. Da will ein Paar unbedingt einen gemeinsamen Ehenamen, aber auf den eigenen nicht verzichten, auf den eigenen Doppelnamen. Ist ja schließlich auch so eine Art Marke und die jeweiligen Kinder heißen so. Das ist natürlich völlig verständlich. Nur der Wunsch nach dem gemeinsamen Ehenamen nicht. Wozu soll der denn dann noch gut sein?

In der langen chinesischen Geschichte kommt man schon seit jeher ohne gemeinsame Ehenamen aus. Darin könnte natürlich die subtile Spitze verborgen sein, dass die zur Familie ihres neuen Mannes ziehende Ehefrau eben nie wirklich zu dieser Familie gehören wird, sondern eben angeheiratet bleibt. Das ist nicht von der Hand zu weisen. So wahnsinnig subtil ist es auch letztlich gar nicht. Auf der anderen Seite darf sie immerhin ihre nominelle Identität behalten, ist ja auch was. Und mittlerweile ziehen auch die Bräute nicht mehr alle zu den Schwiegereltern.

Jedenfalls habe ich noch nie gehört, dass in China oder Taiwan überlegt wurde, Ehedoppelnamen einzuführen. Aber wenn, wäre es ein weiter Weg zu Leutheusser-Schnarrenberger. Erst nur ein kleines Li-Chen. Auch Quadrupel müssten nicht schrecken: Frau und Herr Li-Chen-Shi-Liu, das ginge doch noch. Da könnte man noch drei/vier Namen dranhängen ohne sich den Mund fusselig zu reden. Ich dagegen würde Schneider-Haas-Bürkner-von Hofmann heißen. Oder etwas bedeutsamer klingend: von Hofmann-Bürkner-Haas-Schneider. Gerade das Haas-Schneider hat wirklich einen hübschen Klang. Und doch würde das Ganze beim Formulareausfüllen schon mal zu einer Belastung werden. Es führte schon zu traurigen Staatsdienerblicken in anderen Kontinenten, wenn sie den damaligen Ausstellungsort meines Passes (den längsten Gemeindenamen der Republik: Höhenkirchen-Siegertsbrunn) abschreiben mussten. Mit Umlaut und allem pipapo. Gut, aber das ist Geschichte.

Die chinesisch-sprachige Welt neigt jedenfalls nicht zu derartigen Exzessen. Die Kinder heißen im ehelichen Legalfall wie der Vater, sonst eben wie die Mutter. Das ist patriarchal und daher kritikwürdig, aber nicht zungenbrecherisch. Ob ich danach auch noch Schneider heißen würde ist unklar, da es in meiner väterlichen Linie eine Unehelichkeitsepisode geben soll, ich aber ohne Ahnenforschung außer Stande bin nachzuvollziehen, ob die auf meinen Nachnamen durchgeschlagen hätte. Vielleicht würde ich dann jetzt Hassdenteufel heißen. Aber das ist nur der Name eines Zahnarztes, der mich als Kind sehr beeindruckt hat und gar keine echte hypothetische Möglichkeit.

Die chinesische Sprache neigt also insgesamt zur Kürze. Beispielsweise heißt 269 auf deutsch zweihundertneunundsechzig (25 Buchstaben). Und auf polnisch gar dwiescieszescdziesiatdziewiec (29 Buchstaben, und was für welche!). Auf Chinesisch reicht dagegen erbaijiushiliu, 14 Buchstaben, die in echt aber nur mit fünf Zeichen geschrieben werden. Und so gilt auch bei den Vornamen gebotene Kürze: kein Anna-Katharina und Karl-Friedrich. Oder angesagter: Cheyenne-Blue und Elias-Emanuel, sondern zwei Silben, fertig. Oder eben nur eine Silbe. Das unterliegt dann auch der Mode. Und den Lebensumständen.

Meine Kalligrafielehrerin wurde beispielsweise zur Zeit der japanischen Besatzung auf Taiwan geboren. Dort gab es nun einen gewissen Druck, den Kindern japanische Namen zu geben, schließlich sollte auch japanisch gesprochen werden. Und das bedeutete zumindest für alle Mädchen, das hinten ein -ko angehängt wird, was eigentlich Kind/Sohn bedeutet. Mir scheint dieses -ko einem hiesigen -i vage vergleichbar, jedenfalls eine Art Verniedlichung. Sie hieß also auf Japanisch Haruko, auf Chinesisch Chunzi und auf Deutsch Frühlingchen. Dann verlor Japan den zweiten Weltkrieg und musste Taiwan wieder hergeben. Damit hatten auch die japanischen Namen ausgedient und Frühlingchen wurde zu Frühling-Osmanthus, ganz chinesisch. Diese Namensänderung war dann eigentlich eine reine Privatsache. Bei uns ist eine Vornamensänderung ein riesiger bürokratischer Aufwand, mit nur geringen Erfolgsaussichten. Ein triftiger Grund muss vorliegen, der darin besteht, dass das weitere Führen des Namens eine erhebliche Unzuträglichkeit darstellt. Der Name ist quasi eine Staatsaffäre. Und eine Änderung des Vornamens kann bis zu 255 € an Gebühren kosten. Namen scheinen chinesisch viel privater zu sein als bei uns, wo die festgelegte, benannte Identität für den staatlichen Zugriff offenbar fundamental benötigt wird. In einem Clansystem mögen Vornamen persönlicher gehandhabt werden.

Doch natürlich ist auch in der chinesischen Welt die diesbezügliche Verrechtlichung auf dem Vormarsch. So hatte die kleine Tochter einer chinesischen Freundin in der VR China einen typisch chinesisch-privaten Kosenamen, Qingqing, und dieser Name war den Behörden auch mitgeteilt worden. Irgendwann dachte die Mutter, dass der Kindername langsam nicht mehr passend ist und ging also zur Polizei um den Namen zu ändern. Sie machte sich gar keine weiteren Gedanken darüber, da Namensänderungen in China eher üblich als eine große Sache sind. Beispielsweise hieß ihre Schwester zweisilbig so etwas wie Natürliche Glorie, wollte aber als junge Frau plötzlich lieber einen damals modernen einsilbigen Namen. Hui, Scharfsinn, war ihre Wahl. Mit etwa folgendem Aufwand bei der Behörde: “Ich will statt Natürliche Glorie Scharfsinn heißen.” “Ok, ich hab´s notiert.”
Erleichtert wurde diese Praxis natürlich auch dadurch, dass Personalausweise überhaupt erst ab dem 20. Lebensjahr ausgestellt wurden. Bei Qingqing war es schon etwas schwieriger. Der Beamte musste erst überzeugt werden, dass das Mädchen nicht mit seinem Kindernamen erwachsen werden kann und schließlich wurde sie als Qingtong eingetragen. Ihre gleichaltrige Cousine hatte nur kurze Zeit später weniger Glück und sie muss nun offiziell für immer mit ihrem Kinderkosenamen herumlaufen. So wie Spatzl, Irmeli oder in meinem Fall: Dicke. Das klingt nun nicht so attraktiv, aber ein deutsches Standesamt hätte das ohnehin nie als Namen eingetragen.

Aber auch für den Fall dass, muss man das in Relation betrachten. Ein chinesischer Freund von mir heißt beispielsweise mit -damals einsilbig modernen- Namen: Armee. Auch nicht so schön. Wenn wir aber nun unsere Namen, die sich ja stark von Wörtern unterscheiden, in Worte übersetzen, sieht es soviel anders auch wieder nicht aus. Männerabwehrer statt Alexander beispielsweise. Da kommen einem chinesische Namen schon weniger abwegig vor. Ob ich nun sage: na, hallo Männerabwehrer, wie geht´s? Oder ob ich sage: na, hallo Armee, wie geht´s? Das unterscheidet sich nicht wirklich. Nur weiß der gemeine Chinese, was er sagt und wir nicht. Oder ist wirklich allen klar, dass jemand namens Speerkraft bei uns Gertrud heißt? Klingt Gertrud für uns nicht eher nach alter Tante? Ich hab´s da noch ziemlich gut getroffen, denn mein erster Vorname geht auf das griechische Helena zurück, was die Ungarn in ihrer eigenen Gestimmtheit nicht wie die Japaner vielleicht zu Helenko, sondern zu Ilonka/Ilka verniedlicht haben. Und das heißt hell, leuchtend, strahlend. Das ist sowohl allgemeiner als auch weniger zeitgebunden als beispielsweise Rote Verteidigung, wie eine chinesische Freundin heißt. Glück gehabt.