Von Wölfen und Schafen

17. September 2009

Um meine Reise in die Mongolei auch für diesen Blog nutzbar zu machen, der wenn schon keinen taiwanischen, dann zumindest einen allgemein chinesischen Bezug haben sollte, nahm ich mir vor, die Mongolen nach ihrer Meinung zu Chinesen zu befragen.

Das Ergebnis war niederschmetternd: sie verabscheuen die Chinesen regelrecht. Gut, dass sie nun in Begeisterung für die Chinesen ausbrechen würden, hatte ich nicht erwartet, aber soviel Ablehnung, um nicht zu sagen Hass? Ich versuchte zu relativieren und fragte daher nach dem anderen der zwei Nachbarn, wie es also mit den Russen sei.

Alles prima. Top. Russen sind Freunde.  Das überraschte mich dann noch mehr. Schließlich hatten die Russen, genau genommen die Sowjets unter Stalin,  im Jahr 1937 die mongolische Marionettenregierung soweit gebracht, etwa 30.000 Menschen und damit ein Fünftel der damaligen Bevölkerung zu töten, wobei es sich überwiegend um buddhistische Mönche handelte. Fast alle Klöster wurden zerstört und auch ging das meiste Schrifttum, die mongolische Kultur in Flammen auf. Ich fand, dass dies doch ein klein wenig Missstimmung rechtfertigen würde, auch ohne übertrieben nachtragend zu sein.

Aber die Mongolen mit denen ich sprach verbuchten das eher unter: “Naja, so Sachen passieren eben” oder “letztlich waren es ja dann doch wir Mongolen selbst”, die diese Schlachterei ausführten. Wäre doch unfair, dass dann den Russen nachzutragen. Ist natürlich auch was dran. Ganz unösterreichisch. Vielleicht liegt es aber auch mehr daran, dass nach Zusammenbruch der Sowjetunion und Einstellung der Struktur- und Warenhilfe von dort, in den 90er Jahren eine Hungersnot in der Mongolei wütete. So waren sie zuletzt vielleicht doch mehr Freunde als Feinde?

Trotzdem wollte ich herausfinden, was denn nun so schlimm an den Chinesen war, so viel schlimmer als an den Russen. Zu hören bekam ich das Übliche: Skrupellosigkeit auf allen Ebenen. Dafür exemplarisch: nach dem Überqueren der Grenze läuft man Gefahr, als Organspendefrischhaltebox angesehen und ausgeweidet zu werden. Diese Angst hatte ich schon bei Taiwanern gehört. Als würden in der VR China nicht genug Leute hingerichtet, um einen schwunghaften Organhandel am Laufen zu halten, ohne  internationale Verwicklungen befürchten zu müssen. Aber gut: Juden fressen kleine Kinder und Chinesen klauen einem die Organe bei lebendigen Leibe. Das ist halt nun mal so.  Dass es dafür keine sinnvollen Gründe oder gar Anhaltspunkte gibt, kann ja nicht das Problem der anderen sein.

Ganz ausreichend schien mir das trotzdem nicht, um zu erklären, warum eine Regierung, die an Chinesen Konzessionen über die mongolischen Bodenschätze verkaufen würde, nicht den Hauch einer Chance auf Wiederwahl hätte, wie mir glaubhaft versichert wurde. Das nützt natürlich alles nichts, wenn die Chinesen dann eben den Kanadiern die Rechte an den Kupferminen abkaufen, aber gut.

Der Grund muss also in der Geschichte liegen. Und die handelt von  einer jahrtausendalten Feindschaft zwischen den nomadisierenden Nordbarbaren und den agrarischen Chinesen. Die chinesische Mauer wurde gegen erstere gebaut, auch wenn deren Ethnien sich im Laufe der Jahrhunderte wandelten. Hunnen, Xiongnu, Skythen, Uiguren, Tuoba, Tungusen, Kirgisen und wie sie alle hießen. Und dann eben die Mongolen, zu denen die Oiraten, Kalmücken, Burjaten, Khalkha und ich weiß nicht, wer sonst noch alles gehören.

Lustigerweise heißt China auf Mongolisch etwas was man -vom kyrillischen übertragen- Khjatad schreibt, aber in etwa Ch´ted ausspricht. Und dieses Wort bezeichnet die Khitan. Ein Nomadenvolk, das im 10. Jahrhundert als Liao-Dynastie große Teile des nördlichen Chinas beherrschte. Ein ethymologischer Treppenwitz: die Mongolen benennen den ackerbauernden, ewigen Feind ausgerechnet nach einem Volk, das ihnen selbst viel ähnlicher ist, als den Chinesen. Die Khitan-Dynastie wurde letztlich von den Mongolen vernichtet.

Sonst ein Kampf der Kulturen: Nomaden gegen Sesshafte, Viehhirten gegen Bauern, Krieger gegen Gelehrte, Provisorien gegen Bürokratie. Dann das mit dem Essen. Mit Verlaub: zwecks kulinarischer Genüsse muss wirklich niemand in die Mongolei fahren (außer vielleicht wegen der vergorenen Stutenmilch, die ist wirklich gut), aber China wäre allein dafür mehrere Reisen wert. Dann ernähren sich Mongolen den ganzen Sommer quasi von Milchprodukten, was den zumeist lactoseunverträglichen Han-Chinesen besonders barbarisch erscheinen dürfte. Als ich bei meiner ersten Chinareise 1987 in Xinjiang war, hatte ich Kasachen ein Stück Pferdekäse abgekauft, den ich -nach schon über zwei Monaten Käseentzug- nur sehr sparsam verwendete. Das hätte ich nicht machen sollen: im ersten chinesenbetriebenen Hotel landete er unauffindbar im Müll. Und wahrscheinlich bekam das Zimmermädchen Ekelherpes.

Dann das mit der Schrift: ein Fetisch für Chinesen, könnte man fast sagen. Seit Tausenden von Jahren wird in China geschrieben und geschrieben und geschrieben und das mit einer Schrift, die sich rund 2000 Jahre kaum veränderte und zum Beispiel in Taiwan sich nachwievor nicht verändert hat. Die ältesten chinesischen Schriftzeugnisse sind etwa 5000 Jahre alt. Bei den Mongolen sieht das ganz anders aus: deren erstes Schriftzeugnis kommt auf ein Alter von etwa 800 Jahren.

Der Legende nach hatte nämlich Dschingis Khan (1162-1227) die Entwicklung einer mongolischen Schrift befohlen und so stellte Tatatunga, ein uigurischer Gefangener das uigurische Alphabet auf den Kopf, so dass es von oben nach unten geschrieben wurde: et voilà. (Das Ergebnis sieht aus wie eine Mischung aus arabisch und chinesisch und es gibt sehr schöne Kalligraphien dieser Schrift.) Eine erste Reform erfolgte keine hundert Jahre später unter Kublai Khan, dem berühmtesten mongolischen Kaiser von China (1215-1294), denn da wurde von Lama Phags-Pa die sogenannte Quadratschrift erfunden. Mit Zusammenbruch des Mongolenreiches verschwand diese Schrift jedoch. Im 17. Jahrhundert entwickelte dann der Lama Pandita die sogenannte “klare Schrift”, die nur von den Oiraten und Kalmücken angenommen wurde. Eine weitere Schrift, das Sojombo wurde von Zanabazar, dem ersten buddhistischen Oberhaupt der Mongolen um 1700 erfunden.

Bei dem ganzen Hinundher und der Schwierigkeit Nomadenkinder zu beschulen,  ist es also nicht verwunderlich, dass noch Anfang des 20. Jahrhunderts etwa 90% der Mongolen Analphabeten waren. Heute schreiben die Mongolen in der Mongolei kyrillisch mit nur noch etwa 2% Analphabeten. Das muss man dann wohl doch den Russen irgendwie zugute halten. Bei den Chinesen sind es immerhin etwa 10 %, in Taiwan knapp 4%.

Andere Unterschiede in Zahlen:

Bevölkerung: Mongolei 2,7 Mio, China 1,3 Mrd, Taiwan 23 Mio

Bevölkerung pro qkm: Mongolei 2, China 135, Taiwan 632

Man kann also sagen, dass die Lebensweisen nicht unbedingt gut harmonieren. Dazu kamen Expansionsgelüste des chinesischen Reiches und Überfälle bzw. Eroberungen der nördlichen Reitervölker, insbesondere wenn die Nahrungslage prekär wurde. Und das kann in oder nach einem harten Winter schnell mal passieren.

Die mongolischen Stämme waren allerdings auch häufig uneins. Die Khalkha sahen sich zum Beispiel außerstande, sich den Oiraten, die immerhin nicht von Dschingis Khan abstammten, zu unterwerfen. Da die Oiraten aber um 1700 auf Siegeszug waren, unterstellten sich die Fürsten der Khalkha den Mandschu, also der “chinesischen” Qing-Dynastie. Und so wurde fast die Hälfte der Mongolei stark in das chinesische Reich eingebunden, blieb es auch und heißt heute ganz sinozentrisch: innere Mongolei. Dort leben etwa doppelt so viele Mongolen wie in der Mongolei. Und ungefähr 4x soviele Hanchinesen als Mongolen. Es ist zu vermuten, dass gewisse Ressentiments auch aus diesem Abschnitt der Geschichte herrühren.

Nun ist aber etwas Schockierendes passiert. Ein Chinese hat ein Buch über seine Zeit in der inneren Mongolei geschrieben. 11 Jahre war er dort, zum Arbeitseinsatz während der Kulturrevolution. Der Zorn der Wölfe, hat er sein Buch genannt und es wurde zum Megaseller. Schockierend ist das Buch deswegen, weil er darin die Lebensweise der Mongolen als die Überlegene darstellt. Und das bei den kulturchauvinistischen Chinesen! Das klingt also alles recht interessant.

Trotzdem kann ich nur abraten. Und zwar nicht wegen der mühsamen 700 Seiten (auf Deutsch, 400 auf Chinesisch) mit unzähligen Wiederholungen, die sich nach Endlosschleife anfühlen. Damit kann man ja leben. Kreislauf der Natur, Kreislauf der Argumente, oder so. Aber Jiang Rong begeistert sich ungehemmt für die Frischerhaltung der Völker (seien es nun Tiere oder Menschen) durch Krieg und Kampf, für Leithammel jeder Couleur, die heldisch ihre Herden beschützen und die im Übrigen völlige Einmütigkeit eben dieser Herden. Daneben rührt ihn und lobpreist er die behauptete extreme Liebe der Wölfinnen für ihren Nachwuchs. Er feiert geradezu deren Blutlust, wenn ihnen der Nachwuchs gestohlen wurde, so dass sie sich auch Jahre danach noch Rachefeldzüge ausdenken. Menschliche Tiere, tierische Menschen, alles geht durcheinander und ist echt und wahr und groß. Ganz groß und ganz echt. Und ganz anders als diese chinesischen Krämerseelen, Bürokratenhintern, korrupten Funktionäre, kleinlichen Bauern und blutarmen Gelehrten.  Anders als die Schafe eben. Einigkeit im Glied, herausragende Kriegshelden, Rache, Entwicklung und Erziehung durch Kampf, “Naturgesetze” statt Politik, Gruppenüberlegenheit, Frau=fanatische Mutter.

Zu der Ideologie fällt mir nur ein Begriff ein: faschistisch. Ökofaschismus meinetwegen. Die Begeisterung im Feuilleton ist mir komplett unverständlich. Um nicht zu sagen: Besorgnis erregend. Und nun soll das auch noch verfilmt werden, halleluja. Als Mongole würde ich mir diese Naturmenschfestschreibung außerdem verbieten. Im Übrigen kann ich nur hoffen, dass sich die Chinesen diesen Aufruf zur “Verwolfung” nicht zu sehr zu Herzen nehmen, denn sonst: gute Nacht.

Wie sich schließlich herausstellte, habe ich aus dem Werk trotz allem ein paar Informationen wringen können: so war mir die Problematik überweideten Graslandes und anderer ökologischer Konflikte bereits vertraut. Darüberhinaus wusste ich, dass Tengger der vergöttlichte Himmel der Mongolen ist. Und dass Schwäne selten und heilig sind, weswegen wir die zwei die wir sahen auch gleich fotografieren mussten. Mehrmals. Mit uns, mit anderen, ohne uns etc. Obwohl wir Zwiesel, Yaks und Adler viel interessanter fanden.

Vor lauter Gedanken, die wie so oft zu Ärger führen, habe ich nun versäumt, das Glücksgefühl zu schildern, dass einen beim Galoppieren durch weites Grasland überkommen kann. Das möge sich nun jeder bitte selbst vorstellen.

WindWasser

8. August 2009

Ich komme doch nicht darum herum, mich mal komplett laienhaft zu Feng (Wind) Shui (Wasser) zu äußern, da ich dieses Jahr an einer Bildungsreise zu diesem Thema teilnahm. Eine eher zufällige Teilnahme. Schließlich war Fengshui ein chinesisches Thema, was mich bisher schlicht nicht interessiert hatte.

Warum nicht, wüsste ich jetzt nicht zu sagen. Vielleicht einfach um mir ein weiteres aufwändiges Interessensgebiet zu ersparen. Aber was soll das für ein Grund sein? Vermutlich liegt es also eher an Besuchern, die bei mir zu hause den Klodeckel herunterklappen, damit mir nicht das Geld davonflösse. Und dann sagen, hierbei handele es sich um Fengshui. Oder im Vorbeigehen aufgeschnappten Empfehlungen, man müsse sich dort ein Mobile und hier einen Springbrunnen aufstellen. Das ist doch wirklich nichts, womit man sich länger beschäftigen möchte. Tatsächlich wünschte sich mein Bruder mal ein Buch über Fengshui von mir, in der Annahme, seine sinophile Schwester würde dann schon etwas Brauchbares auftreiben. Weit gefehlt. Planlos stolperte ich einem Esoterikbuchladen herum, kaufte nach selbstbeweihräucherndem Klappentext und hoffte, es würde gut gehen. Was nicht der Fall war.

Oder wie ein chinesischer Freund sagte: die Kaiserpaläste und -gräber wurden alle nach dem besten erdenklichen Fengshui erbaut und wie lange haben die Dynastien letztlich gehalten? 300 Jahre waren schon richtig gut. Da ist natürlich was dran. Auf der anderen Seite hat ja auch niemand behauptet, dass es nur auf das Fengshui ankäme.

Jedenfalls wurde ich so zufällig wie absichtlich Teil dieser Reiseveranstaltung mit der kleinen Nebenaufgabe meine Chinesischkenntnisse der Gruppe und ihren Einzelteilen zur Verfügung zu stellen. Der Reiseleiter sprach Chinesisch nur sehr rudimentär, hat aber die wunderbare Begabung, mit wenigen Brocken einzelner Wörter ein Maximum an Kommunikation herzustellen.  Während ich ja lieber in ganzen, wenn auch häufig falschen Sätzen spreche, was dem Verständnis nicht immer dienlich ist. Auf längere Sicht aber doch weiter führt. Auf diese Weise kam ich also in den Genuss, mit vielen verschiedenen Leuten Chinesisch zu sprechen. Und vor allem: unheimlich gefragt zu sein.

Als erstes gab ich es im Kontakt mit der Gruppe auf, Fengshui chinesisch auszusprechen. Das ginge so: ein sehr offenes an ein A erinnerndes E in Feng und Shui als Shuei im abfallendem und steigendem Ton, statt shuii. Das wirkte nur besserwisserisch prätentiös, was ich auf Dauer nicht durchhalten konnte. Ich nahm also Fengshui schließlich als deutsches Lehnwort und dann gings gleich besser.

Soweit assimiliert erfuhr ich, dass Fengshui, nicht nur architektonisch/räumlich angewandt wird, sondern auch zur Wahrsagerei. Das hätte ich auch aus der Übersetzung “Geomantie” schließen können, tat ich aber nicht, sondern wunderte mich. Dabei ist es eigentlich ganz klar. Die Welt der Menschen wird durch den Himmel (die Zeit) und die Erde (den Raum) bestimmt. Und so sollen die Räumlichkeiten, inklusive Grabstätte  im Idealfall zu den eigenen Daten passen und über diese Schiene ist man ja sofort beim Bazi, der Wahrsagerei aus den Geburtsdaten. Die also recht eigentlich eine Fengshuidisziplin zu sein scheint.

Demzufolge kann man auch aus einer nach Fengshuikriterien gebauten Anlage Rückschlüsse auf die Geburtsdaten des Eigentümers ziehen, wenn man ungefähr weiß, wann er gelebt hat. Das ist alles sehr verwirrend, insbesondere für einen Verstand der es gewohnt ist, Zeit und Raum voneinander zu trennen. Vielleicht könnte da auch Quantenphysik zur Annäherung helfen.

Mich völlig überraschend fragte eine Reiseteilnehmerin, kaum dass wir unsere Namen ausgetauscht hatten: Du bist Wasser, stimmt´s? Schloss sie das aus meiner Lage im Raum? Aus den Zeichen der Zeit in meinen Gesichtszügen? Keine Ahnung. Ich trank nun gerade einen Tee, den ich dummerweise mit dem extrem ekelhaft schmeckenden Shanghaier Wasser zubereitet hatte und war deswegen auf Wasser insgesamt nicht so gut zu sprechen. Außerdem wusste ich nicht, was sie eigentlich meint und sah sie schafsköpfig an. Und erfuhr, dass einem nach Geburtsjahr als sogenanntes Minggua ein chinesisches Element zugeordnet ist, als da wären Wasser, Holz, Feuer, Erde, Metall. Damit ist jedoch nicht einfach das Element des Jahres gemeint. Ich bin beispielsweise im Jahr 1968 geboren, als Januargeborene chinesisch aber 1967, und damit im Jahr der Feuerziege. Oder Schaf. Feuerschaf. Was immer man sich darunter vorstellen soll. Deswegen ist mein Minggua aber nicht notwendigerweise Feuer. Denn das bestimmt sich außer nach dem Jahr auch noch nach dem Geschlecht. (Die spinnen, die Chinesen.)

Ich ließ also nachrechnen und Tatsache: Wasser. Wenn man mal vom Shanghaier Leitungswasser absieht, was auf anschauliche und drastische Weise bezeugt, dass eine Diktatur bei der Missstandsbekämpfung keinesfalls effektiver ist als eine Demokratie, kann ich damit natürlich was anfangen. Klar, anpassungsfähig, penetrant, tiefgehend. Nun ist mir aber eine Berechnungsformel untergekommen, nach der und Adam Riese wäre mein Minggua doch Feuer. Dieses Problem ensteht aus der Ungleichzeitigkeit des ostwestlichen Jahreswechsels. Wenn ich jetzt noch bedenke, dass ich nicht weiß, wie es überhaupt zu dem Berechnungskonzept aus Quersummen der Jahreszahlen kommt, die in China ja erst im 20. Jahrhundert eingeführt wurden, tun sich diese Abgründe auf, die ich bislang durch Desinteresse am Fengshui umschiffen konnte.

Solche Uneindeutigkeit ist natürlich auch ganz schön. Seufzend entringt sich mir ein: zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust. Und bin ich mir selbst nicht regelmäßig völlig zuwider? Feuer und Wasser im ewigen Kampf. Unelegant brachial. Kein Wunder dass ich außer heißem Dampf nichts zustande kriege, denke ich dann.

Andere konnten mit derartigen Uneindeutigkeiten gar nicht umgehen. So kam es zu einer völlig bizarren Debatte an deren Ausgangspunkt die Behauptung stand, dass Personen mit 83% Yinholz eine Anlage zur Homosexualität haben. Ein Spannungsfeld zwischen exakter Schicksalsberechnung nebst aller Attribute und dem Vorwurf der Scharlatanerie tat sich auf. Oder zwischen Borniertheit und Intuition. Formel und Potenzial. Digital und analog. Zu dem ich in völliger Unkenntnis was mit 83% Yinholz gemeint sein könnte, auch ordentlich Senf beitrug. Wieder zurück nahm ich mir dann den Zettel vor, den mir ein taiwanischer Wahrsager beschriftet hatte und hielt nach Holz Ausschau. Ein einziges Holz fand ich in all den zahlreichen Schriftzeichen.  Yin oder Yang? Und wieviel Prozent kann ein Holz haben? 100% von allem Holz? Oder 12,5% von allen acht Zeichen? Es ist manchmal schon schwer mitzudiskutieren, wenn man die Grundlagen nicht kennt. Aber ein Menschenrechtsstandpunkt geht eigentlich immer.

Wie dem auch sei. Richtig  verständlicher wurde es auch nicht, wenn es um die Potenziale des Raumes ging. Dann fielen Sätze wie: nachher treffen wir uns und berechnen  fliegende Sterne. Kam mir wie ein mutiges Unterfangen vor. Die fliegenden Sterne habe ich mir später auf einer Busfahrt vom Reiseleiter im privaten Schnellkurs erklären lassen. Ich fand es unheimlich interessant und logisch und hatte ganz viel verstanden.  Sehe jetzt aber auf die Skizzen mit den vielen Zahlen und Pfeilen und muss sagen: das waren Perlen vor die Sau. Doch auch eine Sau kann sich, wenn auch unverständig, am Schein der Perlen erfreuen.

Um diesem Missstand des Unverständnisses abzuhelfen, um der Sau den Genuss an der Perle noch näher zu bringen, verfüge ich jetzt über ein Buch, das sich Fengshuiführer für komplette Idioten nennt. Abgesehen von der amerikanischen Aufmunterungsdidaktik soll es inhaltlich wohl etwas taugen. Bis zu den fliegenden Sternen bin ich allerdings noch nicht vorgedrungen, habe aber mal hingeblättert. Dort sind lauter unterteilte Scheiben mit Zahlen abgebildet, die vage an TÜV-Plaketten erinnern. Darüber fliegen die Sterne vorwärts oder rückwärts, dass mir ganz blümerant wird und ich sollte vermutlich das Kapitel mal von vorne durcharbeiten. Das kann aber noch dauern.

Also betrachte ich lieber die schematischen Zeichnungen, die sich zum Aufbau der Zimmer äußern. Allgemein gilt: eine Schildkröte im Rücken, links den grünen Drachen, rechts den weißen Tiger, in etwas Entfernung vorne den roten Phönix. Das macht alles natürlich ungemein klar. Insgesamt bezieht sich dieses Konzept auf eine alte analoge Zuordnung. Zum Norden gehören das Wasser, der Mond, der Winter, schwarz und der dunkle Krieger, das ist auch die von einer Schlange befruchtete Schildkröte. Im Süden tummeln sich Feuer, Sonne, Sommer und der rote Vogel. Zum Osten gehört das Holz, der Frühling, der Wind und der grüne/blaue Drachen, zum Westen das Metall, der Herbst, die Kälte und der weiße Tiger. Und jeweils vieles mehr. Emotionen, Krankheiten, Körperteile, alles lässt sich dort wiederfinden und einteilen. Diese Art der Zuordnung gibt es belegt jedenfalls schon seit der Zhou-Dynastie und das heißt irgendwas zwischen etwa 1000 und 221 vor. Dabei sollen der grüne Drache den Mann und der weiße Tiger die Frau repräsentieren. In der späteren Hanzeit wurde diese Zuordnung zumindest in der Alchemie umgekehrt. Aber ich schweife ab.

Wenn ich das richtig verstanden habe, soll man also im Rücken den dunklen Krieger haben, also etwas schützendes wie beispielsweise eine Wand. Links den grünen Drachen, der etwas höher sein soll, als der weiße Tiger rechts. Dann erst mal nichts und als Sichtpunkt den roten Phönix. Derart gewappnet schaue ich nun auf die Zeichnungen eines Arbeitsplatzes, der unbedingt vermieden werden sollte. Es sieht so ähnlich aus wie der an dem ich schreibe. Ich sitze mit dem Rücken zum Raum vor einer Wand mit Tür. Mein roter Phönix ist die Schreibtischlampe direkt vor meiner Nase, der dunkle Krieger fehlt und von dem Sammelsurium meiner zwei nebeneinanderstehender Schreibtische ist der Rechte höher als der Linke. Dazu reicht rechts ein Regal mit Aktenordnern bis zur überdreimeterhohen Altbaudecke. Links fällt die Linie ab bis zur Tür. Quer über den ungleich hohen Tischen liegt die Tastatur für den Computer. Auch Ergonomen würden weinen. Mein Malarbeitsplatz fällt da schon ein wenig günstiger aus (Wand im Rücken), einen Fengshuipreis würde ich dafür trotzdem nicht erhalten. Aber vielleicht könnte wenigstens der Ergonom angesichts des gut gepolsterten Stuhls, der flachen Arbeitsfläche und des Fehlens eines Monitors seine Tränen trocknen? Obwohl: Wasser muss fließen.

Wasser in Wasser schütten

18. Juni 2009

Vor etwa drei Wochen war ich in Shanghai in der Ausstellung “Gegenwärtige Tuschmalerei”. Einiges fand ich schön, anderes unverständlich, manches großartig, anderes blöd, also insgesamt eine äußerst gelungene Ausstellung. Allerdings gab es mehrere befremdliche Momente bezüglich der Ausstellung selbst, bzw ihrer Konzeption.

Ich war die einzige Besucherin und schlich mit diesem westlichen Kunstsinngesicht still durch die Räume. Gleichzeitig tat dem ermüdeten Aufseher offenbar der Rücken weh oder er war einfach müde und mit seinen Fäusten laut auf den Rücken trommelnd ging er auf und ab, ein Geräusch das durch den Saal hallverstärkt wurde. Als er damit fertig war, fing er an, ausgiebig so herzhaft und laut zu gähnen, dass ich auch ganz müde wurde.

Dies passte so gar nicht zu dem Kritischesinteresseundsachverstanddemonstriergesicht und zu der dabei unbedingt erforderlichen Stilleerwartung, dass ich beides ablegte und stattdessen die Kamera zückte, was offenbar erlaubt war.

Die nächste Irritation bestand darin, dass die Bilderrahmen zum Teil noch in Plastikfolie steckten und vor allem, dass einige Bilder in den Rahmen heruntergerutscht waren. Da dies bei unterschiedlichen Künstlern, aber den gleichen Rahmen der Fall war, kann ich eine künstlerische Absicht dabei ausschließen.

Besonders befremdlich war aber die Konzeption selbst. So gab es im Erdgeschoss Bilder von Ausländern, in der Mitte abstrakte Tuschmalerei und oben Kunst von Frauen. Was kann man nun daraus schließen? Die abstrakte Kunst war von Chinesen, wobei sich auch ein in Shanghai lebender Deutscher darunter befindet, von denen die überwiegende Mehrheit Männer sind. Hier war man also eingeladen, sich mit den Bildern zu beschäftigen. An den Ausländern (auch für Chinesen immerhin die Mehrheit der Weltbevölkerung), Männer wie Frauen, die hauptsächlich ebenfalls abstrakt malten, war offenbar hauptsächlich interessant, dass sie von außen kamen und sie mussten von den Chinesen unterscheidbar gemacht werden. Na und dann halt noch die eigenen, die chinesischen Frauen. Frauen halt. Diese Abweichung von der Norm, die man sich noch nicht einmal durch nationale Abgrenzung oder sonstwas vom Leib halten kann. Auch hier kommt es offenbar nicht auf die Bilder, sondern auf die spezielle Herkunft an. Die Norm und die Abweichung also.

Nicht, dass einem so etwas hierzulande nicht begegnet. Dauernd und überall, und auch von einem Freund musste ich mal hören, dass eine männliche Sprecherstimme neutral und sachlich sei, während eine weibliche speziell, also anders sei. Weder Logik noch Haareraufen half, um verständlich zu machen, was daran androzentrisch ist. In so einem intellektuellen Kontext wie der der Ausstellung, wäre natürlich etwas mehr Bewusstsein schön gewesen. Nur ein klein bisschen zB Foucault oder Irigaray oder gar bloß Gender Mainstreaming und ein bisschen nachdenken von hier auf gleich und schon wäre das nicht passiert. Eigentlich würde schon ganz ohne Lesen das Empfinden von der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen ausreichen.

Meine Erbosung wird unzusammenhängend durch die Texte, die ich gerade in einer sinologischen Übung lese, geschürt. Nämlich die Notizen des Beamten Chen Shengshao, der sich auch zu verschiedenen “Frauenproblemen” äußert. Immerhin sind die Notizen fast 200 Jahre alt, können also zur aktuellen Problematik konkret wenig beitragen. Aber vielleicht veranschaulichen.

Herr Chen war also um 1830 als Beamter in den südlichen Provinzen Chinas tätig und bemühte sich dort darum, die auftretenden Probleme aller Art in den Griff zu kriegen. Auch wenn er selbst gerne sagt, dass ein Übel von der Wurzel her beseitigt werden müsse, wirken seine Maßnahmen häufig eher pragmatisch oder gar oberflächlich, aus heutiger Sicht. Rechtfertigend sagt er auch: gegen den Lauf der Dinge zu Regieren ist schwer, folgt man der Natur der Dinge, dann ist es leicht. Wobei die Natur der Dinge hier der Schwachpunkt in der Argumentation sein dürfte.

Ein besonders drängendes Problem war jedenfalls das Ertränken von Mädchen,was offenbar gerade in der heutigen Provinz Fujian erhebliche Ausmaße angenommen hatte. Es gibt demographische Zahlen noch zu der Zeit vor Chen Shengshao, nämlich aus der Mingzeit. Anfang der Mingzeit (12. Jhdt) gab es in einem bestimmten Kreis 36.790 männliche und 28.368 weibliche Einwohner. Zum Ende der Mingzeit (17. Jhdt) kamen auf 32.966 Männer nur noch 11.628 Frauen. Offenbar hat sich bis zur Zeit des Herrn Chen hier keine nennenswerte Besserung eingestellt.

Er begründet das Phänomen des Mädchenertränkens damit, dass es so unglaublich teuer sei, eine Tochter zu verheiraten, dass sich Familien in Schulden stürzen müssen, die sie nie wieder los werden. Weil ja aber auch immer die Nachbarn schauen, wieviel Mitgift geleistet wird, man also an der Stelle unmöglich sparen kann, bringt man die Mädchen nach der Geburt einfach um, offenbar durch Ertränken. Das passt gut zu dem Satz, eine Tochter sei wie verschüttetes Wasser. Denn nach der Heirat gehört sie mitsamt der Mitgift zur anderen Schwiegerfamilie und pflegt auch deren Ahnen, während sie ihrer Ursprungsfamilie nichts mehr nützt, also nur gekostet hat. Da schüttet man das Wasser doch besser gleich zum anderen Wasser dazu. Bevor es einem Mühe und Kosten verursacht hat.
Die Idee, sie als Kindsbräute ohne Mitgift an andere Familien zu geben, soll nicht praktikabel sein, weil sie immer weinend zurückgelaufen kämen, wenn sie ihre leiblichen Eltern kennen.

Aber Herr Chen will Abhilfe schaffen, da aus dem akuten Frauenmangel allerlei Übel resultieren, als da wären: Familien adoptieren wegen Nachwuchsmangel fremde Jungen für die Ahnenverehrung, was zu genealogischem Chaos führt, Witwen heiraten ein zweites Mal und marodierende Junggesellenhorden sorgen für Unruhe.

Also erlässt er ein Gesetz zum Ammenwesen. Ammen, die fremde Mädchen aufnehmen werden bezahlt und mit sozialversicherungsähnlicher Versorgung ausgestattet, sie ziehen sie groß, bis die Mädchen etwa 7 Jahre alt sind und Schaufel und Besen halten können. Nochmal 6-7 Jahre später taugen sie dann als Ehefrauen. Ob sie diesen zweiten Abschnitt schon als Kindsbräute bei der neuen Familie schuften sollen, ist etwas unklar. Für ammenaufgezogene Kindsbräute fällt offenbar keine Aussteuer an und da sie ihre leibliche Familie nicht kennen, können sie zu denen auch nicht zurücklaufen. Und die Ammen werden sie ohne die Bezahlung nicht wieder aufnehmen. In der Falle, aber am Leben.

Jedenfalls gab es im Bezirk Zhaoan nach seiner Amtszeit 1200 bezahlte Ammen und als er versetzt wurde, hätten ihn die Ehefrauen und Ammen gar nicht abreisen lassen wollen. Dass er zahllosen Mädchen das Leben gerettet hat, scheint ihn zwar nur im Hinblick auf die Funktionsfähigkeit und Ordnung in der Männergesellschaft zu interessieren, aber gerettet ist gerettet, das darf man schon anerkennen. Vielleicht empfand er auch ein kleines bisschen Bedauern für die Mädchen, wie für einen ertränkten Wurf Kätzchen, fand das aber zu emotional für seine landeskundlichen Notizen.

Ein bisschen froh bin ich in dem ganzen Ärger schon, dass ich mich persönlich auf dem Niveau von Ausstellungskonzepten mit dem Thema auseinandersetzen kann.


Wiedergänger

29. April 2009

Auch wenn die meisten es nicht mehr für möglich halten werden, im April, also in diesem Monat war Ostern. Es ist noch gar nicht so lange her, auch wenn es sich so anfühlt. Und eine Woche davor, also auch noch nicht wirklich lange her, war Qingmingjie, das chinesische Totenfest. Das passt natürlich sehr schön. Erst das Totenfest, dann die Karwoche, dann die Wiederauferstehung. Schön.
Ich fragte einen chinesischen Freund, wie er denn das Totenfest begangen habe. Er schaute mich verständnislos an. Ach, sagte er dann, war das jetzt? Und woher ich das wisse. Aus dem Kalender antwortete ich nüchtern und ihm entrang sich ein Seufzer über all die Verluste, die die Kulturrevolution seinem Land eingebracht hatte. Nein, also sie würden das Fest nicht begehen. Das sieht in Taiwan natürlich ganz anders aus, aber darüber habe ich mich ja in meinem Buch schon verbreitet.
Glücklicherweise hatte ich Trost dabei, einen Schokoladenhasen mit Glöckchen und ein paar Ostereier, rote natürlich, wegen des damals noch bevorstehenden Osterfestes. Er ergriff die Gelegenheit beim Schopf und fragte mich, was es denn bitte damit auf sich habe. Ostern heißt in der unnachahmlichen Direktheit der chinesischen Sprache Fuhuojie, was soviel bedeutet wie Wiederlebenfest. Und ich erläuterte, wann Jesus gestorben und wann wieder auferstanden war, und dass er zwar als Lamm oder Fisch oder Brot metaphorisiert werden könne, nicht aber als Hase und schon gar nicht als Ei. (Obwohl ich nicht ausschließen möchte, dass es in Spanien, wo Jesus ein ganz normaler Männername ist, es auch das ein oder andere Karnickel namens Jesus gibt.) Erläutere, dass es da vielmehr wegen des Frühlings um Fruchtbarkeit (Chinesisch: Feiwo=fettes Bewässern) ginge. Mit seligem Lächeln betrachteten wir dann seine neugeborene Tochter.
Passend zu diesem Wiederlebenkomplex kamen zwei Filme in die Kinos. Da wäre einmal Ghosted zu nennen. Wie der Name schon sagt, ging es da weniger um lebendiges Wiederleben, sondern eher um totes. Ich würde den Film wahnsinnig gerne empfehlen, war es doch die erste Deutsch-Taiwanische Coproduktion, die erst nach einem engen Geburtskanal von Schwierigkeiten endlich gelang. Außerdem habe ich ein Faible für Geistergeschichten, homoerotische insbesondere. Er war mit tollen Schauspielerinnen besetzt, wobei die hiesig bekannteste wohl Inga Busch sein dürfte. Zusätzlich gab es schöne Bilder aus Taiwan. Genützt hat es trotzdem nicht.
Langweilig und prätenziös, das waren so die Gedanken, die mir beim Ansehen kamen. Besser wurde es auch nicht, als ich von den Gedanken der Regisseurin erfuhr: Der Ahnenkult Taiwans sollte verknüpft werden mit einer deutsch-romantischen Doppelgängergeschichte, wobei ich schon nicht darüber hinwegkam, dass die Doppelgängerin dem Original kein bisschen ähnlich sah, wenn man nicht von der Prämisse ausgeht, dass alle Asiatinnen eh gleich aussehen. Diese ungleiche Doppelgängerin tauchte erst nach dem Tod der anderen auf. Aber sind Doppelgänger nicht etwas, das zu dem Original gehört, von diesem erlebt und letztlich vielleicht nicht überlebt? Ist ein Wesen, das nach dem Tod des Originals herumspukt nicht schlicht ein Geist? Oder von mir aus ein Gespenst? Ein Wiedergänger, statt eines Doppelgängers? Abgesehen von Spitzfindigkeiten dieser Art hat mir der Film leider leider nicht gefallen, obwohl ich so entschlossen war, ihn zu mögen.
Der andere Wiederbelebungsfilm im weiteren österlichen und fernöstlichen Umfeld war “John Rabe”. Ich gebe zu, der Film ist etwas bieder gemacht und leider sprechen alle außer den meisten Chinesen und einigen Japanern deutsch. Aber die Geschichte allein ist erzählenswert.
Als ich Ende der 80er Jahre in Nanjing war, wollte mir ein Chinese etwas zeigen, von dem ich noch nicht einmalmehr weiß, ob es eine Gedenktafel, eine Statue oder sonstwas war. Ich weigerte mich schlicht, es wahr zu nehmen. Irgendetwas das eben an John Rabe erinnert, den guten Nazi von Nanjing. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Nichts wollte ich davon hören, sehen oder gar glauben. Nichts. Und eigentlich hatte ich das alles längst vergessen, bis mir vielleicht 15 Jahre später ein Buch in die Hände fiel über Nanjing Datusha, das “große Schlachten”/das Massaker von Nanjing.
Im Winter 1937 lagen China und Japan in einem ungleichen Krieg. China, noch zerrissen über die Frage, wo es nach dem Untergang der Kaiserzeit 1911 hin gehen soll, ausgelaugt und gedemütigt vom westlichen Ausland und dem technisch längst modernisierten Japan, geplündert und erschöpft von eigenen, gierigen Kriegsherren und selbstherrlichen Lokalmatadoren und gespalten in zwei sich mühsam in eine Einheitsfront gequälten, gleichermaßen undemokratischen Parteien.
Also marschiert die japanische Armee ohne nennenswerte Schwierigkeiten und mit eigenen Herrenrasseideen eifrig auf Nanjing zu. Bitter, hässlich, aber im Rahmen des Erwartbaren. Die Guomindang verfolgte bei ihrem Rückzug eine Politik der verbrannten Erde, was für die Zivilbevölkerung eine zusätzliche Bedrohung war.
Doch an irgendeiner maßgeblichen Stelle reichte irgendwelchen maßgeblichen Japanern, wie vielleicht dem kommandierenden Prinz Asaka, oder General Iwane Matsui der Sieg nicht, reichte es nicht, dass die damalige chinesische Hauptstadt am 13.12.1937 fiel. Es musste gefoltert, geschändet, getötet, vernichtet, verheert werden. Dazu kam die Weisung von Kaiser Hirohito keine Gefangenen zu machen. In den wenigen Wochen der Jahreswende 1937/38 wurden 200.000 bis 360.000 Zivilisten ermordet. Zerfleischt, zerrissen, wettgeköpft, gekreuzigt, lebendig begraben, gebraten, zerschnitten und natürlich erschossen.
Von sexueller Gewalt ganz zu schweigen.
General Matsui, dessen Rolle irgendwie unklar blieb, wurde nach einem internationalen Tribunal hingerichtet. Prinz Asaka genoss als Mitglied der kaiserlichen Familie Immunität.
In all dem John Rabe, seit 1908 als Kaufmann für Siemens in China. 1934 war er in die NSdAP eingetreten.
Siemens hatte ihm die Weisung zum Rückzug gegeben, doch Rabe blieb. Mit so einer erbarmenden Massahaltung, wie ein selbsterklärter Südstaatengutmensch für seine behauptet kindergleich verlorenen Negersklaven. Ok. Aber er blieb. Und setzte sein Leben aufs Spiel für die, für die er zuständig war und für dann schnell sehr sehr viele Menschen mehr. Er wurde Vorsitzender der internationalen Sicherheitsszone, die zum Schutz der Zivilbevölkerung von 15 der verbliebenen 22 Ausländern gegründet worden war. Faktisch wurde er damit Bürgermeister der administrativ und militärisch aufgegebenen Stadt. Für die Sache schrieb er niedliche Briefe an Hitler, immer im Glauben, dass dieser humanitäre Staatsmann alsbald helfen würde. Diese völlige Verkennung der politischen Gegebenheiten lässt sich nur damit irgendwie erklären, dass Rabe 1930 das letzte Mal in Deutschland war. Und das Zitat von Hitlers Seele, die “an die Sterne strich und der doch Mensch blieb wie du und ich” empfiehlt ihn vermutlich für eine Psychoanalyse beim Juden Sigmund Freud. Antisemitismus ergibt sich aus seinen Tagebüchern jedenfalls keinesfalls. Für Rabe, der sicher auf “deutsche Tugenden” hielt, hieß Nazi zu sein: “Wir sind Soldaten der Arbeit, wir sind eine Regierung der Arbeiter, wir sind Freunde der Arbeiter, wir lassen den Arbeiter, den Armen, in seiner Not nicht im Stich.” No, soweit das sozial, unter national kann man ja so allerlei verstehen.
Indirekt war Hitler immerhin von Nutzen, weil das Deuten aufs Hakenkreuz und Heilhitlerdeutschgeplärre immer wieder dazu beitrug, dass einzelne Japaner mit irgendeiner Schandtat aufhörten, größeren und kleineren.
Dank der Schutzzone überlebten etwa 200.000 Menschen und Rabe wurde ihr lebender Buddha.
Nach dem Massaker, Anfang 1938 kehrte Rabe nach Deutschland und dort nach Berlin zurück. Siemens hatte keine wirkliche Verwendung mehr für ihn. Statt kommerzielle Interessen stringent zu verfolgen hatte er maßgeblich dazu beigetragen einige 100.000 zu schützen, zu ernähren, das Leben zu retten. Das erforderte großes organisatorisches Geschick, aber mehr wog wohl der Ungehorsam, der Vorzug des Menschlichen über wirtschaftlichem Kalkül. Rabe versuchte hartnäckig die Partei und den verehrten Herrn Hitler über die Gräuel und Greuel zu unterrichten. Er hielt Vorträge und zeigte Filme über die Vergewaltigung von Nanjing, auch vor einem SS-Gremium. Die daraus gezogenen Konsequenz war jedoch für Rabe unerwartet. Die Gestapo kam, beschlagnahmte den Film und verschiedene Texte, und belegte ihn mit einem Schweigegebot.
Nach der Befreiung wurde es für ihn nicht viel besser, denn er wurde zunächst nicht entnazifiziert. Siemens wollte ihn nun angeblich deshalb nicht mehr haben und auch sonst niemand. Für körperliche Arbeit war er wegen seiner Diabetes nicht geeignet. Erst in der Berufung wurde er entnazifiziert, aber das nützte ihm dann auch nicht mehr viel. Deutschland wollte von dieser grauschillernden Figur eines lebenden Buddha keine Notiz nehmen. Genausowenig wie ich, etwa 40 Jahre später. Doch China, in Form der Nationalregierung der Guomindang erinnerte sich seiner und bedachte ihn mit Care-Paketen, bis 1949 die Chinesen andere Sorgen hatten. 1950 starb er arm und die VR China bemühte sich später um den Grabstein, seines nach Ablauf der Liegefrist aufgelassenenen Grabes. In China war Rabe wohl unabhängig vom politischen System nie vergessen, ein Trostpflaster auf dem Trauma von Nanjing.
Ein jovialer, patriarchaler Witzboldheld. Aber ein Held.
Nun ist diese Wiedererweckungsgeschichte so derart mit Tod und Leid verknüpft, dass es schwierig ist in eine nachösterlich lebendigfrühlingsfrohe Stimmung zurück zu finden. Aber der erste Mai naht und damit Krawall unter blühenden Bäumen, das wird dann schon irgendwie für Ablenkung sorgen.

Gewölbegestaltung

31. März 2009

Bekanntermaßen ist Taiwan das Kunststück gelungen, sich selbst und von innen heraus von einer Militärdiktatur unter Kriegsrecht zu einer Demokratie zu entwickeln. Und wie es aussieht, zu einer echten. Schließlich gab die erst totalitär, dann ab 1996 demokratisch herrschende Guomindang im Jahr 2000 erstmalig und tatsächlich die Macht an die demokratische Fortschrittspartei ab. Leider muss sich deren Präsident aD Chen derzeit wegen Korruption, Unterschlagung und Geldwäsche vor Gericht verantworten. Sollte es sich dabei um ein Komplott handeln, steckt die Demokratie vielleicht doch noch in den Kinderschuhen. Wenn nicht: willkommen im Zirkel der demokratischen Ehrenmänner.
Seit der letzten Wahl 2008 stellt jedenfalls die Guomindang wieder den Präsidenten, einen gewissen Herrn Ma. Schlagartig verbesserten sich die Beziehungen zur VR China. Tauwetter in der klimatisch ohnehin völlig frostfreien Taiwan Strait. Das freut einen natürlich irgendwie. Wenn die Welt friedlicher und harmonischer wird. Das ist ganz grundsätzlich eine schöne Sache. Hängt in diesem Fall aber damit zusammen, dass die Guomindang auch eine Einchinapolitik verfolgt. Taiwan als eine Provinz Chinas und umstritten ist nur, wer das Land regiert, bzw regieren soll. Die Fortschrittspartei hat ihre Anhänger eher bei jungen Leuten bzw den alteingesessenen Taiwanern, deren Eltern zwischendurch auch mal Japaner waren und denen Sinn und Bedürfnis, China zu sein völlig abgeht.
Mir ging das ja vor über 20 Jahren ähnlich. Ich fragte mich und andere, ob es nicht vielleicht mal an der Zeit sei, dass das Grundgesetz und die Bildzeitung ihren Wiedervereinigungsanspruch aufgäben. Man müsse doch auch mal historische Fakten akzeptieren etc pp. Wie bekannt, wurde ich mit meinem Vorwurf der Gestrigkeit von der Geschichte plötzlich rechts überholt. Während aber im Verhältnis DDR/BRD der Wiedervereinigungsimpetus der letzteren die Beziehungen erschwerte, ist bei Festland China/Taiwan das Gegenteil der Fall. Wenn und solange Taiwan auch vom gemeinsamen China träumt, ist die VR zufrieden.
Ich fragte eine taiwanische Freundin, was sie denn von dem neuen taiwanischen Guomindang-Präsidenten halte. Ich gebe das jetzt besser nicht wörtlich wieder, denn retour kam eine wütende Schmähschrift. Ok, dachte ich, sie empfindet die Entspannung augenscheinlich als nicht so zentral. Fäkalsprachenbereinigt könnte man den Anwurf mit Duckmäuser und Verräter zusammenfassen.
Dann erkundigte ich mich bei einem volksrepublikanischen Freund, den ich jetzt mal Xianfa nenne, nach seinen Ideen zu Taiwan. Überraschenderweise hatte er welche. Häufig wird bei einer vorsichtigen Nachfrage meinerseits in der allgemeinen gehaltenen Antwort an das Wort Taiwan noch der Zusatz Provinz gehängt, dann weiß man gleich wo der Hammer hängt. Ein weiteres Nachfragen erübrigt sich so.
Also, sagte er, er hätte im Prinzip nichts gegen eine Wiedervereinigung, diese setze aber voraus, dass die Volksrepublik demokratisch würde. Ich finde, das ist ein hübsche Idee, dass sich die wiedervereinigungsversessene Seite der anderen anpasst und nicht umgekehrt. Auch inhaltlich spricht hier natürlich einiges dafür.
Und so -natürlich nicht in erster Linie deswegen- machte sich Xianfa ans Werk und ich darf mithelfen. Er erklärte mir, dass ja die Übernahme westlicher Zivilrechtsstandards eine schöne Sache sei und vermutlich auf wirtschaftlicher Ebene zu ein bisschen mehr Rechtssicherheit führen könnte. Aber eigentlich sei das alles bloße Kosmetik. Die Volksrepublik müsse sich mit westlichen, zum Beispiel deutschem Staatsorganisationsrecht auseinander setzen, Gewaltenteilung, Föderalismus, Grundrechte. Pipapo. Diese Dinge eben. Ich stimme völlig überzeugt, taktisch aber vielleicht etwas ungeschickt, vollmundig zu. Und komme so wie die Jungfrau zum Kinde. Und Kinder machen nun mal Arbeit, unbezahlt aber befriedigend. Irgendwie. Habe ich mir sagen lassen. Xianfa und ich treffen uns jedenfalls nun wöchentlich, um an der Übersetzung eines grundlegenden Staatsorganistionsrechtsbuches zu arbeiten. Natürlich helfe ich nicht bei der Übersetzung ins Chinesische, das würde einen schönen Unsinn ergeben, sondern bei der Erläuterung des Deutschen, oder sogesehen des Fachchinesischen. Da Xianfa auch Jurist ist, muss ich glücklicherweise nur selten die juristischen Begriffe selbst erläutern.
Der gemeine deutsche Jurist, insbesondere der professoralen Hintergrundes, befleißigt sich aber mit Vorliebe einer etwas gestochenen, um nicht zu sagen geschraubt veralteten Ausdrucksweise, gleichwohl diese zugunsten einer präzisen Definierbarkeit zuweilen berechtigt, ja sogar geboten erscheint, die einen potenziellen Leser, für den Deutsch zudem eine Fremdsprache darstellen mag, jedoch mitunter ratlos zurücklässt.
Meine erste Aufgabe besteht also daran, die Bezüge herzustellen. Auf was bezieht sich in einem ellenlangen Satz ein die oder der oder das oder dass. Dann versuche ich so sonderbare Wörter wie “mitunter” oder “sich befleißigen” zu erklären. Oder dass gemein nicht immer fies heißt. Das geht meist recht gut, aber wie bitte könnte ich Ausgestaltung erläutern? Ausgestaltung eines Rechts, beispielsweise. Das kommt im Text sehr häufig vor. Und es gibt weder ein Synonym, noch eine Übersetzung. Schaffung, Bestimmung, Definieren, greift alles zu kurz. Die chinesische Übersetzung wird hier wohl oder übel etwas flacher ausfallen.
Dann müssen lateinische und französische Begriffe übersetzt werden. Wie soll denn auch Xianfa wissen, dass es sich bei: “Verhältnismäßigkeit und Proportionalität müssen gewahrt werden” eigentlich nur um eine Voraussetzung handelt? Und natürlich ist auch manchmal auszudeutschen, was der Autor überhaupt sagen will. Dazu bemale ich dann Zettel mit Kreisen und Pfeilen und Zeitachsen, als würden wir eine Mischung aus Physik und Mengenlehre betreiben.
Der Höhepunkt sind Redewendungen, wie das sich selbst erklärende “mit Kanonen auf Spatzen schießen” (Stichwort: Verhältnismäßigkeit). Oder: “Ein effektiver Rechtsschutz ist der Schlussstein im Gewölbe des Rechtsstaates.” Da gilt es erst ein Gewölbe zu erklären, was nun wirklich keine traditionell chinesische Bauform darstellt (ich sage nur: Holzbalkendecke) und dann plastisch zu machen, was passiert, wenn der Schlussstein weggelassen wird. Wie alles zusammenfällt, all das zuvor sorgsam und mühsam Erbaute. Ich bin gespannt, welche chinesische Redewendung Xianfa dafür einfällt. Denn mit Sicherheit gibt es in den unendlichen Weiten chinesischer Sprichwörter auch dafür etwas Passendes.
Wenn er dann alles verstanden und in wunderbares Chinesisch übersetzt haben wird, soll das Werk in einer chinesischen Juristenzeitschrift erscheinen. Das wird dann zwar sicher nicht der Auslöser einer Lawine werden, aber vielleicht ein Beitrag zu einem Rinnsal, das mit anderen Rinnsalen zu einem Bach, einem Fluss, einem Strom zusammenfließt. Dann schließlich wird die Demokratie in der Volksrepublik erblühen, die taiwanisch/festländischen Brüder und Schwestern werden sich glücklich in die Arme sinken und Frieden und Glück wird sein allüberall.
Um der Freundschaft willen erzähle ich also meiner taiwanischen Freundin besser nichts von diesem Projekt.
Und wer kriegt dann eigentlich von wem das Begrüßungsgeld?

Schall und Rauch

27. Februar 2009


Ich wollte ja schon lange mal etwas zu chinesischen Namen schreiben, aber das sollte natürlich fundiert und informativ sein. Für Fundiertes und tiefgehender Informatives habe ich aber gerade keine Zeit. Auf der anderen Seite ging die Frage nach deutschen Namen gerade so schön durch die Presse, dass ich nun nicht länger an mich halten kann. Die Frage also, die das Bundesverfassungsgericht gerade beschäftigt, ob neben Doppelnamen auch Tripel-, bzw Quadrupelnamen zulässig sein müssen. Da will ein Paar unbedingt einen gemeinsamen Ehenamen, aber auf den eigenen nicht verzichten, auf den eigenen Doppelnamen. Ist ja schließlich auch so eine Art Marke und die jeweiligen Kinder heißen so. Das ist natürlich völlig verständlich. Nur der Wunsch nach dem gemeinsamen Ehenamen nicht. Wozu soll der denn dann noch gut sein?

In der langen chinesischen Geschichte kommt man schon seit jeher ohne gemeinsame Ehenamen aus. Darin könnte natürlich die subtile Spitze verborgen sein, dass die zur Familie ihres neuen Mannes ziehende Ehefrau eben nie wirklich zu dieser Familie gehören wird, sondern eben angeheiratet bleibt. Das ist nicht von der Hand zu weisen. So wahnsinnig subtil ist es auch letztlich gar nicht. Auf der anderen Seite darf sie immerhin ihre nominelle Identität behalten, ist ja auch was. Und mittlerweile ziehen auch die Bräute nicht mehr alle zu den Schwiegereltern.

Jedenfalls habe ich noch nie gehört, dass in China oder Taiwan überlegt wurde, Ehedoppelnamen einzuführen. Aber wenn, wäre es ein weiter Weg zu Leutheusser-Schnarrenberger. Erst nur ein kleines Li-Chen. Auch Quadrupel müssten nicht schrecken: Frau und Herr Li-Chen-Shi-Liu, das ginge doch noch. Da könnte man noch drei/vier Namen dranhängen ohne sich den Mund fusselig zu reden. Ich dagegen würde Schneider-Haas-Bürkner-von Hofmann heißen. Oder etwas bedeutsamer klingend: von Hofmann-Bürkner-Haas-Schneider. Gerade das Haas-Schneider hat wirklich einen hübschen Klang. Und doch würde das Ganze beim Formulareausfüllen schon mal zu einer Belastung werden. Es führte schon zu traurigen Staatsdienerblicken in anderen Kontinenten, wenn sie den damaligen Ausstellungsort meines Passes (den längsten Gemeindenamen der Republik: Höhenkirchen-Siegertsbrunn) abschreiben mussten. Mit Umlaut und allem pipapo. Gut, aber das ist Geschichte.

Die chinesisch-sprachige Welt neigt jedenfalls nicht zu derartigen Exzessen. Die Kinder heißen im ehelichen Legalfall wie der Vater, sonst eben wie die Mutter. Das ist patriarchal und daher kritikwürdig, aber nicht zungenbrecherisch. Ob ich danach auch noch Schneider heißen würde ist unklar, da es in meiner väterlichen Linie eine Unehelichkeitsepisode geben soll, ich aber ohne Ahnenforschung außer Stande bin nachzuvollziehen, ob die auf meinen Nachnamen durchgeschlagen hätte. Vielleicht würde ich dann jetzt Hassdenteufel heißen. Aber das ist nur der Name eines Zahnarztes, der mich als Kind sehr beeindruckt hat und gar keine echte hypothetische Möglichkeit.

Die chinesische Sprache neigt also insgesamt zur Kürze. Beispielsweise heißt 269 auf deutsch zweihundertneunundsechzig (25 Buchstaben). Und auf polnisch gar dwiescieszescdziesiatdziewiec (29 Buchstaben, und was für welche!). Auf Chinesisch reicht dagegen erbaijiushiliu, 14 Buchstaben, die in echt aber nur mit fünf Zeichen geschrieben werden. Und so gilt auch bei den Vornamen gebotene Kürze: kein Anna-Katharina und Karl-Friedrich. Oder angesagter: Cheyenne-Blue und Elias-Emanuel, sondern zwei Silben, fertig. Oder eben nur eine Silbe. Das unterliegt dann auch der Mode. Und den Lebensumständen.

Meine Kalligrafielehrerin wurde beispielsweise zur Zeit der japanischen Besatzung auf Taiwan geboren. Dort gab es nun einen gewissen Druck, den Kindern japanische Namen zu geben, schließlich sollte auch japanisch gesprochen werden. Und das bedeutete zumindest für alle Mädchen, das hinten ein -ko angehängt wird, was eigentlich Kind/Sohn bedeutet. Mir scheint dieses -ko einem hiesigen -i vage vergleichbar, jedenfalls eine Art Verniedlichung. Sie hieß also auf Japanisch Haruko, auf Chinesisch Chunzi und auf Deutsch Frühlingchen. Dann verlor Japan den zweiten Weltkrieg und musste Taiwan wieder hergeben. Damit hatten auch die japanischen Namen ausgedient und Frühlingchen wurde zu Frühling-Osmanthus, ganz chinesisch. Diese Namensänderung war dann eigentlich eine reine Privatsache. Bei uns ist eine Vornamensänderung ein riesiger bürokratischer Aufwand, mit nur geringen Erfolgsaussichten. Ein triftiger Grund muss vorliegen, der darin besteht, dass das weitere Führen des Namens eine erhebliche Unzuträglichkeit darstellt. Der Name ist quasi eine Staatsaffäre. Und eine Änderung des Vornamens kann bis zu 255 € an Gebühren kosten. Namen scheinen chinesisch viel privater zu sein als bei uns, wo die festgelegte, benannte Identität für den staatlichen Zugriff offenbar fundamental benötigt wird. In einem Clansystem mögen Vornamen persönlicher gehandhabt werden.

Doch natürlich ist auch in der chinesischen Welt die diesbezügliche Verrechtlichung auf dem Vormarsch. So hatte die kleine Tochter einer chinesischen Freundin in der VR China einen typisch chinesisch-privaten Kosenamen, Qingqing, und dieser Name war den Behörden auch mitgeteilt worden. Irgendwann dachte die Mutter, dass der Kindername langsam nicht mehr passend ist und ging also zur Polizei um den Namen zu ändern. Sie machte sich gar keine weiteren Gedanken darüber, da Namensänderungen in China eher üblich als eine große Sache sind. Beispielsweise hieß ihre Schwester zweisilbig so etwas wie Natürliche Glorie, wollte aber als junge Frau plötzlich lieber einen damals modernen einsilbigen Namen. Hui, Scharfsinn, war ihre Wahl. Mit etwa folgendem Aufwand bei der Behörde: “Ich will statt Natürliche Glorie Scharfsinn heißen.” “Ok, ich hab´s notiert.”
Erleichtert wurde diese Praxis natürlich auch dadurch, dass Personalausweise überhaupt erst ab dem 20. Lebensjahr ausgestellt wurden. Bei Qingqing war es schon etwas schwieriger. Der Beamte musste erst überzeugt werden, dass das Mädchen nicht mit seinem Kindernamen erwachsen werden kann und schließlich wurde sie als Qingtong eingetragen. Ihre gleichaltrige Cousine hatte nur kurze Zeit später weniger Glück und sie muss nun offiziell für immer mit ihrem Kinderkosenamen herumlaufen. So wie Spatzl, Irmeli oder in meinem Fall: Dicke. Das klingt nun nicht so attraktiv, aber ein deutsches Standesamt hätte das ohnehin nie als Namen eingetragen.

Aber auch für den Fall dass, muss man das in Relation betrachten. Ein chinesischer Freund von mir heißt beispielsweise mit -damals einsilbig modernen- Namen: Armee. Auch nicht so schön. Wenn wir aber nun unsere Namen, die sich ja stark von Wörtern unterscheiden, in Worte übersetzen, sieht es soviel anders auch wieder nicht aus. Männerabwehrer statt Alexander beispielsweise. Da kommen einem chinesische Namen schon weniger abwegig vor. Ob ich nun sage: na, hallo Männerabwehrer, wie geht´s? Oder ob ich sage: na, hallo Armee, wie geht´s? Das unterscheidet sich nicht wirklich. Nur weiß der gemeine Chinese, was er sagt und wir nicht. Oder ist wirklich allen klar, dass jemand namens Speerkraft bei uns Gertrud heißt? Klingt Gertrud für uns nicht eher nach alter Tante? Ich hab´s da noch ziemlich gut getroffen, denn mein erster Vorname geht auf das griechische Helena zurück, was die Ungarn in ihrer eigenen Gestimmtheit nicht wie die Japaner vielleicht zu Helenko, sondern zu Ilonka/Ilka verniedlicht haben. Und das heißt hell, leuchtend, strahlend. Das ist sowohl allgemeiner als auch weniger zeitgebunden als beispielsweise Rote Verteidigung, wie eine chinesische Freundin heißt. Glück gehabt.

Kühe ganz weit vorn

25. Januar 2009

Am Montag den 26.1.2009 fängt das chinesische Neujahr an. Das Jahr des Büffels. Liest man allenthalben. Wenn ich „Büffel“ höre, denke ich vor allem an die Paarhufer, die in Amerika so zahlreich gewesen sein sollen, bevor es dann später die vereinigten Staaten von Amerika wurden. Tiere mit denen man in ewige Jagdgründe eingehen konnte. Oder ich denke an Wisente und Bisons, Yaks von mir aus. Große, majestätische, wilde, haarige Viecher. Als ich beispielsweise das erste Mal vor einem ausgewachsenen, echten Yak stand, nicht vor so einer kleineren Hybride, wie sie in tieferen Lagen des Himalajas üblich sind, stockte mir der Atem. Die Urgewalt hat einen Namen, dachte ich. Hinterher. Derweil konnte von Denken nicht wirklich die Rede sein.

Aber ist ein derartiges Viech gemeint, mit dem Büffel im Jahr des Büffels? Die Eigenschaften in einschlägigen Büchern lauten folgendermaßen: strebsam, sesshaft, gründlich, unermüdlich, genügsam, zuverlässig. Und dann kommt auch noch: unflexibel, kompromisslos, fantasielos. Kein Mut, aber Hang zur Sicherheit. Also das klingt nicht nach Büffel im Sinne von Bison oder Stier. Moralische Festigkeit, mentale Unabhängigkeit. Treue, Pflicht, Dominanz. Konservativ, nicht allzu intelligent, nachtragend, kontrollierend. Das soll eine Urgewalt sein?

Auf Chinesisch heißt es schlicht niu, also Rind. Das Jahr des Rindviehs beginnt! Und für viele Chinesen ist das eigentliche Rind der Wasserbüffel. Und da wird wohl auch unser „Büffel“ herstammen. Nun sind Wasserbüffel auch so Malochsklaven, und damit das Rückrat einer riesigen Nation. Fleißig, stur und dominant. Dazu kommt, dass das Rind eigentlich das erste Tier im Tierkreiszeichen gewesen wäre, weil es natürlich pünktlich, gehorsam und unbeirrbar auf den Ruf des Jadekaisers oder Buddhas hörte. Nur dass die Ratte ihm auf den Rücken sprang und auf der Nase herumtanzte, um dann als erstes Tier vor der höheren Instanz zu landen. Und seither den Tierkreis anführt. Etwas unerklärlich ist, warum das Rind dann nicht mit kohlhaasscher Humorlosigkeit gegen diese Abstufung vorging, aber vielleicht ist doch mehr wesentlicher Grundsatz in dem Tier zu finden. Nicht nur stumpf, eng, praktisch und besserwisserisch.

Ich habe ja schon einige Wasserbüffel gesehen, aber mein persönlichstes Erlebnis war folgendermaßen: ich wanderte mit einer Freundin durch Nepal. Im Zuge dessen hatschten wir kurz vor Ende einer Tagesetappe recht erschöpft mal wieder durch ein kleines Bergdorf mit nur einem Durchgangsweg. Plötzlich fingen die Steinplatten an zu vibrieren, die Erde bebte dezent und wir waren verunsichert. Den ganzen Tag schon hatte eine leicht schwüle Stimmung über dem Tal gelegen. Wie eine Drohung. Und wie eine sich selbst gebärende Problematik bebte also die Erde leicht. Zunächst ohne ersichtlichen Grund. Wir sahen uns um: nichts. Wir schauten weiter, denn etwas Besseres fiel uns nicht zu tun ein. Dann sahen wir sie schließlich auftauchen: eine wild gewordene Wasserbüffelin, die im Schweinsgalopp auf uns zu brach. Mich hatte schon mal eine friedliche bayerische Kuh auf die Hörner genommen und das nur indem sie einen Schritt aus dem Stand vorwärts machte. Dieses Erlebnis wollte ich auf gar keinen Fall übertrumpft wissen und schon gar nicht von einem im Wortsinne rasenden Büffel. Wir fingen gleichzeitig und unabgesprochen an, durch die hohle Gasse zu rennen. So schnell wie irgend möglich. Schließlich dünnte sich das Dorf aus und es gab eine Mauer auf die man springen konnte. Ich wusste gar nicht, wie hoch man mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken springen kann. Um dahinter in einem Brennnesselfeld zu landen.

Nachdem das Tier durch das Dorf gedonnert war, sammelten wir uns wieder zusammen und wollten weiter. Aber die Büffelin hatte ihre schwierigen fünf Minuten zumindest für den Moment überwunden und war hinter dem Dorf stehen geblieben. Sie wartete auf uns und schaute unschuldig. Ich traute zwar dem Frieden nicht, aber es gab nur diesen einen Weg und so drückten wir uns vorbei. Unter dem Gelächter völlig angstfreier Dorfkinder. Die hatten in ihren Hauseingängen ja auch gut lachen. Die folgende Hängebrücke ging ich trotz meiner Höhenangst in sensationell schnellem Tempo, denn schließlich konnte das Rind jederzeit wieder einen Rappel kriegen. Und bei einer Hängebrücke empfiehlt es sich nun gar nicht über den Rand zu springen.

Meine ganz persönliche Prognose für das Rinderjahr ist also: man muss mit Überraschungen rechnen, mit einer Art wetterfühligen Launenhaftigkeit, was immer das kosmisch bedeuten mag. Man wird Dinge schaffen, die vorher undenkbar schienen. Man wird das Schlimmste an sich vorüberziehen lassen, aber nicht ohne Blessuren davon kommen. Und auch nicht ohne sich lächerlich zu machen. Dann wird man die Angst in beide Hände nehmen und weitergehen. Bei dieser großen Aufgabe wird man kleinere, vorher dramatisch wirkende Irritationen schlicht vergessen. Doch das Überleben gelingt. Soviel also aus der Sicht von Nichtrindern im Jahr der Kuh. Für die Büffel selbst wird es natürlich ein Traum.

Und schon sind wir wieder in Amerika. Denn schließlich ist Barack Obama nicht nur der erste nicht weiße Präsident der USA, sondern auch im Jahr des Rindes geboren. In der Phase des Metalls zur Stunde des Hundes. Und das soll ihn außerdem unbeugsam und verantwortungsbewusst, aber auch mitfühlend und gar bemutternd machen. Da kann man nur sagen, jia you[1] Mr. Buffalo Obama. Und überhaupt: schönes neues Jahr!


[1] Chinesische Anfeuerung, wörtlich: „gib Öl!“

Bei den ganz anderen

31. Dezember 2008

Durch eine Verkettung gewisser Umstände, die nicht weiter interessant sind und unter Zurückstellung einiger Eitelkeiten meinerseits kam es dazu, dass ich auf dem Japanfestival in Berlin einen Stand machte. Und zwar einen Stand an dem man sich den eigenen Namen oder anderes in Schriftzeichen schreiben lassen kann. Ansprechend auf Karton appliziert und als Lesezeichen oder Karte verwendbar.

Was viele und insbesondere die potenzielle Kundschaft nicht wusste, ist, dass ich gar kein Japanisch kann, sondern nur Chinesisch. Und so saß ich ein bisschen rum wie Falschgeld, ein falscher Fuffzger, oder eher ein Yuan unter den Yens. Nun ist es aber so, dass die Japaner ausländische Namen wie Wolfgang oder Amelie gar nicht in Kanji, also in den dekorativen Schriftzeichen schreiben würden, sondern in Katakana. Und Katakana ist so eine Art Punktpunktkommastrichschrift. Oder eher Strichstrichhakenpunktschrift. Es gibt sicher Meister der Katakanaschönschrift, aber die lieben offenbar die ganz spezielle Herausforderung.

Zunächst dachte ich also, ich müsste meine Kunden aufklären, dass ich die Namen auf der Grundlage chinesischer Phonetik zusammenbastele. Das erwies sich als schwieriger als gedacht. Denn dies führte nur zur Verwirrung. Ob das denn dann keine japanischen Schriftzeichen seien. Doch, sagte ich, und führte aus, dass die Schriftzeichen ursprünglich aus China nach Japan gekommen sein. An dieser Stelle stiegen die meisten aus. Aber, ergänzte ich von missionarischem Lehreifer getrieben, die werden halt hier wie dort anders ausgesprochen. Gesichter voller Fragezeichen sehen mich an. Ich versuchte ein Beispiel: zum Beispiel wird Karate auf Japanisch und Chinesisch gleich geschrieben, nämlich mit den Zeichen für leer und Hand, aber auf Japanisch Karate und auf Chinesisch Kongshou ausgesprochen. Es half nichts. Die Leuten verstanden nicht, ob sie bei mir das bekommen, was sie wollen. Weil ihr Wollen so spezifisch gar nicht war. Und dann kam ein unheimlich japanisch gewandeter Mensch und wollte als Geschenk einen Namen geschrieben haben. Ich hob mit meiner Aufklärung an. Doch er unterbrach mich schnell: „Ist mir doch egal. Das kann sie doch so oder so nicht lesen.“ Genau. Dachte ich. Und hielt ab jetzt erstmal die Klappe. Und legte mir eine Strategie der Halboffenheit zurecht. Ich würde nicht allen die Problematik ungefragt auf die Nase binden, sondern nur gefragt. Oder bei deutlich erkennbarem Interesse. Und alles wurde besser und die Kunden glücklicher. Und ich auch.

Aber dann kam ein Vater der den Namen seines Sohnes, den ich jetzt mal Billy nenne, geschrieben haben wollte. Und zwar nicht appliziert auf irgendeine Karte in sonst welcher Farbe, sondern nur auf dem Papier. Als Stickvorlage. Aha. Ich zeige ihm also die in Frage kommenden Schriftzeichen. Auf die Frage nach der Bedeutung, teile ich ihm die traurige Wahrheit mit, dass diese Zeichen hauptsächlich phonetisch gebraucht seien und daher keine sonderlich interessante Bedeutung hätten. Er ist enttäuscht. Aber, biete ich ihm an, ich könnte nach bedeutungsvolleren Schriftzeichen schauen und schlage ihm schließlich welche vor. Mutig und schön würde sein Sohn danach heißen. Er ist begeistert. Und ich hebe den Pinsel und an zu schreiben. Dann kommt die Frage: „Und ein Japaner würde das dann auch Billy aussprechen?“, fragt er harmlos argwöhnisch. Bingo. Das kann ich natürlich nicht stehen lassen und erläutere die sprachlichen Verwicklungen. „Chinesisch?“, echote er mit einem ekelverzogenen Gesicht, als hätte ich „leprös“ gesagt. „Das geht ja gar nicht! Also es muss auf jeden Fall Japanisch sein.“ Aber, wende ich ein, die Bedeutung, auf die er so einen Wert legte, bliebe doch erhalten und auf Japanisch gäbe es hierfür nur Katakana, bedeutungsfreies Steno für ausländische Namen oder Worte. Aus seinen Fragen geht hervor, dass er von Japanisch nicht die geringste Ahnung hat. Vielleicht wären er und ich mit einer kleinen Unaufrichtigkeit meinerseits zufriedener gewesen. Schließlich kennt er gar keine Japaner, die ihn je auf den Fehler hätten aufmerksam machen können. Aber der Stolperstein der Aufklärung wurde gelegt. Nun denn. Ich schicke ihn also los, einen Japaner zu finden, der Billy auf Katakana schreibt, ich könnte das ja dann mit dem Pinsel schreiben. Nach Stunden kommt er wieder. Ich schreibe also Strichstrichhakenpunkt und es sieht aus wie ein Blatt Papier auf dem ich ausprobiere wie viel Wasser und Tusche der Pinsel hat. Dies als Stickvorlage zu nehmen hat fast kunstwerte Ausmaße. Aber damit nicht genug, er möchte es auch als Airbrushbild auf seinem Motorrad haben. Ich wünsche ihm viel Spaß und einen guten Tag.

Am letzten der drei Tage kommt der König unter den Kunden. Er sieht ein bisschen merkwürdig aus, der schon länger erwachsene Mann mit seiner großen verknüllten, einer überdimensionierten Milkaschokolade nachgebildeten Tasche.

Enthusiastisch bittet er mich „Herbert liebt die Heidi“ zu schreiben. Ich wende ein, dass dies für die kleinen Karten zu viel Text sei und die Dekorativität darunter erheblich leide. Er sieht das ein und bittet nun um „die liebe Heidi“. Ja, sage ich, das ginge im Prinzip, aber das „die“ könne nicht mitübersetzt werden, da es keine Artikel gäbe. In welcher Sprache ließ ich einfach mal offen. „Liebe Heidi“ könnte ich aber schreiben. Obwohl Heidi allein sich noch besser anbieten würde. Zwei hübsch große Schriftzeichen mit genug Entfaltungsplatz. Er ist einverstanden. Und nestelt etwas aus seiner Milkatasche, wirft begeistert Fotos auf den Tisch. Und fängt an, von Heidi zu schwärmen. Erst denke ich, auf dem Bild sei eine Fickpuppe abgebildet. Tatsächlich ist es aber nur eine riesige Puppe von Heidi, der Spyri-Heidi. Ohne Nebenfunktionen. Überhaupt ohne Funktionen. Er habe ihr erst letztens dieses neue rote Kleid gekauft. Andere Fotos aus seiner Wohnung machen das Ausmaß seiner Liebe zu Heidi überdeutlich. So genau habe ich es eigentlich nicht wissen wollen. Im Grunde hatte ich gar nicht danach gefragt. Derweil schreibe ich „Heidi“. Und kann nicht einfach weglaufen. Bevor ich das Papier auf den Karton kleben kann (er wählt natürlich den roten), muss die Tusche trocknen. Anschließend muss noch der Leim etwas trocknen, die Karte gepresst werden. Er nutzt die Gelegenheit etwas über das Wetter in dem Ort, in dem Heidi geboren worden sein soll, zu erzählen. Wie es gestern war und heute ist und morgen sein wird. Wieviel Schnee liegt. Und wie das vor 20 Jahren war. Und letztes Jahr.

Ich bin für Heidi froh, dass sie keine lebende Person ist, gebe ihm die halbfeuchte Karte und er geht tatsächlich, nachdem er mir auf ein Stück Karton einen Heidistempel gemacht hat, um die Karte seinem Heiditempel hinzuzufügen. Frage mich erleichtert kichernd, was denn ein Heidifan auf dem Japanfestival macht, was immerhin einiges an Eintritt kostete, sein Erscheinen also kein Zufall sein kann. Und dann fiel mir ein, dass die Heiditrickserie mit der auch ich groß geworden bin, eine japanische Produktion ist. Heidiii, Heidiii, deine Welt sind die Beherge…., summe ich vor mich hin.

Bei den anderen

27. November 2008

Ganz ideologiefrei hab ich mal wieder die ungeliebte, feindselige, begehrliche und riesige Schwester Taiwans besucht. Und landete in Xinxian, einer chinesischen Ministadt mit etwa 350.000 Einwohnern, am „kleinen gelben Fluss“ in der Provinz Henan gelegen, von sanften Hügeln umgeben. Bei einer Familie. Meine liebenswerte Gastmutter ist natürlich jünger als ich. Die Familie würde ich neubürgerlich nennen, was bedeuten soll, dass die jeweiligen Eltern entweder Bauern oder Arbeiter waren und sie mittlerweile in einem neuen Haus in einer neuen Siedlung sitzen, ein Auto haben, bzw zumindest die Firma des Ehemannes und außerdem zwei Kinder, wovon das zweite, ein zweieinhalbjähriges Monster, umgerechnet etwa 500 € Strafe gekostet hat. Vielleicht hätte man diese Ausgabe sparen sollen? Na, egal, wird ja vielleicht noch. Manchmal ist es auch niedlich. Hong würde sich vermutlich in einer Art 50er Jahre Hausfrauundmutterrolle zu Tode langweilen, wenn sie nicht ab und zu den ein oder anderen ausländischen Gast hätte.

Das, womit ich am meisten beschäftigt war, ist zweifelsohne essen. Drei warme Mahlzeiten am Tag, wo ich bei jeder einzelnen davon einen Kampf ausfechten musste, wenn ich nicht weiter essen wollte. Essterror vom Feinsten. Wobei sich das Feinste auch auf das Essen selbst bezieht. Zwischendurch musste ich natürlich auch noch Obst oder Kastanien oder Erdnüsse oder Mondkuchen essen. Glücklicherweise hatte ich gleich am Anfang gesagt, dass ich eigentlich kein Fleisch esse, was immer das bedeuten soll. Diese etwas vage Aussage kann ich also hemmungslos biegen, wie es mir gerade passt. Denn leider werden in China ja Tiere meist komplett zerhackt serviert. Und abgesehen davon, dass mir lieber klar ist, was ich eigentlich gerade esse (vielleicht ein Kontrollzwang), ist meine Zunge eben auch nicht so geschickt. Bei uns ist man ja -von Kirschen mal abgesehen- daran gewohnt, sich die Sachen in den Mund zu stecken, die man dann auch isst. Das Abfieseln macht man außerhalb. Selbst wenn man an einem Hähnchenflügel nagt. Hier macht man das aber eben im Mund. Und sortiert dort alles. An einem Tag schob sich Hong beispielsweise eine Minikastanie in den Mund, und ich dachte schon: ach, die ist man mit Schale- aber das war natürlich falsch. Sie schälte sie nur im Mund. Da kann ich nicht mithalten. Und bevor ich mir unklares Geknorpel in den Mund schiebe, um es dort zu sortieren müsste ich soviele Hürden überwinden, dass ich das lieber für andere Themen aufspare.

Ich bekomme also lauter frische Gemüsen, Tofu in allen Varianten, Bohnen in gleichfalls zahlreicher Zubereitung und natürlich Eier, Eier und Eier. Alles mit viel Chili. Die elfjährige Tochter trainiert sich aus irgendeinem Grund selbst. Sie schwitzt und keucht und schiebt sich noch mehr Chili rein. Extra. Aber auf dem Niveau halte ich auch etwa mit. Noch. Aber wenn sie weiter so übt….

Beim Essen tritt dann noch eine zusätzliche Schwierigkeit auf. Die Essmanieren sind ja, wie den meisten wohl bekannt, etwas anders als bei uns. Zunächst muss man natürlich das, was man im Mund so feinzüngig aussortiert hat, irgendwo loswerden, und je nach Ort lässt man es einfach aus dem Mund auf den Boden oder Tisch fallen, oder nimmt es mit Stäbchen vom Mund auf und legt es auf den Tisch. Dann wird gerne hemmungslos geschmatzt, zumindest die Männer tun das. Man fängt auch einfach an, oder steht zwischendurch auf, oder wie auch immer. Alles für westliche Begriffe recht formlos. Es sagt auch niemand so was wie: hmmmmmmm, das ist aber lecker! Essen ist gleichzeitig das allerwichtigste und ungeheuer beiläufig. Aber was gar nicht geht, ist sich zu schneuzen. Das ist einfach zu eklig. Man schneuzt sich eigentlich sowieso nicht und auf gar keinen Fall beim Essen. Wenn vor lauter Chili alles anfängt zu laufen, ist das eine Herausforderung, die ich bisher immer irgendwie bestanden habe. Aber einfach war es nicht.

Nicht nur dass ich jeden Alltag ohnehin gemästet wurde, zur Verschärfung kam dazu noch ein Geburtstagemarathon. Der Schwiegervater, die Schwiegermutter, die Nichte. Bei dem der Schwester war ich gerade auf Reisen.

Der 70. des Schwiegervaters also. Eigentlich der 71., denn er kam wie alle schon mit 1 auf die Welt. Natürlich machte ich mir ein paar Gedanken darüber, dass ich nichts Feines anzuziehen dabei hatte, aber als wir dann aufbrachen wurde klar, dass das auch ganz und gar überflüssig gewesen wäre. Niemand hatte sich umgezogen, der eine trug sogar eine ziemlich fleckige Hose. Wir, also Schwiegervater nebst Frau, zwei Söhne mit Frauen, zwei Töchter mit Männern, sieben Enkel und ich steuerten eine Wirtschaft an, die soweit für mich ersichtlich, über drei garagenähnliche Räume verfügt, wovon einer unser Separée ist. Dort befanden sich eingeschweißt Tellerchen, Schüsselchen, Tässchen, Gläschen, Löffel und extra verpackt Essstäbchen. Als alle eingetrudelt sind, geht es los. Ein Gericht nach dem anderen wird aufgetragen, immer noch eins und noch eins. Und noch eins. Dazu gibt es grünen Tee und Maotai. Maotai ist Chinas berühmtester Schnaps und eine Flasche anständiger Maotai kostet etwa 80 €. Kürbis, Lotoswurzeln, Fisch mit Aubergine, Ente mit Klebreisbällchen, Tofuhaut mit Rüben, Fleischbällchen, Schwein mit Mais, Bohnen, Klebreis mit roten Datteln, Nudeln mit Rührei und was weiß ich nicht alles. Für die Kinder gibt es außerdem Chickennuggets am Stiel. Für das lange Leben werden pfirsichgeformte und -gefärbte Brötchen mit Rotebohnenfüllung serviert. Ob süß oder salzig ist egal, es wird alles gleichzeitig gegessen. Als niemand mehr isst, werden die Reste in Plastiktüten gefüllt, um sie mitzunehmen und wir gehen. Insgesamt hat das vielleicht eine Stunde gedauert. Die Familie spricht unter sich den hiesigen Dialekt und so wird von mir keinerlei Gesprächsbeitrag verlangt. Ich werde nur immer wieder zum Essen aufgefordert und manchmal legt mir halt einfach jemand etwas in die Schüssel.

Am Abend erfahre ich dann kurzfristig, dass wir nun beim Schwiegervater  zum Resteessen erwartet werden. Ein altes Backsteinhofhaus. Als wieder alle versammelt sind, werden die Reste vom Mittag und ein paar neue Gerichte gegessen. Die Kinder drängeln sich auf einer Bambusliege vor dem Fernseher und essen dort, fernsehend, die jüngeren Frauen stehen meist, um entweder mich, oder ihre Kinder mit weiterem Essen zu versorgen. Oder nur so. An einer Wand steht ein Ahnenaltar. Auch jetzt wird schnellschnell geschlungen und dann aufgebrochen. Hinterher erfahre ich, dass sich in all der Kürze vor allem über mich lang und breit ausgetauscht wurde. Zum Beispiel hatten die zwei Kellnerinnen beim Mittagessen gewettet, ob ich Mann oder Frau sei. Also bitte.

Kaum war ich von meiner mehrtägigen Reise nach Kaifeng, Luoyang und Shaolin Si (DIE Sehenswürdigkeiten Henans, aber davon vieleicht ein andermal) zurück, hatte also die 11jährige Nichte Geburtstag. Dort trafen dann der Freund der geschiedenen Mutter, ihre Schwester Hong mit den zwei Kindern und ich ein. Und ich hatte einen leicht verdorbenen Magen. Vorher schon. Aber es gab kaum Pardon. „So viele leckere Sachen! Es wäre doch zu schade.. Iss doch noch ein bisschen. Hiervon noch und davon noch…“. Die Hühnerfüsse schnappen sich gierig die zwei Elfjährigen. Schließlich wurde der Geburtstagskuchen serviert. Chinesische Geburtstagskuchen sind der absolute Knaller. Man geht in eine Bäckerei und bestellt ein bestimmtes Design. Über den Kuchen selbst muss man sich geschmacklich gar keine Gedanken machen, es gibt eh nur einen in verschiedenen Größen: fluffiger, etwas zäher Rührteig. Und darum herum werden dann die abenteuerlichsten Kreationen aus einer sahneähnlichen Substanz gebastelt, die in allerlei Farben erstrahlen. Das gab meinem Magen den Rest. Und ich hatte für die nächsten Tage einen Taktikvorteil. Einen kleinen. Hong kann es einfach nicht aushalten, wenn ich wenig esse. (Was heißt schon wenig?) Es stellte sich außerdem heraus, dass Bananen hierzulande Durchfall verursachen und Orangen Verstopfung. Abends wurden dann noch Jiaozi (Teigtäschchen) mit Gemüsefüllung gewickelt. Und gegessen.

Am nächsten Tag folgte der 71., bzw 72. Geburtstag der Schwiegermutter. Es gab erst etwas Durcheinander wegen des Datums, weil man hier nach dem Mondkalender Geburtstag hat. Aus unserer Kalendersicht ändert sich das Datum also jedes Jahr, aber das ist natürlich unzulässig solarzentristisch formuliert.

Weil der Nationalfeiertag bevorstand und daher eine Woche frei war, wollte die Schwiegermutter nicht essen gehen. Der Zusammenhang war mir nicht ganz klar, aber gut. Das bedeutete, dass sie den ganzen Tag in der Küche steht und selber kocht. Währenddessen repariert ihr Mann Angel und Netze, ein Schwiegersohn beschäftigt sich mit der Elektrik, die Kinder kreischen, benutzen alles nur Erdenkliche zum Spielen und pinkeln in den Hof. Die kleinen haben ja auch diese praktischen Hosen mit offener Mittelnaht an. Das ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch sehr niedlich. Das kleine Monster hält sich für Aoteman, eine japanische Comicfigur, deren Reiz mir inhaltlich und optisch komplett abgeht. Selten so etwas schlecht Gemachtes gesehen. Aoteman kann Ungeheuer besiegen und so tritt das kleine Monster in völliger Verkennung der Tatsachen Hund und Katze, wird dafür aber immerhin geschimpft. Im Übrigen trägt der junge Hund Streit mit der betagten Katze aus, die Frauen helfen beim Kochen, die anderen Männer sind sonstwo und ich sitze dumm rum, werde fortwährend mit Teewasser und Knabbereien versorgt und schau mir alles an. Und mich schauen auch alle an. Und so gibt es erst Mittag- und dann Abendessen. Zwischendurch gehe ich mit Hong spazieren und wir erzählen uns auf chinesisch Geschichten, sie mir die von der weißen Schlange, in einer mir bisher unbekannten Version und ich ihr die von der kleinen Meerjungfrau.

Ganz ohne Geburtstag fuhren wir am nächsten Tag zu Hongs Mutter aufs Land. Beim Essen bekam ich den Ehrenplatz, gegenüber der Tür. Blöd war nur, dass hinter mir der Fernseher war und lief. So saß ich in einer Art optischem Vakuum. Nur der gehörlose Onkel, ermunterte mich immer wieder zum Biertrinken. Dem ist auch wurscht, dass ich den hiesigen Dialekt nicht kann, sehr angenehm. Gleichzeitig konnte ich so total vergrätete Fischstücke, mit denen meine grobe Zunge nicht klarkam, unbemerkt unter den Tisch fallen lassen, wo die Katze schon darauf wartete. Wir hatten viel füreinander übrig, die Katze und ich. Der Hund wartete mehr auf die Knochen, aber damit konnte ich nicht dienen. Es ist natürlich Unsinn, dass ich dafür unbeobachtet sein musste, aber ich selber habe beim Essensreste auf den Boden spucken so ein tief sitzendes Gefühl von schlechtem Benehmen, dass ich meine, es heimlich tun zu müssen, obwohl alle anderen um mich herum, sich genauso verhalten. Im Laufe des Tages konnte ich mich dann auch ein bisschen nützlich machen und ging mit aufs Feld. Mit meiner schönsten Hose, weil die andere noch auf der Leine trocknete. Und einer pinkfarbenen Jacke und einem lila T-Shirt. Aber auch das half nichts. Wieder wurde lauthals diskutiert, ob Manderl oder Weiberl. Ich mein, nicht dass die Farbe geschlechtsentscheidend wäre, aber ich dachte, es gäbe vielleicht eine kleine Tendenz in eine Richtung, die dann den Ausschlag gibt. Vergebens. Aber den Bohnen war es egal. Als ich einen festen Griff am Bein spürte, der sich blitzschnell zu meinem Knie nach oben bewegte, erschrak ich ziemlich, aber es war nur eine Gottesanbeterin auf Abwegen, Himmel haben die eine Kraft! Ansonsten konnte ich unbehelligt weiter Bohnen ernten, Unkrat jäten, Bohnenkraut schleppen, Bohnen lesen, Bohnen pulen. Das war sehr schön. Und dann: Bohnen essen.

Tiere in Not

12. September 2008


Eigentlich läge es nahe, sich zu chinesisch Taipeh auf der Olympiade und der Paralympiade zu äußern. Auf der anderen Seite haben das jetzt schon so viele getan, dass ich mich lieber mit einem harmlosen  Orchideenthema beschäftigen möchte. Wie zum Beispiel Zungenbrecher. Auf Chinesisch: Mundwickler.

Und so steht

Fischers Fritz fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischers Fritz

im Chinesischen durchaus ebenbürtig

„heshang duan tang shang ta, ta hua tangsa, tang tang ta“

gegenüber. Dabei geht es darum, dass ein Mönch in einer Pagode Suppe verschüttet.

Und zu Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid passt auch

„chi putao bu tu putaopi, bu chi putao dao tu putaopi“

ganz gut. Letzteres beschäftigt sich mit der Frage, ob man beim Traubenessen die Traubenhaut ausspucken sollte. So weit so vergleichbar.

Aber auf Chinesisch geht es natürlich auch ganzganz anders.

Zum Beispiel die

„Geschichte vom Löwen verspeisenden Herrn Shi“

und die geht so:

„Der Gedichtschreiber Shi, der seinen Posten verloren hat, lebt in einer Höhle. Er isst gerne Löwen und hat geschworen zehn Löwen zu verspeisen. Zu dieser Zeit ist in der Stadt Shi oft Löwenmarkt. Herr Shi fährt zum Markt, um die Löwenarten zu sehen. Die Löwen sehen den Herrn Shi und wissen, dass Herr Shi geschworen hat, zehn Löwen zu verspeisen. Daraufhin sind die Löwen weniger Furcht erregend. Der Herr Shi nimmt zehn Pfeile und schießt auf zehn Löwen.

Herr Shi lässt den Diener Shi Shi groben Stoff nehmen, um die zehn Löwen auszustaffieren. Der Diener des Herrn Shi, namens Shi, isst gerne Kakipflaumen. Als er die Löwen ausstaffiert, versucht er die zehn Löwen mit eingelegten schwarzen Bohnen einzureiben. Gerade während er die Löwen einreibt, leckt ein Schwein an seinen Kakipflaumen. Der Diener ist böse, nimmt einen großen Stein und erschlägt das Schwein. Eine Shi-Ratte nagt am Körper des toten Schweins, ein Floh beißt die Shi-Ratte, eine Wasserschnecke frisst den Floh, am Ufer des klaren Flusses Shi schluckt ein Shi-Fisch die Wasserschnecke, ein Shi-Vogel frisst den Shi-Fisch, der Diener Shi nimmt einen Pfeil und schießt auf den Shi-Vogel, der Vogel fliegt weit weg, der Pfeil verliert seine Kraft, der Vogel fliegt davon.

Herr Shi geht bis zur steinernen Türschwelle, er sieht in der Höhle einen steinernen Behälter, er nimmt Shi-Gras um zu orakeln und ihm wird gezeigt, dass er die Löwen töten soll. Herr Shi lässt den Diener Shi Shi die Löwen töten. Mit Unterstützung des Gedichtschreibers Shi tötet der Diener Shi Shi die Löwen, die zehn Löwen sind tot. Im Sterben koten die Löwen, Shi, der Diener von Herrn Shi, nimmt feuchte Tücher und reinigt die toten Körper der Löwen. Erst jetzt verzehrt Herr Shi die zehn Löwen, der Diener Shi Shi des Herrn Shi isst die Kakipflaumen. Die Geschichte, dass Herr Shi die Löwen isst, ist in jeder Einzelheit eine wahre Geschichte.“

Es ist natürlich nicht nur eine ungeheuer wahre, sondern auch eine selten dämliche Geschichte und man macht sich so Gedanken, wie es den Löwen zwischen den Pfeilschüssen und dem Tod so ergangen sein mag. Oder wie die Wasserschnecke an den Floh kam. Und womit der arbeitslose Herr Shi die Löwen bezahlt hat. Und wie die mit grobem Stoff ausstaffierten Löwen aussahen. Aber der Witz der Geschichte funktioniert eben nur auf Chinesisch und da lautet sie folgendermaßen:

Shishi shi shi shi

Shishi shishi shishi, shi shi, shi shi, shi shi shi shi. Shishi, shishi shi shishi, shishi shi shi shi, shi shi shi…

Und so weiter und so fort. Gerade hat sich Herr Shi die Löwen angesehen. Insgesamt braucht es 205-mal Shi, um diese Geschichte zu erzählen. Ich vermute, dass selbst bei korrektem Gebrauch von allen vier bis fünf Tonhöhen, auch ein Chinese diese Geschichte nicht versteht, wenn sie erzählt wird. Das muss man schon lesen. Und ich möchte dabei ergänzen, dass die Namen von Herrn Shi, seinem Diener Shi Shi, der Shi-Ratte, des Shi-Flusses, des Shi-Vogels und des Shi-Fisches alle anders geschrieben werden.

Um so etwas auf Deutsch zumindest ansatzweise nachzuahmen, braucht man natürlich wesentlich vereinfachte Regeln, wie zum Beispiel den gleichen Anfangsbuchstaben. Wegen der deutschen Grammatik empfiehlt sich dabei die Wahl von V oder G. Wenn man jetzt noch findet, dass das Vogel-V genauso klingt wie das Fenster-F, lässt sich eine stilistisch etwas ungefüge Geschichte stricken. Dabei ist zu berücksichtigen, dass im Süddeutschen auch Namen wie Valentin wie Falentin ausgesprochen werden. Und los geht´s:

Valentin vermisst Vroni. Vroni füttert freitags fünf fette Fasane. Fasane flattern frohlockend, fressen frenetisch. Valentin findet Vroni. Valentin vermutet: „Verfressen?“ Vroni findet: „Veranlagung!“ Fröhlich fragt Valentin Vroni: „Foto?“ Vroni verschwiemelt: „Vielleicht.“ Valentin fotografiert verstohlen Vroni fünf flatternde Fasane fütternd. Fotoblitz fackelt. Vier fette Fasane fliegen fort. Vroni flucht furiengleich: „Verräter!“ Verbessert: „Vollidiot!“ Valentin fleht furchtsam: „Verzeihung!“ Vroni flunscht. Valentin flückt Forsythien für Vroni. Vroni flüstert verwirrend verschämt: „verrückter Filou!“ Valentin vermutet freilich fälschlich Verzeihung, fantasiert verführerische Verwicklungen. Vroni fängt freien, verstörten Fasan. Valentin fragt: „Vertragen?“ Vroni verneint, verweigert Forsythien, fordert forsch folgerichtig: „Film!“ Valentin verweigert. Vroni, fetten Fasan festhaltend verschwindet. Valentin verstört. „Verdammt!“, flucht Valentin verärgert. Vroni flitzt fröhlich flötend fort.

Was weder Valentin noch Vroni wissen, ist, dass Fasane in China Überschwemmungen auslösen können und ihr Schrei insgesamt Unglück und Unsittlichkeit verheißend ist. Und wenn der Winter kommt, verwandeln sie sich mirnichtsdirnichts in Austern. In diesem Fall vermutlich in fette.