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Es gab eine Zeit in China, in der war ein winziger Fuß Voraussetzung zur Einstellung als Ehefrau in einem gehobenen Haushalt, oder auch als Unterhaltungskünstlerin in besseren Kreisen. Die Qualifikation für die begehrtesten Jobs war in den letzten Jahrhunderten der Kaiserzeit ein 3cun-Goldlotos und das bedeutet einen Fuß von gerade mal 10cm Länge. Den allerdings die wenigsten erreichten.

Zehen rauf

Dieses doch recht anspruchsvolle Anforderungsprofil bildete sich natürlich erst im Laufe der Jahrhunderte heraus. Auf so etwas kommt man nicht von jetzt auf gleich. Früher arbeiteten bei uns beispielsweise Friseure, Vertreter und Henker nebenbei als Ärzte. Und nun sehe man sich an, was ein Mediziner heute alles vorweisen muss.

In China begann das mit den gebundenen Füßen vor gut 1000 Jahren. Zunächst wurden die Zehen beispielsweise nach oben gebunden. Einige Paar ausgegrabener und nach oben gebogener Schuhe und Socken aus dem 13. Jahrhundert waren etwa 14 cm lang. Mein Zollstock sagt mir, dass meine unbearbeiteten Füße ungefähr 24 cm lang sind. Dafür bin ich vermutlich auch etwas größer und damit großfüßiger als die antike Chinesin. Binde ich meine Zehen senkrecht nach oben, komme ich aber immer noch auf 20 cm und eine stark gedehnte Achillessehne. Die Trägerin soll aber auch noch nicht ausgewachsen gewesen sein.

Rechne ich meine Schuhgröße nach dem Pariser Stich um, dem Fußmaß für kontinentaleuropäische Größen, müssten meine Füße sogar 25 cm lang sein. Ich möchte Messungenauigkeiten nicht ausschließen, aber ich lese auch, dass Deutsche im Schnitt zu große Schuhe tragen. Ich dachte immer, das liegt an der spezifischen Birkenstockform. Soll ich auf Größe 37,5 umschwenken? Die 20 cm mit den Zehen nach oben wären jedenfalls nicht einmal eine 32, aber eben eine mit Luft nach oben.

Zehen runter

Die Zehen wurden als Spielball der Gattinnenscouts also mal hierhin und mal dahin gebunden. Zu anderen Zeiten und an anderen Orten in China ging es nämlich insbesondere um einen schmalen Fuß, so dass Zeigezeh, Mittelzeh, Ringzeh und kleiner Zeh unter den Fuß gebunden wurden.

Für einen 3cun-Lotos ist es natürlich mit dem schlichten Hoch- oder Runterbinden der Zehen nicht getan. Auch wenn beim Zehenunterdenfußbinden schon rein anatomisch eine größere Schrumpfung zu erreichen ist. Da man für eine hübsche Spitze den großen Onkel aber nicht wegbindet, ist der Fuß zwar schmaler, aber in der Länge ist eigentlich nichts gewonnen. Beziehungsweise verloren.

Also musste schließlich, quasi als drittes Staatsexamen, der ganze Fuß umorganisiert werden. Man schiebt ihn durch frühes und festes Binden soweit zusammen, dass eine Art Huf entsteht, bei dem nur die Ferse und die untergebundenen Zehen den Boden berührten, während die ursprüngliche Sohle eine tiefe, steile und enge Falte bildet. Das Brechen der Knochen ist dafür im Übrigen nicht unbedingt notwendig. Wenn man nur früh genug damit anfängt.

Weniger schmerzhaft wird es dadurch aber auch nicht.

Damen aus Kruppstahl

Denkt man an landläufige Tätigkeiten von Füßen, wie laufen, gehen, springen, tanzen oder stehen, werden diese durch das Einbinden -egal in welche Richtung- auf jeden Fall drastisch eingeschränkt. Das Ertragen des Schmerzes absorbiert in großem Maße die Multitaskingfähigkeit der Füße. Aber die war auch nicht der Punkt. Dafür konnte man eine Stellung als Ehefrau in einem angesehenen Haushalt ergattern. Wie heißt es so schön: ein 3cun-Goldlotos ist nicht dafür gedacht, einen Berg zu besteigen, sondern die soziale Leiter.

So unendlich viele Berufsmöglichkeiten gab es für Frauen damals schließlich nicht. Obendrein wurde das Selbstwertgefühl durch eine hingebungsvolle Demonstration von Häuslichkeit und Durchhaltevermögen gestärkt. Es liegt in der Natur des Menschen, eine Aufgabe zu haben und diese möglichst gut zu erfüllen. Und so kultivierten sich die Damen selbst bis ins Mark, wortwörtlich. Hart wie Kruppstahl. Der daraus resultierende schwankende Gang, ach dieser wunderbare Gang: wie eine Weide im Wind. So eine Weide, die kommt ja auch nicht vorwärts und niemand findet das problematisch.

Gleichzeitig waren die Lotosfüße ein Fetisch, ein sexuelles Symbol. Bizarrerweise wuchs der Wert der Frau als ehrbare Gattin genau wie der als Unterhaltungskünstlerin umgekehrt proportional zur Größe der Füße. Nur musste die eine besser nähen und die andere besser dichten können. Henker und Arzt haben eben doch irgendwie die gleichen Grundlagenqualifikation.

Untaugliche Beschwichtigungen

Bei aller Drastik und Schrecklichkeit möchte ich nun diejenigen, die sich beim Anblick dieser winzigen Schuhe für Lotosfüße winden, so gut beruhigen, wie es eben geht. Denn die Größe, bzw die Winzigkeit der Schuhe sagt nur annäherungsweise etwas über die Größe der Füße aus. Zum einen handelte es sich zu den Zeiten der extrem kleinen Füße oft um Highheels und das bedeutet: bei einer Grundfläche von sagen wir 9 cm und einer Höhe von 4 cm beträgt die Sohlenfläche à la Pythagoras immerhin fast 10 cm. Ok, wenn ich auf meine etwa 24 cm großen Füße schaue, tröstet das wenig.

Dann kommt noch der Trick mit der Ferse dazu. Denn diese kann ja durchaus über den Schuhrand hinausschauen. So habe ich beispielsweise in meinem Schrank Stilettos gefunden, die vom Absatz bis zur Spitze 18,5 cm messen. Der Schwund der 6 cm meiner eigentlichen Fußlänge wird einerseits durch die Höhe erzeugt und andererseits dadurch, dass der Absatz nicht unter der hinteren Ferse, sondern in der Mitte der Ferse angebracht ist.

Es gibt ein sehr berührendes Foto einer Chinesin von 1880, die mit einem nackten und einem beschuhten Fuß abgebildet wurde. Der Fuss im Schuh sieht halb so groß aus, wie der Nackte. Aber ich gebe es zu: dieser entblößte Fuß ist dennoch unbeschreiblich verformt. Außerdem lehnten es einige ab, sich auf solchen Budenzauber einzulassen und gingen flach.

Äpfel und Birnen

Frauen mit nicht eingebundenen Füßen waren im Übrigen nicht die Zielscheibe von Hohn und Spott. Denn diese Freifüßigen brauchte es auch, als Bäuerinnen und Tagelöhnerinnen und Dienstmädchen und welche Berufe nicht alle besser zu Fuß sein mussten. Die spielten einfach nicht in der gleichen Liga. Wenn man Äpfel schon nicht mit Birnen vergleicht, ist ein Vergleich zwischen Orchideen und Brennnesseln mehr als absurd.

Auf der anderen Seite standen die Mandschurinnen, die Frauen der herrschenden Klasse der Qing-Dynastie. Auch sie banden die Füße nicht. Im Reflex auf die Fremdherrschaft galt Füßebinden deshalb natürlich als besonders patriotisch. Lästern verbot sich hier aus politischer Klugheit.

Nicht auf all diese zielte also der boshafte Spott, sondern auf die mit schlecht oder/und zu spät gebundenen Füßen. Denen der gebundene Fuß nicht “natürlich” war und daher plump und groß wurde. Die es nicht drauf hatten. Gewollt aber nicht gekonnt. Parvenues. Lächerliche Gestalten. Ein kleinbürgerlich wirkender Faschismus, der nur deswegen halbwegs nachvollziehbar ist, weil es sich in vielen Fällen bei den Ehefrauen- und Kurtisanenjobs um Zeitarbeitsverhältnisse handelte. Da tritt auch der winzige Fuß nach unten, um oben zu bleiben. Keine Gewerkschaft weit und breit. Amazon und Lidl wirken fast als traumhafte Arbeitgeber.

Bonsai oder Eiche

Als ich mir Kletterschuhe kaufte, bekam ich den Hauch einer Ahnung vom Einsatz der Frauen für Ihren Wert. Mein Fachverkäufer klärte mich darüber auf, dass die Zehen angewinkelt sein müssten und dass es nicht darauf ankäme, dass ich nun nicht mehr laufen könnte, sondern dass ich keinen Krampf bekäme, wenn ich auf einem Vorsprung stünde. Auch ohne Krampf entschied ich mich für eine Nummer größer. Ich will ja nicht zur Wand kriechen. Es ist schmerzhaft genug, obwohl die Schuhe nur etwa 2 cm kleiner sind als meine Füße. Über die Möglichkeit, die Zehen nach unten zu wickeln, wollte ich dann lieber nicht mehr nachdenken, das würde fürs Klettern auch nichts bringen.

Das Schöne ist, dass sich Zehen und Füßen nach dem Ausziehen dieser Foltergeräte wieder erholen und ausbreiten. Da erging es vielen Chinesinnen Anfang des 20.Jahrhunderts anders. Damals wurde der natürliche, der Himmelsfuß propagiert, eine sehr erfreuliche Entwicklung. Allerdings wurde diese Himmelsfüße-Bewegung zur Fußbefreiungsbewegung ausgeweitet. Um den Fortschritt zu preisen und zu beweisen, sollten nun auch seit Jahrzehnten eingewickelte Füße “befreit” werden. Käfigtür auf, Kanarienvogel raus. Nur gab´s da nüscht mehr zu befreien. Der Vogel hatte keine Flügel mehr. Bänder, Absätze und Schuhe dienten dem fertig deformierten Fuß eher als Halt, als als Beschränkung. Machten wenn nicht lauf- so zumindest wankfähig. Aus einem eleganten Bonsai wird keine stolze Eiche mehr.

Nach all den Schmerzen sprach man den Frauen damals ihren Stolz, ihre Anpassung an den Markt ohne Rücksicht auf die eigenen Verluste auch noch ab. Aus den eleganten, den maximal und in jeder Hinsicht verkultivierten chinesischen Damen wurden aus politischen Gründen plötzlich peinliche Krüppel. Bonsai zu sein wurde moralisch anrüchig. Die abgestorbenen Klumpfüße wurden wieder aufgebrochen. Und die lotosfüßigen Frauen zur Schande Chinas erklärt. Das hatten sie wirklich nicht verdient.

Ab 1911 war das Füßeeinbinden verboten. Aber in diesem großen Land, oh mei. Bis mindestens in die 30er Jahre wurde in entlegeneren Gebieten gebunden. Und die letzte Spezialfabrik für Lotosschuhe schloss demzufolge erst 1988.

Heute ist alles anders

Heute zählen andere Werte. Schön heißt heute, groß und gesund zu sein. Nicht zart und kultiviert. Eine bestimmte Körpergröße ist sogar bei vielen Banken und auch dem Staat Einstellungsvoraussetzung.  Es geht schließlich um Repräsentation. Eine große und starke Nation, braucht große und gesunde Vertreter. Die zahlreichen Klagen dagegen waren bisher nur von geringem Erfolg gekrönt.

Da lässt man sich schon mal die Beine brechen und verlängern. Das erfordert eine erhebliche Schmerztoleranz und vielleicht ein halbes Jahr Bettlägerigkeit, während der der an der Bruchstelle leicht auseinandergehaltene Knochen sich verzweifelt bemüht wieder zusammenzuwachsen und immer wenn er es fast geschafft hat, erneut auseinandergezogen wird. Aber was macht man nicht alles? Der winzige (1,49 m) Deng Xiaoping hätte heute keine Chance mehr.

Mehr Erfolg hatte ein Sturm der Entrüstung gegen das Einstellungserfordernis symmetrischer Brüste bei Staatsbediensteten in Hunan. Die Personalchefs schielen vielleicht immer noch aufs Dekolleté, dürfen damit aber nicht mehr das Schließen oder Ablehnen des Arbeitsvertrages begründen. Immerhin. Ähnlich erfolgreich waren die Verkäuferinnen einer schwedischen Dessouskette, die seit kurzem auch nicht mehr ein Schild mit ihrer Körbchengröße tragen müssen.

 

Was drauf steht

Im Moment regen sich alle auf, weil etwas anderes drin ist, als draufsteht. Das hat schon Konfuzius genervt. Dabei fängt es ja schon vorher an, nämlich mit dem was draufsteht. Wurscht was drin ist. Schweinswurscht, Pferdewurscht, Weißwurscht, Frankfurter Würstchen, Leberkas. Egal.

Viele Westler fürchten zum Beispiel, auf dem in China gekauften T-Shirt stünde beispielsweise: “Ich bin ein blöder Fettsack.” Obwohl das vielleicht stimmt. Andererseits gibt es die Befürchtung, dass einem Hund serviert wird, wenn man Schwein bestellt hat. Dabei werden wie bei uns, so auch in China Delikatessen normalerweise nicht durch Deklarierung als normales Essen versteckt. Von Pferdelasagne mal abgesehen. (Ich muss in diesem Zusammenhang gestehen, dass ich als Kind eine Zeit lang glaubte, das Pferd sei der Mann von der Kuh und der Hirsch der vom Reh.)

Aber zurück zur Bezeichnung jenseits des Inhalts, denn auch der erste Fall mit dem beleidigend bedruckten T-Shirt ist denkbar unwahrscheinlich. Der Chinese treibt auf dieser Ebene eher selten sinnlosen Schindluder mit der eigenen Schrift und Sprache. Ob aus Respekt, Faulheit oder Höflichkeit, sei dahingestellt. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass der häufigste Tourist in China selber Chinese ist.

Augen auf bei der Motivwahl

Die Gefahren lauern vielmehr im hiesigen Tattoostudio. Statt “Freundschaft” steht dann plötzlich “hässlich” und statt “Schönheit” “Katastrophe” auf dem Arm und “Nudel” statt “Treue” auf dem Herzen. Das kann schon mal passieren, wenn man sich von einem Analphabeten nadeln lässt. Glücklich der, der sich sein Motiv aus rein ästhetischen Gesichtspunkten von einer Flasche Sojasauce ausgesucht hat. Der wundert sich dann wenigstens nicht, wenn “Glutamat” seinen Unterschenkel ziert. Abgesehen vom Zeichentohuwabohu ist es eine sonderbare Entscheidung, sich “Schönheit” auf den Arm schreiben zu lassen. Auch wenn die chinesische Schrift grundsätzlich dekorativer wirkt als beispielswiese Microsoft sans serifs.

Was sagt nun the one and only Konfuzius dazu? Also natürlich nicht zum Tätowieren, sondern zur Bezeichnung, genauer zur Richtigstellung der Begriffe? (Lunyu 13.3) Dabei geht es ihm natürlich um nichts geringeres, als darum, die Regierung eines Landes in Ordnung zu bringen. Drunter macht er´s ja nicht.

Kongzi sagt: “Wenn die Begriffe nicht richtig sind, stimmen die Worte nicht. Stimmen die Worte nicht, kommen die Werke nicht zustande. Kommen die Werke nicht zustande, gedeihen Riten und Musik nicht. Gedeihen Riten und Musik nicht, treffen die Strafen nicht. Treffen die Strafen nicht, weiß das Volk nicht, wohin mit Hand und Fuß. Darum sorge der Edle, dass die Begriffe unbedingt zu Worten werden und die Worte zu Taten.” Das mit der Musik und dem Ritus ist für uns heute natürlich etwas bizarr, aber ansonsten passt das sehr gut als Appell an unsere ganzen rückhaltlosen Aufklärer.

Zuviel Sonne

Bei der Beurteilung, inwiefern eine Bezeichnung zutrifft, gibt es Grenzfälle und unfreiwillige Wahrheiten. Britney Spears hat sich beispielsweise “sonderbar” in die Haut gravieren lassen. Das ist inhaltlich nicht völlig abwegig. Ihrer Meinung nach steht da allerdings “geheimnisvoll”. Auch blöd, wenn man es schon draufschreiben muss, weil es sonst niemand merkt.

Eine ganze Reihe besonders misslungener Tattoos trägt auch Sarah Connor zur Schau. Wenn jemand jetzt nicht weiß, wer das ist: nicht so schlimm. Sie singt. Allerdings nicht immer richtig, denn besondere Berühmtheit hat sie mit ihrer Version der deutschen Nationalhymne anlässlich der Eröffnung der Allianzarena in München erreicht, als sie statt “blüh im Glanze…” “brüh im Lichte…” sang. Das mit dem Lichte hätte man ihr sicher durchgehen lassen, aber das Brühen? Sie nimmt es halt mit den Begriffen nicht so genau.

Folgerichtig das Tattoo, das sich wie ein Einkaufszettel ihre ganze Wirbelsäule runterzieht. Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll. Vielleicht oben. Im Nacken steht wirklich extrem schlecht geschrieben “Frieden”. Darunter kommt etwas Unleserliches, was wohl Wahrheit heißen soll, aber wenn überhaupt eher “massiv” oder immerhin “ehrlich” bedeutet. Eins tiefer steht ein Zeichen, das als “Gott” gemeint ist, aber eher Geist oder Ahne heißt. Dann kommt ok,ok, so was wie Leben, Liebe, Familie. Ach, jetzt verstehe ich das erst. Es ist kein Einkaufszettel, sondern ein Wunschzettel. Die Musik darf natürlich nicht fehlen, Frau Connor ist immerhin Sängerin. Leider wird dies auf  “Ton”, “Schall” oder “Nachricht” reduziert.

Das nächste ist besonders hübsch misslungen. Sonne soll da angeblich stehen, stattdessen bedeutet das Zeichen “zu sehr”. Auch hier fehlt wie bei der Musik das entscheidendere Zeichen. Das ist wie im Deutschen. Es gibt mehrsilbige Worte, deren einer Teil im Kontext ausreicht, nicht so aber der andere. Beispielsweise Fahrrad. Ich kann durchaus sagen: “Ich fahre Rad” und werde verstanden. Ich muss nicht unbedingt sagen “ich fahre Fahrrad”. Anders sieht es aus, wenn ich sage “ich fahre Fahr.” Und so ist es im Chinesischen auch mit der Sonne. Darunter folgt noch das Zeichen für Frau. Wie auf einem Kloschild. Passend nähern wir uns dem Steiß und das letzte Zeichen verschwindet barmherzig unter Stoff.

Dämonenvogel

Umgekehrt geht natürlich auch mal was schief und so findet sich in China auch viel Kauderwelsch in lateinischer Schrift. Allerdings ziert das meistens T-Shirts und nicht die Haut. Mein Lieblingssatz ist “Respegt you anvt”. Schön und geheimnisvoll zugleich. Manchmal führt auch die korrekte Aufschrift zu Problemen. Erst diese Woche wurde ein gesuchter Drogensüchtiger in Taiwan verhaftet, weil er ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Wanted“ trug. Das machte einen Polizeibeamten aufmerksam. Er selber wusste gar nicht, was er da anhatte. Es war ein Shirt von seinem Sohn.

Eine andere Variante kurioser Körperaufschriften findet sich beim NBA-Star Shawn Marion, genannt “the Matrix.” Auf seinem Unterschenkel prangen groß die Worte: Dämon-Vogel-Kampferbaum. Ich habe mich in chinesischen Foren zu dem Thema etwas umgesehen und festgestellt, dass dort vor allem Verwirrung herrscht. “Was will er damit sagen? Was bedeutet das? Hat jemand eine Idee?” Phonetisch liest der Chinese: Moniaozhang. Was soll das sein? Niemand weiß es. Also wird vorgeschlagen, dass Marion Beine hätte, so fest wie ein Kampferbaum und seine Sprünge einem Dämonenvogel Ehre machen würden. Man möchte ja gerne Sinn in dem entdecken, was man liest. Da schlägt der Geist schon mal eine Kapriole. Respegt you anvt.

Doch dann finde ich einen Eintrag, der das Rätsel löst, oder das zumindest plausibel behauptet. Darin steht, dass dem Tattoo japanische Phonetik zugrunde gelegt wurde. Und ein Japaner würde “Matorikusu” lesen, also Matrix. Das ergibt Sinn.

Tod und Schicksal

Manchmal vergreift sich aber auch ausgerechnet der für kunstvolle Tätowierungen berühmte Japaner im Text. So habe ich ein Foto eines Japaners gesehen, der sich “Lest in peace” auf den Arm stechen ließ. Das ist wiederum ein Beispiel für eine mit und ohne Schreibfehler sonderbare Körperaufschrift.

Wer in diesem Bereich positiv auffällt, ist, ich muss es leider sagen, David Beckham. Der ließ uns ja durch seine Unterwäschewerbung an allerhand Körperverzierungen teilhaben. Darunter befindet sich auch eine durchaus ansehnliche Kalligrafie auf seiner linken Rumpfseite. Sie lautet etwa: “Leben und Tod sind Schicksal, Reichtum und Ruhm kommen vom Himmel.” Inhaltlich kann man natürlich schon meckern. Aber ich habe ja gesagt, ich wollte auf die Beschriftung und nicht auf den Inhalt schauen. Und danach gibt es wirklich wenig Ansatzpunkte für Kritik. Was vielleicht überhaupt eine treffende Aussage zu Mr. Beckham ist.

Gu!

Ganz anders Konfuzius, der sich an anderer Stelle (6.23) als eine Art Anti-Magritte (“Das ist keine Pfeife”) nochmal zum Thema äußert und sich dabei fürchterlich aufregt: “Gu nicht Gu? Gu Exklamation Gu Exklamation.” Das ist so vor allem schlicht unverständlich. Man braucht Interpretationshilfe für diesen Dämonenvogelkampferbaum.

Davon gibt es wie immer viele. Aber die zum Thema passendste, wenn auch äußerst gewagte, klingt zielsprachenfreundlicher formuliert so: “Eine Eckenschale ohne Ecken! Das soll eine Eckenschale sein? Das soll eine Eckenschale sein?” Dass es sich bei einem sogenannte Gu um eine Schale mit Ecken handeln sollte, würde Konfuzius danach dem Schriftzeichen entnehmen, das das Zeichen für Ecke enthält. Problematisch ist nur, dass gerade archäologische Funde von vor seiner Zeit nur runde “Eckenschalen” zum Vorschein bringen. Und eckige erst ab der Mingdynastie (1368-1644). Schon damals passte es also nicht. Das Wort zum Ding. Das Pferd zum Rind. Oh tempora, oh mores!

 

Mehr oder weniger

Am 10. Februar nimmt das Jahr der Schlange seinen Lauf. Wenn man bei Schlangen von Laufen überhaupt sprechen darf. Das Jahr steht außerdem unter dem Element Wasser. Eine Wasserschlange also.

Schlangen am See

Ich weiß nicht, ob das schon mal jemandem passiert ist, aber wenn man in einem See schwimmt und begegnet dort einer ebenfalls badenden Ringelnatter, fühlt sich das sehr komisch an, so Aug in Aug mit der Schlange. Aber diskret, wie Schlangen nun einmal sind, schwimmen sie eher von einem weg, als auf einen zu.

Vor dem jüdisch-christlichen Hintergrund sind Schlangen ja vor allem des Teufels. Dafür spricht, dass wir bei einem Frühlingsspaziergang ausgerechnet am Hellsee in eine Schlangenorgie gerieten. Die trockenen Blätter auf dem Boden um uns herum bebten vor lauter Geschleiche und Gekrieche darunter, als sich zahllose Ringelnatteriche drei etwa dreimal so großen Nattern näherten und sie umschlichen. Dagegen spricht eigentlich alles andere und insbesondere die Unwahrscheinlichkeit der Existenz des Teufels.

Die Idee mit dem Apfel

Hier im Abendland gibt es Darstellungen von Schlangen von vor dieser ganzen Granatapfelgeschichte, bevor es hieß “auf deinem Bauche sollst du kriechen” und auf diesen Bildern haben die Schlangen kleine Beinchen. Ein bisschen wie eine Raupe. Man kann sagen, was man will, aber da wird der Fluch zum Segen. Man stelle sich vor, dass Schlangen heute noch wie rheumatische Dackel auf winzigen Beinen herumstolpern. Da hätte die Evolution längst eingegriffen. Das hätten sie außerhalb des Paradieses niemals überlebt.

Auch uns hat der ganze Kehraus sicher nur gut getan. Man stelle sich vor, Adam würde heute noch bräsig und wunschlos auf der Couch bei Papa im Paradies rumhängen. Auch der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo befürwortet den ganzen biblischen Vorgang, aber aus anderen Gründen. Er hat nämlich mal gesagt, dass es deshalb noch keine Demokratie in der VR China gibt, weil dort das Konzept der Erbsünde unbekannt sei. Denn der chinesische Optimismus ließe keine Selbstreflektion aufkommen, was für die Demokratie unabdingbar sei. Auch sonst führe das Konzept der Sünde überhaupt zu Tiefgang und Größe. Das ist natürlich eine interessante, aber vor allem steile These. Dagegen könnte ich jetzt so viel sagen, dass ich gar nicht damit anfangen mag. Ich persönlich halte ja schon deshalb nichts von der Erbsünde, da Sippenhaft ein wirklich überaltertes Konzept und noch dazu bodenlos ungerecht ist.

Schlange und mehr

Das chinesische Verhältnis zu Schlangen ist nebenbei bemerkt auch ambivalent. Weisheit und Hinterlist, Analyse und Unberechenbarkeit etc. pp. Aber eine sehr alte Geschichte (so um 200 vChr) nimmt sich der Sache eher von den Extrimitäten her an und hat sich schließlich zu einem Sprichwort verdichtet. Wörtlich übersetzt heißt es: “eine Schlange malen und Füße hinzufügen”. Die Geschichte geht so: “In Chu gab es einen Pilger, der schenkte seinen Bediensteten einen Pokal voll Schnaps. Die Bediensteten sagten zueinander: ‘Wenn mehrere davon trinken, dann reicht es nicht. Für einen allein wäre es genug. Lasst uns eine Schlange auf den Boden malen. Derjenige, der zuerst fertig ist, der kann den Alkohol trinken. ‘   Einer hatte die Schlange zuerst fertig und griff nach dem Schnaps. Mit der linkend Hand den Pokal haltend und mit rechts die Schlange malend, sagte er: ‘Ich kann ihr noch Füße machen.’ Damit war er noch nicht fertig, als ein anderer sein Schlangenbild fertigstellte. Dieser nahm ihm den Pokal weg und sagte: ‘Schlangen haben auf keinen Fall Füße, wie kannst du ihr Füße malen?’ Dann trank er den Schnaps. Derjenige, der die Schlange zuerst fertig gemalt hatte, verlor so schließlich den Schnaps.”

Die Moral dieser sehr schönen Geschichte, reicht von “mehr ist nicht besser”, “wie gewonnen so zerronnen” zu “man muss wissen, wann Schluss ist”. Benutzt wird das Sprichwort, um eine ganz und gar überflüssige Tätigkeit zu beschreiben. Tatsächlich sind die Beine nicht nur überflüssig, sondern kontraproduktiv. Der Mann hat praktisch eine Eidechse gemalt. Und weil er kein Christ war, was er genaugenommen 200 vChr auch noch gar nicht sein konnte, und vermutlich auch kein Jude, konnte er sich auch nicht auf irgendwelche paradiesische Schlangen herausreden.

Weniger ist weniger

Mich erinnert die Geschichte an meinen Kunstunterricht in der Schule. Mit verhaltenem Stolz gehe ich mit meinem Bild vor zur Lehrerin oder dem Lehrer. Und der oder die sagt: “sehr schön! Jetzt mal es mal fertig.” Ein Satz der sich von der Grundschule bis zum Kunst-LK fortsetzte und mich in künstlerische Verzweiflung stürzte. Das Bild war doch bereits fertig! Und ich wollte keine Beine dazumalen. Als ich Jahrzehnte später auf die Tuschmalerei stieß: was für eine Erleichterung! Weglassen nach Herzenslust! (Und jetzt darf ich meine Schüler_innen am Füße hinzufügen hindern.)

Aber zurück zur Geschichte. Das eigentlich bizarre ist die Motivwahl. Eine Schlange? Wie lange kann man brauchen, um um die Wette eine Schlange zu malen? Für die oben habe ich den Pinsel bloß dreimal angesetzt, Zeitbedarf also ein Handumdrehen. Na gut, dreimal Handumdrehen. Hand aufs Herz, die Zeit reicht doch nicht wirklich, um dazwischen auch noch einen Dialog zu führen. Vor dieser Schlange hatte ich schon sieben andere gemalt, da kommt natürlich schon Zeit zusammen. Da kann man über Gott, die Welt und den Schnaps ins Plaudern kommen. Aber die Männer haben ja nicht vereinbart, dass die schönste Schlange den Zuschlag bekommt, sondern die Schnellste. (da scheidet die raupige mit den Beinen sowieso aus.) Man zeichnet eine Wellenlinie in den Staub mit einem dickeren Ende: et voilà! Vielleicht noch eine gespaltene Zunge, aber sonst? Also was malen die da? Warum dauert das so lange? Warum malen sie nicht ein Pferd? Ich weiß es nicht.

Nochmal Schlangen am See

Auch an anderer Stelle gibt es eine sehr hübsche abendländisch-chinesische Verknüpfung. So gehört bei uns auf ein Apothekenschild eine Schlange, die sich um einen Trinkbecher windet. Das passt wiederum gut zu der chinesischen Geschichte der weißen Schlange, die in Hangzhou am wunderschönen Westsee ausgerechnet mit einem Apotheker verheiratet war. Aber diese Geschichte habe ich an anderer Stelle schon ausführlich erzählt. Zusammenfassend sind beides Geschichten, bei denen das Gute an die Grenzen der Angemessenheit stößt. Letztlich geht es um Kompetenzstreitigkeiten à la jedem das seine und alle auf ihren Platz. Äskulap, zu dem diese Apothekenschlange gehört, erweckte mit dem Blut der schlangenhaarigen Medusa einen Toten zum Leben und wurde dafür postwendend von Zeus erschlagen. Die weiße Schlange wiederum büßte den schlichten Frevel, sich mit einem Menschen zu verheiraten mit Dauerkerker unter einer Pagode.

Aussichten

Aber was bringt uns nun das Jahr der Wasserschlange? Auf einschlägigen Internetseiten lese ich, dass es ein Jahr des Abwartens, der Analyse, der Häutung werden soll. Überblick, Reflektion und solche Dinge. Besonders Intellektuelle sollen im Jahr der Schlange ihre große Stunde haben. Aber auch Geld soll man gut mit der strukturierten, logischen Schlange verdienen können, wenn auch nicht durch Glücksspiel und Spekulation. Da auch blitzschnelles Zuschlagen zur Schlange gehört, sagt ein wenig optimistischer Wahrsager gewaltige Sonnenstürme voraus, die nunmehr wirklich alle Computer abstürzen lassen und die Welt ins Chaos stürzen. Garniert würde das Ganze mit Riesentsunamis. Dem hat wohl der ausgebliebene Weltuntergang im letzten Jahr die Stimmung verhagelt.

Wir hier in Berlin glauben ohnehin nicht mehr so recht an die Fähigkeiten der Schlange, denn sowohl Platzeck, als auch Wowereit sind Wasserschlangenjahrgeborene. (Ramsauer nur um ein paar Tage nicht.) Und was immer die Schlange mit ihrer Weitsicht, Strukturiertheit und Analysefähigkeit kann: den Bau eines Flughafens zu beaufsichtigen, gehört ganz offensichtlich nicht dazu.

Andere Wasserschlangen sind übrigens Walter Ulbricht und Mao Zedong. Aber ich möchte jetzt nicht weiter von in den Sand gesetzten Großprojekten sprechen. Wir werden sehen, wie das beim zukünftigen Präsident der VR China Xi Jinping aussieht, denn auch der ist eine Wasserschlange. Zu tun hätte er ja genug.

 

Ohne Worte

Auf der letzten Chinareise haben wir in der Nähe von Xi´an auch das Grab von Wu Zetian besucht, der einzigen Kaiserin, die China je hatte. (Ich werde ihre Geschichte jetzt nicht erzählen, das führt zu weit. Aber wen es interessiert: man kann über sie wirklich viel Interessantes lesen, unter anderem -Achtung Werbung!- auch in meinem Buch). Dieses Grab ist jedenfalls nicht nur das Grab der einzigen Kaiserin, sondern obendrein das einzige Kaisergrab in China, das zwei Kaiser enthält, denn ihr Gatte und Vorgänger Gaozong liegt auch da drin. Zusätzlich ist dieses Grab das einzige Kaisergrab aus der Tangdynastie, das nicht geplündert wurde. Und noch nicht geöffnet. Wie man das allerdings weiß, wenn man es noch nicht geöffnet hat, weiß ich auch nicht. So oder so ist es ein Grab der Superlative.

Die Stele ohne Worte

Wir bestiegen den großen Nordgipfel dieser pyramidalen Anlage allerdings nicht von unten, wie es sich eigentlich gehört. Näherten uns nicht demütig von den Niederungen an, schritten nicht durch das Tal der zwei sogenannten Nippelberge, sondern betraten den zentralen Nordgipfel von der Seite, hinter dem ursprünglichen Zugang, durch einen neuen, aber nun kostenpflichtigen Eingang. Um den Touristen den beschwerlichen und demütigen Aufstieg zu ersparen wurde der Parkplatz einfach an die Bergflanke geklatscht. Doch ein bisschen zu steigen blieb uns trotzdem noch auf dem Seelenweg, an geflügelten Pferden aus Stein vorbei, an steinernen Straußen und ausländischen, kopflosen Offizieren, natürlich auch aus Stein.

Und dort steht auch die berühmte Stele ohne Worte, die für Kaiserin Wu aufgestellt wurde. Die Stele für ihren Gatten Gaozong gegenüber hatte sie damals mit 8000 Zeichen beschriften lassen. Die sind heute allerdings so verwittert, dass man sie auch nicht mehr lesen kann. Immerhin ist das ganze gut 1200 Jahre her. Gleichzeitig finden sich auf der Stele ohne Worte paradoxerweise trotzdem Worte. Denn es war nur eine Frage der Zeit. Die schreib- und literaturwütigen Chinesen konnten diese Leere nicht auf Dauer ertragen. Das ist wie bei Sprayern, die auch nicht unendlich an einer leeren, frisch geweißelten Wand vorüber gehen können. Ab der Songzeit wurde also so dies und das reingraviert, was mittlerweile natürlich auch kaum mehr lesbar ist. Früher oder später ist einfach jede Stele eine ohne Worte.

Wortloser Schriftsteller

Mit dem neuen Literaturnobelpreisträger ist das ganz ähnlich. Sein Pinselname Mo Yan heißt übersetzt “sprich nicht”. Was eine kluge Devise war für ein Kind, das zur Zeit der Kulturrevolution aufwuchs. Und was macht der Mann jetzt seit Jahrzehnten? Er schreibt. Worte. Wort um Wort um Wort. Er kann offenbar gar nicht an sich halten.

Das ist jetzt natürlich blöd für die chinesische Regierung. Vor zwei Jahren haben sie das Nobelkomitee gedisst, weil es Liu Xiaobo zum Friedensnobelpreisträger gemacht hat. Jetzt können sie ja schlecht die diesjährige Entscheidung groß feiern. Obwohl Mo Yan Parteimitglied ist und Mitglied des Schriftstellerverbandes, was auch nicht jeder Poet einfach werden kann. Mitglied des Schriftstellerverbandes zu sein bedeutet eine Wohnung, soziale Absicherung und ein Gehalt. Seine Worte setzt der Wortlose also auf Staatskosten. Vielleicht liegt es auch daran, dass Mo Yan seinem Namen doch noch alle Ehre macht. Denn nun sagt er irgendwie doch nichts. Viel Kritik an der Gesellschaft, aber keine an der Partei. Nichts gegen die Zensur. Nichts für Liu Xiaobo. Oder andere. Da streiten jetzt alle drüber. Grenzen weitstecken oder übertreten? Was ist politisch und was privat? Was muss, kann und darf die Literatur? Und ich denke: einerseits und andererseits.

Falls jemand von Mo Yan noch nichts gelesen und selbst den Film “Das rote Kornfeld”, der auf der Grundlage eines Buches von Mo Yan gedreht wurde, nicht gesehen hat: er schreibt in etwa so wie die Bilder von Hieronymus Bosch aussehen. Derb, süffig, grausam, bizarr, schenkelklopfend. Dass er ein großer Autor ist, wird kaum bestritten. Aber genug von Mo Yan.

Wahre Worte?

Zurück zum Grab. Ich lese gerade ein Buch, das mit deutschem Titel “Der Aufstand der Zauberer” im chinesischen Original aber “Bericht über die Niederschlagung der Zauberer” heißt. Typisch. “Der Herr der Ringe” würde auf chinesisch sicher auch “Bericht über die Bezwingung des Herrn der Ringe” lauten. Vielleicht aber auch nur “Die Reise nach Osten”. Und Schneewittchen “Bericht über die Niederschlagung der Zauberin”. Wie dem auch sei. Als Urheber des Buches gelten Luo Guanzhong (14. Jhdt) und Feng Menglong (um 1600). Ich bin sehr froh, dass Herr Feng den Stoff noch einmal überarbeitet hat, denn das dürfte ihn um einiges lebhafter gemacht haben. Herr Luo schreibt nämlich ziemlich trocken. Mittlerweile bin ich auf Seite 400 von gut 600 und von einem Aufstand fehlt noch jede Spur, aber gezaubert wird, dass sich die Balken biegen.

In diesem Buch trifft ziemlich am Anfang eine in eine alte Frau verwandelte uralte Füchsin auf die Kaiserin Wu. Die Kaiserin war damals natürlich auch schon lange tot († 705), deshalb fand die Begegnung praktischerweise in ihrem Grab statt. Der genaue Inhalt dieses schier unglaublichen Treffens ist im Einzelnen hier nicht von Bedeutung, aber ich war irritiert. Wu erschien zu diesem Treffen nämlich deswegen völlig ungeschmückt, weil ihr Grab geplündert worden sei. Wer hat jetzt Recht? Die heutigen Archäologen oder die Herren Romanciers Luo und Feng? Für Luo und Feng spricht die Detailfülle. Für die Archäologen spricht, dass in dem Buch Gaozong gar nicht erwähnt wird, der in dem Grab ja auch noch herumwest. Dass die beiden aber im gleichen Grab herumliegen ist gesichert. Immerhin stehen ja auch die beiden Stelen, die stumme und die geschwätzige davor. Auf Romanautoren kann man sich einfach nicht verlassen. Das bedeutet dann allerdings, dass auch sonst Zweifel an der Zuverlässigkeit des Berichtes angebracht sind. Vielleicht gab es gar keinen Mönch, der aus einem Ei geschlüpft ist und womöglich gibt es auch keinen zusammenfaltbaren Nebel. Das wäre irgendwie auch schade.

Wenn nun aber die heutigen Fachleute Recht haben und das Grab ist bis heute ungestört, was befindet sich darin? Abgesehen von dem Schmuck, auf den Wu laut Herrn Feng so schmerzhaft verzichten musste. Genau weiß man es natürlich nicht. Als Zeitzeugen kämen allenfalls noch uralte Füchsinnen oder Unsterbliche in Betracht. Es gibt aber eine Vermutung, oder besser ein Gerücht, eine zusammenfaltbare Nebelschwade über einem wahrhaft großen Schatz: Worte soll das Grab enthalten. Überraschung!

Wertvolle Worte

Aber natürlich nicht irgendwelche beliebigen Worte. Sondern die Originalkalligrafie “Vorwort zur Zusammenkunft am Orchideen-Pavillon” von Wang Xizhi. Diese Zusammenkunft fand im Jahre 353 statt und artete in ein veritables Besäufnis aus. Vor wem der ins Wasser gesetzte Weinbecher anhielt, der musste dichten. Und trinken sowieso. Trinken geht natürlich länger als dichten und so waren die meisten zum Dichten irgendwann viel zu blau. Der Sohn von Wang gelang es immerhin noch, seinen Namen zu schreiben. Hörthört. Wang Xizhi selbst schaffte noch ganze 324 Schriftzeichen. Ausgerechnet dieser Text galt ihm selbst als die beste Kalligrafie, die er je geschrieben hatte. Und Wang war ein ohnehin legendärer Kalligraf, ein Kalligrafiegott sozusagen. Von dem Vorwort gibt es Kopien, darauf aufbauend Gravuren, Mousepads und T-Shirts. Aber das Original, eine der berühmtesten Kalligrafien Chinas, ist verschollen.

Inhaltlich geht es in dem Vorwort zunächst über das berauschende Zusammentreffen. Dann macht sich Herr Wang so seine Gedanken über Gut und Böse, das Leben und den Tod. Er gipfelt darin, dass er sich fragt, was sich wohl spätere Leser denken werden, wenn sie das lesen und ob es sie auch so berührt, wie ihn Schriften aus alter Zeit. Typischer Sufftiefsinn.

Dieses Werk soll also in dem Grab sein. Sagen die einen. Die anderen meinen, es läge beim Ex, bei Taizong, also dem Vater von Frau Wu´s späterem Gatten. Der hätte die Kalligrafie nämlich mal einem Mönch abgeluchst. Das wäre natürlich ärgerlich, denn dessen Grab wurde schon vor vielen vielen Jahren geplündert. Vielleicht wird man auch nach Öffnung sämtlicher Tanggräber nicht wissen, wo das Stück hingekommen ist, immerhin handelt es sich um leicht verderbliche Ware und ein Grab bietet nicht unbedingt die besten, konservierenden Bedingungen. Auch wenn sich dieses sensationelle Kunstwerk in dem Doppelgrab befindet und dieses irgendwann geöffnet wird: vielleicht sind die Worte nicht mehr leserlich, vielleicht ist der Schreibgrund zerfallen, vielleicht ist nichts mehr davon da.

Brezlbude


Hurra! Es ist vollbracht! China hat gewählt! Es gibt ein neues Zentralkomitee! 205 Delegierte standen zur Wahl und, oh Wunder, es gab genau 205 Plätze im ZK zu besetzen! Es ist doch herrlich, wenn das Leben so rund läuft! Wenn man eine Brezel kaufen will, die 0,65 € kostet und man hat genau 65ct in der Tasche! Das gibt einem das Gefühl, der Brezelkauf sei von ganz oben abgesegnet, von Gott, dem Karma, dem Vorsitzenden Mao, Allah, dem Jadekaiser, egal. Dabei können sich die 65 ct durchaus unterschiedlich zusammensetzen. Es könnte ein 50ct-Stück sein und drei 5ct-Stücke, oder sechs 10ct-Stücke und zwei 2ct-Stücke und noch ein einzelner Cent oder drei 20ct-Münzen und ein Sechser oder oder oder. Es gibt so viele Möglichkeiten und Variationen mit dem immer gleich wunderbaren Ergebnis! So muss es den Delegierten gegangen sein! Wunderbar! Keiner zu viel, niemand zu wenig! Nirgends auch nur der Hauch einer 13. Fee, die später womöglich Ärger machen könnte! Nur eitel Sonnenschein und rote Krawatten.

Ein Abgeordneter lobte denn auch die Wahl als vollkommen demokratisch. Im Nebensatz räumte er ein gewisses Maß an Unausweichlichkeit ein. Aber so ist es eben, wenn Zahnradzahn in Zahnradnut trifft, und Zahnradnut auf Zahnradzahn, wenn alles rundläuft, wenn sich das Schicksal zum Karma gesellt, wenn Mariamuttergottes, Spiderman und Krischna zusammen in der Suppe rühren, wenn abstrakte Algebra sich manifestiert. Denn dann, ja dann, wird die Demokratie unausweichlich!

Der Prinzling

Xi Jinping heißt also der Neue, den die vereinten Kräfte von Karma, Unausweichlichkeit und Demokratie nach oben gespült haben.

Volksnah gibt er sich. Volksnah ja, aber nicht liberal. Wie zum Beispiel FJ Strauss, die deutsche Eiche (wie ihn unser Papst nannte, als er noch Ratzinger hieß), der ja auch ziemlich volksnah, aber wenig liberal war. Und obwohl Xi weder Metzgersohn oder Brezelverkäufer ist, sondern ein Prinzling, also ein Sohn hoher Kader, soll er volksnah sein. Wir werden sehen, was das bedeutet.

Positiv ist jedenfalls festzustellen, dass die Aussprachekompetenz der deutschen Medien in Bezug auf chinesische Namen in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat! Hut ab! Und das, obwohl Hu Jintao (who?), doch leichter auszusprechen ist, als Xi Jinping. In den englischprachigen Ländern macht man sich Gedanken über die Verwechslung zwischen “she” und “xi” (“Angela Merkel met with the Chinese president last Thursday. She/Xi said that the talks were successful, but She´s/Xi’s not that easy to gauge”), aber das kann uns ja wurscht sein. Und mit ein bisschen Übung werden die englischen Sprecher auch noch den Unterschied zwischen sh und x hinbekommen.

Die Soldatin der Kunst

Eigentlich möchte ich aber auf etwas ganz anderes raus, nämlich auf die First Lady. Xi Jinping ist schließlich mit Peng Liyuan verheiratet, einer bekannten Volksmusikantin im Rang einer Generalmajorin und brodelnder Landesliebe in Herz und Stimme. Eine Mischung aus Dolly Parton und Donald Rumsfeld. Aus Joachim Sauer und Florian Silbereisen. Eine Soldatin der Kunst. Die Carla Bruni Chinas.

Vor kurzem hieß es noch: ach, Xi Jinping, ist das nicht der Mann von Peng Liyuan? Doch mit der Wahl ihres Gatten und seinem erwartenden Aufstieg zum Staatschef wird damit endgültig Schluss sein. Zumindest der Silbereisen-Teil wird wohl auf Nimmerwiedersehen in der Versenkung verschwinden. Für die Musik ist das vielleicht nicht der ganz große Verlust, wenn man kein ausgemachter Fan von “Die Partei-liebt-Dich-Schnulzen” oder “Ach-wir-Tibeter- sind-so-dankbar-dass-uns-die-Volksbefreiungsarmee-beim-Wäsche-waschen-hilft-Lieder” ist, aber so ein bisschen Blingbling am Rande des Politbüros, wäre das nichts? Wenigstens mal etwas anderes? (Die sieben neuen Herren des Ständigen Ausschusses des Politbüros präsentierten sich vom Scheitel bis zur Sohle identisch und nur einer hatte die Chuzpe, statt einer roten Krawatte eine blaue zu tragen. Huuuu.) In dem Umfeld ist man ja schon mit wenig zufrieden.

Die Schuldfrage

Denn weil es sich leichter lebt, wenn jemand den Sündenbock macht, so etwas schief läuft, haben sich die Chinesen mit sich selbst schon vor Jahrtausenden darauf geeinigt, dass in diesem Fall immer die Frauen Schuld sind. Eine klare Ansage, da kann man nichts sagen. Insbesondere kann man da als Frau in der Politik nicht sagen: huch, das wusste ich ja gar nicht!

Für eines der wirklich zahlreichen Beispiele gehe ich mal knapp 3000 Jahre zurück und erzähle von Bao Si. Ihren Rufnamen weiß man nicht oder nicht mehr. (Bao bezieht sich auf die örtliche, Si auf die familiäre Herkunft.) Was man aber ganz genau weiß, ist, dass sie wahnsinnig schön war. Auch weiß man, dass sie dem Zhou-König You als Tributgeschenk überreicht wurde. (Von der aktuellen First Lady kennt man zwar den Rufnamen, der bedeutet allerdings auch nichts anderes als “wunderschöne Frau”. Trotzdem war sie kein Tributgeschenk, sondern Xi und Peng verfolgten beide nach der einvernehmlichen Hochzeit ihre jeweiligen Karrieren. Es geht voran.)

Die Herkunft von Bao Si ist trotz der aus dem Namen ersichtlichen Angaben ziemlich nebulös, denn sie wurde adoptiert: ihre biologische Mutter soll ein Sklavenmädchen von zunächst sieben Jahren gewesen sein. Als Erzeuger wiederum gilt eine schwarze Eidechse, die sich aus der Spucke zweier Drachen gebildet hatte, die jahrhundertelang in einer Schachtel gärte. Die Jungfrau sah das Tier et voilà. Wobei “et voilà” eine Zeitspanne von 8 Jahren umfasst, denn so lange soll die Jungfrau mit dem Anblick der Eidechse schwanger gegangen sein. Man kann es ihr wirklich nicht übel nehmen, dass sie das Kind nicht aufziehen wollte, sondern weggab, und von den Si in Bao aufgezogen wurde.

Das renitente Geschenk

Nachdem jene Bao Si schließlich König You geschenkt worden war, zeigte sich ein Problem.  Sie lächelte nie. Man kennt das Problem, wenn goldene Singvögel einfach nicht singen wollen. Und Prinzessinnen nicht lächeln. Das sind Depressionen, die ganze Länder verdunkeln. Es war nun auch kein Internetkauf, den man binnen zwei Wochen rückabwickeln kann. Sondern ein geschenkter Gaul, dem man nicht ins Maul schaut. Wie auch, wenn der Gaul das Maul nie aufmacht? König You war jedenfalls verzweifelt. Er hatte immerhin seine Königin für sie abgesetzt. Bao Si hatte sich mit einem Sohn revanchiert, aber das war offenbar nicht genug. Der König entwickelte so eine märchenhafte Monarchenobsession. Als könne er nicht mehr leben, wenn sie nicht die Mundwinkel verzieht.

Dabei gibt es wirklich keinen Grund, als Tochter von uralter Drachenspucke und Sklavenkind übermäßig höflich zu sein. Der Vater verschwindet direkt nach der Zeugung, die Mutter setzt sie nach der Geburt aus, die Leute, die sie aufziehen verschenken sie. Dazu eine Schönheit, die Gänse vom Himmel fallen lässt, die also unauffälliges Duchrrutschen verunmöglicht. Dass da der Humor auf der Strecke bleibt, oder eine etwas boshafte Note erhält ist zwar nicht schön, aber eine vergleichsweise milde Reaktion.

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht…

König You, der offenbar kein sonderlich guter Witzeerzähler war, ließ schließlich in den Li-Bergen bei Xi´an ein Signalfeuer entzünden, um seine miesepetrige Dame zu unterhalten. Die sprunghaft aufflammenden Signalfeuer über hunderte von sichtverbundenen Signalfeuertürmen verkürzten zwar nicht das lange Gesicht der Bao Si, postulierten aber den Bündnisfall und riefen Heerführer aus dem ganzen Land auf den Plan. Als all die Recken dann hektisch eintrafen, nicht wussten wo der Feind nun steht und Chaos verbreiteten, da hat sie dann gelächelt, die schöne Bao Si.

Man weiß, was jetzt kommt. You wurde daraufhin tatsächlich angegriffen (nämlich von Seiten des Clans der wegen Bao Si abgesetzten Königin), die Signalfeuer wurden entzündet, aber niemand kam. So einen Unfug würden sich die Heerführer nicht noch einmal bieten lassen! Ha! Sie machen sich doch nicht nochmal zum Affen! Vielleicht hat Bao Si in dem nun entstehenden Kriegschaos wieder gelächelt. Wenn auch nur kurz. You, den alten Sack, war sie zwar los, aber als Beute der Invasoren hätte sie sicher gar nichts mehr zu lachen gehabt. Sie nahm den Notausgang und hängte sich auf.

Das Ganze soll dann erheblich zum Untergang der Zhou-Dynastie beigetragen, ihn wenn nicht sogar hervorgerufen haben. Weil das Mädel nicht lächeln wollte? Hallo? So eine winzigkleine Individualitätsbehauptung führte zum Zusammenbruch einer Epoche? (Ich mache mir Sorgen wegen der blauen Krawatte im Politbüro.) Hat denn nicht eher die Du-musst-aber-lächeln-und-mit-mir-glücklich-sein-Besessenheit des Königs zu dieser Situation geführt? Hätte er sie halt ohne Lächeln schön sein lassen, wäre doch alles gut gewesen. Aber nein. Er musste unbedingt den roten Knopf drücken.

Abgesehen davon: Hat man denn Hu Jintao schon mal lächeln sehen? Na, nu haben wir ja den Lächler Xi. Wie gesagt: es geht voran.

Was bleibt

Doch die Chinesen glauben in offenbar historischen Ausmaßen, dass sie ein Problem mit Frauen von mächtigen Männern haben. (Von mächtigen Frauen mal ganz abgesehen.) Da kann ich noch viele Blogeinträge daraus stricken. Die letzte Verheererin war Jiang Qing, die vierte Ehefrau von Mao Zedong. Und eigentlich alleine Schuld an allem. Denn wenn der Führer nur selber gewusst hätte, was in der Kulturrevolution passierte… Nie hätte er das zugelassen. Nie.

Trotz all dieser gut begründeten Vorbehalte gegen Frauen ganz generell, sind nun einzigartigerweise und erstmalig auch zwei Frauen im 25köpfigen Politbüro vertreten, was die theoretische Möglichkeit beinhaltet, dass 2017 eine Frau in den ständigen Ausschuss gewählt wird. Mit noch offener Schlipsfarbe. Ich würde sagen, es geht sogar mit Riesenschritten voran. Oder die VR China ihrem Ende entgegen.

Jiang Qing wurde übrigens 1976 -mit wirklich gutem Grund, da gibt es nun wirklich nichts zu beschönigen- zu lebenslanger Haft verurteilt. Aus gesundheitlichen Gründen wurde sie 15 Jahre später entlassen. Nur wenige Tage später wählte auch sie den Notausgang, so heißt es zumindest. Um nicht auch irgendwann so zu enden, wird die musizierende Majorin Peng vermutlich still und leise in den Kulissen verschwinden und den Tibetern beim Wäsche waschen helfen. Oder Brezeln verkaufen. Immer knusprig, immer frisch.